Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/original-und-fork-im-vergleichstest-nextcloud-will-das-bessere-owncloud-sein-1609-122930.html    Veröffentlicht: 19.09.2016 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/122930

Original und Fork im Vergleichstest

Nextcloud will das bessere Owncloud sein

Nextcloud will mit eigenen Funktionen als Owncloud-Konkurrent antreten. Wir haben uns angesehen, ob sich der Wechsel lohnt.

Vor wenigen Tagen hat Nextcloud seine bereits zweite stabile Version 10 freigegeben. Owncloud hatte unmittelbar zuvor seine neue Version 9.1.0 veröffentlicht. Grund genug, uns an einen ersten Vergleich der freien Serverplattformen zur Dateisynchronisation, Owncloud und seinem Fork Nextcloud, zu wagen.

Das Geschäftsmodell von Nextcloud sei auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgelegt. Dies konnte das Owncloud-Unternehmen dem Team der Nextcloud-Gründer offenbar nicht in dem gewünschten Umfang bieten, lautet eine der Begründungen für den Fork, der Anfang Juni 2016 erfolgte. Darüber hinaus will Nextcloud den Funktionsumfang deutlich erweitern. In unserem Test haben wir zunächst die noch experimentellen neuen Funktionen in Nextcloud außen vor gelassen und uns darauf konzentriert, ob ein Wechsel aufgrund der bestehenden stabilen Funktionen lohnt.

Um die Unterstützung der Community-Version zu unterstreichen, haben die Nextcloud-Entwickler dort bereits eine Funktion integriert, die es bei Owncloud nur in der kostenpflichtigen Enterprise-Version gibt: das Theming. In Nextcloud 10 lassen sich im Adminbereich eigene Hintergrundbilder für die Login-Seite erstellen oder die Farbe der Banner ändern. In der Community-Version von Owncloud geht das nur durch manuelles Editieren diverser Konfigurationsdateien. Auf der entsprechenden Owncloud-Wikiseite wird auch vor möglichen Problemen bei Updates hingewiesen.

Online-Office als Schmankerl

Außerdem haben wir uns die Erweiterung Collabora Online angesehen. Denn die Nextcloud-Entwickler versprachen eine bessere Unterstützung für die Integration der Online-Büroanwendung in der Community-Version, die bei Owncloud zwar auch klappt, allerdings kaum dokumentiert ist. Insgesamt wollen die Nextcloud-Entwickler mehr auf die Community-Version fokussieren, die ihrer Meinung nach bei Owncloud vernachlässigt wurde. Außerdem haben wir untersucht, ob sich beide Versionen in puncto Geschwindigkeit unterscheiden. Die Videochatfunktion Spreed.me ließen wir auf Grund von Installationsproblemen in diesem Test noch außen vor.

Für unseren Vergleich haben wir Ubuntu 16.04 Server LTS in einem Virtualbox-Gast installiert und ihm 2 GByte Arbeitsspeicher und zwei unserer acht CPU-Kerne zugewiesen. Für die Installation der aktuellen Version 10 von Owncloud und Nextcloud haben wir uns an die äußerst detaillierte Anleitung von Jan Rehr gehalten, die beschreibt, wie ein eigenes Owncloud auf Basis des Webservers Nginx und der Datenbank MariaDB eingerichtet wird, die zudem mit Letsencrypt abgesichert ist. Die Anleitung funktioniert auch mit Nextcloud.

Noch ein Hinweis zu Nginx: Dort sollte nach erfolgreicher Installation das Logging herabgesetzt werden oder zumindest die Access-Logdatei regelmäßig geleert werden, denn dort wird standardmäßig jeder Zugriff protokolliert. Das kann bei der Fehlersuche äußerst hilfreich sein, müllt aber auf Dauer den Datenträger zu. Ohnehin protokollieren Owncloud und Nextcloud selbst sämtliche Zugriffe und Fehler.

Kaum Unterschiede auf den ersten Blick

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Benutzeroberflächen von Nextcloud und Owncloud kaum voneinander. Lediglich die Logos und die Farbe der Banner sind anders. Man merkt Nextcloud jedoch sein junges Alter an: Die integrierte Hilfe etwa hat keine Inhalte, und auf den Hilfeseiten unter nextcloud.com taucht regelmäßig noch der Name Owncloud statt Nextcloud auf. Ansonsten ist der Aufbau der Weboberfläche in beiden Versionen nahezu identisch.

Geschwindigkeitstests

Auf dem Client haben wir eine möglichst nachvollziehbare Testumgebung eingerichtet, die freilich etwas unfair klingen mag, aber durchaus der Realität entspricht. Unsere Messwerte der Geschwindigkeit erstellten wir in einem etwas überlasteten Firefox-Browser auf dem Host-System mit Ubuntu 16.04, auf dem die virtuelle Maschine läuft. Dem standen die restlichen CPU-Kerne sowie 30 GByte Arbeitsspeicher zur Verfügung. Nebenbei liefen dort noch eine Instanz des Chrome-Browsers mit einem Flash-Spiel, zwei Libreoffice-Textdokumente, eine Libreoffice-Tabelle sowie ein E-Mail-Programm und ein einfaches Kartenspiel.

Firefox hatten wir in zwei Fenstern geöffnet. In einem waren mehr als 50 Tabs geöffnet, darunter eines, das Radio streamte. Keines davon wurde automatisch aktualisiert. Im zweiten Fenster waren etwa 10 Tabs geöffnet. In beiden Fenstern hatten wir später sowohl Owncloud als auch Nextcloud geöffnet - auch parallel. Der Hintergrund: Die meisten Ressourcen nehmen das Web-Frontend und die Datenbank in Anspruch, wie wir auch den Messdaten entnehmen konnten. Wohlgemerkt sind diese Messdaten keine allgemeingültigen Werte, sie sind abhängig von der Installation auf dem Server und der Nutzung auf dem Client. Demnach können unsere Werte lediglich als Vergleich dienen.

Basisumgebung

Sowohl in Owncloud als auch in Nextcloud waren zunächst keine zusätzlichen Erweiterungen aktiviert, und wir folgten dem Rat, die zusätzliche Speicherverwaltung memcache zu initialisieren. Dazu aber später mehr. Übrigens testeten wir später Owncloud und Nextcloud mit aktivierter Dateiverschlüsselung - ohne nennenswerte Unterschiede.

Zunächst überprüften wir die Datenübertragung direkt über Davfs. Wir kopierten dafür 500 Dokumente mit einer Gesamtgröße von etwa 27 MByte, 37 Bilddateien mit einer Gesamtgröße von etwa 500 MByte und 10 Videos mit einer Gesamtgröße von etwa 800 MByte. Per Davfs erfolgte die Datenübertragung sowohl in Owncloud als auch Nextcloud in unserer Testumgebung in einem Bruchteil der Zeit, die für die gleiche Datenmenge über das Browserfenster benötigt wurde.

Schnell kopiert per Davfs

Während etwa das Kopieren der Fotos über Davfs durchschnittlich weniger als eine Sekunde dauerte, waren es im Browser anderthalb Minuten. Noch deutlicher ist der Unterschied beim Kopieren von 500 Dokumenten. Hier waren alle Dateien per Davfs in etwas mehr als einer halben Sekunde auf den Server kopiert, während bei der gleiche Menge im Browser zwischen zwei und vier Minuten vergingen. Die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Owncloud und Nextcloud sind bei der Übertragung per Davfs marginal. Allerdings dauerte es wiederum einige Zeit, bis die über Davfs kopierten Daten auch in der Weboberfläche erschienen; in etwa so lange, wie der Kopiervorgang über die GUI.

Erste Hürden

Unsere Testreihe in der Benutzeroberfläche begannen wir zunächst mit Owncloud in Version 9.1.0 und Nextcloud in der Version 9.0.53. Dabei bemerkten wir besonders beim Kopieren der Bilddateien Fehler in Owncloud. Die zuletzt kopierten Dateien ließen sich anschließend nicht mehr löschen. Die Fehlermeldungen wiesen auf einen Lock-Fehler in der Datenbank hin, den wir nur beheben konnten, in dem wir Owncloud zunächst in den Reparaturmodus versetzten und die entsprechende Tabelle oc_file_locks mit dem Mysql-Befehl DELETE FROM oc_file_locks WHERE 1 leerten. Bei Nextcloud 9.0.53 trat der Fehler bei identischem Setup nicht auf, was wir bis dahin als Pluspunkt für Nextcloud werteten.

Da Nextcloud mittlerweile in Version 10 erschienen ist, wiederholten wir die Testreihe natürlich und plötzlich tauchte der Fehler auch bei Nextcloud auf. Wir folgten den Hinweisen in den Hilfeforen und installierten den Cache-Server Redis samt PHP-Modul gemäß der Anleitung in der Nextcloud-Dokumentation. Danach trat der Kopierfehler weder in Nextcloud noch in Owncloud auf.

Ein wenig weniger schnell

Anschließend wiederholten wir unsere Messwerte für die Datenübertragung mit Hilfe der Entwicklerwerkzeuge im Browser Firefox. Im Vergleich zu den Vorgängerversionen büßten beide Cloud-Lösungen etwas an Geschwindigkeit ein. Die Bedingungen waren in beiden Testreihen annähernd identisch, nur das Kartenspiel hatten wir inzwischen geschlossen, da die Arbeit rief.

Die Messdaten ergeben einen kleinen Geschwindigkeitsvorteil für Nextcloud. Besonders beim Kopieren der 500 Dokumente ist Nextcloud etwa ein Drittel schneller, beim Kopieren der Videos sogar um zwei Drittel schneller als Owncloud. Beim Kopieren der Fotos waren beide Lösungen in etwa gleich auf, mit einem kleinen Vorteil für Nextcloud. Das führen wir auf das Generieren der Vorschaubilder zurück, was bei Dokumenten und Videos wegfällt. Auch bei den Loginzeiten liegt Nextcloud etwas vor Owncloud.

Einfacher Wechsel - noch

Wir testeten auch, ob eine Owncloud-Installation einfach durch Nextcloud ersetzt werden kann. Das liegt nahe, da sich beide Lösungen augenscheinlich bislang kaum unterscheiden. Tatsächlich dürfte das ohne großen Aufwand nur dann klappen, wenn beide Lösungen die gleiche Versionsnummer tragen - und die unterscheiden sich bereits deutlich. Auch die Integration von Theming in Nextcloud dürfte Probleme bereiten.

Vermutlich werden mit der Zeit die Unterschiede größer und die Konfigurationsdateien, die bislang ohne Probleme in der jeweils anderen Version funktionieren, können nicht mehr einfach weiterverwendet werden. Wir raten zu einer frischen Installation von Nextcloud, um möglicherweise auftretende Probleme zu vermeiden. Für unsere Tests haben wir sämtliche Versionen neu aufgesetzt. Läuft der Webserver einmal korrekt, sind Owncloud oder Nextcloud schnell installiert. Übrigens funktionieren die Apps beider Lösungen bislang auch - noch - mit der jeweils anderen Version.

Noch wackeliges Online-Office

Zu seinen Vorzügen zählt Nextcloud bereits jetzt die Integration von Collaboras Online Office. Damit lassen sich Dokumente, Tabellen und Präsentationen direkt in Nextcloud bearbeiten. Owncloud bringt die Lösung seit Ende des vergangenen Jahres in seiner kostenpflichtigen Enterprise-Variante mit, auch wenn sich die Online-Version von Libreoffice mit etwas Aufwand in der Community-Version aus den Quellen installieren lässt. Alternativ lässt sich die Online-Dokumentenbearbeitung als Virtual-Machine-Image starten und nutzen.

Nextcloud will Collabora Online hingegen auch in seiner kostenlosen Community-Version zur Verfügung stellen und hat bereits eine App beigelegt, die allerdings als experimentell gekennzeichnet ist - zu Recht, wie sich bei unserem Test herausstellte.

Fachwissen erforderlich

Die Nextcloud-Entwickler setzen Collabora Online als Docker-Image ein. Das hat zwar den Vorteil, dass Updates leicht einzuspielen sind. Allerdings wird die Kommunikation zwischen Docker-Image und Nextcloud verschlüsselt über SSL abgewickelt, was zwingend entsprechende SSL-Zertifikate voraussetzt. Die Nextcloud-Entwickler haben den Integrationsclient in Nextcloud zwar komplett neu geschrieben, die Installation ist dennoch alles andere als einfach und setzt zumindest Kenntnisse über die Einbindung in den jeweils genutzten Webserver voraus.

Uns gelang es mit einigem Aufwand, Collabora Online in Version 9.0.53 zu installieren und zu nutzen. Die Benutzeroberfläche ist allerdings noch nicht besonders schnell, und es gab immer wieder mal Darstellungsprobleme oder Fehler bei der Formatierung. In Version 10 funktionierte das Online-Office auf Grund eines bereits bekannten Fehlers dann gar nicht mehr.

Fazit

Noch unterscheidet sich Nextcloud kaum von Owncloud, zumindest was den Funktionsumfang betrifft. Die jüngst angekündigten Erweiterungen gelten zwar noch als experimentell, zeigen aber, dass sich die Nextcloud-Entwickler deutlich von Owncloud abheben und nicht nur die Offenheit des Codes in den Vordergrund rücken wollen, was einer der Hauptgründe für den Fork gewesen sein soll.

Was wir uns wünschen, ist eine einfachere Integration der von Nextcloud beworbenen Erweiterungen, etwa Collabora Online, dessen Installation und Konfiguration noch tiefgreifende Linux-Kenntnisse voraussetzen. Außerdem ist der aufwendige Aufbau äußerst fehleranfällig, und teils sind die dazugehörigen Hinweise wenig hilfreich oder sogar irreführend und deshalb nur schwer zu debuggen. Zeitweilig hatten wir mehrere Terminalfenster geöffnet, um alle Protokolldateien zu überwachen.

Wir wünschen uns auch für beide Lösungen eine Datendeduplizierung, besonders für den Mülleimer, der sich in unserer Testreihe naturgemäß schnell mit identischen Daten füllte. Ein wenig mehr Geschwindigkeit in der Weboberfläche darf es auch sein.

Nextcloud verspricht Weiterführung der Verträge

Gibt es aber einen Grund für den Wechsel von Owncloud zu Nextcloud? Die Nextcloud-Entwickler versprechen Unternehmenskunden, die bisher mit Owncloud abgeschlossenen Verträge vollständig weiterzuführen. Kunden sollen so weiterhin den eingeplanten Support von Experten bekommen können, den sie brauchen, um ihre Server weiterlaufen zu lassen. Der Wechsel der Kernentwickler in das neue Unternehmen soll sich dank dieses Angebots nicht nachteilig auf die Kunden auswirken.

Ob Owncloud nach der Abwanderung der Nextcloud-Entwickler langfristig wettbewerbsfähig bleiben und seine Kunden bedienen kann, ist fraglich. Zumal bereits der Firmenzweig in den USA geschlossen werden musste. Als negativer aber durchaus berechtigter Vergleich darf hier der jeweilige Lebenslauf der Büroanwendungen Openoffice.org und Libreoffice dienen. Während der Fork Libreoffice aktiv entwickelt wird und sich zunehmender Verbreitung erfreut, ist die Weiterentwicklung von Openoffice nahezu eingestellt. Dort werden nur noch wichtige Sicherheitsupdates nachgeliefert.

Dass Nextcloud eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Libreoffice bevorsteht, könnte vor allem daran liegen, dass mit Frank Karlitschek einer der Gründer von Owncloud den Fork initiierte und leitet. Andererseits könnte Nextcloud Probleme haben, alte Owncloud-Kunden von einem Wechsel zu überzeugen und müsste selbst einen völlig neuen Kundestamm aufbauen.

Keine Geschwindigkeitsvorteile

Allein wegen der Geschwindigkeit besteht gegenwärtig kein Grund, von Owncloud zu wechseln, auch wenn unsere Messdaten hier einen leichten Vorteil bei Nextcloud sehen. Stabilitätsprobleme konnten wir indes im noch jungen Nextcloud nicht feststellen. Allerdings gehen wir davon aus, dass ein direkter Wechsel mit jeder neuen Version schwieriger wird. Letztendlich dürfte es aber auch später kaum Probleme geben, Daten von einer Owncloud- zu einer Nextcloud-Installation zu übertragen.

Für einen Wechsel spricht die versprochene bessere Unterstützung der Community-Version, die durch die Integration von Collabora Online deutlich wird. Zwar ist die Installation noch schwierig, aber bereits bestens dokumentiert. Hier scheint Nextcloud sein Versprechen wahr machen zu wollen, die Community wieder stärker zu unterstützen. Wer diese Version nutzen will, dem raten wir, Nextcloud zu nutzen. Insgesamt ordnen wir den Funktionsunterschied zwischen Owncloud und Nextcloud aber noch unter "Geschmackssache" ein.  (jt)


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