Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/jon-s-von-tetzchner-ein-halbes-leben-fuer-zwei-browser-1611-124309.html    Veröffentlicht: 08.11.2016 10:13    Kurz-URL: https://glm.io/124309

Jon S. von Tetzchner

Ein halbes Leben für zwei Browser

Browser sind sein Leben - Jon S. von Tetzchner war erst für den Opera-Browser verantwortlich und hat danach mit Vivaldi einen neuen erschaffen, der demnächst um einen vollwertigen E-Mail-Client ergänzt werden soll. Wir haben mit dem Vivaldi-Chef über seine weiteren Pläne gesprochen.

Browser, Browser und nochmals Browser: So lässt sich das berufliche Engagement von Jon S. von Tetzchner zusammenfassen. Der Opera-Gründer und Vivaldi-Schöpfer hat bisher sein gesamtes berufliches Leben Internet-Browsern gewidmet. Kurz bevor Vivaldi in der Version 1.5 erscheint, haben wir mit ihm über das Projekt und die künftigen Pläne gesprochen. Für die kommenden Monate hat sich Vivaldi so einiges vorgenommen. "Wenn Kunden nach einer Funktion fragen und der damit einhergehende Aufwand vertretbar ist, wird die Funktion in den Browser eingebaut", sagt von Tetzchner.

Am Anfang seiner Karriere mit 24 Jahren arbeitete er bei Telenor, der damaligen staatlichen Telefongesellschaft in Norwegen. Dort entwickelte er in einer Forschungsabteilung gemeinsam mit dem vor zehn Jahren verstorbenen Geir Ivarsøy einen Browser namens Multitorg Opera. Telenor stampfte das Projekt ein, bevor es auf den Markt kam. Von Tetzchner und Ivarsøy übernahmen daraufhin von Telenor die Rechte an dem Browser und verließen das Unternehmen.

Am 30. August 1995 gründeten sie Opera Software - von Tetzchner wurde zum Chef des Unternehmens, nur einen Tag nach seinem 28. Geburtstag. Fünfzehn lange Jahre war er Opera-Chef und blieb nach seinem Rücktritt noch anderthalb Jahre bei der von ihm gegründeten Firma.

Auch nach Opera ließen ihn Browser nicht los

"Als ich Opera Software verlassen hatte, ging ich davon aus, dass ich mich nicht länger mit Browsern zu beschäftigen brauche", sagte der heute 49-Jährige im Gespräch mit Golem.de. Aber es kam anders. "Zwei Jahre später hat Opera die eigene Rendering Engine Presto eingestampft und zugleich die Strategie für den Browser verändert. Zuvor war Operas Philosophie, einen sehr innovativen Browser mit vielen Funktionen anzubieten", erzählt von Tetzchner.

"Wir hatten eine enge Bindung zu den Kunden. Sie sagten uns, welche Funktionen sie haben wollten, und wir setzten es um. Und als der Browser eine andere Richtung eingeschlagen hatte, waren die Nutzer enttäuscht und verärgert." Mit einem Mal musste auch von Tetzchner überlegen und entscheiden, welchen Browser er künftig verwendet.

Ehemalige Kollegen und Opera-Anwender wandten sich an ihn und fragten, ob er daran etwas ändern könne. Das war ihm aber nicht mehr möglich. "Bei Opera konnte ich nichts ändern, aber ich konnte ein neues Unternehmen gründen", sagte er. "Wenn Opera Presto nicht eingestampft hätte, wäre es sehr schwer gewesen, mit 19 Jahren Code zu konkurrieren, der teilweise von mir stammte. Als sie [Opera] entschieden, die Arbeit wegzuschmeißen - was meiner Meinung nach keine clevere Entscheidung war, aber ok - veränderte sich damit die Gleichung".

Operas Abkehr von der eigenen Rendering Engine kam im Februar 2013, im Dezember desselben Jahres wurde Vivaldi gegründet. Etwas mehr als ein Jahr später erschien die erste Version von Vivaldi - damals noch eine frühe Entwicklungsversion. Seitdem konnten Vivaldi-Fans die Richtung des Browsers mit beeinflussen. Seit mittlerweile fast drei Jahren ist von Tetzchner wieder Chef eines Browser-Herstellers.

Die Neudefinition eines leistungsfähigen Browsers

Wenig überraschend verwirklicht von Tetzchner mit Vivaldi wieder die schon bei Opera eingeschlagene Strategie. Ihm gehe es nicht darum "zu schauen, welche Funktionen im Browser benutzt werden und dann zu entscheiden, dass wenig genutzte Funktionen entfernt werden, weil sie von weniger als 1 oder 2 Prozent der Nutzer verwendet werden. Wenn eine Funktion nur von 1 Prozent der Nutzer verwendet wird, ist das gut, und wir sollten die Funktion einbauen", erklärt der Vivaldi-Chef seine Philosophie.

Wer die Funktion nicht benötige, können sie ja einfach ignorieren. Wobei das nur Schätzungen seien, denn Vivaldi prüfe gar nicht, "welche Funktionen von wie vielen Anwendern genutzt werden".

Vor einigen Jahren hätten sich die meisten anderen Hersteller von Browsern davon verabschiedet, möglichst viele Funktionen zu integrieren. Die Browser wurden auf wesentliche Funktionen beschränkt. "Google hat sich das Ziel gesetzt, dass Nutzer den Browser gar nicht wahrnehmen, sondern sich nur auf den Inhalt konzentrieren", sagte von Tetzchner. "Wir haben neu definiert, was ein Browser leisten kann."

Neue Funktionen zu finden, ist einfach

Dabei sei es für Vivaldi "sehr einfach, neue Funktionen" zu finden, die den Browser besser und effizienter machen. Schwieriger sei es, einen Weg zu finden, diese auch umzusetzen. "Wir haben eine lange, lange, lange, lange, lange Liste an Funktionen auf unserer Aufgabenliste. Unsere Nutzer schlagen uns immer wieder neue Funktionen vor, die sie gerne in Vivaldi sehen wollen. Jeder ist bei uns willkommen."

Von Tetzchner glaubt, dass das gut ankommt: "Unsere Kunden mögen, was wir mit dem Produkt machen, und sie mögen unsere Philosophie." Und trotzdem hat Vivaldi Mühe, Nutzer für sich zu gewinnen.

Die erste Vivaldi-App erscheint nächstes Jahr

Derzeit wird Vivaldi von fast einer Million Kunden verwendet. Im Vergleich zu den großen Browsern ist das sehr wenig. Die wichtigsten Märkte für Vivaldi sind Japan, USA, Russland und an vierter Stelle Deutschland, wo viele frühere Opera-Fans zu Vivaldi gewechselt sind. Zu Operas Hochphasen war Deutschland einer der wichtigsten Märkte des Herstellers. Nach der Beobachtung des Vivaldi-Chefs ist der Browser besonders in den Ländern verbreitet, in denen es "großes Interesse an Technik und viel Wissen darüber" gibt.

Wer Vivaldi ausprobiert, mag ihn

"Ganz offensichtlich haben wir keine Verteilungsmöglichkeit, wie sie die anderen Browser haben", beschreibt von Tetzchner das Problem. Vivaldi sei darauf angewiesen, Nutzer auch mit Mundpropaganda von sich zu überzeugen.

Vivaldi ist ein vergleichsweise kleines Unternehmen das sich über Einnahmen von Suchmaschinenbetreibern und Webseitenanbietern finanziert. Es erhält eine Provision, wenn etwa ein Unternehmen möchte, dass ein Lesezeichen standardmäßig dabei ist oder sogar auf der Schnellwahlseite erscheint. Ähnlich sieht es mit Suchmaschinen aus, die voreingestellt im Browser enthalten sind.

Aufgrund des vergleichsweise kleinen Teams hat Vivaldi derzeit kaum Einfluss auf die Entwicklung der Rendering Engine, die im Browser verwendet wird. Vorerst werden vor allem Fehlerkorrekturen an Google gemeldet. Neue Funktionen an der Rendering Engine werden nicht vorgeschlagen oder beigesteuert, weil die Ressourcen dafür nicht ausreichen. Die Vivaldi-Entwickler sind schon genug damit beschäftigt, den Browser immer an die jeweils aktuelle Version von Chromium anzupassen.

Anstehende Großprojekte

Seine Ressourcen steckt das Vivaldi-Team in immer mehr Funktionen. Dabei stehen nicht nur die klassischen Browser-Funktionen im Mittelpunkt. Die kommende Version 1.5 von Vivaldi wird mit der Maus beliebig verschiebbare Tabs erhalten, außerdem wird die Notizfunktion erweitert. Bei jeder neu angelegten Notiz wird automatisch ein Screenshot des aktuellen Tabs angelegt.

Jenseits davon soll Vivaldi 1.5 in der Lage sein, Philips-Hue-Lampen anzusteuern. Weitere Details dazu werden in Kürze erwartet. Langfristig erhält Vivaldi einen eigenen RSS-Reader, einen Termin gibt es dafür noch nicht. Wer nicht so lange warten möchte und etwa Feedly verwendet, kann seine RSS-Feeds in einem Web-Panel bereits in Vivaldi einbinden. Dann sind die Feedly-Inhalte in dem Panel innerhalb des Browser-Fensters sichtbar.

Ein weiteres langfristiges Ziel ist eine mobile Version von Vivaldi, die irgendwann im kommenden Jahr erscheinen soll. Zunächst lief die Entwicklung von Vivaldi so, dass parallel zur Desktop-Version auch an einer mobilen Version gearbeitet wurde, erklärte der Vivaldi-Chef. Das machte aber Probleme und es wurde entschieden, erst einmal alle Ressourcen auf den Desktop-Browser zu konzentrieren.

Ein wichtiges Ziel soll ebenfalls im nächsten Jahr erreicht werden: eine E-Mail-Funktion innerhalb von Vivaldi.

Die Herzensangelegenheit des Vivaldi-Chefs

Als der Vivaldi-Browser vorgestellt wurde, wurde sie schon angekündigt: eine E-Mail-Funktion im Browser. Derzeit laufen die Arbeiten daran noch, aber sie sollen abgeschlossen sein, wenn Vivaldi 2.0 erscheint. Auch der klassische Opera-Browser enthielt seinerzeit einen E-Mail-Client.

Der Vivaldi-Chef geht davon aus, dass viele Nutzer sehnsüchtig darauf warteten, dass der Browser einen E-Mail-Client erhalte. Viele würden dann wechseln wollen. Bereits mit dem Beginn der Arbeiten an Vivaldi sei die Nachfrage nach einem E-Mail-Client groß gewesen. Denn der Markt ist in den vergangenen Jahren immer überschaubarer geworden, viele Clients werden kaum oder gar nicht mehr gepflegt. Neue Funktionen gibt es auch nicht - hier möchte von Tetzchner mit dem geplanten Vivaldi-Client ein Zeichen setzen.

Welche Besonderheiten er haben wird, ist noch nicht bekannt. Der Vivaldi-Chef nannte aber einige Schwerpunkte, die bei der Entwicklung eine zentrale Rolle spielen. Alle E-Mails sollen in einer zentralen Datenbank abgelegt sein, die einen schnellen Zugriff auf alle E-Mails ermöglichen soll.

Funktionen für den Profi-Einsatz

Vor allem bei hohem E-Mail-Aufkommen soll der Vivaldi-Client seine Stärken ausspielen. Dabei sollen automatische Filter helfen, die E-Mails in die passenden Verzeichnisse zu sortieren. Außerdem wird ein sehr guter Umgang mit Threading versprochen, und das Wiederfinden bestimmter E-Mails soll besonders zügig möglich sein. Ein vernünftiger Umgang mit mehreren E-Mail-Konten ist dabei ebenfalls wichtig.

Mit all dem erfüllt sich Jon S. von Tetzchner einen kleinen Traum - kurz vor seinem 50. Geburtstag. Er baut sich den E-Mail-Client, den er haben möchte und für seine Arbeit braucht. Und bei dem er sich sicher sein kann, dass er auch gepflegt wird. Bisher gibt er nur Andeutungen, welche Möglichkeiten der haben wird, und das hat für ihn einen triftigen Grund: "Wir wollen die Nutzer überraschen, wenn neue Funktionen erscheinen."  (ip)


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