Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/starship-technologies-es-wird-immer-nach-diebstahl-und-vandalismus-gefragt-1609-123275.html    Veröffentlicht: 16.09.2016 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/123275

Starship Technologies

Es wird immer nach Diebstahl und Vandalismus gefragt

Nie mehr zum Paketshop gehen: In Hamburg werden demnächst Roboter von Starship Technologies eingesetzt, die Pakete dann ausliefern, wann der Adressat möchte. Golem.de hat den Lieferroboter getroffen.

Dieses kleine, sechsrädrige Fahrzeug sollte einmal ein Marsrover werden. Doch statt über den staubigen Nachbarplaneten fährt es an diesem verregneten Samstagvormittag vor dem Rathaus in Hamburg auf und ab. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Doch die großen Städte werden künftig der Lebensraum des etwa einen Meter großen Gefährts.

Der Roboter von Starship Technologies soll in der Hansestadt Pakete ausliefern. Später solle er außerdem online bestellte Lebensmittel sowie online bestelltes Essen zum Kunden bringen, sagt Henry Harris-Burland, Marketingchef des estnischen Unternehmens im Gespräch mit Golem.de. Wir haben uns das Geschäftsmodell erklären lassen.

Starship Technologies testet im Hamburg

Hamburg ist eine von zwei Städten in Deutschland, wo Starship Technologies die Auslieferung testen will. Partner ist der Versandhändler Otto und dessen Logistikdienstleister Hermes Partner in dem Pilotprojekt. Die Roboter werden, so stellt es Starship Technologies vor, auf der letzten Meile eingesetzt. Sie ersetzen also nicht den menschlichen Auslieferer, sondern ergänzen ihn. Das zweite Pilotprojekt gibt es in Düsseldorf mit Metro.

Der Bote soll ein Päckchen nicht zum Adressaten bringen, der tagsüber wahrscheinlich nicht zu Hause ist, sondern gibt es bei einem Paketshop in der Nähe ab. Die Mitarbeiter öffnen die Klappe oben auf dem Roboter und laden das Paket hinein. Bis zu 10 Kilogramm Nutzlast kann der sechsrädrige Roboter transportieren, der selbst rund 18 Kilogramm schwer ist.

Der Roboter navigiert mit GPS

Der Kunde legt die Auslieferungszeit per Smartphone-App nach seinem Gutdünken fest und der Roboter macht sich pünktlich auf die Reise. Er hat einen Aktionsradius von etwa 5 Kilometern, wobei eine Distanz von 2 bis 3 Kilometern ideal ist. Sein Ziel steuert er dabei mit Hilfe des Satellitennavigationssystems GPS an.

Der Roboter fährt bis zu 6 km/h schnell, das ist etwas schneller als Schrittgeschwindigkeit. Er wird aber auch oft langsamer unterwegs sein, denn er passt seine Geschwindigkeit den Menschen um ihn herum an. Um Menschen und andere Hindernisse zu erkennen, verfügt der Roboter über Ultraschallsensoren sowie über Time-of-Flight-Kameras: Eine solche Kamera sendet ein Lichtsignal aus und misst die Zeit, bis zu der das reflektierte Signal wieder bei ihr ankommt.

Der Mensch kann eingreifen

Unterwegs wird der Roboter "zu 99 Prozent autonom" agieren, sagt Harris-Burland. Dieses eine Prozent sei wichtig, betont er. "Wir wollen ein Element menschlicher Aufsicht und dass ein Mensch zu jedem Zeitpunkt die Steuerung übernehmen kann." Das gelte vor allem für brenzlige Situationen im Straßenverkehr.

Die gefährlichste Situation überhaupt trete ein, wenn der Roboter eine Straße überqueren müsse. Dabei werde er deshalb von einem Menschen von einem Kontrollzentrum aus gesteuert. Der schaltet sich auf den Roboter und sieht über Kameras die Umgebung. So kann er sehen, wenn die Ampel auf Grün schaltet oder die Straße frei ist. Er steuert den Roboter dann sicher auf die andere Seite.

Bekanntgeworden ist der Konstrukteur des Roboters übrigens mit etwas ganz anderem.

Lieferroboter oder Lieferdrohne

Ersonnen wurde der Roboter von Ahti Heinla, der auch an der Entwicklung von Skype beteiligt war. Starship Technologies hat er zusammen mit seinem Skype-Kollegen Janus Friis gegründet. Der Roboter war indes gar nicht für den Einsatz auf der Erde, im nassen Hamburg etwa, konzipiert. Stattdessen sollte er in den Wüsten des Mars umherfahren. Aufgabe war nicht, den Marsmännchen ihr Essen zu bringen, sondern er sollte auf dem Nachbarplaneten Proben sammeln. Das Projekt war Teil der Nasa Centennial Challenge, an der sich Heinla beteiligte.

Damit das Fahrzeug auch auf der unwegsamen Marsoberfläche nicht stecken bleibt, ist es sehr wendig. Die Konstruktion seines Fahrgestells ähnelt dem Marsrovers Curiosity. So kann der Roboter etwa Bürgersteige überwinden oder auf engstem Raum, also um die eigene Achse, drehen. Um einen so kleinen Wendekreis zu fahren, hebt der Roboter die hinteren Räder an und dreht auf vier Rädern.

Der Roboter fährt elektrisch

Die Auslieferung per Roboter hat einige Vorteile: Da er weitgehend autonom ist, spielt die Tageszeit kaum eine Rolle. Der Empfänger kann sich das Paket oder seine Lebensmittel liefern lassen, wann er möchte. Da das Fahrzeug elektrisch betrieben wird, macht es kaum Geräusche. Er kann also auch am späten Abend liefern - wenn die Nachbarn von einem dieselbetriebenen Lieferwagen wenig begeistert wären.

Was den Lärmpegel angeht, kann auch eine Drohne nicht mit dem noch namenlosen Roboter konkurrieren. Außerdem ist der sicherer: Wenn tatsächlich alle Systeme ausfallen sollten, fährt er einfach geradeaus, bis er an einem Hindernis stecken bleibt. Sollte das ein menschliches Bein sein, dürfte bei Schrittgeschwindigkeit der Aufprall und damit auch die Verletzung nicht allzu schlimm ausfallen. Der Absturz einer Lieferdrohne ist gefährlicher.

Der Roboter braucht neue Regeln

Entsprechend sei auch die Bereitschaft der Städte, den Roboter auf den Straßen zuzulassen, recht groß gewesen, erzählt Burland-Harris. Denn nicht nur für fliegende, auch für fahrende Roboter gibt es rechtliche Einschränkungen, die zu überwinden sind. Schließlich hätten sie ein komplett neuartiges Gefährt entwickelt.

Für dieses spreche, dass es sauber und leise sei, dass es helfe, den Verkehr zu verringern und Staus zu vermeiden, und dass es mehr Bequemlichkeit vor allem für Ältere oder Behinderte biete. Es gebe viele Argumente dafür, dass sie mit ihrem Projekt bisher noch auf keinen Widerstand gestoßen seien, sagt der Marketingchef von Starship Technologies - anders als die Unternehmen, die gern ihre Waren vom Copter vom Versandzentrum zum Kunden transportieren lassen möchten.

Der Lieferwagen hat Lieferroboter an Bord

Das kann der Lieferroboter nicht - sein Einsatzgebiet ist die letzte Meile. Kommen die Waren von einem weiter entfernten Ort, sollen sie per Lieferwagen an eine Relaisstation geliefert und von dort aus zum Kunden gebracht werden. Oder der Lieferwagen hat die Roboter gleich an Bord - wie sich das Daimler für seinen Vision Van vorstellt.

Neben Paketen sollen die Roboter künftig auch Lebensmittel oder Essen, das online bestellt wurde, ausliefern.

Kein zweiter Blick für den Roboter

Die Chancen, dass dieses Geschäftsmodell aufgeht, stehen gut: Experten sind überzeugt, dass künftig Lebensmittel weitgehend online eingekauft werden. Der Informatiker Antonio Krüger, Leiter des Innovative Retail Laboratory des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, etwa geht davon aus, dass "wir 80 Prozent unserer Lebensmittel geliefert bekommen" - und das bestimmt auch von den Robotern, die dann ebenso zum Straßenbild gehören wie der Pizzabote oder die Fahrrad fahrenden Essenskuriere.

Dass der Roboter keine Aufmerksamkeit errege, sei kein Problem. Ganz im Gegenteil, sagt Harris-Burland. Wenn der Roboter keinen Auflauf erzeuge, zeige das nämlich, dass er sich in das öffentliche Leben einfüge und akzeptiert werde. "Das Interessante, was wir herausgefunden haben, ist, dass 60 bis 65 Prozent der Leute dem Roboter keinen zweiten Blick schenken. Sie sehen den Roboter und gehen dann weiter", erzählt Harris-Burland. Allerdings, so gibt er zu, sei das anfangs etwas schwierig zu akzeptieren gewesen.

Alle fragen nach Diebstahl

Und wenn er doch einmal mehr Aufmerksamkeit bekommt, als dem Betreiber lieb ist? "Nach Diebstahl und Vandalismus wird immer gefragt. Das ist die beliebteste Frage", sagt Harris-Burland. Sicher sei das möglich.

Vorgekommen sei das aber im Laufe der 12.000 Testkilometer in 53 Städten noch nicht - der Roboter war unter anderem in der US-Hauptstadt Washington DC, in London, der estnischen Hauptstadt Tallinn oder in mehreren Städten der Schweiz im Einsatz. Das sei "bei weitem nicht so verbreitet, wie die Leute denken." Aber dass es vorkommt, zeigt das Beispiel des zerstörten Hitchbot.

Vorkehrungen gegen Diebstahl

Doch dafür hat Starship Technologies auch Vorkehrungen getroffen: Der Roboter ist mit einem GPS ausgestattet, so dass seine Position bestimmt werden kann. Durch die Kameras kann die Umgebung ermittelt werden. Schließlich gibt es ein Audiosystem, das einen Alarm absetzen oder über das das Bedienpersonal mit den Dieben kommunizieren kann. "Es gibt viele Maßnahmen zur Diebstahl-Verhinderung, um sicherzustellen, dass niemand das macht", sagt Harris-Burland. "Und wenn doch, dann machen sie das nicht noch einmal."

Hat sich niemand dem Roboter in den Weg gestellt, ist dieser in einer Viertel- bis einer halben Stunde an seinem Ziel. Der Empfänger wird bei Start benachrichtigt und kann in der App den Weg verfolgen. Eine weitere Benachrichtigung gibt es, wenn der Roboter vor der Tür steht.

Dann ist es höchste Zeit, zur Tür zu gehen - und das Smartphone nicht zu vergessen. Das braucht der Empfänger nämlich, um an sein Paket oder seine Einkäufe zu kommen: In der App erscheint eine Schaltfläche. Wird darauf getippt, sendet die App das Kommando an den Roboter, den Deckel zu öffnen - und da ist das erwartete Paket auch schon. Dann, wenn der Adressat es entgegennehmen möchte, und nicht dann, wenn der Bote vor verschlossener Tür steht.  (wp)


Verwandte Artikel:
Nuro R1: Ex-Google-Mitarbeiter entwickeln autonomen Lieferwagen   
(31.01.2018, https://glm.io/132503 )
Starship Technologies: Domino's liefert in Hamburg Pizza per Roboter aus   
(30.03.2017, https://glm.io/127039 )
Verkehr: Stadtrat in San Francisco will Lieferroboter verbieten   
(18.05.2017, https://glm.io/127909 )
Warenzustellung: Schweizer Post testet autonome Lieferroboter   
(24.08.2016, https://glm.io/122862 )
Zustellroboter: Daimler investiert in Starship Technologies   
(12.01.2017, https://glm.io/125553 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/