Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/daimler-sicherheitschef-selbstfahrende-autos-sollen-zuerst-insassen-retten-1610-123736.html    Veröffentlicht: 11.10.2016 12:20    Kurz-URL: https://glm.io/123736

Daimler-Sicherheitschef

Selbstfahrende Autos sollen zuerst Insassen retten

In der Debatte über die Ethik autonomer Autos prescht Daimler vor. Die Sicherheit der Fahrzeugsinsassen solle im Zweifel zuerst geschützt werden.

In der Debatte über "ethische Entscheidungen" selbstfahrender Autos will Daimler dem Schutz von Fahrzeuginsassen eine höhere Priorität beimessen. "Wenn man das Leben zumindest einer Person retten kann, rettet man wenigstens das eine: das in dem Auto", sagte der Abteilungsleiter Aktive Sicherheit von Daimler, Christoph von Hugo, der US-Website Caranddriver.com auf dem Pariser Autosalon. Wenn man sichergehen könne, einen Verkehrstoten zu verhindern, habe das die höchste Priorität, fügte Hugo hinzu.

Ende September hatte sich in Berlin erstmals die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingesetzte Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren getroffen. Das Gremium unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio soll Leitlinien für die Programmierung automatisierter Fahrsysteme entwickeln. Di Fabio forderte nach dem Treffen: "Automatisierte Fahrsysteme müssen sich in eine Rechtsordnung einfügen, die den Menschen in seiner körperlichen Integrität und als selbstbestimmte Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt."

Ausweichen oder vollbremsen

Bislang antworten die Autohersteller eher ausweichend auf die Frage, wie sich die autonomen Autos in sogenannten Dilemma-Situationen verhalten sollen. Beispielsweise: Soll das Fahrzeug eher in eine Fußgängergruppe fahren oder in den Gegenverkehr ausweichen? Derzeit stünden Unfallvermeidung und eine generelle Schadensminimierung im Vordergrund, teilten jüngst die deutschen Hersteller Daimler, Audi, BMW und Volkswagen mit. Die Strategien zur Unfallvermeidung konzentrierten sich generell auf "sichere Ausweichmanöver". Sei dies nicht möglich, solle das Auto versuchen, "die Fahrgeschwindigkeit in der Fahrspur maximal zu reduzieren", sagte Daimler.

Eine solche Vollbremsung hält Hugo demnach auch für am sinnvollsten, wenn ein Auto beispielsweise auf eine Kindergruppe zufährt und kein sicheres Ausweichen möglich ist. "Man könnte das Auto opfern. Aber dann weiß man immer noch nicht, was mit den Menschen passiert, die man ursprünglich gerettet hat, da solche Situationen oft sehr komplex sind. Daher rettet man die, von denen man weiß, dass man sie retten kann", sagte Hugo. Das heißt, durch ein unkontrolliertes Ausweichmanöver oder eine Kollision mit einem Hindernis in unmittelbarer Nähe könnten die Menschen, denen ausgewichen wurde, nachträglich doch noch verletzt oder getötet werden.

Autos sollen Dilemma-Situationen vermeiden

Hugo hält die ethische Diskussion allerdings für weit weniger relevant als viele Menschen heute glaubten. "Das wird viel seltener passieren", sagte der Daimler-Manager und fügte hinzu: "99 Prozent der Entwicklungsarbeit besteht darin, zu verhindern, dass solche Situationen überhaupt auftreten. Wir arbeiten daran, dass unsere Autos überhaupt nicht erst in solche Situationen geraten und potenzielle Situationen vermeiden, in denen solche Entscheidungen getroffen werden müssen."

Mit seinen Überlegungen entspricht Hugo wohl auch den Erwartungen der meisten potenziellen Autokäufer. Die Menschen finden "ethische Autos" zwar prinzipiell gut, wollen im Zweifel aber lieber in einem Auto fahren, das vor allem seine Insassen schützt. "Die Leute wollen Autos, die sie selbst und ihre Mitfahrer um jeden Preis schützen. Sie finden es toll, wenn alle anderen ethische Autos fahren, aber sie wollen solch ein Auto ganz bestimmt nicht für ihre Familie", sagte der MIT-Professor Iyad Rahwan nach einer entsprechenden Umfrage. Derzeit sei kein einfacher Weg erkennbar, Algorithmen zu programmieren, die moralische Werte und persönliche Eigeninteressen miteinander verbinden könnten.  (fg)


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