Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/technik-mekka-taiwan-wenn-der-anbieter-an-die-hoteltuer-klopft-1609-123060.html    Veröffentlicht: 12.09.2016 09:15    Kurz-URL: https://glm.io/123060

Technik-Mekka Taiwan

Wenn der Anbieter an die Hoteltür klopft

Wer sich in Taiwan aufhält, lebt mitten in der Welt der Technik. Hier werden Produkte designt und hergestellt. Mitunter steht sogar der Anbieter eines fehlerhaften Produkts überraschend vor der Tür, um ein Problem zu lösen, wie es Golem.de passiert ist. Allerdings ohne guten Ausgang.

Um diese Geschichte zu erzählen, müssen wir ein wenig ausholen: Auf der IT-Messe Computex in Taipeh wurden wir im Juni 2016 von der großen USB-C-Produktvielfalt überrascht. Unser Fazit: Der Standard wird sich durchsetzen, die Infrastruktur und das Zubehör sind vorhanden.

Mit dem USB-C-Anschluss unseres Macbooks lässt sich ohne Adapter aber noch nicht viel anfangen. Auf der Computex hatte uns ein USB-C-Zubehör besonders gefallen, ein kleines Dock eines White-Label-Herstellers, das in Taiwan von Innowatt als The Dock verkauft wird. Das Gerät führt nicht nur den USB-C-Port nach außen, sondern ist gleichzeitig ein SD- und Micro-SD-Kartenlesegerät und hat zwei USB-A-Anschlüsse.

Im Studio A, einem Apple-Händler in der Taimall, fanden wir einige Wochen später The Dock für einen Preis von rund 1.600 Taiwan-Dollar, was etwa 45 Euro entspricht. Ziemlich teuer, insbesondere für taiwanische Verhältnisse, aber leider normal für neues USB-C-Zubehör. Uns gefiel vor allem die hochwertige Fertigungsqualität. Das Alugehäuse ist stabil und das Dock hat alles, was wir brauchen, ohne ein herabbaumelndes Anschlusskabel. Probleme waren nicht zu erwarten.

Weg war die Micro-SD-Karte

Als wir das Gerät allerdings ausprobierten, erlebten wir eine Überraschung. Wir versuchten, die Micro-SD-Karte in den Schacht zu schieben, trafen jedoch nicht den eigentlichen Schacht des PCB, sondern schoben die SD-Karte in das Gehäuse - ohne die Chance, wieder an die Karte heranzukommen.

Wir reklamierten die Ware im Studio A. Dort wurde versucht, das Lesegerät zu öffnen, was aufgrund spezieller Schrauben aber nicht gelang. Zunächst wurde uns angeboten, das Lesegerät zur Reparatur anzunehmen. Doch das hätte uns zu lange gedauert. Zudem befürchteten wir, dass die SD-Karte auf dem Weg verloren gehen könnte.

Firmenbesuch in Taiwan

Nach einigen Telefonaten zwischen dem Anbieter Innowatt und dem Studio A entschied sich Innowatt schließlich, direkt mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir hatten damit plötzlich englischen Support in einem asiatischen Land für ein einfaches Zubehör, das weniger als 50 Euro gekostet hatte. Innowatt wusste nicht, dass es sich bei uns um Journalisten handelte - es gibt durchaus Hersteller, die in solchen Fällen auf einmal etwas kulanter werden, wenn es um Probleme geht.

Schon nach dem ersten Telefonat bot uns Innowatt an, uns zu besuchen, um das Problem vor Ort zu lösen. Dass wir in einem Hotel in Banqiao, Taipeh, wohnten, störte den Anbieter nicht. Im Gegenteil: Unser Angebot, selbst vorbeizukommen, um das Problem möglichst schnell zu lösen, schlug Innowatt aus. Wir vereinbarten also einen Termin zwei Tage später.

Filmen für die verantwortliche Fabrik

Am übernächsten Morgen kam pünktlich ein Innowatt-Mitarbeiter mit guten Englischkenntnissen bei uns vorbei. In Taiwan ist so etwas nicht selbstverständlich. Ausgestattet war er mit dem Werkzeug, mit dem die SD-Karte aus dem Lesegerät befreit werden sollte. Außerdem bat er uns um die Erlaubnis, die Öffnung filmen zu dürfen, damit das Ergebnis an die produzierende Fabrik weitergeleitet werden könnte. Innowatt gab dabei zu, dass es sich bereits um den zweiten Vorfall dieser Art handelte. Und dass dies bei diesem Gerät der zweiten Generation eigentlich nicht mehr passieren sollte. Bei Geräten der ersten Generation war das Problem bekannt.

Im Gepäck hatte Innowatt zudem ein Engineering- Sample der dritten Generation, das uns als Leihgabe angeboten wurde, während das fehlerhafte Produkt zur Analyse eingeschickt werden sollte. Wir lehnten das ab, da es das Problem nicht dauerhaft lösen würde. Doch das Entgegenkommen des Herstellers sowie das Eingeständnis weiterer Vorfälle dieser Art überraschten uns. Üblich ist unserer Erfahrung nach eher, dass Hersteller so lange wie möglich abwiegeln. Im Anschluss gaben wir uns zu erkennen und erklärten, dass es einen Artikel zu dem Vorfall geben werde.

Die erste Generation des Innowatt-Docks wird hierzulande übrigens unter anderem unter Namen wie BTEK, Eagletec und Satechi verkauft. Bei Amazon haben die Geräte teils sehr schlechte Bewertungen. Den Rezensenten zufolge neigen sie zu erhöhter Wärmebildung. Das Problem mit dem Micro-SD-Kartenschacht haben wir allerdings nicht finden können. Der für die Produkte verantwortliche White-Label-Hersteller hat die Geräte offenbar nicht zurückgerufen.

Anders als bei der zweiten gibt es bei der ersten Generation der Geräte keinen USB-C-Port parallel zu den beiden USB-A-Ports, sondern einen weiteren USB-A-Port. Die zweite Generation ist in Deutschland bisher nur selten zu finden und wird von dem Anbieter Stilgut vertrieben. Die dritte Generation wird derzeit für die Massenfertigung vorbereitet und soll im Laufe des Septembers ausgeliefert werden.

Im Zuge des Rettungsversuches wurde unsere Micro-SD-Karte leider stark beschädigt. Sowohl unter Windows als auch unter OS X meldet sich die Karte als nicht initialisiert mit einer Kapazität von 32 MByte. Wir wissen noch nicht, ob sich die Karte mit einem der diversen Tools reparieren lässt. Ärgerlich ist der Vorfall in jedem Fall. Innowatt bot von sich aus eine Kompensation an, durch die allerdings die verlorenen Bilder nicht ersetzt werden können. Wohl dem, der eine Kamera mit zwei SD-Kartenplätzen hat.

Der Vorfall bestätigt leider lange vorhandene Befürchtungen: Micro-SD-Karten sind unserer Meinung nach schlicht zu klein. Im Vergleich zu regulären SD-Karten fehlen hervorstehende Plastikschienen, die eine mechanische Beschädigung, insbesondere der Kontakte, zumindest erschweren. Dass eine reguläre SD-Karte zwischen dem Schacht und dem Gehäuse steckenbleibt, halten wir für sehr unwahrscheinlich.

Leider setzen immer mehr Notebooks und Tablets aus Platzgründen auf die Micro-SD-Karte als alleinigen Zugang für Speicherkarten. Die Konkurrenzformate wie der Memory Stick Micro M2 oder die xD Picture Card waren zumindest etwas größer und dicker, haben sich aber nicht durchgesetzt. Die zunehmende Miniaturisierung hat also durchaus Nachteile. Diese lassen sich auch durch einen überraschend guten Kunden-Support in Taiwan nicht ausräumen.

Das Dock ist jetzt jedenfalls nicht mehr im Einsatz und wird beim Hersteller analysiert - wir warten derweil auf einen adäquaten Ersatz.  (ase)


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