Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/oliver-stones-film-snowden-schneewittchen-und-die-nationale-sicherheit-1609-123376.html    Veröffentlicht: 22.09.2016 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/123376

Oliver Stones Film Snowden

Schneewittchen und die nationale Sicherheit

Snowden - vom naiven Snow White in der übermächtigen NSA zum Leaker, der die ganze US-Regierung blamiert. Oliver Stones Kinofilm ist deutlich besser als befürchtet und Teil einer politischen Kampagne.

Mysteriöse Lautsprechergeräusche aus dem Off, eine Gruppe von Soldaten, die durch den Wald joggt. Ein Aufseher, der Rekruten anschreit und zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett holt. So beginnt Oliver Stones Film Snowden - es weht ein Hauch von Full Metal Jacket. Das Thema ist gesetzt und wird sich durch die kommenden zwei Stunden ziehen: In diesem Film geht es um die Frage, mit welchen Mitteln die Sicherheit der USA verteidigt werden soll.

Und Stone hat mit seinem Werk ehrgeizige Ziele: Nach Jahren der Berichterstattung über Snowdens Person und die von ihm geleakten Informationen zum US-Geheimdienst NSA versucht er, mit einem Spielfilm die Deutungshoheit über Snowden und seine Beweggründe zu gewinnen. Er will zeigen: Snowden ist kein Verräter aus Mangel an Patriotismus, sondern ein Whistleblower gerade aus patriotischer Überzeugung. Könnte man den Snowden-Film nur anhand seiner filmischen Qualitäten beurteilen, dann wäre die Kritik schnell geschrieben. Das Drehbuch ist etwas kitschig, aber solide, das Gras in den Vorgärten der Vorstadtidylle von Maryland ist immer etwas zu grün und die Bösewichte vom Geheimdienst bleiben während des ganzen Films flach. Außerdem spielt Nicolas Cage mit, sonst gern als Freimaurer oder Schatzjäger unterwegs. Hollywood halt.

Doch Stones Snowden-Film soll wahre Ereignisse verstehbar machen, er soll die Geschichte erzählen, die Laura Poitras Oscar-prämierter Dokumentation Citizen Four nicht vermitteln konnte. Edward Snowden habe sich aktiv dazu entschieden, an seinem öffentlichen Bild mitzuarbeiten, sagte der Spiegel-Journalist Marcel Rosenbach, der an der Auswertung der Dokumente beteiligt war, bei der Filmpremiere in Berlin. Snowden sprach mehrere Stunden mit dem Regisseur Oliver Stone. Wie wurde Snowden vom Spion zum Leaker, wie reifte die Entscheidung, mit dem Journalisten Glenn Greenwald, der Filmemacherin Poitras und der britischen Zeitung The Guardian zusammenzuarbeiten? Auf diese Fragen soll der Film eine Antwort geben.

Und das gelingt, auch wenn es die Ankündigungen kaum erwarten ließen. Zuerst der Trailer aus dem Frühjahr: Der zeigte Kamerafahrten durch animierte Beziehungsnetzwerke, Admins in dunklen Serverräumen und Chats auf der rosafarbenen Seite Geek-Mate. Auch die Ankündigung der New York Times vor wenigen Wochen war wenig vielversprechend: "Oliver Stone wollte einen Hit - und die Chance, Amerikas bekanntesten Dissidenten auf die Leinwand zu bringen. Der Protagonist wollte Vetomacht. Der russische Anwalt wollte, dass jemand sein Skript kauft. Der amerikanische Anwalt wollte, dass das ganze verrückte Projekt beendet wird. Irgendwie wurde ein Film daraus."



Doch Snowden ist nicht, wie so viele andere Filme, zu einem schlechten Hackerfilm geworden. Erfreulich wenige Minuten der recht epischen Spielzeit von 132 Minuten werden mit absurden Hacking-Sequenzen, grüner Schrift auf schwarzem Grund und Kamerafahrten durch Netzwerkkabel verwendet.

Ausfälle wie den folgenden gibt es nur selten: Nachdem er seine Freundin Lindsay in einige der Programme eingeweiht hat und sie vor der Überwachung ihres Rechners und Smartphones warnt, sagt Snowden: "Wir gehen jetzt wieder rein und dürfen uns nichts anmerken lassen. Alles muss wirken wir vorher. Und du musst von nun an deine E-Mails verschlüsseln." Auf einmal verschlüsselte Mails - das würde einem überwachenden Geheimdienst mit Sicherheit nicht merkwürdig vorkommen.

Im Mittelpunkt stehen keine Hackerklischees, sondern die Entwicklung Snowdens (dargestellt von Joseph Gordon-Levitt) von einem naiven jungen Mann zu einem Menschen, der die Arbeit der Geheimdienste kritisch hinterfragt. Und erzählt wird diese Geschichte durch die Interaktion mit seiner Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley), die Snowdens zunächst konservativen Überzeugungen in vielen Diskussionen liberale, kritische Gedanken entgegensetzt.

Die unhaltbare Naivität eines Spions

Der Protagonist des Films wird zu Beginn als relativ naiver junger Mann dargestellt, der seinem Land dienen möchte. Vater und Großvater waren ihr ganzes Leben im Militärdienst oder bei der Küstenwache - was soll der Junge da schon anderes machen, als beim Militär anzuheuern?

Doch Snowden verletzt sich beim Training für den Irakeinsatz. Mit einem gebrochenen Bein wird nichts aus der Militärkarriere, nun muss also der Kopf eingesetzt werden, um die Sicherheit Amerikas schützen. Snowden geht zur CIA, wird im berüchtigten Ausbildungslager The Hill ausgebildet. Dort lernt er auch seinen Mentor kennen, der ihn durch seine Karriere im nationalen Sicherheitsapparat begleitet.

"Du schmeckst liberal!"

Früh, so stellt es der Film dar, kommen Snowden erste Zweifel, etwa als er im Unterricht vom FISA-Court hört. Doch sein Glaube an den Sicherheitsapparat ist zu diesem Zeitpunkt noch unverrückbar. Während seines ersten Dates mit Lindsay Mills laufen die beiden durch eine Demonstration gegen den Irakkrieg. Sie unterschreibt die Petition, er nicht. Nach dem ersten Kuss sagt er: "Du schmeckst liberal."

Der spätere Whistleblower zeichnet sich hier noch lange nicht ab. Vielmehr stolpert Snowden zunächst naiv durch die Geheimdienstwelt. Sein Kollege Gabriel Sol nennt ihn im Film daher stets "Snow White" - Schneewittchen. Snowden wird dargestellt als ein treuer Angestellter, der tut, was man ihm sagt.

Doch Snowdens Beziehung zum Geheimdienst wird mit der Zeit komplexer - und komplizierter. Mit Drohnenpiloten in Hawaii diskutiert er darüber, was es bedeutet, wenn ein Job zum Verbrechen wird. Seine Einstellung zur NSA wird ambivalent. Einerseits fühlt er sich mit dem Job verbunden, glaubt sogar, dass nur er ihn richtig machen kann. Er sagt: "Ich bin gut in dem, was ich tue". Andererseits machen ihm die Erkenntnisse über die immer übermächtigeren Programme zu schaffen.

An die Sache glaubt er weiterhin: dass er als Patriot sein Land schützen muss. Doch ob die Mittel der NSA dazu die richtigen sind, beginnt er anzuzweifeln. Kann man die Öffentlichkeit schützen, indem man sie belügt? Indem man sie für unmündig erklärt und die Gefahren vor ihr geheim hält? Und damit rechtfertigt, immer umfangreichere Überwachungsprogramme aufzulegen und im Namen der nationalen Sicherheit Widersacher zu töten? Als Snowden mitbekommt, dass ein von ihm entwickeltes Backup-Programm mit Namen Epic-Shelter zum effizienten Abwickeln von Drohnenmorden genutzt wird, scheint seine Überzeugung gereift und sein Entschluss festzustehen: Er wird sich mit geheimen Informationen an die Öffentlichkeit wenden.

Insgesamt zeichnet der Snowden-Film ein durchaus ausgewogenes Portrait, das den Protagonisten nicht zum Helden stilisiert. Erst als Snowden mit der in einem Zauberwürfel versteckten SD-Karte mit Dokumenten aus dem dunklen Tunnel der NSA-Hacker auf Hawaii herausläuft, wird er in einer religiös anmutenden Szene in gleißendes Licht getaucht.

Geheimdienste sind böse, skrupellos und allmächtig

Einseitig wirkt im Film die Darstellung von Snowdens Geheimdienstkollegen. Sie werden zumeist als skrupellose Superhacker gezeigt, die binnen Minuten und mit wenigen Mausklicks auf jede Webcam zugreifen können, die sie interessiert, und denen es auch egal wäre, wenn die Tochter einer möglichen Quelle sich das Leben nimmt.

Auch Snowden selbst überschreitet seine Kompetenzen. Nachdem seine Freundin mit fremden Männern chattet, spioniert er ihren Rechner aus - die Operation Loveint war wohl zu verlockend, um sie im Film nicht zu verwenden.

Fakten? Dienen der Sache

Um das Narrativ allmächtiger Dienste zu stützen, die keinerlei Probleme mit ihrer Technik haben, werden die Fakten mitunter etwas großzügig behandelt. An mehreren Stellen folgt der Film bei der Darstellung von NSA-Programmen fehlerhaften Medienberichten, die später korrigiert wurden. Das Prism-Programm zum Beispiel beschrieb der Guardian direkt bei der Veröffentlichung der Snowden-Informationen als "direkten, unbeschränkten Zugang" zu den Backend-Servern von Google, Facebook und Apple, zog diese Darstellung aber später zurück. Wahrscheinlicher handelt es sich tatsächlich um ein Programm, das dem System der deutschen Sina-Boxen gleicht, einem teilautomatisierten Prozess, in dem Firmen Daten von Verdächtigen den Ermittlungsbehörden über eine bestimmte Schnittstelle zur Verfügung stellen.

Mit dem Film wird Politik gemacht - von allen Seiten

Mit dem Film selbst soll also Politik gemacht werden - und alle Seiten machen mit. Der US-Geheimdienstausschuss veröffentlichte wenige Tage vor dem US-Kinostart einen internen Bericht, der Snowden als unverhältnismäßig agierenden Verräter darstellt. Snowden soll demnach beim Test für die NSA-Spezialeinheit TAO (Tailored Access Operations) betrogen haben, indem er sich die Testergebnisse per Hacking besorgte. Man kann die Geschichte natürlich auch anders bewerten: als eleganten Einfall eines Hackers, um seine Fähigkeiten zu beweisen.

In den vergangenen Wochen entschieden sich mehrere Protagonisten der dramatischen Flucht Snowdens vor den Schergen der USA, die Öffentlichkeit über bislang unbekannte Details zu informieren - auch das sicher nicht zufällig. Es ist jedenfalls nur schwer vorstellbar, das zwei Zeitungen zufällig zur gleichen Zeit mit Enthüllungen über Snowdens Aufenthalt bei Flüchtlingen in Hongkong an die Öffentlichkeit gehen, die später auch im Film vorkommen. Auch die Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrisson beschrieb bei The Register noch einmal ausführlich ihre 40-tägige unfreiwillige Wohngemeinschaft mit Snowden auf dem Moskauer Flughafen.

Der Film soll Snowden befreien

Der Film soll die öffentliche Meinung nach dem Willen einiger Organisationen aber nicht nur beeinflussen - sondern Snowden zu einem Leben in Freiheit, außerhalb seines russischen Exils verhelfen. US-Bürgerrechtsorganisationen rufen die Öffentlichkeit daher pünktlich zum Filmstart in den USA auf, Präsident Obama um eine Begnadigung Snowdens zu bitten, bevor dessen Amtszeit im kommenden Frühling abläuft.

Würde Snowden in den USA der Prozess gemacht, drohten nach Angaben seines europäischen Anwalts Wolfgang Kaleck 10 bis 15 Jahre Haft - für jedes geleakte Dokument. Nach Angaben der Geheimdienste nahm Snowden 1,5 Millionen Dokumente mit - wobei diese Darstellung umstritten ist.

"In solche Situationen kannst du kotzen oder kämpfen"

Die Diskussion um die Begnadigung läuft mit der gleichen Härte ab wie die Diskussion um die Enthüllungen selbst. Die Washington Post forderte keine Begnadigung, sondern einen angemessenen Deal zwischen Snowden und der US-Justiz. Trotz intensiver Verhandlungen zwischen seinen Anwälten und den Behörden ist ein solches Abkommen bislang nicht zustande gekommen. Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump ließ im Wahlkampf die Bemerkung fallen, dass abtrünnige Spione früher ja hingerichtet worden wären.

Der Film Snowden ist am Ende vor allem eins: die Auseinandersetzung um den Platz im Geschichtsbuch. So passt dann auch der Kommentar des Regisseurs Oliver Stone, es handele sich heute "sehr um eine 1984-Welt". Denn anders als oft dargestellt ist das eigentliche Thema von 1984 nicht die Überwachung der Bevölkerung durch den Televisor - sondern der ständige Kampf um die Bewertung der Vergangenheit. Im Lager von Snowden hat man sich offensichtlich entschieden, diese Auseinandersetzung offensiv anzugehen. Oder, wie Snowdens Anwalt Wolfgang Kaleck auf der Bühne nach der Premiere sagte: "In so einer Situation kann man entweder kotzen oder kämpfen." Kotzen ist für Team Snowden offenbar keine Option.

Snowden hat sich in bester Fidel-Castro-Manier geäußert und sich selbst freigesprochen. "Ja, es gibt Gesetzbücher, die bestimmte Dinge festschreiben, aber deswegen gibt es ja auch das Instrument der Begnadigung - für die Ausnahmen, für die Dinge, die ungesetzlich erscheinen, wenn man sie nach dem Gesetz beurteilt, aber wenn wir sie moralisch, ethisch betrachten, dann sehen diese wie notwendige Dinge aus."  (hg)


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