Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lieferdienste-80-prozent-der-lebensmittel-werden-wir-online-bestellen-1609-123248.html    Veröffentlicht: 14.09.2016 11:33    Kurz-URL: https://glm.io/123248

Lieferdienste

"80 Prozent der Lebensmittel werden wir online bestellen"

Der IT-Forscher Antonio Krüger rechnet fest damit: Nur für frische Waren gehen wir künftig in den Supermarkt. Bis zur autonomen Einkaufsliste sei es nicht mehr weit.

Antonio Krüger ist Professor für Informatik an der Universität des Saarlandes. Sein Team entwickelt Computersysteme, die in Zukunft Kunden und Verkäufer im Ladengeschäft unterstützen könnten.

Zeit Online: Herr Krüger, Sie sind Leiter im Innovative Retail Laboratory des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, einem Testgelände für Innovationen im Supermarkt. Wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel ein?

Antonio Krüger: Eigentlich ganz normal in einem Geschäft.

Zeit Online: Und wie lange noch?

Krüger: Ich habe längere Zeit in der Woche eine Kiste Gemüse vom Bauernhof bekommen, darauf konnte ich mich gut einstellen. Im Moment ist mir das Lieferangebot des Onlinehandels aber einfach zu unflexibel. Aber das kann sich ändern.

Zeit Online: Amazon zeigt mit dem Dash-Button im kleinen Rahmen, wie unser Einkauf bald funktionieren könnte. Der Konzern setzt auf die Bequemlichkeit seiner Kunden. Hat er damit Erfolg?

Krüger: Die Bequemlichkeit des Menschen ist nicht zu unterschätzen. Im Fall des Dash-Buttons muss der Benutzer das Waschmittel aber selbst nachbestellen. Noch praktischer wäre es, wenn der Dash-Button von selbst merkt, dass das Waschmittel leer ist. Wenn das funktioniert, wird das sicher ein Erfolg.

Zeit Online: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sieht mein Einkauf in 30 Jahren aus?

Krüger: Wir werden Abodienste haben, von denen wir 80 Prozent unserer Lebensmittel geliefert bekommen. Der Rest wird Qualitätseinkauf sein, zum Beispiel auf dem Markt oder in Supermärkten, die sich auf Frische spezialisieren. Fertigprodukte werden direkt im Markt hergestellt, manche Gemüsearten vielleicht sogar vor Ort angebaut. Die Läden werden auch kleiner sein, noch wahrscheinlicher sind Hallen, die wie französische Märkte organisiert sind. Der Trend zur Frische ist schon da: Das Angebot an frischem Fleisch und Käse ist heute viel größer als noch vor zehn Jahren.

Zeit Online: Aber wer will schon jede Woche im Abo das Gleiche bestellen?

Krüger: Man bräuchte eine dynamische Einkaufsliste. Das System misst den Bedarf und sagt jede Woche aufgrund seiner Erfahrung voraus, was man braucht. Oder das System schlägt eine wöchentliche Einkaufsliste vor, die dann bis auf wenige Änderungen abgesegnet werden kann. Die Frage der Zukunft ist, wie gut der Algorithmus dahinter funktioniert.

Zeit Online: Wenn ich alles bequem online bestellen kann, wieso sollte ich dann überhaupt in einem Laden einkaufen?

Krüger: Der Onlinehandel hat zwar großes Potenzial für Lebensmittel des täglichen Bedarfs. Aber manchmal wollen Sie ja eine Delikatesse haben, einen guten Fisch zum Beispiel. Da ist der Aufwand, in einen gut sortierten Fischhandel zu gehen, nicht größer als im Internet zu recherchieren. Im Internet kann Ihnen niemand Qualität garantieren. Je spezialisierter das Lebensmittel, umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie es im stationären Handel kaufen.

Zeit Online: Und was dürfen wir in den nächsten zehn Jahren erwarten?

Krüger: Zunächst wird man der Verschwendung von Lebensmitteln vorbeugen müssen, weil mit mehr Frische auch das Risiko steigt, dass Sachen verderben. Im Moment muss der Marktleiter selber entscheiden, wann und ob er die Preise zum Beispiel für Bananen mit braunen Flecken senkt. Ein Computersystem könnte Abhilfe schaffen: Es weiß, was dringend verkauft werden muss und senkt automatisch die Preise. Das geht dank elektronischer Preisschilder, wie Rewe sie zum Beispiel schon nutzt.

Höhere Preise und mehr Datenklau

Zeit Online: In einem Ihrer Forschungsprojekte beschäftigen Sie sich mit Ernährungsberatung: Nimmt man zwei Sorten Müsli aus dem Regal, vergleicht das Regal auf einem Bildschirm die Nährwerte. Wird es das bald im Supermarkt geben?

Krüger: So etwas wie den Müslivergleich werden Sie wohl nicht in naher Zukunft am Regal erleben, aber die Idee dahinter ist übertragbar. Wenn Produkte wie Google Glass erst verbreitet sind, macht das die Brille. Bislang hat man Ideen aus dem stationären Handel auf den Internethandel übertragen, den Warenkorb zum Beispiel. Jetzt folgt eine Gegenbewegung. Dazu gehört der Produktvergleich. Der wird unsere Kaufentscheidung stark beeinflussen.

Zeit Online: Mit einem Abodienst würde ich auf den Produktvergleich aber verzichten. Nutzt der Versandhandel da meine Faulheit aus?

Krüger: Die Gefahr besteht natürlich. Wie häufig denken Sie über Ihren Strompreis nach? Wahrscheinlich könnten Sie sehr viel sparen, wie 80 Prozent aller Deutschen. Bei Lebensmitteln könnte es ähnlich kommen. Man wird wahrscheinlich etwas mehr zahlen als bei dem aggressiven Preiskampf heute. Andererseits könnten Sie auch eine Art digitalen Agenten nutzen - ein Helferlein, das für den Einkauf das günstigste Angebot zusammensucht. In England gibt es solche Dienste schon. Da ist man im Online-Lebensmittelhandel schon etwas weiter als in Deutschland.

Zeit Online: Amazon begann als Buchhändler, ab Herbst liefert der Konzern auch Lebensmittel. Deutsche Lebensmittelhändler tun sich mit der Lieferung dagegen schwer. Wer sind die Triebkräfte hinter der Innovation?

Krüger: Der traditionelle Händler denkt, dass sich seine Investition möglichst schnell tragen muss, schließlich sind die Margen in der Branche gering. Darum geben sie nicht mehr aus, als sie einnehmen. Ich kenne aber keinen Online-Lieferdienst für Lebensmittel, der schwarze Zahlen schreibt. Amazon denkt wie die gesamte digitale Ökonomie anders: Sie investieren erst einmal viel Geld, um die Nutzer an ihre Plattform zu binden. Damit machen sie zwar keine Gewinne, aber sie schaffen sich eine Kundenbasis, an der später niemand mehr vorbeikann. Das ist eine Wette auf die Zukunft.

Zeit Online: Machen mich Online-Bestellungen und Abodienste nicht zu einem attraktiven Opfer für Datenklau?

Krüger: Das ist natürlich mit Gefahren verbunden. Sie geben ziemlich viel von sich preis. Wenn jemand Ihren genauen Verbrauch kennt, weiß er vielleicht sogar mehr über Sie, als Google aus Ihrem Onlineverhalten lesen kann. Aber die Onlinehändler werden den Teufel tun, Ihr Vertrauen zu verspielen. Man sieht im Moment, wie Google und Apple sich gegen die NSA wehren, weil sie wissen, dass ohne das Vertrauen ihrer Kunden ihr Geschäftsmodell zusammenbricht.  (pz)


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