Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/alienware-alpha-r2-im-test-konsolen-feeling-dank-maus-emulation-1610-123714.html    Veröffentlicht: 20.10.2016 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/123714

Alienware Alpha R2 im Test

Konsolen-Feeling dank Maus-Emulation

Die zweite Generation des Mini-PCs mit zwei Litern Volumen macht vieles besser als ihr Vorgänger, vor allem bei der Geschwindigkeit und Software. Die Festplatte und die Lüfter nerven aber.

Alienware machte vergangenes Jahr aus der Not eine Tugend und veröffentlichte seinen Mini-PC als Alienware Alpha mit Windows statt SteamOS. Damit das Konzept ähnlich wie eine Konsole auch im Wohnzimmer funktioniert, entwickelte Alienware das Alpha-UI und legte ein drahtloses Xbox-360-Gamepad bei. Vollständig überzeugen konnte uns der erste Alienware Alpha allerdings nicht, vor allem die Oberfläche.

Seit einigen Wochen ist der neue Alienware Alpha R2 im Handel erhältlich, bei dem die Dell-Tochter die Hardware und die Software überarbeitet hat. So viel sei gesagt: Die Kritikpunkte sind verglichen mit der ersten Version deutlich geringer. An einigen Kompromissen, die Nutzer eines Alpha eingehen müssen, ändert allerdings auch die zweite Generation nichts.

Optisch hat sich beim Alpha R2 wenig geändert: Noch immer besteht der Mini-PC aus mattschwarzem Kunststoff. Mit 200 x 200 x 55 mm weist er die gleichen Maße wie sein Vorgänger auf - das sind 2,2 Liter Volumen. Zum Vergleich: Microsofts Xbox One S misst 300 x 230 x 70 mm (4,8 Liter) und Sonys Playstation 4 Slim bringt es auf 290 x 265 x 38 mm (2,9 Liter). In beiden Konsolen ist jedoch das Netzteil integriert, dem Alpha R2 liegt ein externes 180-Watt-Modell bei. Auch fehlt Alienwares Mini-PC ein (4K-UHD-)Blu-ray-Laufwerk, was bei dem Volumen kaum wundert.

Altbekannt sind einige der Anschlüsse verglichen mit dem ersten Alpha. An der Front gibt es zwei USB-3.0-Ports und einen USB-2.0-Anschluss hinter einer Klappe auf der Unterseite. Dort passt zwar der Funkempfänger eines Steam Controllers hinein, nicht aber der des Xbox-One-Pads und schon gar nicht der des mitgelieferten Xbox-360-Controllers. Der baumelt an der Rückseite herunter, dort sitzen zwei weitere USB-3.0-A-Ports. Hinzu kommt ein optischer Toslink für Audio, allerdings kein Klinkenanschluss.

Neu sind die beiden HDMI-Anschlüsse: Einer ist als Eingang ausgelegt, so kann beispielsweise ein Blu-ray-Player durchgeschleift werden. Der andere ist ein HDMI-2.0-Ausgang, der 4K-UHD-Bildschirme bei 60 Hz ansteuern kann und sich prinzipiell auch für VR-Headsets eignet. Der Power-Schalter in Form eines Alien-Kopfes und die vordere linke Ecke des Alpha R2 sind beleuchtet - begrüßt werden wir von einer neuen Oberfläche.

Hive Mind braucht etwas Übung

Diese bezeichnet Alienware angelehnt an den bei der Darstellung von Aliens oft anzutreffenden Schwarm als Hive Mind, also als quasi den Brainbug des Systems - wer Starship Troopers gelesen oder geschaut hat, wird sich erinnern. Die Oberfläche basiert auf Kodi 16.1 und setzt auf Windows 10 x64 auf. Der Alpha R2 verfügt über zwei Nutzermodi: Hive Mind oder Desktop. Das System bootet per Standard in die Konsolenoberfläche.

Was uns gut gefällt, ist die klare Strukturierung - unterteilt in Spiele, Musik, Programme, Bilder, Videos und Einstellungen. In Letzteren justieren wir unter anderem, ob Hive Min und Grafiktreiber automatisch aktualisiert werden sollen, welche Farbe die Beleuchtung aufweist sowie Audio- und Display-Optionen. Wichtig für die generelle Bedienung: Die Oberfläche an sich wird per Gamepad gesteuert, so wie bei einer Spielekonsole. Das klappt für lokal gespeicherte Musik oder Videos ebenso wie für Streamingangebote von Netflix über Spotity bis hin zu TwitchTV und Youtube.

Um Spiele zu zocken, kommen Nutzer aber früher oder später nicht um die Maus- und Tastatur-Emulation herum: Die wird eingeschaltet, indem wir die vier Schultertasten und den linken Analogstick des Controllers gleichzeitig drücken. So navigieren wir uns zum Installer von Blizzards Battle.net, EAs Origin, GOG Galaxy oder Ubisofts Uplay, denn einzig Valves Steam Big Picture unterstützt native diverse Gamepads. Einmal installiert, sind alle Spiele über den Game Launcher auffindbar. Praktisch ist eine Erweiterung, um auf Nvidias vorinstallierte Geforce Experience zuzugreifen: Diese passt Spiele automatisch ganz passabel an die Leistung des Alpha R2 an und ermöglicht, Let's-Plays via TwitchTV zu streamen.

Insgesamt erfordert Hive Mind ein bisschen Eingewöhnung, da hin und wieder auf die Emulation gewechselt oder erst Addons installiert werden müssen. Ist das jedoch erst einmal erledigt, dann geht die Bedienung flüssig von der Hand und es stellt sich tatsächlich Konsolenfeeling ein. Dabei helfen die automatischen Updates - wer möchte, kann aber den Grafiktreiber anders als beim ersten Alpha auch einfach manuell aktualisieren. Ansonsten sucht das System alle paar Tage nach Updates, Gleiches gilt für die Geforce Experience. Ein paar kleinere Punkte nerven uns allerdings.

Alienware hat vergessen, die Kachel mit dem Zurück-Pfeil zu entfernen, der für die Nutzung eines Gamepads schlicht überflüssig ist. Wer vom Hive Mind auf den Desktop möchte, kann das ohne Neustart - umgekehrt wird aber ein Reboot notwendig. Auch stört uns, dass im Game Launcher nicht die erste Kachel der zweiten Zeile angewählt wird, wenn wir ausgehend von der ganz rechten Kachel in der ersten Zeile per D-Pad nach rechts klicken. Stattdessen öffnen sich die Anzeigeoptionen, was uns jedes Mal irritierte.

Genug von der Oberfläche - Zeit für Hardware und Benchmarks.

Deutlich flotter als noch 2015

Das Innenleben ist gut zu erreichen, wir müssen nur vier Schrauben lösen. Auf der einen Seite befindet sich ein 2,5-Zoll-Schacht, in dem bei unserem Alpha R2 eine 500-GByte-Festplatte verbaut ist. Die Sata-6-GBit/s-Schnittstelle eignet sich auch für SSDs im gleichen Formfaktor. Drehen wir die Konstruktion um, liegen alle restlichen Komponenten offen: Alienware setzt auf eine Platine mit Sockel 1151; darin steckt ein Core i7-6700T mit vier Kernen, SMT für acht Threads und einer TDP von 35 Watt. Der Skylake-Chip taktet mit 2,8 bis 3,6 GHz und lief die meiste Zeit mit 3+ GHz.

Nebenan befindet sich die verlötete Grafikeinheit, eine Geforce GTX 960 mit 4 GByte GDDR5-Videospeicher. Beide Chips sind von einem verschraubten Kühler bedeckt, über die jeweils ein Radiallüfter pustet und so die Abwärme nach hinten ins Freie befördert. Die Propeller rauschen unter Last arg laut und nerven schon im Leerlauf durch eine mies abgestimmte Hysterese. Dies sollte Alienware mit einem Firmware-Update überarbeiten, denn ein konstanter Pegel wäre definitiv akustisch angenehmer.

Anders als beim Vorgänger ist nur ein RAM-Slot verfügbar, der DDR4-Speicher in SO-DIMM-Bauweise aufnimmt. Unser Modell war mit 8 GByte DDR4-2133 ausgestattet. Neben der Speicherbank befindet sich ein M.2-Slot für SSDs mit 80 mm Länge. Der Steckplatz unterstützt das NVMe-Protokoll und ist offenbar mit vier PCIe-3.0-Lanes an den H170-Chipsatz angebunden, das legen Messwerte von Samsungs 960 Pro nahe. Das Gigabit-Ethernet stammt von Realtek. Die 3165-NIC von Intel unterstützt ac-WLAN, aber leider nur mit einer 1x1-Antennen-Konfiguration.

Für 1080pü mit 60 fps gut gerüstet

Verglichen mit der Geforce GTX 860M im ersten Alpha ist die Geforce GTX 960 weitaus flotter, denn die 1.024 statt 640 Shader-Einheiten plus die neuere Maxwell-v2-Architektur machen sich bemerkbar. Die Grafikeinheit läuft mit 1,25 GHz und drosselt ihren Takt nicht. Zusammen mit dem Core i7-6700T ermöglicht die Geforce GTX 960 eine Bildrate und Optik, die klar über dem liegt, was eine Playstation 4 oder Xbox One erreichen. Die Qualität dürfte in etwa dem entsprechen, was die Playstation 4 Pro leisten wird.

So läuft Rise of the Tomb Raider mit hohen Details unter Direct3D 11 in 1080p mit 50 fps. Das neue Doom rödelt 'dank' der Festplatte zwar arg lange, läuft dann aber rund: Wir messen mit Ultra-Einstellungen und Vulkan flüssige 70 fps in 1080p. Für diese Leistung benötigt der Alpha R2 allerdings 141 Watt, deutlich mehr als die S(lim)-Varianten der Konsolen. Im Leerlauf genehmigt sich der Mini-PC niedrige 21 Watt auf dem Windows-Desktop, mit Hive Mind sind es 27 Watt. Das ist sparsamer als PS4 und Xbox One.

Kommen wir zu unserem Resümee des Alienware Alpha R2.

Verfügbarkeit und Fazit

Alienware verkauft den Alpha R2 über seinen Shop in vier Varianten, denn bei der fünften und günstigsten für 570 Euro handelt es sich um das Vorjahresmodell. Den eigentlichen Alpha R2 gibt es ab 770 Euro: Dieser Preis umfasst einen Core i5-6400T mit vier Skylake-Kernen, 8 GByte Arbeitsspeicher, einer 1-TByte-Festplatte und einer Radeon RX 470 (2 GByte).

Für 840 Euro bekommen Käufer den Alpha R2 mit einer Geforce GTX 960 mit 4 GByte Videospeicher, aber nur mit einer 500-GByte-Festplatte. Die Variante für 920 Euro ist wieder mit der Radeon R9 M470X ausgestattet, wird allerdings mit dem schnelleren Core i7-6700T mit SMT und mehr Takt kombiniert. Der von uns getestete Alpha R2 mit einem Core i7-6700T, 8 GByte RAM, einer Geforce GTX 960 und 500-GByte-Festplatte kostet 990 Euro.

Jedes der Modelle kann mit einer Festplatte mit bis zu 1 TByte und einer SSD mit 1 TByte in Sata- oder PCIe-Ausführung aufgerüstet werden. Obendrein steht Intels 8620-NIC mit flotterem 2x2-ac-WLAN zur Verfügung und es gibt für 50 Euro Aufpreis einen drahtlosen Xbox-360-Controller als Zubehör.

Fazit

Uns gefällt die Idee und Umsetzung des Alienware Alpha R2 prinzipiell: Das sehr kompakte System liefert trotz des Formfaktors eine ansprechende Leistung, die ausreicht, um alle Spiele mit einer Qualität zu zocken, welche die der aktuellen Konsolen übersteigt. Die meisten Titel laufen in 1080p mit über 60 fps, einzig bei einigen Spielen und maximalen Details sind es weniger Bilder pro Sekunde. Für Fernseher eignet sich der Mini-PC sowieso, da die über Windows 10 gelegte Hive-Mind-Oberfläche per Gamepad bedient wird, was mit ein bisschen Eingewöhnung gut klappt.

Käufern muss aber klar sein, dass der Alpha R2 kein Blu-ray-Laufwerk aufweist und vor allem unter Last ziemlich röhrt. Im Wohnzimmer mag das wenig stören, auf dem Schreibtisch ohne gut dämmendes Headset hingegen in ruhigen Spielabschnitten schon. Obendrein ist eine Festplatte als Basislaufwerk einfach nicht mehr zeitgemäß, wenigstens eine 128-GByte-SSD für Windows sollte bei dem recht hohen Preis enthalten sein.

Wer sich mit den lauten Lüftern und der HDD arrangieren kann, erhält einen schnellen Mini-PC mit weitestgehend durchdachter Oberfläche. Anders als eine Konsole eignet sich der Alpha R2 auch für alltägliche Arbeiten.  (ms)


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