Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/besuch-bei-dedrone-keine-chance-fuer-unerwuenschte-flugobjekte-1609-123455.html    Veröffentlicht: 28.09.2016 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/123455

Besuch bei Dedrone

Keine Chance für unerwünschte Flugobjekte

Multicopter über Menschenmassen, Atomkraftwerken, Unglücksorten: Unerwünschte Flugobjekte werden zunehmend zur Gefahr. Davon profitiert die Drohnenabwehr. Sie ist schon ziemlich ausgefeilt, wie unser Besuch beim Spezialisten Dedrone gezeigt hat.

Langsam nähert sich der Multicopter dem dampfenden Kühlturm, die eingebaute Kamera schwenkt nach unten, direkt in die weißen Schwaden. In der nächsten Einstellung schiebt sich das Fluggerät über den Rand des Kühlturms des Atomkraftwerks Leibstadt in der Schweiz. Zuschauer können bis zum Boden des riesigen Gebildes schauen.

Die Bilder, die der Drohnenpilot Jürg Knobel im August 2016 vom Atomkraftwerk in seiner Nachbarschaft machte, sind faszinierend, erzeugen aber auch ein mulmiges Gefühl. Das liegt daran, dass Atomkraftwerke auf viele Menschen eine bedrohliche Wirkung haben, aber auch an der Tatsache, dass der Pilot offenbar ohne Schwierigkeiten seine Runden über dem Kraftwerk drehen konnte - eine nicht ungefährliche Aktion.

Nach eigenen Angaben wollte Knobel zeigen, wie leicht man in der Schweiz über Atomkraftwerken fliegen könne - verboten ist das dort nicht. In Deutschland hingegen schon, ebenso das Fliegen mit unbemannten Objekten bis zu einem Gewicht von 10 Kilogramm über Menschenansammlungen, Unglücksorten, Gefängnissen, militärischen Anlagen und Luftsperrgebieten, also beispielsweise Flughäfen.

Verbote sind eine Sache, deren Durchsetzung eine andere. In der Vergangenheit hat es besonders in Flughafennähe einige Zwischenfälle mit Multicoptern gegeben, deren Besitzer nicht ermittelt werden konnten. Ohne eingebaute Geofencing-Sperre können unerfahrene Nutzer problemlos beispielsweise mit einer 100-Euro-Drohne in den Luftraum des Frankfurter Flughafens fliegen und Chaos anrichten.

Dedrone will schnelle Erkennung von unerwünschten Fluggeräten bieten

Der deutsche Hersteller Dedrone hat diese Gefahr erkannt und bietet für Unternehmen, Behörden und Privatpersonen mit dem Dronetracker ein System an, das Multicopter und andere unbemannt fliegende Objekte erkennen und davor warnen kann. Bei einem Besuch in der Deutschlandzentrale in Kassel hat Golem.de die Version 2.0 des Systems ausprobieren können.

Der Dronetracker arbeitet passiv: Er erkennt Bedrohungen und warnt davor, kann Objekte aber nicht vom Himmel holen. Das ist technisch zwar durchaus machbar, etwa mit einem Frequenz-Jammer. "In Deutschland ist aber zumindest Privatpersonen ohne Genehmigung die Nutzung derartiger Geräte nicht erlaubt", erklärt Jan Peter Schween, Senior Sales Engineer bei Dedrone.

Dronetracker wird in bestehende Infrastruktur integriert

Dedrones Konzept ist stattdessen, sein Copter-Abwehrsystem in bestehende Alarmanlagen einzubauen. So können bei der positiven Erkennung einer Bedrohung, je nach bestehender Infrastruktur, verschiedene Alarmmaßnahmen ergriffen werden.

Dronetracker kommt fertig montiert zum Kunden

Der Dronetracker erinnert an ein kleines Andreaskreuz mit einer Halbkugel in der Mitte und kommt fertig montiert und einsatzbereit zum Kunden. In der Halbkugel sitzt neben einem Großteil der Technik die Kamera, das Herzstück des Überwachungssystems. In der Grundausstattung verfügt der Dronetracker über eine Kamera, einen Audiosensor und einen WLAN-Sensor. In dieser Konfiguration kann er komplett autark als Drohnenwarnsystem verwendet werden. Der Preis liegt bei 7.000 Euro.

Die Kamera deckt einen Sichtbereich von 90 Grad ab und hat - je nach Sichtverhältnissen - eine Reichweite von 50 bis 800 Metern. Der Audiosensor erkennt verdächtige Copter-Geräusche auf eine Entfernung von bis zu 70 Metern, WLAN-Signale können auf bis zu 300 Meter erkannt werden. Besonders viele preiswertere Multicopter werden mittlerweile über WLAN-Signale gesteuert, weshalb Dedrone in seinem System einen derartigen Sensor verwendet.

Auch Einbindung von Radartechnik ist möglich

Gegen Aufpreis ist auch die Einbindung eines RF-Sensors in den Dronetracker möglich. Dieser erkennt die Signale der Fernsteuerung oder auch der Bildübertragung und bietet daher eine weitere Möglichkeit der Erkennung. Abrunden lässt sich Dedrones Warnsystem mit einer Radaranlage. "Radartechnik setzen wir aktuell allerdings nur zusammen mit Airbus auf Flughäfen ein, und nicht im privaten Bereich", erklärt Schween.

Nutzer des Dronetrackers können entscheiden, wie viele der vorhandenen Sensoren für einen Alarm ausgelöst werden müssen und diese gewichten. "Diese Entscheidung hängt von der Situation ab, in der das System eingesetzt wird", sagt Schween. Bei einem Fußballspiel in einem vollbesetzten Stadion wäre es beispielsweise nicht sinnvoll, den Audiosensor zu verwenden, da die Geräuschkulisse zu laut wäre.

Dronetracker arbeitet nach Installation weitgehend autark

Der aufgestellte Dronetracker arbeitet nach der Einrichtung eigenständig, Anwender müssen keine eingehenden Daten kontrollieren. Entdeckt das System ein auffälliges Flugobjekt, schlägt es Alarm - je nachdem, wie es in ein bestehendes System eingebunden ist. Dieser Alarm kann von einer Benachrichtigung auf ein Smartphone über das Auslösen eines Alarmtons bis hin zu automatisiert gesteuerten Schutzmaßnahmen wie dem Schließen von Toren reichen.

Für die Einbindung in bestehende Alarmsysteme stehen Softwarezugänge über APIs zur Verfügung. Es ist auch möglich, über Relais Schalter zu schalten. Dadurch lässt sich der Dronetracker in Alarmanlagen von Industrieanlagen einbauen.

Die Nutzeroberfläche mit den Livedaten des Dronetrackers ist für Administratoren gedacht, der normale Nutzer bekommt diese nicht zu sehen. Jan Peter Schween hat uns, zusammen mit einem Drohnenpiloten, allerdings das UI eines laufenden Systems gezeigt, das am Dedrone-Gebäude in Kassel angebracht ist.

System erkennt Drohne im Test zuverlässig

Sobald der Pilot sich mit einem Multicopter dem aus drei Dronetrackern bestehenden Systems näherte, schlugen die ersten Sensoren an, die grafisch in der Benutzeroberfläche angezeigt werden. Als erstes bemerkte der Audiosensor die Drohne. Anschließend registrierten der WLAN- und der RF-Sensor die ersten Signale. Anschließend identifizierte auch die Kamera den Copter und markierte ihn mit einem sichtbaren roten Kasten im Videostream. Der Alarm ging los, in diesem Fall ein Sirenengeräusch auf einem Laptop.

Auf einer Karte wurde außerdem der Flugpfad aufgezeichnet. Zusätzlich zu den bestehenden Alarmsensoren konnte der RF-Sensor das Videosignal der Copter-Kamera anzapfen und im UI darstellen. Auf diese Weise können beispielsweise Unternehmen erkennen, auf welche Bereiche es ein Angreifer im Falle einer möglichen Industriespionage abgesehen hat - und diese notfalls schnell abdecken.

Kamera unterscheidet zwischen Coptern und anderen Objekten

Die Kamera des Dronetrackers verwendet Deep Learning, um die Bewegungen einer Drohne von denen anderer fliegender Objekte wie Vögel oder Flugzeuge unterscheiden zu können. Dafür sammelt Dedrone in einer Datenbank tausende unterschiedliche Coptermodelle und Flugbewegungen. Wie wir sehen konnten, erkennt das System etwa Autos einer nahen Straße als solche und stuft sie nicht als Bedrohung ein.

Um möglichst viele unterschiedliche Multicopter-Modelle erkennen zu können, verfügt Dedrone über einen recht reichhaltigen Fuhrpark verschiedener Geräte. Diese werden von den Technikern des Unternehmens auseinandergenommen und sowohl auf Hardware als auch auf Software hin untersucht. Die gewonnenen Informationen werden zur Erkennung der Geräte genutzt und in die Datenbank eingepflegt. "Reverse Engineering wäre möglicherweise ein etwas zu weitgehender Begriff, aber die Chips werden schon sehr genau untersucht", erklärt Schween den Vorgang.

Behörden gehören zu den Hauptkunden

Der Dronetracker ist dadurch, dass es sich um ein passives System handelt, für jeden erhältlich. Zu den Hauptkunden gehören jedoch Behörden sowie Betreiber von sicherheitsrelevanten Orten oder Gebäuden, die eines erhöhten Schutzes vor Drohnen bedürfen. Dazu zählen unter anderem Rechenzentren, Stadien oder Gefängnisse.

Hier ist es in der Vergangenheit vor allem in den USA vorgekommen, dass Dinge mit Multicoptern eingeschmuggelt wurden. Auch der Bereich der Industriespionage ist ein Thema für Dedrone, das einige Kunden in diesen Bereichen hat. In den USA spielt auch das Thema Grenzsicherung eine Rolle, da verstärkt illegale Waren mit Drohnen geschmuggelt werden.

Mit der Herausgabe von Kundennamen ist Dedrone sehr zurückhaltend - häufig handelt es sich um Unternehmen mit sicherheitskritischen Anlagen, die ungern im Rampenlicht stehen. Auch reiche Privatpersonen fragen nach dem Dronetracker, besonders, wenn sie Probleme mit der Presse haben. "Diese Anfragen müssen wir aus rechtlichen Gründen manchmal auch ablehnen, da auch nach aktiven Abwehrmaßnahmen gefragt wird", sagt Schween. Diese darf Dedrone aus rechtlichen Gründen nicht liefern.

Event-Kit für Absicherung von Großereignissen

Zusätzlich zu seinen stationär verbauten Dronetrackern produziert Dedrone mit dem Event Kit auch ein temporär nutzbares, mobiles Drohnenabwehrsystem. Für um die 20.000 Euro plus Mehrwertsteuer sind in einem ungefähr 100 x 70 x 50 cm großen Kasten ein Dronetracker, ein RF-Sensor und Batterien für zwölf Stunden wasserdicht verpackt. Diese mobile Einheit kann beispielsweise bei Großveranstaltungen wie Konzerten verwendet werden.

Jan Peter Schween zufolge steigt die Bedrohung durch Drohnen in starkem Maße - die in den Medien bekannt gewordenen Zwischenfälle stellen nur einen kleinen Teil der Unfälle dar, die tagtäglich mit Multicoptern passieren. Viele Zwischenfälle hätten dabei gar keinen bedrohlichen Hintergrund, sagt Jan Peter Schween. "Wenn ein Kind einen Multicopter geschenkt bekommt, ist der nach einem Monat langweilig. Dann werden die nächsten Herausforderungen gesucht." Gerade an Sendemasten oder auf dem Gelände von Industrieanlagen werden nahezu täglich abgestürzte Drohnen gefunden. Um Trittbrettfahrer zu vermeiden, gelangen Schween zufolge meist nur die schwerwiegenden Fälle in die Medien, etwa, wenn Flugzeuge involviert sind.

Nichtsdestotrotz wollen sich einige Dedrone-Kunden vor möglichen terroristischen Anschlägen schützen. Ein Sprengsatz ist mit einem Multicopter schnell und vor allem unverdächtig an einen Zielort gebracht. "Wenn ein Auto die halbe Nacht auf einem leeren Parkplatz vor einem Gebäude steht, fällt das dem Sicherheitsdienst auf. Eine Drohne ist viel unauffälliger und schneller", sagt Schween.

Dronetracker soll nahezu jede Drohne erkennen

Die Erkennungsrate von Dedrones Dronetracker liegt Jan Peter Schween zufolge bei nahezu 100 Prozent. Je nach Einstellung der Sensoren kann es jedoch zu Fehlalarmen kommen; ein Dedrone-Kunde außerhalb Deutschlands, der seinen Namen nicht in der Presse sehen möchte, erhält beispielsweise bei der Überwachung seines Großstadions pro Woche durchschnittlich drei Fehlalarme.

Die Dronetracker werden direkt bei Dedrone in Kassel gefertigt. Eine Auslagerung der Produktion, etwa nach China, wird wegen der Qualitätsstandards des Unternehmens nicht in Betracht gezogen. Zum anderen ist die komplette Firmware verschlüsselt; diese Verschlüsselung möchte Dedrone nicht einem OEM anvertrauen. Dabei spielen natürlich auch Gedanken um Industriespionage und Nachahmerprodukte eine Rolle.

"Wir hatten bereits Fälle, in denen Nachahmer unsere Website eins zu eins kopiert haben, um Risikokapital zu sammeln. Ein Produkt hatten die gar nicht", erzählt Schween. Die Produktion der Dronetracker soll weiterhin in Kassel erfolgen, die erforderlichen Stückzahlen werden aktuell erreicht. Wie viele Dronetracker Dedrone baut, wollte uns Schween nicht verraten - auch das ist ein Firmengeheimnis.

Langfristig will Dedrone Software-Plattform etablieren

Langfristig will Dedrone nicht nur als Hardware-Hersteller wahrgenommen werden, sondern als Anbieter einer Plattform für andere Hersteller, die Dedrones Drohnenerkennung nutzen wollen. Dedrone selbst würde dann die Datenverarbeitung der erfassten Signale erledigen, also die eigentliche Erkennung der Drohne anhand der Datenbank mit der sogenannten Drone-DNA - den Merkmalen zahlreicher Drohnenmodelle. Die Hardware, die die Copter aufspürt, würde hingegen von anderen Herstellern kommen.

Soweit ist der Markt aktuell noch nicht - die Nachfrage an preiswerter Technik zur Drohnenerkennung dürfte aber parallel zu den immer weiter fallenden Preisen von Multicoptern steigen. Und solange der Gesetzgeber keine Registrierung von Piloten kleinerer Copter durchsetzt, ist die Hemmschwelle von Hobbypiloten, in verbotenen Flugzonen zu fliegen, weiterhin klein. Dedrone dürfte es freuen, dürfte diese Situation doch auch weiterhin gute Geschäfte sichern.  (tk)


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