Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/garmin-fenix-chronos-im-test-die-anti-apple-watch-luxusuhr-1610-123994.html    Veröffentlicht: 24.10.2016 14:16    Kurz-URL: https://glm.io/123994

Garmin Fenix Chronos im Test

Die Anti-Apple-Watch-Luxusuhr

Sehr viel Sport und nur ein bisschen Smartwatch: Garmin verfolgt bei der Fenix Chronos fast das gegenteilige Konzept der Apple Watch. Nur in einem Punkt sind sich beide Wearables ähnlich - beide sehen nicht wie Fitnessuhren aus, und beide sind teuer. Golem.de hat die Fenix Chronos ausprobiert.

Die Käufer von Smartwatches wollen offenbar vor allem eines: Sport- und Fitnessfunktionen. Das zeigen so gut wie alle Marktstudien zu dem Thema. Auch Apple setzt bei der Vermarktung seiner Apple Watch Series 2 auf GPS-basiertes Laufen, Joggen, Radfahren und auf Schwimmen. Aber während sich Cupertino auf den traditionell von Polar, Garmin oder Fitbit dominierten Markt der Sportuhren zubewegt, versuchen diese nun im Gegenzug, Apple möglichst viele Kunden abspenstig zu machen.

Besonders ungewöhnlich geht dabei Garmin vor. Die Firma bietet unter dem Namen Fenix Chronos eine betont schicke Spezialversion seiner Fenix 3 HR an. Wir konnten die rund 1.000 Euro teure Uhr mit Lederarmband ausführlich ausprobieren. Um ehrlich zu sein: Wir haben mit dem edlen Stück erst ganz schön gefremdelt. Normalerweise erreichen uns Testgeräte im Plastik- oder Pappkarton. Vor allem aber werden sie ohne Rücksicht auf Verluste benutzt, getragen, vermessen und fotografiert.

Die Fenix Chronos liegt in einer riesigen, aufwendig gefertigten Holzkiste. Beim ersten Anlegen haben wir uns kaum getraut, das - eigentlich sehr robuste - Band aus italienischem Leder zu krümmen, geschweige denn es mit der Dornschließe am Arm zu befestigen. Das Ganze riecht edel wie feinstes britisches Sattelleder. Wobei wir hier dann auch wieder ein bisschen misstrauisch sind, denn das alternativ anschnallbare Kautschukband verströmt den gleichen exklusiven Geruch, und das merkwürdigerweise sogar ein paar Tage lang. Waren da Geruchsdesigner am Werk, die unsere Nase bewusst mit künstlichen Mitteln in die Irre geführt haben?


Wir wissen es nicht. Trotzdem haben wir das sehr einfach über kleine Stifte an den Federstegen montierbare Kautschukband während der meisten Zeit unseres Hands on einfach drangelassen. Das Lederband ist zwar auch für Sport gedacht. Aber beim Joggen hat es - gerade weil es sich um sehr dickes und entsprechend steifes Material handelt - das Gehäuse so weit vom Handgelenk weggedrückt, dass die optische Pulsmessung zeitweise nicht korrekt gearbeitet hat. Mit dem Kautschukband hatten wir dieses Problem nicht, außerdem gefällt uns dessen minimal sportlicherer Look sogar besser.

Bei den Funktionen bietet die Fenix Chronos so gut wie alles aus dem Portfolio von Garmin. Die Uhr unterstützt viele Dutzend Sportarten, der Fokus liegt natürlich auf Ausdauer. Krafttraining können wir damit zwar auch zeitlich erfassen, aber mit der bei optischer Pulsmessung bekannten Einschränkungen etwa im Hinblick auf den Kalorienverbrauch. Zubehör wie ein Puls-Brustgurt und Radsportsensoren werden sehr weitgehend unterstützt, der Puls wird von drei LEDs kontinuierlich den ganzen Tag gemessen.

Navitation in unbekanntem Terrain

Schwimmen sowie schnelle Wechsel beim Triathlon kann die Chronos ebenfalls; sie ist übrigens wasserdicht bis 10 ATM, also bis zu einem Druck von 100 Metern. Eine Schätzung des VO2max-Wertes gibt es nur für Läufer und Radfahrer. Während der Wert bei Laufeinheiten immer ermittelt wird, müssen Biker 20 Minuten lang mit nahezu voller Kraft loshirschen, was uns bislang noch nicht in ausreichendem Maße gelungen ist.


Wie die Fenix 3 HR verfügt auch die Chronos über Outdoor-Funktionen wie einen Kompass, einen barometrischen Höhenmesser und die für Alpinisten praktische Unwetterwarnung, die bei einem rapide sinkenden Luftdruck einen Alarm ausgibt. Ähnlich wichtig finden wir die Track-Back-Funktion, die uns in unbekanntem Terrain wieder den bereits aufgezeichneten Weg zurückführt: Wir sehen dann auf dem Bildschirm eine Linie, die den Weg zum nächsten Navigationspunkt darstellt. Sobald wir uns ein paar Dutzend Meter zu weit links oder rechts befinden, zeigt uns das System die Differenz an.

Das funktioniert sehr gut, erfordert aber volle Konzentration - beim Joggen oder Radfahren wären wir überfordert. Das liegt auch daran, dass wir wirklich nur die GPS-Linie sehen, aber keine Umgebungskarte wie auf einem Smartphone. Wer mag, kann übrigens auch eigene Tracks auf die Uhr laden, was bei Garmin allerdings ziemlich kompliziert funktioniert - hier hat Tomtom mit der leider noch nicht erhältlichen Adventurer ein vielversprechend, weil einfacher zu bedienendes System angekündigt.

Skifahrer können sich bei der Fenix übrigens auch die 3D-Geschwindigkeit und -Distanz anzeigen lassen. Also nicht nur die "von oben" per GPS-Satellit gemessene Geschwindigkeit, sondern die tatsächliche in der Schräge am Hang. Alle sonstigen nötigen Alarme, Herzfrequenzzonen und Funktionen wie Auto-Pause und frei konfigurierbare Trainingsanzeigen sind vorhanden. Nachrichten und Mitteilungen des Smartphones zeigt die Chronos ebenfalls an - antworten können wir, anders natürlich als mit der Apple Watch, aber nicht. Die meisten Sportler, die wir kennen, deaktivieren die Mitteilungen sofort.

Drücker statt Touchscreen

Das Bedienkonzept der Fenix Chronos unterscheidet sich drastisch von dem der Apple Watch. Eingaben erfolgen über fünf seitlich angebrachte Drücker, einen Touchscreen gibt es nicht - das hat beim Sport und beim Aufzeichnen des Schlafs den Vorteil, dass es praktisch nicht zu Fehleingaben kommen kann.

Auch das Display ist fast das Gegenteil von dem der Apple Watch: Das Bildschirmchen der Garmin-Uhr ist immer eingeschaltet und dank einer reflektierenden Schicht im Hintergrund mit zunehmender Helligkeit immer besser ablesbar. Am besten also bei direkt darauf knallender Mittagssonne, wo wiederum die Apple Watch ein Problem hat. Dafür ist die Fenix Chronos in Innenräumen oder gar nachts nur schwierig abzulesen. Dann hilft ein Druck auf die Taste links oben, die für ein paar Momente die Hintergrundbeleuchtung aktiviert.

Die Fenix Chronos wird ähnlich wie die Fenix 3 HR Saphir von einem quasi unzerkratzbaren Saphirglas geschützt. Der Bildschirm hat mit 218 x 218 Pixeln bei 16 Farben die gleiche Auflösung. Hier liegt die Apple Watch mit ihrem viel brillanteren Display bei einer Auflösung von 390 x 312 Pixeln klar vorn.

Akku hält gefühlt fast ewig

Allerdings geht das natürlich auf Kosten der Akkulaufzeit. Während die neue Apple Watch nach Angaben des Herstellers im GPS-Sportmodus nur rund fünf Stunden durchhält, könnten wir mit der Fenix Chronos rund 14 Stunden wandern, laufen oder radeln: Im Modus mit GPS-Aufzeichnung und optischer Herzfrequenzmessung verbraucht die Uhr rund 7 Prozent der Akkuleistung in einer Stunde. Bei der Fenix 3 HR (ab 600 Euro) sind es übrigens laut unserer Messung 6 Prozent. Der Grund: Die Fenix 3 verfügt über einen Akku mit 300 mAh, der von der Fenix Chronos ist 180 mAh groß. Dies wird offensichtlich durch effizientere Prozessoren kompensiert - Garmin macht zum Innenleben seiner Sportuhren leider auch auf Anfrage keinerlei Angaben.

Im Nicht-Sport-Betrieb unterscheiden sich die beiden Fenix-Modelle ebenfalls erstaunlich wenig: Unsere Chronos hat innerhalb von 24 Stunden rund 5 Prozent des Akkus verbraucht, die Fenix 3 steht hier ebenfalls einen Prozentpunkt besser da und zieht 4 Prozent. Bei den Ladezeiten liegt hingegen die Chronos vorn: Ihr Akku ist nach gut einer Stunde wieder voll. Die Fenix 3 benötigt dafür gut das Doppelte an Zeit, ebenso wie laut Hersteller die Apple Watch Series 2.

Verfügbarkeit und Fazit

Die schnelleren Prozessoren der Chronos sind übrigens auch beim Scrollen durch die Menüs spürbar: Das geht minimal flotter, besonders bei komplexen Anzeigen. Allerdings dürfte der Vorteil in den kommenden Monaten stärker spürbar werden, wenn Garmin wie geplant sein Angebot an von Drittentwicklern programmierten Apps und Widgets weiter ausbaut und dann auch mehr Möglichkeiten als bislang zulässt. So vielfältige und leistungsstarke Apps wie bei der Apple Watch sind nach aktuellem Stand aber nicht zu erwarten - wir sind gespannt.


Die Fenix Chronos verfügt anders als die Fenix 3 nicht über ein integriertes WLAN-Modul, muss also grundsätzlich über Bluetooth Smart mit dem Smartphone oder Tablet gekoppelt und synchronisiert werden; alternativ ist das auch per USB-Kabel mit dem Rechner möglich. Die Software von Garmin ist gut, aber etwas komplizierter und unübersichtlicher als die von Apple.

Ärgerlich: Das Ökosystem von Garmin offenbart immer wieder kleine Fehlerchen, die oft wochenlang nicht behoben werden. So konnten wir auf der Chronos lange das Widget für das lokale Wetter nicht verwenden - Schuld war vermutlich ein Problem der iOS-Version von Garmin Connect. Nach dem Update gab es Schwierigkeiten mit der Gewichtseingabe, die immerhin rasch behoben wurden. Derzeit stört uns ein Bug beim Export von TCX-Dateien, mit denen wir unsere Trainingseinheiten auf Strava überspielen. Erst nach ein paar Tagen haben wir herausgefunden, dass das auch mit dem funktionierenden FIT-Format geht - was aber längst nicht von allen externen Portalen unterstützt wird.

Die Fenix Chronos ist in drei Versionen erhältlich: mit Lederband für rund 1.000 Euro, mit Stahlband für rund 1.100 Euro und mit Titangehäuse am Band aus Kautschuk mit Titanelementen für rund 1.300 Euro. Der Hersteller setzt beim Vertrieb auf klassische Uhrenfachgeschäfte, nicht auf den Sportfachhandel; Adressen sind direkt bei Garmin zu finden. Die Liefersituation ist nach unserer Beobachtung schon seit Wochen angespannt - wenn mal bei einem Händler auf der Webseite ein paar Exemplare auftauchen, sind diese fast umgehend wieder ausverkauft.

Fazit

Ein bisschen merkwürdig ist die Idee hinter der Fenix Chronos schon. Auf den ersten Blick wirkt das Wearable wie ein Typ, der den Triathlon im feinen Anzug absolvieren möchte. In der Praxis allerdings relativiert sich das schnell: Da entpuppt sich die Chronos als sehr angenehm zu tragende Sportuhr, die alle Aufgaben bei der Navigation im Gelände sowie beim Aufzeichnen von Sporteinheiten und beim Fitnesstracking mit Bravour absolviert.

Die vielfältigen Konfigurationsmöglichkeiten und die durchaus komplexen Menüs sind aber für Personen ausgelegt, die sich entweder schon gut mit der Bedienung von Garmin-Geräten auskennen oder die vor etwas Einarbeitung nicht zurückschrecken. Das gilt vor allem für die Wegfindung - die wir übrigens zu kompliziert finden, um sie nebenbei beim Joggen oder Radfahren zu verwenden. Für Wanderungen ist das System aber prima geeignet.

Die Verarbeitung wirkt extrem hochwertig, das Design kam bei unserer (nicht repräsentativen) Umfrage im Kollegen- und Bekanntenkreis hervorragend an. Wer eine Sportuhr sucht, die auch bei gehobenen gesellschaftlichen Anlässen mit den sonst üblichen Statussymbolen am Handgelenk mithalten kann, findet sie in der Fenix Chronos - ohne dass er auf Funktionen verzichten muss.

Nicht ganz dem Premium-Preis angemessen finden wir die vielen kleinen Fehlerchen in der Software der Uhr, auf dem Smartphone und auf der Webseite von Garmin. Die wesentlichen Funktionen, etwa die Aufzeichnung von Sporteinheiten, arbeiten nach unserer Erfahrung zwar ohne Probleme. Trotzdem erwarten wir bei solch einem teuren Produkt einfach, dass auch der ganze Rest funktioniert oder dass Bugs zumindest viel schneller als bislang behoben werden.  (ps)


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