Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/infinite-warfare-im-test-ballern-in-der-stellaren-schiessbude-1611-124304.html    Veröffentlicht: 07.11.2016 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/124304

Infinite Warfare im Test

Ballern in der stellaren Schießbude

Fühlt sich stellenweise an wie der Ego-Shooter-Ableger, den Wing Commander nie hatte - ist aber ein Call of Duty: Infinite Warfare bietet spielerisch simple, aber toll inszenierte Action im All. Dazu gibt's ein Remake von Modern Warfare, den gewohnten Multiplayermodus und Zombies in Bonbonfarben.

"Die Erde steckt in Schwierigkeiten, wenn wir diesen Saftladen nicht zurückerobern": Das sagt einer unserer computergesteuerten Kumpels in der Kampagne von Infinite Warfare - und er hat natürlich Recht, weswegen wir wenige Augenblicke später auf dem Mond einen Großangriff auf die Stellungen der Settlement Defense Front (SDF) starten.

Mit den zumindest ein bisschen echt anmutenden Soldaten und Armeen der Vorgänger hat die Kampagne des neuesten Call of Duty kaum etwas gemein. Stattdessen kämpfen wir in ferner Zukunft als Elitekrieger Captain Nick Reyes in den Reihen der United Nations Space Alliance (UNSA) gegen eine interstellare Organisation, eben die SDF. Das tun wir meist als Infanterist mit der Maschinenpistole oder einer futuristischen Version der Schrotflinte in der Hand, und ohne die spannenden Extras, die etwa Titanfall 2 fast zeitgleich bietet. Aber auch an Bord von Jägern in galaktischen Raumschlachten.

Uns hat das Szenario mehr als einmal an den Klassiker Wing Commander erinnert: Zwar gibt es keine Aliens, aber der eher militärisch anmutende Look der Kommandobrücke, die schnellen Schiffe und deren Starts durch lange Korridore haben gewisse Atmosphäre-Ähnlichkeiten. Allerdings ist Infinite Warfare spielerisch in erster Linie ein Ego-Shooter mit unkomplizierten Bodenkämpfen.

Wenn es mit Captain Nick Reyes ins All geht, müssen wir in den Schlachten teils Dutzende von gegnerischen Schiffen zerstören. Diese Kämpfe sind sehr einfach gehalten - außer, wenn es gegen feindliche Flugasse geht, die besonders fix durchs All sausen und einfach mehr Geduld und schnellere Reflexe erfordern. Komplexe Bordsysteme gibt es nicht, sondern nur Ablenkraketen, Angriffsraketen und die Bordkanone. Bei der Landung auf unserem Raumschiff-Flugzeugträger müssen wir eine Markierung so ungefähr erreichen, den Rest macht das Spiel selbständig.

Den Großteil der Kampagne verbringen wir in linearen Missionen, wie sie typisch für Call of Duty sind: Es geht also in erster Linie ums Ballern, manchmal auch nur ums Vorausstürmen, damit der sonst unbegrenzte Gegnernachschub auf magische Art und Weise gestoppt wird und unsere Kumpels nachziehen können. Das Ganze ist wie in den Vorgängern toll inszeniert, wirkt aber kulissenhaft. Wir haben keinerlei Einflussmöglichkeit darauf, ob vor unseren Augen Großkampfschiffe ineinander rauschen, ob wir im Buggy über die Mondoberfläche springen oder auf dem Jupitermond Europa übers Eis schlittern.

Freiwillige Einsätze in einem Call of Duty!

Ein bisschen Entscheidungsspielraum bietet Infinite Warfare aber doch: Erstmals in einem Call of Duty gibt es Zusatzmissionen, die wir optional erledigen können. Diese Aufträge nehmen wir unter anderem auf einer Navigationskarte an - neben einer dicken gelben Markierung gibt es dann auch kleine rote Quadrate, die zu den optionalen Einsätzen führen. Sie verlängern die fünf bis sechs Stunden lange Kampagne dann noch einmal um knapp drei Stunden Spielzeit.

Die Zusatzmissionen gehören seltsamerweise zu den spannendsten Einsätzen in Infinite Warfare. Es lohnt sich also nicht nur wegen der Trophäen, sie zu absolvieren. So schweben wir in einem Einsatz durch ein Asteroidenfeld möglichst ungesehen bis zu einem Schiff der SDF, das wir dann infiltrieren. Feindliche Wachen, die wie wir im All schweben, schalten wir mit dem Scharfschützengewehr aus, Treffer erkennen wir am Luftaustritt aus dem Raumanzug.

Schade nur, dass es keine wirklich interessante Story gibt, dazu sind sowohl unsere Kameraden - Roboter Ethan und ein paar Menschen - als auch die Bösen viel zu wenig herausgearbeitet. Selbst der von Schauspieler Kit Harington (Jon Snow in Game of Thrones) vertonte und verkörperte Oberfiesling Salen Kotch bleibt blass.

Neben der Kampagne gibt es natürlich erneut einen Multiplayermodus. Er bietet acht Modi auf zwölf gut gemachten, abwechslungsreichen Karten. Wer mag, kann etwa im Team Deathmatch auf einer Raumstation antreten oder in Free-for-All in einer Schneelandschaft oder in einem abgestürzten Raumschiff.

Verfügbarkeit, Sonderedition und Fazit

Gegenüber dem Vorgänger gibt es zwar die üblichen Detailänderungen bei der Ausrüstung, den Waffen und den sonstigen Extras wie der Verknüpfung von Klassen und Perks. Außerdem setzen die meisten Levels noch etwas mehr auf Wallruns und Doppelsprünge. Alles in allem ähnelt das Spielgefühl sehr den Vorgängern.

Wer mit der Kampagne und den Multiplayer-Partien nicht ausgelastet ist, kann außerdem den Zombiemodus starten. Der orientiert sich in Infinite Warfare nicht am sonst vorherrschenden Thema "Weltraum", sondern schickt den Spieler einzeln oder mit drei Kumpels im Koop in einen 80er-Jahre-Vergnügungspark. Dort muss man möglichst lange gegen untote Horden durchhalten, Extras sammeln, Eingänge verbarrikadieren und Ähnliches.

Infinite Warfare ist für Windows-PC (ab 45 Euro), Xbox One und Playstation 4 (rund 60 Euro) erhältlich. Neben der Standardversion gibt es auch eine teurere Legacy Edition, die als Extra einen Code enthält, mit dem sich Spieler eine grafisch sehr aufwendig überarbeitete Remastered-Version von Modern Warfare inklusive zehn Multiplayermaps herunterladen können (ca. 45 GByte).

Die deutsche Sprachausgabe macht einen ordentlichen Eindruck, das Original klingt aber etwas besser - es liegt zum Glück bei und kann einfach über die Optionen ausgewählt werden. PC-Spieler sollten beachten, dass die über Steam und den Windows Store verfügbaren Versionen nicht zusammen im Multiplayermodus antreten können. Das Spiel erscheint hierzulande mit einer USK-Freigabe ab 18 Jahren. Bei Infinite Warfare selbst gibt es keine Schnitte, bei Modern Warfare fehlen hierzulande - wie bei der Ursprungsfassung von 2007 - einige Bluteffekte und der Arcade-Modus.

Fazit

Schade, dass man beim Spielen von Call of Duty keine Hand frei hat - sonst wäre ein großer Eimer Popcorn fester Bestandteil jeder Partie Infinite Warfare. Die Kampagne liefert vom ersten Moment an tolle Momente am Fließband, vom Besuch auf dem Eis des Mondes Europa über die Einsätze auf der Erde bis zu den Abstechern tief ins All.

Trotz der noch ferneren Zukunft als in den Vorgängern fühlt sich Infinite Warfare dabei erstaunlich bodenständig an. Das liegt am Verzicht auf allzu schräge Gadgets, aber auch an der konventioneller erzählten Handlung. Wer in einem Call of Duty traditionelle Soldaten spielen möchte, wird enttäuscht. Uns hat das Weltraumszenario trotz echter Skepsis im Vorfeld letztlich doch sehr gut gefallen.

Im Multiplayermodus unterscheidet sich Infinite Warfare nur in Details von Black Ops 3 aus dem letzten Jahr. Es gibt noch mehr Möglichkeiten zu Wallruns und Hüpforgien, dazu kommen kleine, aber sinnvolle Änderungen bei den Perks und den Klassen. Maps und Modi sind gewohnt gut.

Unterm Strich hat uns bei Infinite Warfare vor allem der Einzelspielermodus positiv überrascht. Die Kampagne spielt sich konventioneller als die von Titanfall 2, hat uns aber fast genauso viel Spaß gemacht. Der Multiplayermodus ist ähnlich gut wie in den Vorgängern, muss sich damit aber den viel größeren und spannenderen Gefechten von Battlefield 1 geschlagen geben.  (ps)


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