Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/parrot-disco-nur-ein-propeller-trotzdem-schneller-1609-123181.html    Veröffentlicht: 09.09.2016 10:00    Kurz-URL: https://glm.io/123181

Parrot Disco

Nur ein Propeller, trotzdem schneller

Der Markt ist scheinbar übersättigt mit Quadcoptern. Parrot will sich deshalb mit einer traditionelleren Bauform eine neue Nische erschließen. Komplizierter wird das Fliegen trotzdem nicht, wie wir herausfanden.

Wer früher in den Flugmodellbau einstieg, griff meist zum (motorisierten) Segelflieger. Hubschraubermodelle galten hingegen als die Königsklasse, sowohl beim Preis als auch beim fliegerischen Können. Quadcopter haben dieses Prinzip auf den Kopf gestellt, woran auch das Unternehmen Parrot seinen Anteil hat. So war die Ankündigung, dass es sich bei ihrer neuen Flugdrohne Disco um ein Flugzeug handelt, durchaus eine Überraschung. Und um so neugieriger waren wir, ob es Parrot gelingt, die Einfachheit der Steuerung auch bei einem Starrflügler umzusetzen. Wir konnten das Modell während einer Presseveranstaltung auf der Berliner Pferderennbahn Hoppegarten selbst fliegen und dabei auch den neuen Skycontroller 2 ausprobieren.

Vor dem ersten Flug stand allerdings erst einmal der Zusammenbau. Die beiden Tragflächen wie auch der Rumpf aus expandiertem Polypropylen müssen zusammengesteckt werden. Dünne Carbonstangen in den Tragflächen sorgen für höhere Stabilität und dienen auch als Fixierung der Tragflächen am Rumpf. Auf weitere Befestigungen, zum Beispiel per Nylonschrauben oder Bolzen, wird verzichtet.

Nach dem Zusammenbau sind wir beeindruckt von der Größe der Drone, mit 115 cm Flügelspannweite ist das Modell deutlich breiter als alle bisherigen Modelle von Parrot. Optisch wirkt sie kurz, aber auch in der Länge kommt sie auf 58 cm. Eine Bebop 2 wirkt daneben fast zierlich.

Neuer Skycontroller liegt gut in der Hand

Wir nehmen den neuen Skycontroller zur Hand. Er erscheint uns wie eine Kreuzung aus Xbox-Controller und einer billigen RC-Fernsteuerung. Sowohl das Material als auch die Fertigungsqualität sind jedoch hochwertig. Und trotz der großen Antennenkonstruktion an der Front ist der Controller gut ausbalanciert und wiegt nur 500 Gramm. Wir hatten während des Tests nie das Gefühl, dass er uns zu schwer werden würde.


Um die Drohne und den Controller miteinander zu paaren, drücken wir auf die deutlich hervorstehende transparente Taste an der Front der Disco und danach auf die gleichfalls transparente Taste am Controller. Die erfolgreiche Verbindung wird uns über grüne LEDs signalisiert.

Per USB können wir, müssen aber nicht, ein Smartphone am Controller anschließen. Über die Freeflight-Pro-App von Parrot (für Android und iOS) können wir die Drohne wie auch den Controller konfigurieren. So begrenzen wir sowohl die Flughöhe als auch die maximale Entfernung, mit der sich die Drohne von uns entfernen darf. Außerdem zeigt die App während des Fluges ein Livebild der Kamera sowie die aktuellen Flugdaten und einen künstlichen Horizont.

Bereit für den Abflug

Bei RC-Flugmodellen zählt der Start zu den schwierigsten Phasen, der Autor hat selbst schon einmal mit einer falschen Schwungbewegung und einer verrissenen Steuerung Kleinholz im Wert von 600 DM auf einem Acker produziert. Deshalb hören wir genau auf die Anleitung des Instrukteurs. Als Rechtshänder sollen wir die Drohne mit der rechten Hand an der rechten Tragfläche von vorn greifen. Den Controller halten wir mit der linken Hand und halten ihn so, dass unser Daumen die Starttaste erreicht. Drücken wir sie, springt der Motor an. Jetzt heißt es, einige Sekunden zu warten, bis die Motordrehzahl so hoch ist, dass wir die Druckkraft der Drohne spüren. Dann dürfen wir die Drohne gen Himmel schleudern.

Wir zögern. Was uns nicht schwerfällt, die Drohne wiegt nur 750 Gramm und lässt sich leicht mit einer Hand halten. Doch schließlich drücken wir den Knopf, der Motor fängt an zu surren, erst leise, dann lauter. Wir spüren den Druck und werfen die Drohne von uns, als würden wir Flyer wegwerfen. Ein kurzer Schreckmoment, denn die Drohne sackt ab. Doch keine Sekunde vergeht und die Disco fliegt kurz stabil geradeaus, dann drückt der Heckmotor sie steil nach oben.

Bisher hatten wir unsere Finger nicht an den Steuerknüppeln. Und es gilt auch, noch einen Moment zu warten. Erst wenn die Drohne 50 Meter erreicht hat und über uns kreist, wird sie unsere Steuersignale ausführen.

Mit null bis zwei Fingern fliegen

Wir drücken den rechten Steuerknüppel nach links, die Disco dreht sich brav nach links ein, ein sanfter Druck nach rechts und auch jetzt fliegt die Drohne brav nach rechts. Wir wackeln wild links und rechts hin und her, doch die Disco zeigt sich unbeeindruckt. Statt wilder, unkontrollierter Ausbrüche fliegt die Drohne etwas wacklig geradeaus. Unsere Steuerbefehle heben sich fast gegenseitig auf.

Mit einem Zug nach hinten zwingen wir die Drohne höher hinauf, der Aufstieg geht stetig vonstatten. Als wir 100 Meter erreichen, geht es nicht weiter, die selbst gewählte Höhenbegrenzung wird aktiv. Deshalb drücken wir den Steuerknüppel nach vorn und sinken, einen echten Sturzflug können wir aber nicht erzwingen, auch hier geht es gemächlich nach unten. Der Sinkflug führt kaum zu einem Geschwindigkeitszuwachs der Disco, wie es bei einem Flugzeug normalerweise der Fall ist. Schließlich stoppt auch der Sinkflug ohne unser Zutun. Ab circa 5 Meter funkt uns die Software dazwischen, sie verhindert einen echten Tiefflug.

Den linken Steuerknüppel haben wir bislang nicht benutzt. Er reguliert die Geschwindigkeit - tatsächlich die Geschwindigkeit, nicht die Motordrehzahl wie bei klassischen Flugmodellen. Jetzt drücken wir ihn nach vorn. Und die Drohne nimmt Fahrt auf. Bis zu 80 km/h soll sie erreichen, gut 30 km/h mehr als die Bebop 2. So erreichen wir dabei in nur wenigen Sekunden den selbst festgelegten Begrenzungsbereich. Prinzipbedingt bleibt sie dort aber nicht einfach stehen, sondern dreht selbstständig um.

Praktisch ist es möglich, beide Steuerknüppel loszulassen und die Drohne einfach selbst fliegen zu lassen. Sie fliegt dann einfach immer stur geradeaus, bis sie an die virtuelle Grenze stößt, umdreht, um wieder bis zur nächsten Grenze zu stoßen, wo das Spiel von Neuem beginnt.

An Loopings, Rollen und andere Kunstflug-Einlagen ist mit der Disco so nicht zu denken. Die Software verhindert das. Wer trotzdem der Meinung ist, ein Nurflügler ist trotzdem für Kunstflug tauglich, kann die Software allerdings umgehen. Der Controller an Bord der Disco erlaubt den Anschluss eines RC-Empfängers. So können die Servos für die Querruder und die Motordrehzahl auch mit einer traditionellen RC-Steuerung kontrolliert werden.

Adlerauge sei wachsam

Die maximale Reichweite des Funksignals soll, wie schon bei der Bebop 2, bei zwei Kilometern liegen. Doch schon bei der von uns eingestellten Entfernungsbegrenzung von 500 Metern wird die Drohne schnell zur schmalen Silhouette. Zum Glück gibt es auch beim neuen Controller eine Home-Taste, mit der die Disco selbstständig zum Ausgangspunkt zurückkehrt.

Die Reichweite auszureizen ist daher vor allem im Zusammenhang mit dem Abfliegen einer vordefinierten Flugstrecke sinnvoll. Das setzt aber die immer noch kostenpflichtige "Flight Plan"-Option der App voraus.

Eine Alternative ist die Steuerung über das Livebild innerhalb der Smartphone-App, wie es bereits bei den früheren Parrot-Modellen möglich ist. In der Disco ist die gleiche 14-MP-Kamera verbaut wie in den Bebop-Modellen, inklusive Fischaugenlinse. Die Bildqualität entspricht der der Bebop 1 und 2. Allerdings spendiert Parrot der Disco deutlich mehr Flashspeicher zum Aufnehmen von Videos, es stehen 32 GByte Speicher zur Verfügung.

Um die First-Person-Immersion beim Fliegen per Livebild zu verbessern, hat Parrot auch eine eigene VR-Brille nach dem Cardboard-Prinzip konstruiert, welches das Smartphone zur Darstellung nutzt. Parrots Brille erinnert optisch an die Gear-VR-Brille von Samsung. Statt das Smartphone aber direkt in die Brille einzuklemmen, müssen wir vorher einen Rahmen entnehmen, setzen das Smartphone darin ein und schieben ihn wieder ein. Die Lösung gefällt uns sehr gut, wir können das Smartphone im Rahmen deutlich einfacher mittig positionieren als in anderen herstelleragnostischen VR-Brillen. Einzig Sorgen macht uns die etwas dünne Konstruktion des Rahmens, das spart zwar Gewicht, aber ohne Vorsicht bricht hier schnell ein Nippel oder ein Gelenk ab.

Runter kommen sie alle

Schließlich brauchen wir eine Pause, wir wollen landen. Dazu sinken wir auf die Mindestflughöhe und steuern die Disco in Richtung eines freien Stücks Wiese. Dann müssen wir lediglich die Starttaste drücken, die diesmal die Landung einleitet. Die Drohne landet autonom im langsamen Sinkflug. Die Propeller klappen bei Kontakt mit dem Boden nach hinten, was sowohl Schäden am Propeller als auch an der Wiese verhindert.

Leider benötigt die Disco eine bemerkenswerte lange Landefläche, 40 Meter sollten dafür durchaus einkalkuliert werden. Gibt es ein Hindernis bei der Landung, zieht die Drohne selbstständig nach oben und wir können einen neuen Landevorgang einleiten.

Dieser Schutz ist allerdings nicht während des normalen Fluges aktiv - was uns die Gelegenheit gab, dank eines unvorsichtigen Kollegen die Folgen eines Crashs mit einem Baum zu studieren.

Der Crash lief bemerkenswert glimpflich ab. Eine Tragfläche war komplett vom Rumpf getrennt, die andere steckte noch zum Teil darin. Die Carbonstäbe selbst wiesen keine Beschädigungen auf. Alle Teile konnten wieder problemlos zusammengesteckt werden. Lediglich kleinere Kratzer an den Tragflächen und dem Rumpf kündeten noch vom Unfall.

Und sie fliegt und fliegt und fliegt

Wir haben bislang kein Wort zur Akkulaufzeit verloren. Der Grund ist simpel: Sie beträgt laut Herstellerangabe 45 Minuten, und das war für uns auch nachvollziehbar. Das ist vor allem deshalb interessant, da bei der Disco der gleiche wechselbare 2.700-mAh-Akku zum Einsatz kommt wie bei der Bebop 2, die damit aber nur auf maximal 25 Minuten Flugdauer kommt. Hier spielt die Disco ihre prinzipbedingten Vorteile aus: die Gleitflugfähigkeit. Und es muss nur ein Motor versorgt werden, nicht vier.

Wir konnten aber trotzdem erleben, was passiert, wenn sich der Akku leert: Dann setzt die Disco automatisch zur Landung an. Nach der Landung ertönt ein Signal zum besseren Wiederfinden durch den Besitzer - das unserer Meinung nach allerdings etwas lauter sein könnte. Leider wurde uns dabei auch deutlich, dass dem Controller ein wichtiges Merkmal fehlt. Der Akkustand der Drohne wird nur in der App angezeigt, der Controller besitzt keinen solchen Indikator. Nicht einmal ein Warnton oder eine blinkende LED weist auf einen kritischen Akkuzustand der Drohne hin.

Preis, Verfügbarkeit und Fazit

Die Parrot Disco ist derzeit nur im Komplettpaket mit dem Skycontroller 2 und den sogenannten Cockpitglasses in den einschlägigen Elektromärkten zum empfohlenen Verkaufspreis von 1.300 Euro erhältlich. Die Freeflight-Pro-App für Android und iOS gibt es kostenlos in den jeweiligen Appstores, der Flugplaner Flight Planer ist allerdings aufpreispflichtig und kostet 20 Euro.

Fazit

Wegwerfen und losfliegen, diese simple Devise gilt auch für die Parrot Disco. Leider steht nicht nur der Preis der Qualifikation als Spielzeug deutlich entgegen. Die freie Fläche von circa 0,1 Quadratkilometern auf der Rennbahn von Hoppegarten reichte für unsere Flugmanöver aus, kleiner sollte die Fläche keinesfalls sein. In Berlin bietet wohl nur das zum Park umgewidmete Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof genügend Platz - allerdings gilt nicht nur dort ein Flugverbot. Wer nicht auf dem Land wohnt, hat kaum eine Chance auf eine spontane Flugrunde zum Feierabend.

Interessant ist die Disco unserer Meinung nach vor allem für Sportveranstaltungen - hier wirkt die Wahl der Pferderennbahn Hoppegarten prophetisch. Die Kombination aus hoher Geschwindigkeit und langer Akkudauer der Drohne macht sie ideal für Videoaufnahmen zum Beispiel von Pferde-, Fahrrad- und Autorennen. Allerdings gilt für erfahrene Quadcopter-Piloten zu beachten, dass die Disco eben nicht wie ein Quadcopter einfach in der Luft stehen bleiben oder rückwärts fliegen kann, sondern prinzipbedingt immer nach vorn fliegt. Fliegende Kameramänner müssen also umlernen. Sie werden aber belohnt mit wackelfreien Videos von schnellen Dingen.

Auch könnte die Disco eine Alternative für erfahrene Flugmodellbau-Enthusiasten darstellen, da sie auch per RC-Steuerung kontrolliert werden kann. Dann relativiert sich begrenzt auch der hohe Preis, denn sie bekommen quasi zwei Modelle in einem - und so dient sie je nach Laune zur Entspannung oder um die eigenen Flugfähigkeiten mit einem Nurflügler auszutesten.

Die spannende Frage bleibt insgesamt, ob für Flugzeug-Video-Drohnen tatsächlich ein so großer Markt existiert, dass sich der Aufwand gelohnt hat.  (am)


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