Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ifa-und-politik-auf-die-gigabit-gesellschaft-folgt-die-gigabyte-gesellschaft-1609-123037.html    Veröffentlicht: 04.09.2016 16:07    Kurz-URL: https://glm.io/123037

Ifa und Politik

Auf die Gigabit-Gesellschaft folgt die Gigabyte-Gesellschaft

Gigabit und Gigabyte sind mittlerweile Begriffe, die sich für hohle Phrasen eignen. Auf der Ifa gibt es dementsprechend seltsam anmutende Forderungen. EU-Kommissar Günther Oettinger fordert gar 1.000 Megabyte flächendeckend einzuführen - und zwar für ganz Europa.

Ifa-Zeit ist auch wieder Zeit für Politiker-Bullshit, einem mittlerweile philosophischen Fachbegriff, wie Zeit Online vor Jahren erklärte. Und damit ist hier, während der Ifa 2016, die Verwendung von technischen Begriffen gemeint, bei denen kaum einer weiß, was damit eigentlich bezweckt werden soll. Zur Ifa rüstet die Politik jedenfalls gewaltig auf. Statt der Gigabit-Gesellschaft sind wir jetzt auf dem Weg zur Gigabyte-Gesellschaft. Die Gesellschaft soll also um den Faktor 8 beschleunigt werden.

Dabei ist die Gigabit-Gesellschaft gar nicht so alt und noch unerreicht. Doch das reicht nicht mehr. Kurz nach der offiziellen Ifa-Eröffnung verschickt die Ifa-Redaktion eine Mitteilung, dass Politiker jetzt die Gigabyte-Gesellschaft fordern. Allen voran Günther Oettinger (CDU, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft)

Nur ein Kleiner Sprung zur Terabyte-Gesellschaft

Oettinger hat sich auf der Ifa zur Eröffnungsgala zum Thema der digitalen Vernetzung und Funklöcher geäußert. Der EU-Kommissar, dem auf der Cebit 2016 noch nachsichtig unterstellt wurde Gigabit und Gigabyte zu verwechseln verwirrt IT-Profis noch mehr und hat sich offenbar festgelegt: "Es muss der Ehrgeiz unserer Generation der Telekomwirtschaft, der Regulierung der gesetzgebenden Politik sein, in den nächsten 5 bis 10 Jahren die Gigabyte-Gesellschaft zu realisieren. 1.000 Megabyte flächendeckend, paneuropäisch, Funklöcher gehören nicht mehr dorthin". Flächendeckende 1.000 Megabyte pro Sekunde - und zwar per Funk - soll das wohl bedeuten. Da ist der Schritt zur Terabyte-Gesellschaft auf dem Kabel eigentlich nicht mehr weit entfernt. Übrigens wurde Oettingers Aussage vom Ifa-Eröffnungsgalapublikum deutlich beklatscht. Laut Oettinger sind Europäer beim inneneuropäischen Grenzübertritt immer drei bis fünf Minuten im Funkloch. Wir kennen das allerdings andersherum, im Dreiländereck um Basel hat man beispielsweise das Problem ständig zwischen zu vielen Mobilfunkanbietern zu wechseln. Von "immer" kann also nicht die Rede sein.

Im Netzwerkbereich spricht man eigentlich von Megabit und Gigabit, nicht von Bytes. Technisch wäre die Gigabyte-Gesellschaft auch schwierig umzusetzen. Insbesondere nachdem die Bundenetzagentur die Vectoring-Pläne der Deutschen Telekom erlaubt hat und in Deutschland damit weiter das Kupferkabel wichtig bleibt. Während die Telekom mit Vectoring also 100 MBit/s umsetzt, wäre der Versuch, auf diesen Kupferleitungen für die Gigabyte-Gesellschaft gar 10 Gbit/s zu übertragen, sehr ambitioniert, insbesondere da im Netzwerkbereich die Industrie gerade versucht, die technischen Probleme mit den Zwischenschritten 2.5GbE und 5 GbE zu lösen.

Alexander Dobrindt (CSU, Bundesminister für Verkehr und Digitale Infrastruktur) ist da konservativer, allerdings auch nicht für die EU verantwortlich. "Wer den Weg in die Gigabit-Gesellschaft erfahren und erleben will, der muss auf die IFA gehen", sagt Dobrindt, der eine der Eröffnungsreden hielt. Aber auch er geht von sehr hohen Anforderungen an das Internet der Dinge aus und glaubt, dass "ohne superschnelles Breitband die Vernetzung nicht funktionieren wird".

Der Bedarf für derart hohe Bandbreiten ist zwar nicht ausschließbar, aber auch nicht absehbar. Insbesondere im Smart Home wird es schwierig. Die teilweise kleinen Geräte können rein technisch mit ihren energiesparenden Prozessoren kaum Daten verschicken. Wer sich mit Zigbee, EnOcean und Co beschäftigt, weiß, dass es teilweise darum geht, besonders kleine Nachrichten zu verschicken. Und auch beim Internet der Dinge, was auch Industrielösungen beinhaltet, sind teils kaum Datenmengen zu erwarten. Dort will die Industrie in Ansätzen sogar Daten sparen und diese auf sogenannten Edge-Rechnern verarbeiten. Also dort, wo sie entstehen. Erst die Ergebnisse werden dann an die Rechenzentren geschickt, die ohnehin genug zu tun haben. Das deckt sich allerdings mit Aussagen der Politik zum autonomen Fahren. Hier werden ebenfalls enorme Bandbreiten vorhergesagt, auch wenn es nach unseren Recherchen für die Fantasiezahlen keine Grundlage gibt. Dort sind wir, realistisch betrachtet, auf dem Weg zur Kilobyte-Gesellschaft. 1.000 Byte flächendeckend, paneuropäisch!  (ase)


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