Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/android-google-sabotiert-pixel-updates-und-weiss-es-selbst-besser-1610-123841.html    Veröffentlicht: 17.10.2016 11:10    Kurz-URL: https://glm.io/123841

Android

Google sabotiert Pixel-Updates - und weiß es selbst besser

Der Kernel der neuen Pixel-Smartphones von Google ist jetzt schon alt und nutzt proprietäre Treiber von Qualcomm. Die Geräte bekommen wohl deshalb nur drei Jahre lang Updates. Bei Preisen bis 1.000 Euro ist das eine Blamage, denn Google hat mit dem Pixel C gezeigt, dass es auch ganz anders geht.

Für Android-Nutzer sind über Monate verzögerte oder nie erscheinende Updates ein leidiges Thema, was vor allem die Sicherheit stark gefährdet. Auch der eher kurze Supportzeitraum für Geräte ist mehr als lästig. Mit dem ersten eigenen Smartphone von Google, dem Pixel, hätte das endlich anders werden können - wird es wohl aber nicht. Und das liegt nicht an Providern wie Verizon oder der Telekom, sondern an Google selbst. Denn das Unternehmen hat sich offenbar dazu entschieden, nichts an den Problemen mit den schlechten Herstellertreibern zu ändern, die maßgeblich für die verfahrene Update-Politik von Android verantwortlich sind.

Hersteller-Dilemma mit externen Treiber und Patches

Laut den Zulassungsunterlagen der US-Kontrollbehörde FCC verwenden die Pixel-Smartphones den Linux-Kernel 3.18. Das ist zwar für Android-Geräte aktuell, doch diese Version ist schon knapp zwei Jahre alt und wird von der Kernel-Community selbst offiziell nur noch bis Anfang kommenden Jahres gepflegt. Google muss also den Kernel samt seiner zurückportierten Funktionen, die etwa die Sicherheit verbessern sollen, so lange selbst pflegen, bis die Updates für das Pixel eingestellt werden sollen.

Das ist im Prinzip kein Problem und wird von mehreren Linux-Distributionen seit Jahren erfolgreich umgesetzt. Doch als Basis der Pixel-Smartphones dient der Snapdragon 821 von Qualcomm. Ein Großteil der Treiber von Qualcomm ist nicht in den sogenannten Mainline-Kerneln der Linux-Community vorhanden, sondern wird Out-of-Tree von Qualcomm selbst gepflegt. Einige davon, darunter auch der besonders wichtige Grafiktreiber, sind proprietär. Und ebenjene Kernel-Treiber rücken mehr und mehr in den Fokus von Angreifern.

Für Kernel-Updates, die fast immer relevant für die Sicherheit der Nutzer sind, ist Google also zwingend auf die Mitarbeit von Qualcomm angewiesen. Immerhin finden sich in den Treibern von Qualcomm geschlossene Sicherheitslücken regelmäßig auch in den monatlichen Updates für Android. Die Frage ist dabei aber, wie lange Qualcomm den Code für seine Hardware unterstützt.

Langfristige Upgrades sehr unwahrscheinlich

Erschwerend kommt hinzu, dass neue Versionen von Android teilweise auch die Verwendung von Funktionen neuer Kernel-Versionen erfordern, weshalb zum Beispiel einige relativ neue Telefone wohl nie ein Upgrade auf Android 7.0 alias Nougat erhalten werden. Was auch am Umgang mit Treibern aufseiten der SoC-Hersteller liegt.

So bestätigten uns in der Vergangenheit mehrere ranghohe Entwickler bei Android-Geräte-Herstellern unabhängig voneinander, dass etwa Qualcomm Kernel-Upgrades wenn überhaupt nur gegen eine erneute Zahlung für Supportleistungen anbietet. Bei mehreren Millionen Zeilen Code, die dabei auf eine neue Version portiert werden müssen, ist es wenig verwunderlich, dass sich Qualcomm diesen Aufwand sehr gut bezahlen lassen will.

Für Google könnte ein Upgrade beispielsweise auf Kernel 4.4, um langfristig auch für die Pixel-Geräte neue Android-Versionen anbieten zu können, deshalb aber sehr teuer werden - oder eben wie bei anderen Hersteller auch nie stattfinden. Für seine Nexus-Geräte, die ebenfalls vielfach Qualcomm-Hardware verwenden, hat Google bisher stets auf ein derartiges Kernel-Upgrade verzichtet.

Aus Sicht der Kunden führt dies dazu, dass Google für seine Pixel-Geräte wie bei der Nexus-Reihe nur zwei Jahre lang Upgrades für Android-Versionen unterstützt sowie ein Jahr zusätzlich Sicherheitsupdates bietet. Das teuerste Pixel-Modell kostet rund 1.000 Euro und wird damit ab Verkaufsstart nur drei Jahre lang gepflegt. Durch eine geschickte Kooperation mit der Kernel-Community könnte zumindest noch die Zeit für die Sicherheitsupdates deutlich verlängert werden.

Ob dies eventuell doch noch geschehen wird, ist aber völlig offen. Das ist unverständlich, zumal Hauptkonkurrent Apple immerhin fünf Jahre Support für seine iPhones bietet. Das schließt aber nicht nur Sicherheitsupdates ein, sondern auch Upgrades für die jährlich veröffentlichten iOS-Versionen.

Google beweist selbst: Es geht auch anders

Einer der Gründe, warum sich die Situation auch für die Pixel-Smartphones von Google nicht grundlegend geändert hat, könnte sein, dass die Geräte nicht direkt von Google selbst hergestellt werden, sondern wie die Nexus-Geräte auch von Vertragspartnern - in diesem Fall HTC. Und ein Hersteller unter vielen hat vermutlich nur wenig Marktmacht, um etwa Kernel-Upgrades oder gar freie Treiber des Herstellers fordern zu können. Außerdem verfügt HTC über kein eigenes SoC, sondern muss diese Technik einkaufen.

Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Denn dem Chrome-OS-Team bei Google gelingt es auch, seine Hardwarepartner dazu zu bringen, Hardware mit offenen Treibern zu verwenden, die in den Mainline-Kernel von Linux eingepflegt werden. Zudem nutzen die Chromebooks die Firmware Coreboot, die als freie Alternative zu dem mittlerweile in PCs und Laptops verwendeten UEFI eingesetzt wird. Das Android-Team bei Google hat aber offenbar keinerlei Interesse daran, Ähnliches umzusetzen.

Das Pixel C bietet fast perfekte Grundlage für Updates

Dass ein Android-Gerät dennoch weitgehend unabhängig von proprietären Treibern gestaltet werden kann und damit auch auf langfristige Upgrades vorbereitet ist, zeigt ausgerechnet das Chrome-OS-Team mit dem Pixel C. Zwar hat Google sein edles Android-Tablet nie offiziell mit Chrome OS vorgestellt, es ist aber offensichtlich, dass es ursprünglich dafür gedacht gewesen ist.

So basiert die Firmware des Pixel C auf Coreboot, die Kernel-Treiber sind freie Software und werden aktiv in den Mainline-Kernel eingepflegt. Das Chrome-OS-Team pflegt mit dem DRM-HWComposer sogar den Hack, der es ermöglicht, den Android-Grafikstack einfach auf den freien Linux-Treibern auszuführen. Üblicherweise ist bei Android-Geräten jedoch die Abstraktionsschicht des HWComposer eine spezifische und proprietäre Implementierung der SoC-Hersteller.

Vermutlich im Auftrag von Google hat darüber hinaus der Collabora-Angestellte Gustavo Padovan das sogenannte Explicit Fencing in den Mainline-Kernel eingebracht. Diese Funktion wiederum vereinfacht die Pflege des DRM-HWComposers enorm. Letztlich ist auch davon auszugehen, dass Nvidia die proprietären Userspace-Bestandteile für die GPU im Pixel C über einen sehr langen Zeitraum pflegen kann und wird. Es ist damit auf jeden Fall machbar, das Pixel C fünf Jahre oder gar noch länger mit Android-Upgrades zu versorgen.

Es braucht ein echtes Google-Smartphone

Richtig entscheidend daran ist wohl aber, dass das Gerät nicht in Kooperation mit einem anderen Hersteller wie LG oder HTC entstanden ist, sondern eben bei Google selbst. Bei der Entwicklung eines Smartphones ist eine derartige Vorgehensweise allerdings mit einigen Problemen verbunden. So muss etwa ein Mobilfunkmodul auf dem Board oder direkt in dem SoC integriert sein. Wohl auch deshalb hat Google für die ersten Pixel-Smartphones eine Abkürzung gewählt, die nicht im Interesse der Kunden sein kann.

Es bleibt zu hoffen, dass Google diese Problematik erkennt und gewillt ist, künftig Lösungen anzubieten. Eine wäre, dass Google wie auch Apple das gesamte Hardwaredesign inklusive SoC und dafür benötigte Treiber selbst übernimmt. Wesentlich einfacher für Google wäre es aber wohl, für seine Smartphones eine Hardwarekooperation umzusetzen, wie diese seit Jahren für Chrome OS existiert. Die Grundlagen dafür sind immerhin vorhanden.  (sg)


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