Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/gears-of-war-4-im-test-hach-endlich-knattert-es-wieder-1610-123698.html    Veröffentlicht: 13.10.2016 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/123698

Gears of War 4 im Test

Hach, endlich knattert es wieder

In Deckung, ballern, sägen - grinsen: Gears of War 4 macht richtig Laune, klingt gut und sieht noch besser aus. Schade nur, dass das Spiel gleich doppelt ein bisschen enttäuscht, wenn auch mit Ansage.

JD Fenix hat es nicht leicht: Sein Vater ist der berühmte Marcus Fenix, der vor 25 Jahren die Locust- und die Lambent-Monster besiegt hat und zum Helden der KOR (Koalition der ordentlichen Regierungen) wurde. Der Sohn hingegen ist ein Rebell und zieht den Ärger der ihm ohnehin schon nicht wohlgesinnten Allianz auf sich, als er mit seinen Freunden einen Fabrikator klauen will. Bis zu diesem Zeitpunkt ist Gears of War 4 trotz Rückblenden, welche die Handlung der Vorgängerspiele zusammenfassen, reichlich schnarchig und die Figuren sind blass. Wer will schon gegen schnöde Robotersoldaten kämpfen?

Erst nach etwa einer guten Stunde und dem Besuch bei einem alten Bekannten nimmt die Geschichte endlich Fahrt auf: Die Charaktere frotzeln ständig und bewerfen sich dabei nur so mit sarkastischen Sprüchen - Gears of War, wie wir es lieben. Manchmal hatten wir gar das Gefühl, JD und Co. wissen ganz genau, dass sie nicht real sind. Auf die Frage, wieso zur Hölle es denn in einer uralten Mine Strom gebe, folgt die völlig logische Antwort prompt auf dem Fuße: Geothermalenergie! Und wenn wir eine Tür aufbrechen sollen, wird das mit einem lakonischen 'Ich hasse große Tore' kommentiert.

Die deutsche Synchronisation hält mit der exzellenten englischen nicht ganz mit: Stimmen wie die von Michael 'Top Dollar' Wincott gefallen uns gut, die harte Sprache samt Slang kommt aber nicht so richtig rüber. Dafür knattert die Kettensäge am ikonischen Lancer-Gewehr wie früher und auch spielerisch hat der neue Entwickler The Coalition die Mechanik zum Glück nur behutsam überarbeitet: Gemeinsam mit mindestens einem Squad-Mitglied hechten wir von (zerstörbarer) Deckung zu Deckung oder neuerdings auch mit Anlauf drüber und versuchen einen Gegner nach dem anderen auszuschalten: auf die Distanz mit dem Lancer, auf mittlere Entfernung mit der Gnasher-Schrotflinte und dann zertrennt die Kettensäge das, was uns im Weg steht.

Im Laufe des Spiels bekommen wir es mit dem Schwarm zu, darunter flinke Larven, die sich mit einem fiesen Kreischen ankündigen und an Wänden entlangrennen, aus Nestern steigende Ekelviecher und dicke Brocken, die uns einfach verschlucken oder gleich zerquetschen. Der Schwierigkeitsgrad zieht langsam an, die Gegner werden mehr und härter - wer da beim Nachlademinispielchen versagt, verliert seinen Kopf. Gear of War 4 geizt wenig überraschend nicht mit Blut und Körperteilen oder zertrampelten Monstern, stellt auf Wunsch aber auch nur sprühende Funken dar.

The Coalition beweist meist (aber leider nicht immer) ein Gespür, wann der Spieler genug hat und leitet mit dem typischen Gong einen Szenenwechsel ein. Dann ist Zeit, die Umgebung zu bewundern: Von einem Friedhof über eine trutzige Festung mit schleimigen Katakomben und einem stillgelegten Windkraftwerk bis hin zu einem gigantischen Damm kämpfen wir uns durch herrliche Architektur, die von der Natur überwuchert wird. Beklemmende, atmosphärische Abschnitte mit feiner Musikuntermalung wechseln sich mit hektischen Passagen wie einer Flucht auf dem Motorrad ab.

Selbst minimale Physikrätsel gibt es, denn ein neues Element sind die bedrohlich tobenden Sturmfronten: Die fegen über einige Schlachtfelder, schleudern Stahlrohre auf Feinde oder beeinflussen die Flugbahn von ballistischen Geschossen. Eher lächerlich sind die Blitzkreise am Ende solch eines Abschnittes, die aussehen wie Zauber aus einem MMO und uns abrupt töten. Apropos: Das Ende des Spiels kam auch etwas plötzlich, wenngleich der Packungsaufdruck - 'Der Auftakt einer neuen Saga' - uns das hat erwarten lassen.

Wie auch immer: Die Kampagne bietet gut zehn Stunden beste Unterhaltung, alleine oder zu zweit - denn alle Missionen sind kooperativ im Splitscreen spielbar und machen so dank taktischer Absprachen noch mehr Laune. Wem das nicht genügt, kann sich im Horde-3.0- und im Mehrspielermodus austoben.

Multiplayer, Technik, Fazit

Horde 3.0 ist für bis zu fünf Spieler ausgelegt, die in unterschiedliche Rollen wie Pionier oder Scharfschütze schlüpfen, um per Fabrikator diverse Verteidigungsanlagen zu errichten. Anschließend gilt es, Dutzende von Wellen an Gegnern samt Bossen durchzustehen. Für jeden erledigten Feind und überlebte Runden verdienen wir uns Punkte, um sie in Verbesserungen zu investieren. Im eigentlichen Multiplayer kämpfen wir gegen Bots oder menschliche Opponenten, sei es im klassischen Team-Deatchmatch oder neuen Ideen wie Wettabrüsten. Hier gilt es, mit jeder Waffe des Spiels drei Kills zu erzielen - spannend.

Die PC-Version belegt satte 80 GByte auf der Festplatte oder SSD und hat einige grafische Vorzüge verglichen mit der Xbox-One-Version. Während Letztere in der Kampagne und im Horde-Modus in 1080p mit 30 fps und im Multiplayer mit 60 Bildern pro Sekunde läuft, ist am Rechner wie üblich deutlich mehr möglich. Dort wird allerdings Windows 10 x64 vorausgesetzt, und wie der Techniktest von Gears of War 4 zeigt, läuft das Spiel nur in nativer Displayauflösung oder mit eingeschalteter vertikaler Synchronisation richtig flüssig.

Optisch überzeugt der Shooter: The Coalition holt aus der Unreal Engine 4 enorm viel heraus, schicke Licht- und Schattenspiele zeigt Gears of War 4 genauso wie volumetrische Beleuchtung, feine Partikeleffekte, hochauflösende Texturen und exzessiv eingesetzte Tiefenunschärfe. Schade ist, dass die Videos nur in 1080p vorliegen und Flammen mit 30 Hz dargestellt werden. Dafür beherrscht der Sound die leisen Töne und auch den wummernden Bass - toll.

Gears of War 4 hat trotz der drastischen Gewaltdarstellung eine FSK-18-Freigabe erhalten. Das Spiel ist digital über den Microsoft Store unter Windows 10 erhältlich und dank Xbox Play Anywhere per gleichem Account auch für die Xbox One. Die Konsolenversion ist obendrein auf Blu-ray verfügbar.

Fazit

Zugegeben: Wir waren skeptisch, ob das neue Entwicklerstudio es verbockt - aber nein, The Coalition hat geliefert und wir haben Gears of War 4 an mehreren Abenden quasi an einem Stück durchgespielt. Der Prolog ist leider etwas schnarchig, dann aber sorgt die Kampagne bis zum Ende für überaus abwechslungsreiche Bombastunterhaltung. Das Gameplay - ja, der muss sein - läuft so geschmiert wie die Kettensäge des Lancers, einzig manch ein Spieler wäre froh, wenn einige Passagen ein bisschen gestrafft würden.

Der Titel wirkt fast durchweg rund, die Story ist exzellenter Fan-Service. Wir haben breit gegrinst, wir haben schwer geschluckt und wir haben geflucht. Gears of War 4 ist ein bisschen so, wie nach vielen Jahren einen alten Freund zu treffen: Es dauert ein wenig, um wieder auf eine Wellenlänge zu kommen, dann aber fühlt es sich genauso an wie damals. Nur mit fetterer Optik.  (ms)


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