Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lightning-audio-im-praxistest-wenn-ein-bisschen-staub-den-anschluss-lahmlegt-1610-123857.html    Veröffentlicht: 31.10.2016 09:09    Kurz-URL: https://glm.io/123857

Lightning-Audio im Praxistest

Wenn ein bisschen Staub den Anschluss lahmlegt

"Have yout tried turning it off and on again?" Nach einem Kabelbruch haben wir uns von einem Apple-Store-Verkäufer einen Lightning-Audio-Ohrhörer andrehen lassen. Schon bei geringer Staubbelastung zeigte sich, wie unzuverlässig Lightning verglichen mit dem Klinkenstecker ist.

Mit dem iPhone 7 hat Apple für die iOS-Welt vermutlich das Ende der Klinkenbuchse eingeleitet. Trotz aller Kritik. Abgeschafft wurde damit eine gewisse Redundanz, denn die Lightning-Buchse wurde schon lange als Audiobuchse verwendet, in Dockingstations, mit HDMI-Adaptern oder neuerdings als Klinkenersatz für unterwegs. Die Schnittstelle ist dementsprechend äußerst ausgereift und seit Jahren Bestandteil des Betriebssystems. In der Theorie jedenfalls, Apple musste allerdings schon Bugs beseitigen.

Apple verkauft über seine Apple Stores bereits Lightning-kompatible Ohrhörer. Ein iPhone 7 ist dafür nicht zwingend notwendig, die neuen Ohrhörer funktionieren auch mit Altgeräten. Zwingend notwendig ist allerdings iOS 10. Ein Test mit iOS 9 funktionierte nicht, was Apple auch so sagt. Uns hat interessiert, wie sich die Buchse damit im direkten Vergleich mit der Klinkenbuchse macht.


In unserem Fall war der Kauf notwendig, denn unser alter Ohrhörer hatte einen Kabelbruch. Die Verkäuferin im Apple Store versprach uns, dass die Soundqualität mit Lightning-kompatiblen Ohrhörern deutlich zunehmen würde. Obwohl uns klar war, dass dieses Verkaufsargument Mumpitz ist, schlugen wir zu und nutzten die Gelegenheit herauszufinden, wie sich die neue alte Schnittstelle im Alltag bewährt.

Uns interessierte dabei vor allem, ob sich unsere frühe Analyse zum Klinkenverzicht beim iPhone 7 in der Praxis bestätigen würde oder alles nur halb so schlimm ist - oder alles sogar noch schlimmer ist als gedacht.

Uns interessiert die Mechanik

In erster Linie waren wir mechanisch an dem Anschluss interessiert und wollten wissen, wie er im Alltag gewohnte Handlungsmuster verändert, auf die wir schon seit dem iPhone 3G konditioniert wurden. Aber auch kleinere Dinge wie die Bedienbarkeit und die Frage, wie das Betriebssystem zwischen Klinke und Lightning unterscheidet, sind für uns spannend.

Mit dem angeblich besseren Ton haben wir uns nicht beschäftigt. Da Ohrhörer üblicherweise unterwegs genutzt werden, wird sich eine bessere Qualität bei den Umgebungsgeräuschen - Straßenlärm, sprechende Menschen in Einkaufszentren und Geräusche von U-Bahnen und Flugzeugen - kaum bemerkbar machen. Zudem haben die Miniohrhörer schon rein von der Physik zu viele Einschränkungen. Wer Musik mit hoher Qualität genießen will, sollte das daheim vor einer Anlage oder mit guten großen Kopfhörern tun und nicht mit kleinen Stöpseln, deren Basswiedergabe vergleichsweise schwach ist - selbst bei Apples erstaunlich guten Earpods. So heißen die Ohrhörer offiziell, obwohl sie nicht komplett ins Ohr gesteckt werden wie sogenannte In-Ear-Hörer.

Als Testobjekt wählten wir ein iPhone 6 und ein iPad Air, die jeweils mit iOS 10.0.1 und später 10.0.2 bespielt wurden. Beide Geräte haben noch eine Klinkenbuchse, die bei der iPhone-7-Serie abgeschafft wurde und Apple in die Umstellungsphase gebracht hat.

Was Klinke, Lightning-Ohrhörer und USB-C-Ohrhörer unterscheidet

Apple hat sich also gegen die jahrzehntealte Klinkenbuchse und für etwas Neues entschieden. Ein Neuanfang muss nichts Schlechtes sein. Konstruktionsseitig ist die Klinkenbuchse ein riesiger Störfaktor bei Smartphones und vergleichbar mit der Ethernet-Buchse bei Notebooks. Sie verbraucht wertvollen Platz, der anderweitig benötigt wird.

Die Einbautiefe ist für die IT-Welt enorm, vergleicht man sie mit anderen Buchsen-Stecker-Kombinationen. Das gilt insbesondere für die immer dünner werdenden Smartphones. Zudem sind digitale Funktionen nicht standardisiert. Ein Headset mit Bedienungselementen und Mikrofon funktioniert nicht an jedem Kopfhöreranschluss. Das Mikrofon wird von Notebooks meist angenommen. Doch die Pause-Taste und die Lautstärkeregelung funktionieren häufig nur an Macbooks. Selbiges gilt für Tastenkombinationen. Weder Verstärker, alte Walkmen und Minidisc-Player noch Windows-Notebooks können mit den proprietären Signalen etwas anfangen.


Apples Klinkenbuchse ist also ohnehin proprietär in der Ausführung, allerdings mit einer hohen Kompatibilität. Doch was macht ein Hersteller, der den Platz braucht? Eine Möglichkeit wäre die 2,5-mm-Klinkenbuchse gewesen. Die ist allerdings kaum verbreitet. Man erkauft sich damit noch mehr Kompatibilitätsprobleme und das Grundproblem der hohen Einstecktiefe bleibt. Und Apple hat mit dem iPhone 7 gezeigt, dass man ohne die Klinkenbuchse noch mehr in ein derart kleines Gehäuse stecken kann. Bei gleicher Gehäusegröße wurde die Akkukapazität im Vergleich zum iPhone 6S um 0,9 Wh auf 7,45 Wattstunden gesteigert und unter dem Homebutton die neue Taptic-Engine platziert. Außerdem gibt es gibt Platz für einen breiten Lautsprechergrill, der sich nicht so leicht verdecken lässt.

Apple beteiligte sich an der Lightning-Konkurrenz

Apple hatte allerdings noch eine weitere Alternative. Das Unternehmen war aktiv an der Standardisierung von USB Typ C als Audioschnittstelle der Zukunft beteiligt. Die USB-C-Buchse wäre also eine interessante, weil von fast der gesamten IT-Industrie akzeptierte Alternative gewesen. Nur die Hi-Fi-Industrie wurde nicht in die Entwicklung einbezogen. Es war also zu erwarten, dass sich wie bei Displays zwei Lager bilden würden: Klinke vs. digitale Schnittstelle, analog zu HDMI und Displayport.

Wer sich für den Hintergrund interessiert, dem empfehlen wir den Artikel USB soll die Audio-Klinkenbuchse bald überflüssig machen und die Meldung über den Abschluss der Standardisierung von Audio über USB Typ C.

Lightning-Kompatibilität war offenbar wichtiger

Apple entschied sich verständlicherweise für Kompatibilität: die Lightning-Buchse, die ohnehin schon alle Funktionen hatte und für die es genug Infrastruktur gibt, seien es Radiowecker mit Lightning-Dock im Hotel oder Zubehör bei den Anwendern daheim. Nach dem Verschwinden des alten 30-Pin-Konnektors wäre es die falsche Entscheidung gewesen, Hardwarepartner wie Nutzer schon wieder mit einem Wechsel zu verärgern.

Ein Vorteil der Lightning-Buchse gegenüber USB Typ C ist der geringe Platzbedarf. Die Einbautiefe ist etwas geringer, auch die Buchse ist kleiner als die USB-C-Konkurrenz. Nachteilig ist allenfalls die Bandbreite, weswegen iPhone-Backups einige Zeit brauchen und der HDMI-Adapter mit Kompression arbeitet.

Die Entscheidung für Lightning statt USB-C ist also nachvollziehbar, insbesondere da das Implementers Forum viel zu lange für die Standardisierung des verdrehsicheren Steckers gebraucht hat. Dafür ist USB-C mittlerweile eine eierlegende Wollmilchsau geworden. Sei es Thunderbolt, Displayport oder gar Ethernet, das über HDMI möglich ist.

Die Hardware ist also ein klarer Fall. Bei der Software sieht es allerdings schwieriger aus.

Ohne iOS-Update geht es nicht

Wie zuvor betrachtet, ist das Lightning-Ohrhörer-Konzept seitens Apple von langer Hand vorbereitet worden und kein spontaner Schnellschuss gewesen. Trotzdem haben wir im Test Bugs entdeckt und trotzdem braucht es zwingend iOS 10, sonst funktioniert das System nicht. Anfangs haben wir unsere Testgeräte mit iOS 10.0.1 betrieben und waren doch ziemlich erstaunt, was bei den ersten Experimenten passierte. Apple hat mit der Einführung der Lightning-Kopfhörer sehr unsauber gearbeitet. Wir haben das Gefühl, dass die Funktion in aller Eile in das System integriert wurde. Was allerdings keinen Sinn ergibt, weil an der Funktionsweise nichts Neues zu finden sein dürfte.


Es bleibt also ein Rätsel, wie ein Bug, der unser iPad zum Absturz brachte, es in das Betriebssystem geschafft hat. Das ist uns mit ein paar einfachen Standardexperimenten gelungen, die man als Worst Case in der Entwicklung immer durchführt: Es genügte, sowohl Klinke als auch Lightning-Anschluss für Kopfhörer zu verwenden, um das Gerät abstürzen zu lassen.

Wie man mit dem Lightning-Stecker ein iPad ausbremst

Der Absturz kündigte sich sogar an. Die Youtube-App wollte gar nicht erst starten. Wir dachten uns zunächst nichts dabei und starteten die Musik-App. Als Resultat wurde das iPad erst ziemlich langsam. Der Touchscreen reagierte teils nicht, wenn sowohl Klinke als auch Lightning belegt waren. Nach einigen Ein- und Aussteckversuchen und zwischenzeitlicher Bedienbarkeit stürzte das System dann ab. Und zwar so hart, dass wir mit der Power- und Home-Taste gleichzeitig eine Zwangsabschaltung durchführen mussten.

Damit wurde auch unsere Hoffnung zunichte, zwei Personen gleichzeitig über die verschiedenen Buchsen mit Audio bespielen zu können. Leider wird immer nur ein Ohrhörer bespielt. Dabei hat die Klinke Priorität über den Lightning-Ausgang, wenn beide vor dem Abspielvorgang eingesteckt wurden. Wird ein Stecker nachträglich eingesteckt, übernimmt der zuletzt eingesteckte Stecker. Es gibt im Betriebssystem auch keine Auswahlmöglichkeit, wenn beide Anschlüsse benutzt werden, so wie das Nutzer etwa von Airplay oder Bluetooth gewohnt sind. Es ist ein Entweder-oder-System - mit einer Ausnahme: Die Fernbedienungen funktionieren immer beide. Schade, denn es wäre ein nettes Gimmick gewesen.

Weiter geht's mit iOS 10.0.2

Als Resultat installieren wir sogleich iOS 10.0.2, was Bugs mit Lightning-Audio eliminieren soll und nichts an der Funktionalität verändert. Es geht weiterhin nur ein Ausgang, den Absturz können wir aber nicht mehr provozieren. Dafür erleben wir Probleme, die wir bisher nur vom Hörensagen kannten: nicht mehr reagierende Lightning-Kontrollen.

Rein und raus mit Lightning

Alleine am zweiten Testtag fällt bei unserem iPhone die Fernbedienung dreimal aus. Die Lösung ist aber recht simpel und folgt der alten IT-Frage "Have you tried turning it off and on again?". Vorurteile besagen, dass Aus- und Wiedereinschalten nur bei Microsoft-Produkten hilft. Für uns gilt das jetzt offiziell auch für Apple-Geräte. Stecker raus, Stecker rein, danach funktioniert alles wieder. Objektiv gesehen verliert der Anwender dadurch pro Tag vielleicht ein paar Sekunden, es ist also nicht der Rede wert. Subjektiv nervt es aber, wenn man mitten im Musikgenuss nichts mehr steuern kann.

Im Schnitt fällt der Kontrollmechanismus in der ersten Woche einmal pro Tag aus. Die Audiowiedergabe wird glücklicherweise nicht beeinflusst. Uns wundert allerdings, dass wir kein System erkennen. Manchmal fällt die Steuerungseinheit nach ein paar Minuten aus, manchmal erst am Abend eines Tages mit viel Musikgenuss unterwegs. Irgendwann fällt uns allerdings auf, dass der Stecker im iPhone 6 nicht so fest sitzt wie im iPad und uns kommt ein Verdacht: Staub im Anschluss.


Das Problem an sich kennen wir als Hosentaschen-Smartphone-Nutzer allzu gut. Ein bisschen Staub ist in der Hosentasche normal, und während der Klinkenanschluss bei uns wegen so einer Situation nur etwa einmal alle zwei Jahre gereinigt werden muss, ist die Lightning-Buchse empfindlicher. Einmal alle sechs Monate sollte man putzen, sonst klappt's mit dem Ladevorgang nicht. Lightning ist für Audio offenbar noch viel empfindlicher als beim Laden, was die Sauberkeit der Buchse angeht. Mit dem Laden haben wir nämlich keine Probleme.

Eigentlich wäre das Problem auszuschließen, denn die Anschlusszungen sind lang und kurze Aussetzer sollte das Betriebssystem eigentlich abfangen. Wir versuchten, mit Rütteln am Stecker das Problem zu provozieren, was nicht gelang. Es blieb zufällig. Nichtsdestotrotz half die Reinigung. Eine lächerliche Menge Staub schaufelten wir mühsam aus der Buchse, dank eines Nähsets und einer guten Taschenlampe. In der zweiten Woche trat der Ausfall der Kontrollen nicht mehr auf. Stattdessen hatten wir ein neues Problem: Die Musikwiedergabe stoppte ab und an einfach.

Bei genauer Betrachtung der Steckverbindung war immer noch kein perfektes Einstecken möglich, aber selbst mit Makroobjektiv (siehe letztes Foto) und der Taschenlampe im hellsten Modus konnten wir den Übeltäter nicht ausmachen. Wir waren trotzdem zufrieden. Denn eine gestoppte Musikwiedergabe ließ sich einfach wieder starten und unsere Ansprüche an die Funktionsfähigkeit von Hardware waren nach zwei Wochen schlicht gesunken. Mit iOS 10.1 hegten wir etwas die Hoffnung, dass Apple intelligenter mit Aussetzern umgeht. Doch die Hoffnung wurde nicht erfüllt, auch mit der neuen Version gab es ab und an Aussetzer. Ohne gründliche Reinigung geht es nicht.

Der Aufwand, den wir betreiben mussten, ist allerdings viel zu hoch. In der Not hat man nicht unbedingt eine Nadel und eine Taschenlampe dabei, um die fein vom Stecker zerdrückten Staubkörner aus den Ecken zu befreien. Der alte 30-Pin-Anschluss ließ sich damals besser reinigen.

Hier hat Apple leider in vollem Maße versagt und etwas geschafft, was wir nicht für möglich gehalten hätten: in ein fertiges simples System neue Bugs einzubauen und eine Konstruktion mit Lightning-Audio zu nutzen, die sehr empfindlich auf Staub reagiert und seitens des Betriebssystems nicht abgefangen wird. Mit der Klinke passiert so etwas jedenfalls nicht.

Wenn das iPhone auf den Boden knallt

Uns nervt allerdings nicht nur die Steuerung der Musik, die praktische Handhabung ändert sich auch. Manche Änderungen sind gravierend, andere eher harmlos. Etwas umgewöhnen muss man sich beispielsweise bei der Haltung, denn der Audioausgang ist mit Lightning in der Mitte. Rechtshänder stabilisieren das iPhone gerne mit dem kleinen Finger unten und halten den mittig neben der Klinkenbuchse. Diese Verschiebung ist aber kein Problem. Die Haltung ist auch mit mittigem iPhone-Stecker stabil und man gewöhnt sich fix dran. Schließlich halten wir das Smartphone mit angeschlossenem Akkupack auch oft so.

Schwerwiegender ist der Umstand, dass der Lightning-Anschluss im Vergleich zur Klinke ziemlich locker ist. Wobei wir hier zwischen der ersten Woche und der zweiten Praxiswoche unterscheiden müssen. In der ersten Woche war uns das Staubproblem noch nicht bewusst.

Woche 1: ein viel zu lockerer Lightning-Anschluss

Für die Aufgabe ist die Verbindung zwischen Lightning-Stecker und Lightning-Buchse fest genug. Es ist nicht so, dass der Stecker sich in einer engen Hosentasche einfach löst. Auch seitlicher Druck hat keine Auswirkungen. Wir hatten anderes erwartet, doch die Einstecktiefe ist ausreichend.

Anders verhält es sich bei Grenzsituationen. Wer kennt das nicht, dass das iPhone am Ohrhörer baumelt, nachdem man etwas unachtsam war? Ist die Klinkenbuchse als Sicherung vorhanden, riskieren wir es sogar, Fotos von Brücken herunter mit potenziell freiem Fall ins Salzwasser zu schießen, oder halten das iPhone etwas lockerer bei der Bedienung. Die Klinkensicherung hält normalerweise so fest, dass man beim engen Sitzen in der U-Bahn meist das iPhone am Kopfhörerkabel herausziehen kann, was wir regelmäßig machten, um den Nachbarn nicht zu sehr mit Bewegungen zu nerven. Damit ist mit Lightning Schluss. Bei unseren Versuchen ziehen wir nur den Stecker heraus. Und wenn wir es doch schaffen, riskieren wir einen Glasbruch.

Wir haben uns leider so sehr an die Klinkenvorteile gewöhnt, dass wir das iPhone 6 einfach am Kabel rauszogen, wo es sich plötzlich löste und aus Hüfthöhe auf die Fußgängerfurt knallte. Da das iPhone 6 ziemlich scharfkantig bricht, ist das nicht zu unterschätzen.

Wie fest der Stecker am Gerät hält, hängt bei Lightning-Audio davon ab, wie viel Staub im Anschluss ist. Leider entwickelt sich die Staubproblematik schleichend und vom Anwender weitgehend unbemerkt - bis es zu spät ist. Bei der Klinke ist das anders. Dort versagt zuerst der Ton durch zu viel Staub. An der Stabilität ändert sich unserer Erfahrung nach nichts. Und wenn der Ton versagt, wird der Anwender automatisch zum Handeln gezwungen. Diese Sicherung fehlt Lightning, denn auch ein leicht lockerer Stecker funktioniert noch.

Woche 2: fester Sitz, aber noch immer nicht perfekt

Nach unserer Reinigungsaktion stellten wir fest, dass der Lightning-Anschluss deutlich besser saß. Allenfalls bei hektischem Zug löste sich der Lightning-Anschluss noch etwas leichter als die Klinke. Die Klinke hat einen Vorteil beim Ziehen: Da sie nicht mittig sitzt, wirken die Kräfte an einer anderen Stelle. Hängt das iPhone an der Klinke, dann hängt es schief. Mit ruckartigem Ziehen bekommt man den Stecker schwerer aus der Buchse. Das gilt dann auch für ein mit Klinkenstecker fallendes iPhone aus Hüfthöhe. Der mittige Lightning-Anschluss hingegen bietet keinen zusätzlichen Widerstand durch eine Schieflage. Es mag sein, dass rein von der Verbindung der Lightning-Stecker nur minimal schwächer ist als der Klinkenstecker, doch die Position der Klinkenbuchse verbessert die Lage in Grenzbereichen zusätzlich.

Theoretisch gibt es für Nutzer von Lightning-Ohrhörern einen mechanischen Vorteil, wenn sie die Buchse dauerhaft mit den Ohrhörern belegen. Feiner Hosentaschenstaub dringt durch das konstante Belegen der Buchse nicht ein. Der Anwender muss nicht mehr so häufig putzen. Entsprechende Effekte können unserer Einschätzung nach aber frühestens nach einem Jahr erkennbar werden.

Es bleibt aber dabei: Auch mechanisch ist die Lightning-Buchse der Klinkenbuchse unterlegen. Bei einem Neugerät mag das noch kaum unterscheidbar sein. Spätestens nach einem halben Jahr dürften sich aber Unterschiede zeigen. Bei Geräten wie dem iPhone 6, immerhin zwei Generationen vor dem iPhone 7, zeigt sich das leider, wie bei unserem Gerät, sofort, wenn der Nutzer dazu neigt, sein Smartphone in der Hosentasche zu tragen. Handtaschennutzer dürften nicht so schnell betroffen sein. Selbiges gilt für iPads. Hier mussten wir noch nie eine Reinigung durchführen.

Die grundsätzlichen Probleme von Lightning-Audio

Die folgenden Probleme betrachten wir nur der Vollständigkeit halber. Sie sind teils nicht lösbar und werden von Apple bewusst in Kauf genommen. Wer Lightning-Audio benutzt, der kann beispielsweise den Akku nicht gleichzeitig laden. Das kann ziemlich nerven, wie ein Praxisbeispiel zeigt. Eigentlich wollten wir uns in dem staugeplagten überfüllten Nahverkehrssystem von Hongkong etwas entspannen. Doch wir verpassten den Ausstieg und navigierten mit Stöpseln im Ohr zu Fuß durch die Stadt und durch eine unübersichtliche Riesenbaustelle. Natürlich schwächelte mittendrin der Akku, das Akkupack beanspruchte unsere Lightning-Buchse, und wir mussten ohne Musikentspannung einen alternativen Weg suchen. So etwas mag nicht häufig vorkommen, doch wenn es passiert, bereut man als Anwender schnell die Anschaffung eines Lightning-Ohrhörers.


Es gibt aber Abhilfe: Belkins Dongle ermöglicht das Laden des Akkus bei gleichzeitiger Musikwiedergabe - für stolze 40 Euro extra. Vermutlich werden Akkupacks mit der integrierten Audiofunktion bald ebenfalls den Markt füllen. Die Zubehörindustrie freut's, den Anwender nervt's.

Fürs Flugzeug sollte man ein zweites Paar Ohrhörer mitnehmen

Und auch die anderen Probleme sind nicht überraschend. Wir haben im Flugzeug beispielsweise die schlechten United-Kopfhörer nutzen müssen, weil unser Lightning-Ohrhörer nicht passt. Bis sich die Luftfahrtindustrie anpasst, wird es wohl noch lange dauern - wenn überhaupt; der Markt hat schon den Wegfall des 30-Pin-Konnektors nicht so gut vertragen. Die Innovationszyklen von Apple sind für den Luftfahrtsektor zu schnell. Man wird vermutlich eher auf USB Typ C setzen, erste Luftfahrtprodukte sind schon in der Entwicklung.

Und die Probleme mit unserem Notebook sind auch einleuchtend: Wir haben ein Macbook mit USB-C (ohne Audio) und Klinke. Da passt der Lightning-Anschluss nicht und wir tragen auch deswegen unseren zweiten Ohrhörer trotz Kabelbruch noch mit uns herum.

Über die Zukunft lässt sich nur spekulieren. Verschwindet die Klinkenbuchse auch bei iPads und iPods? Macht Apple die Lightning-Buchse zum Standardanschluss bei seinen Notebooks? Wünschenswert wäre Letzteres für Apple-Nutzer, denn den Wegfall der Klinkenbuchse beim iPhone werden wohl viele Nutzer zähneknirschend hinnehmen. Allerdings nur, wenn Apple die Klinkenbuchse als Alternative am Macbook lässt. Mit den kürzlich vorgestellten Macbook-Pro-Geräten zeigt Apple allerdings, dass für professionelle Anwender der angeblich qualitativ schlechtere Klinkenstecker ausreichend ist. Apple verlangt also im Mac-Universum, dass der Anwender immer zwei Systeme mit sich führt: Lightning und Klinke.

Das Mindeste wäre, dass Apple seine Partner über die Zukunft informiert. Einerseits ist Apple sehr aktiv bei USB-C-Audio und dessen Standardisierung, andererseits hat Apple mit Lightning erst einmal Tatsachen geschaffen. Auch den Kunden gegenüber fänden wir eine faire Kommunikation wichtig. Aber die ist nicht unbedingt Apples Stärke.

Wir wissen nicht, wo es hingeht, deswegen ist nicht klar, wie groß die hier aufgezählten Nachteile im Endeffekt sein werden. Es ist durchaus möglich, dass sich vieles in den nächsten zehn Jahren bessert. Oder alles drahtlos wird, denn einige Smartphones lassen sich schon heute drahtlos laden und selbst Apple tut dies mit der Apple Watch. In jedem Falle befindet sich die iOS-Welt seit dem iPhone 7 in einer Umstellungsphase. Logisch wäre eine Unterstützung für Lightning-Kopfhörer in allen Apple-Produkten als Ergänzung zur Klinke.

Fazit und Verfügbarkeit von Lightning Audio

Die Earpods mit Lightning-Konnektor sind im Handel bereits verfügbar und kosten wie die alten mit Klinkenstecker 35 Euro. Voraussetzungen für die Nutzung sind laut Apple iOS 10 und ein Lightning-Anschluss.

Fazit

Wie sagte es Apples Phil Schiller so schön: Es braucht Mut, die Klinkenbuchse abzuschaffen und durch etwas Neues, Besseres zu ersetzen. Doch wo ist das Bessere? Laut Apple ist Lightning in allen Bereichen der Klinke überlegen. Probleme sollte es nicht geben, doch wir hatten sie. Ein Absturz eines iOS-Geräts mit einem Ohrhörer. Die Staubprobleme, die seltsamerweise Betriebssystemfunktionen aus dem Tritt bringen. Und auch die von Apple selbst eingestandenen Probleme mit den Lightning-Kontrollen mit iOS 10.0.1.

Mutig ist es in jedem Fall, etwas Bewährtes und Zuverlässiges durch etwas Neues, Fehlerbehaftetes auszutauschen. Die Bugs im System sind überraschend für eine eigentlich reife Schnittstelle. Eine übereilte Einführung dürfte eigentlich nicht notwendig gewesen sein, und es tut dem Ruf der Schnittstelle auch nicht gut, wenn die Anwender vom Start weg mit ausfallenden Fernbedienungen genervt werden.

Und auch die mechanischen Nachteile müssten nicht sein. Die Staubproblematik zeigt unserer Meinung nach, dass der Lightning-Anschluss nie für den Kopfhörer-Einsatz konzipiert wurde. Schon wenige Staubpartikel setzen den Anschluss so außer Gefecht, dass der Stecker nur schwach hält und das Betriebssystem offenbar Schwierigkeiten mit der lockeren Verbindung bekommt. Apple hat nicht daran gedacht, dass der Anschluss in staubigen Umgebungen wie einer Hosentasche genutzt werden könnte. Wer der Problematik entgehen will, nutzt am besten eine staubfreie Umgebung, reinigt die Buchse häufiger und achtet dabei darauf, den Anschluss nicht zu beschädigen. Spitze Gegenstände sind keine gute Idee, aber leider in der Praxis unterwegs am ehesten zu finden.

Apple hat mit der Umstellung auf Lightning-Audio leider etwas Einzigartiges geschafft: ein System einzuführen, das fast nur Nachteile hat. Vom angeblich viel besseren Klang ist bei der üblichen Nutzung unterwegs nichts zu spüren.

Zugegeben, einige der hier genannten Probleme tauchen erst nach einem halben Jahr auf. Doch der große Unterschied ist der: Bei der Klinkenstecker-Klinkenbuchse-Kombination treten sie bei gleicher Nutzung erst nach mehreren Jahren auf. Ein klarer Nachtteil von Lightning.

Bleibt noch der Vorteil des zusätzlichen Platzes in Smartphones. Aber ist der wirklich noch nötig? Wir finden: Er ist die Nachteile nicht wert. Wir würden lieber einen oder zwei Millimeter mehr bei der Gehäusedicke in Kauf nehmen, dann würde auch die Kamera nicht mehr hervorstehen und der Anwender hätte noch Platz für eine ordentliche, alte Klinkenbuchse.  (ase)


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