Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/yodobashi-und-bic-camera-im-rausch-der-netzwerkkabel-1705-124236.html    Veröffentlicht: 05.05.2017 08:18    Kurz-URL: https://glm.io/124236

Yodobashi und Bic Camera

Im Rausch der Netzwerkkabel

Wer schon oft deutsche Elektronikmärkte enttäuscht verlassen hat, wird in einem gewöhnlichen japanischen Kaufhaus vor Glück durchdrehen. Ich habe dort das Kabel meiner Träume gefunden.

Futuristische Hochgeschwindigkeitszüge, Elektrotoiletten, Nudelautomaten: Wer als technikinteressierter Europäer in ein derart von Technik bestimmtes Land wie Japan fährt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und das nicht nur im berühmten Technikviertel Akihabara in Tokio, sondern schon in ganz normalen, weit verbreiteten Elektronikmärkten. Ich habe mich deswegen in Filialen von Yodobashi und Bic Camera herumgetrieben - und wollte sie gar nicht mehr verlassen.

Es fühlt sich an, wie in einer riesigen Amazon-Filiale zu stehen. Es gibt einfach alles: Spielzeug, Videospiele, Koffer und vor allem Technik, Technik und Technik. Allein auf einer Etage stehen mehr Elektronikartikel zur Auswahl als in einem herkömmlichen Media Markt. Als ich in die Netzwerkabteilung eines Yodobashi gehe, traue ich meinen Augen kaum: Netzwerkkabel überall - und das von Dutzenden Herstellern. Ein Traum für jemanden wie mich, der in Deutschland viel zu oft Schrott gekauft hat.

Kein billiger Ramsch

Wer in einem deutschen Elektronikmarkt nach Kabeln sucht, wird meist enttäuscht. Mal ist das Shielding nicht bündig mit der RJ45-Kassette, mal sind die Widerhaken so idiotisch geschützt, dass man die Kabel nur mit Mühe aus einem Switch bekommt. Und viel zu oft ist die Lasche des Widerhakens eine umsatzsteigernde Sollbruchstelle, die fast jeden Admin schon zum Umweltsünder gemacht hat, weil er, wie ich, meterweise Kupferkabel entsorgen musste.

Egal ob Saturn, Media Markt oder Medi Max: Marken wie Hama oder Vivanco dominieren die Zubehörregale und vor allem auch die Preise. Die Märkte zeigen kein Interesse daran, im Sinne des Kunden neue Produkte zu entdecken und anzubieten. Oft habe ich in den vergangenen Jahren auf diversen Messen von Herstellern gehört, dass es zu teuer sei, dort seine Ware auszustellen. Das entspricht, wie ich finde, nicht dem Sinn eines Elektronikkaufhauses, wo der Kunde als König durch sein Kaufverhalten bestimmen sollte, ob eine Ware beliebt ist. Die Elektronikmärkte haben mittlerweile so viel Macht, dass sie durchaus mitverantwortlich für das Scheitern von Produkten sind.

Karstadt und Kaufhof für Technikinteressierte uninteressant

In Kaufhäusern wie Karstadt und Kaufhof werden inzwischen nicht einmal mehr die technischen Grundbedürfnisse befriedigt, selbst im Berliner Edelkaufhaus Kadewe werde ich kaum noch fündig. In Technik-Filialen von Conrad sieht es mit hochwertigen Alternativen kaum besser aus. Das war mal anders. Es gab Zeiten, da konnte ich bei Dussman in Berlin Minidiscs und im Virgin Megastore auf eine gigantische Musikauswahl zugreifen. Laserdiscs waren ohne Probleme bei Fnac zu beziehen; Letzteres hatte sogar Importspiele für das Super Nintendo und sorgte regelmäßig dafür, dass ich in den Laden ging und überlegte, Geld auszugeben. Heute ist es hierzulande schon schwierig, eine vernünftige UHD-Blu-ray-Auswahl zu bekommen, ohne sie online zu bestellen. Spezialitäten von Raumklang-Audio-Material auf Blu-ray findet der Kunde mittlerweile fast gar nicht mehr.

In Japan dagegen finde ich unter einer gigantischen Auswahl verschiedener CAT-Kabel mit verschiedenen Längen und Kabeldurchmessern mein Traumkabel.

Ein Traum von einem Kabel

Nach diesem Kabel giere ich schon, seit mir der Netzwerkhersteller Buffalo Technology vor einigen Jahren davon erzählt hat: Es ist ein Netzwerkkabel, dessen Lasche nicht brechen kann. Die Lasche des Flachbandkabels ist gummiartig, aber doch fest genug, um Widerstand zu bieten. Kostenpunkt: Um die 400 Yen für ein bis drei Meter Cat-6a-UTP-Flachbandkabel. Das sind nur etwas mehr als drei Euro und etwa ein Drittel dessen, was in einem Media Markt zu erwarten ist. Dabei sei angemerkt, dass Japan ein recht hochpreisiges Land ist. Eine Chance, diese Kabel einmal in Deutschland zu bekommen, besteht übrigens nicht. Buffalo hat mir schon vor Jahren eine Absage erteilt. Der Markt ist nicht interessant genug.

Wie mit den Kabeln ist es bei Yodobashi und Bic Camera auch mit vielen anderen Produkten: Eine große Auswahl im Sinne des Kunden sorgt dafür, dass nicht alles bei Amazon eingekauft wird. Was da nicht alles zu entdecken ist! Allein die Auswahl von hochgerüsteten Ventilatoren für den warmen Sommer ist so überwältigend, dass ich kurzzeitig zum Ventilator-Nerd werde. Zum Glück schützt mich die Spannung von 110 Volt in Japan vor einer größeren privaten Geldausgabe.

Zum Kaufrausch ein kühles Getränk

Die Märkte sind auf Touristen wie mich aber durchaus vorbereitet: Manch ein Markt verkauft explizit 220-Volt-Ware - vor allem bei Highend-Reiskochern. Auch Computer abseits der günstigen Endkundenrechner von Acer und Asus werden verkauft. Wer will, kann sich bei einigen Filialen sogar ein Panasonic Toughbook nicht nur anschauen, sondern auch mitnehmen. Hierzulande ist das in einem Elektronikkaufhaus nicht möglich.

Die Kaufhäuser in Tokio, Osaka oder Kyoto sind deswegen auch gut gefüllt, und das nicht nur mit Japanern, sondern gerade in Tokio auch mit zahlreichen Touristen. Der japanische Service-Gedanke sorgt dafür, dass der Nerd, sobald er einmal drin ist, den Laden nicht so schnell wieder verlassen muss: Macht mich der Kaufrausch durstig, kann ich in jedem Markt in jeder Etage an einem der vielen Getränkeautomaten auch noch eine Cola ziehen.  (ase)


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