Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/25-jahre-linux-besichtigungstour-zu-den-skurrilsten-linux-distributionen-1608-122850.html    Veröffentlicht: 25.08.2016 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/122850

25 Jahre Linux

Besichtigungstour zu den skurrilsten Linux-Distributionen

Seit den frühen 90ern entstehen Linux-Distributionen in einer mittlerweile schier unüberschaubaren Fülle. Eine zugegeben unvollständige Typologie einiger Highlights der vergangenen 25 Jahre Linux.

Kryptische Namen für eigene Projekte zu vergeben sei eine lange etablierte Unix-Tradition, heißt es auf einer Seite des Debian-Wiki. Häufig hielten Entwickler die Namen ihrer Werkzeuge für selbsterklärend oder sie glauben, dass sie die Nutzer ohnehin nicht interessieren. Dieser Denkschule folgen offensichtlich viele Macher der mehr als 500 Linux-Distributionen weltweit. Begonnen hat diese Entwicklung mit der Veröffentlichung des Linux-Kernel vor 25 Jahren.


Bereits die frühen Vertreter trugen wahlweise kryptische Abkürzungen wie LSD, LST, DLD oder recht merkwürdige Namen wie Yggdrasil. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten folgten viele weitere, die nicht nur seltsame Namen hatten, sondern bei denen auch nicht recht klar war, welche Zielgruppe sie anpeilen oder ob die ganze Arbeit einfach nur als Scherz zu verstehen ist.

Linux für Zombies

So gab es etwa eine passende Linux-Distribution für Zombies. Sie heißt Undead Linux oder auch Evil Entity und hauchte 2003 ihr Leben aus. Das heißt, die zugehörigen Domains sind frei, möglicherweise geistern im Bittorrent-Netz noch Kopien umher, auf der Suche nach Gehirnen von Linux-Nutzern. Evil Entity, das "böse Wesen", ist übrigens der Erzfeind der Comicfigur Scooby Doo. Evil Entity basierte auf Slackware und setzte auf einen eher düster anmutenden Enlightenment-Desktop.


Als näher am Leben erwies sich der tatsächliche Fokus der Distribution, der auf dem Abspielen von Multimedia-Dateien lag, sie wollten doch nur Filme schauen.

Je kaputter, desto besser

Auch Void Linux, der Name steht je nach Übersetzung für "gleichgültig" oder "nichtig", wurde einst von seinem Hauptentwickler schon für tot erklärt. Das Ganze stellte sich aber als Aprilscherz heraus.

Hervorstechende Funktionen der Rolling-Release-Distribution sind ein eigenes Buildsystem, ein selbst entwickeltes Paketsystem namens Xpbs und der Verzicht auf Systemd. An dessen Stelle setzt Void-Linux, das darauf besteht, kein Fork einer anderen Distribution zu sein, auf Runit.

Einen absoluten Sonderfall bietet Damn Vulnerable Linux (DVL). Wie ein guter Wein wird das infektiöse Linux selbst nach seinem Ableben immer besser. Thorsten Schneider, ein Dozent der Uni Bielefeld, hatte 2007 Version 1.0 von DVL als Admin-Alptraum voller Sicherheitslücken veröffentlicht, damit Sicherheitsforscher mit ihr experimentieren. Seit 2012 entwickelt offenbar niemand mehr das auf Debian und Damn Small Linux basierende DVL weiter, womit die Zahl der nicht behobenen Sicherheitslücken naturgemäß wächst, in diesem Fall eine klassische Win-win-Situation.

Für Teufel, Satanisten und Christen

Suicide Linux klingt zunächst wie eine ironiebegabte und aufstrebende Linux-Distribution mit optimistischer Ausrichtung und Zukunftsplänen, ist aber eigentlich das genaue Gegenteil. Immerhin handelt es sich dabei um ein Debian-Paket, das bei jedem falsch eingegebenen Befehl mit Rootrechten den Befehl rm -rf / ausführt und so sämtliche Daten auf der Festplatte löscht. Im Grunde also schwarze Pädagogik für Linux-Admins.

Auch der Name Devil-Linux dürfte bei zart besaiteten Usern höllische Schweißausbrüche auslösen, doch völlig unberechtigt. Das einzig Teuflische an der leichtgewichtigen Linux-Distribution, die von CDs oder USB-Sticks bootet, ist der Verzicht auf eine grafische Oberfläche. Das macht aber nichts, dient sie doch erfahrenen Admins als Router- und Firewall-System und inzwischen auch als dedizierter Server für Anwendungen.


Der Fokus liegt auf Sicherheit: Die meisten Binärdateien sind mit GCC Stack Smashing Protection erstellt worden, der Kernel setzt auf die Patchsammlungen GR-Security und Pax. Aktuell arbeiten die Macher ganz bodenständig an Version 1.8.0, Exorzisten dürfen also zu Hause bleiben.

Höllenspektakel

Dringt Devil-Linux nur dem Namen nach in religiöse Gefilde vor, tauchen andere Distributionen gleich richtig ein, zum Beispiel Ubuntu Satanic Edition. Ein Linux für Teufelsanbeter sei das aber nicht, beschwert sich gleich einer in den 666 (!) Kommentaren auf der About-Seite: "Als spiritueller Satanist finde ich [die Distribution] beleidigend. Wenn die Themes mehr in Richtung Satanismus gingen und weniger in Richtung düstere Bilder und Heavy Metal, wäre ich womöglich interessierter". Neben verletzten Gefühlen macht das Zitat die Stoßrichtung der Satanic Edition deutlich, sie zielte auf Heavy-Metal-Fans.


Auf der Webseite warten Wallpaper mit Feuer, Totenköpfen und halbnackten Frauen in beliebiger Reihung sowie Heavy-Metal-inspirierte Musiksammlungen, die Namen wie "Music for the Damned" oder "Distro of the Beast" tragen. Das Ganze war wohl nur zeitweise witzig, übrig blieb auf der Webseite die Undead-Live-CD (Version 666.9) mit einem völlig veralteten Ubuntu 10.10 und Gnome 2 als Desktop. Echt teuflisch!

Himmel hilf!

Christen haben es da etwas besser. Zwar schätzt Distrowatch die Arbeiten Ubuntu Christian Edition als "ruhend" ein, immerhin erhält das zugrundeliegende Ubuntu 12.04 noch bis April 2017 Updates.


Dans Guardian sorgt dafür, dass die Kinder beim Surfen nicht aus Versehen beim eben beschriebenen Teufelszeug landen, an Bord sind christliche Tools wie Xiphos (Bibelstudien) und Open LP (Präsentationsplattform für Kirchen). Die meisten Pilger zur Webseite kommen übrigens aus den USA, gefolgt von Polen.

Sabily lautete der Name der in Frankreich produzierten Ubuntu Muslim Edition, die aber 2011 ihren Dienst einstellte. Wohl auch, weil sich die einzelnen Tools problemlos im Standard-Ubuntu nachinstallieren lassen. Laut Wikipedia installierte Sabily arabische Sprachpakete vor und brachte Programme für Koranstudien, einen islamischen Kalender sowie eine Erinnerungssoftware für Gebetszeiten mit.

Weitere Versionen von Sabily waren geplant, faktisch ist aber Ubuntu 11.10 mit Unity-Desktop die letzte angebotene. Das erhält schon länger keinen Support mehr, weshalb Distrowatch die Distribution für tot erklärt. Mit Ojuba-Linux existiert ein leicht angestaubtes Pendant zu Sabily, das auf Fedora basiert. Die letzte Version dieser arabischen Distribution mit einigen Werkzeugen für Muslime stammt vom März 2014.

Wellness- und Pastareligionen

Viele halten Buddhismus ja für praktizierte Wellness, auch bei Bodhi Linux wird nicht sofort klar, wie viel Religion und wie viel Wellness in der Ubuntu-basierten Distribution steckt. Religiös angehaucht sind vor allem die Begriffe. Bodhi kann sich auf denselben Wortstamm wie Buddha stützen und steht für den buddhistischen Erkenntnisvorgang. Auch der Moksha-Desktop deutet in diese Richtung, das Wort steht ungefähr für Erlösung und Erleuchtung.


Andererseits kommt mit Enlightenment 17 ebenfalls ein "erleuchteter" Desktop zum Einsatz, womöglich ist Moksha also einfach eine Übersetzung des Wortes. Spezielle religiöse Software installiert Bodhi jedenfalls nicht, die aktuelle Version 3.2 ist im März 2016 erschienen.

Mit weit weniger Wohlgefallen dürfte hingegen seine nudelige Gottheit, das fliegende Spaghetti-Monster, auf seine Anhänger und die Landschaft der Linux-Distributionen als solche schauen. Das Linux für Pastafaris, einst von Linux Format halb im Scherz angekündigt, bleibt wohl weiterhin ein Wunsch. Bislang hat sich kein siebtragender Entwickler oder Pirat gefunden, um die zentralen Glaubensinhalte auf einem Linux-Desktop zu versammeln.

Betreutes Surfen mit Kim Jong-un

Religion und Ideologie sind mitunter zwei Seiten derselben Medaille. Das lässt sich nicht nur an Zeitrechnungen ablesen. Während Europäer das Jahr 2016 nach Christi Geburt zählen, befinden sich die Nordkoreaner laut Chuch'e-Ideologie im Jahre 105 nach Kim Il-sungs Geburt. Ein Fakt, dem auch der Kalender von Red Star OS Tribut zollt, einem auf Fedora basierenden Linux-Derivat, das OS X ähnelt und im nordkoreanischen Intranet zu Hause ist. Ins richtige Internet will der Chef seine Bürger nicht lassen, auch sonst lässt sich eher von "betreuter Computerarbeit" sprechen.

Zu den Funktionen von Red Star OS 3.0 gehört es, Dokumente und Bilder mit einem Wasserzeichen zu versehen, das die verschlüsselte Seriennummer der Festplatte als Basis verwendet. So lässt sich für das Regime nachvollziehen, welchen Weg ein Dokument auf den Rechnern der Nutzer nimmt. Im Zweifelsfall kann der eingebaute Virenscanner auch mit Hilfe einer schwarzen Liste bestimmte Dokumente zensieren.


Die Hacker, welche das System auf dem 31C3 vorgestellt haben, sind sich nicht sicher, ob das System auch Hintertüren enthält, schließen aber nicht aus, dass diese tief im System versteckt sind oder über Updates auf die Rechner gelangen. Sie bescheinigen Red Star OS aber auch, dass die Entwickler viel Gehirnschmalz in das System gesteckt haben. Für Fans ideologisch aufgeladener Kunst liegen auch einige interessante Wallpaper bei.

Unter der roten Flagge

Für Red Flag Linux, einem seit 1999 in China entwickelten Linux-Derivat auf Fedora-Basis, gibt es keine Berichte über eingebaute Überwachungstechnologien. Allerdings berichtete "Associated Press" 2008, dass die Regierung Internetcafés in Nanchang 2008 dazu zwingen wollte, von Windows auf Red Flag zu wechseln. Ein Sprecher von Red Flag erklärte jedoch, das gelte nur für die Server-Seite, um die Nutzerzahlen besser zu bewältigen und einen Virenschutz zu erhalten.

Um China autark von Windows zu machen und zugleich ein sicheres Betriebssystem zu erhalten, begann die Akademie der Wissenschaften 1999 mit der Arbeit an Red Flag Linux. In den folgenden Jahren entstand eine passende Firma, erschienen mehrere kommerzielle Releases und schloss die Firma Partnerschaften unter anderem mit Compaq, Oracle und HP. Die Distribution setzte auf KDE als Desktop, es gab zudem ein Abkommen mit Trolltech, um einen Ableger für Embedded-Systeme zu schaffen.


2006 soll Red Flag Linux schließlich über einen Marktanteil von 80 Prozent unter den Linux-Distributionen verfügt haben. Nachweisen lässt sich das nicht. Der 2014 angemeldete Konkurs der Firma Red Flag Software lässt aber Zweifel an der landesweiten Linux-Beflaggung aufkommen, ein IDC-Analyst machte den geringen Bekanntheitsgrad und die Konkurrenz von Red Hat und Suse Linux Enterprise für die Pleite mitverantwortlich.

Damit ist die Linux-Geschichte in China allerdings nicht zu Ende. Im Jahr 2014 wies die chinesische Regierung ihre Behörden an, für neu angeschaffte Rechner künftig kein Windows 8 mehr zu nutzen. Der neue Stern am Linux-Himmel heißt Kylin. Das gibt es in verschiedenen Versionen, eine davon ist ein offizielles Ubuntu-Derivat.

Cuba libre

Ebenfalls auf Ubuntu basierte Nova-Linux, eine kubanische Linux-Variante, ursprünglich kam Gentoo zum Einsatz. Noch 2009 sah Hector Rodriguez, Chef der Informatik-Universität in Havanna (UCI), eine Linux-Verbreitung von 20 Prozent in Kuba und peilte für 2014 die Marke von 50 Prozent an.

Doch auch Nova habe den Betrieb eingestellt, heißt es im entsprechenden Distrowatch-Eintrag, die Webseite sei nicht mehr erreichbar. Das stimmt zwar, dennoch erschien im Herbst 2015 laut Softpedia eine neue Version 5.0 von Nova, und die UCI gab Ende Mai 2016 bekannt, auf diese zu wechseln.

Unlizenzierte Windows-Versionen existieren auf Kuba zwar weiterhin, aber zumindest für Universitäten und Behörden wünscht sich Kuba einen Wechsel auf Linux. Selbst wenn das Land die Lizenzgebühren an Microsoft zahlen könnte und wollte, verhinderte auch das langjährige Embargo der USA gegen Kuba, dass Windows offiziell auf die Insel gelangte. Erst ab 2015 lockerten die USA das Embargo

Welches Ubuntu die Nova Lightweight Edition 2015 verwendet, ließ sich nicht herausfinden, Ubuntu 14.04 dürfte für den Job infrage kommen. Laut Softpedia soll jedenfalls der mitgelieferte Installer die Installation vereinfachen und setzt die Distribution auf die Guano-Desktop-Umgebung, einen LXDE-Fork. Wenn aber die Rechner auf Kuba so alt sind wie die dort herumfahrenden Autos, dürfte selbst der schlanke Guano-Desktop bei einigen angegrauten Modellen an seine Leistungsgrenzen stoßen.

Die lieben Kleinen

Schon zu Beginn der Entwicklung von Linux-Distributionen waren einige dieser besonders klein. HJ Lu's Boot-Root war eine der Ersten, für die dies galt. Sie lief 1991 auf 5-1/4-Zoll-Disketten. Um das Linux von der Festplatte zu starten, musste der Benutzer noch den Master Boot Record per Hand nachjustieren. Die Popularität von Boot-Root hielt sich wohl auch deshalb in Grenzen.

MCC Interim Linux dürfte dagegen einigen Linux-Veteranen noch ein Begriff sein, das MCC steht für Manchester Computing Centre. Die Diskettensammlung stellte ab 1992 eine rudimentäre Unix-Umgebung bereit. Lang, lang ist's her, der Kernel passt heute nur noch mit einiger Mühe auf eine Diskette.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Freesco, das verspricht, von einer Diskette mit 1,44 MByte Speicherplatz zu starten, auf einen alten Kernel setzt. Freesco hat nichts mit der SCO Group zu tun, sondern steht für Free Cisco und möchte eine Firmware-Alternative für kommerzielle Cisco-Router sein. Um das System zu starten, genügt es, die Datei "fresco.Version" auf eine Floppydisc zu kopieren.

Zum Einsatz kommt ein recht betagter Kernel der 2.0er-Reihe, die letzte Version 0.4.5 stammt vom März 2014. Seitdem sucht der Hauptentwickler übrigens nach einem Nachfolger, der die zugrundeliegende Bibliothek modernisiert.

Auch wenn der Name anderes vermuten lässt, folgt Chaos einer klaren Ordnung. Tatsächlich steht der Begriff Chaos für Clustered High Availability Operating System, von dem System erschien 2005 die letzte Ausgabe. Die Spezialdistribution kam im High Performance Computing zum Einsatz und verwandelte gewöhnliche i586-Rechner mit Hilfe einer nur rund 6 MByte kleinen Live-CD in einen funktionierenden Knoten der freien Cluster-Verwaltung Open-Mosix.

Klein und trotzdem benutzbar

Etwas größer, aber noch immer extrem klein, ist Tiny Core Linux (TCL), dessen aktuelle 64-Bit-Version es als 12-MByte-Variante Core Pure und als 24-MByte-Variante Tiny Core Pure gibt. Sie tragen die Versionsnummer 7.2 und stammen vom Juli 2016. TCL betrachtet sich nicht als eigenständige Linux-Distribution, sondern bietet lediglich einen Kernel mit Busybox und einem elementaren FLTK-Desktop an.


Auch Damn Small Linux ist mit seinen 50-MByte-Images tatsächlich verdammt platzsparend, allerdings datiert das letzte Release 4.4.11 vom 27. September 2012 und die Webseite ist inzwischen nicht mehr erreichbar.

Das bootfähige Image des alten Eisfair mit Kernel 2.22.0 ist ebenfalls nur 54 MByte groß, wird aber aktiv entwickelt. Die ISO-Abbilder der aktuellen Versionen des Nachfolgers Eisfair-ng vom Februar belegen hingegen bereits 260 MByte Speicher für die 64-Bit-Variante beziehungsweise 190 MByte für die 32-Bit-Variante.

Namensauffällig und zugleich beliebt bei Admins ist die österreichische Distribution Grml, gesprochen "Grummel". Es handelt sich um ein Debian-basiertes Rettungssystem, dessen kleine 64-Bit-Variante 230 MByte groß ist. Da sie offiziell vom November 2014 stammt, sahen sich die Entwickler dazu gezwungen, das Projekt per Blogeintrag als weiterhin am Leben zu melden.

Bleibt noch das wohl bekannteste Mini-Linux mit dem Namen Puppy. Das sei keine Linux-Distribution, schreiben die Entwickler, sondern eine Kollektion verschiedener Linux-Distributionen. So gibt es die offiziellen Puppy-Linux-Distributionen, die das Puppy-Team betreut, Woof-built-Puppy-Linux-Distributionen, die für spezielle Zwecke angepasst sind, sowie inoffizielle Derivate, die Puplets genannt werden und von Puppy-Enthusiasten neu gemastert sind.


Die Größe der ISO-Abbiler liegt meist im niedrigen 200-MByte-Bereich. Diese bieten dabei einen vollständigen Linux-Desktop, wenn auch mit recht rudimentären Programmen. Dafür macht auch Puppy alte Rechner wieder vollständig nutzbar. Der Name der Distribution basiert übrigens auf dem des putzigen kleinen Chihuahua von Hauptentwickler Barry Kauler, der, eine traurige Geschichte, eines Tages plötzlich spurlos in die Wildnis entschwand.

Distros auf abseitigen Pfaden

Die mehr oder weniger stark ausgeprägte Ernsthaftigkeit der Entwicklung von Linux-Distributionen schlägt sich oft in ihren teils an die Popkultur angelehnten absurden Namen und dem dazugehörigen Artwork nieder. Ein besonders bekanntes Beispiel ist Rebecca Blacks Liedchen "Friday". Der Song der 13-Jährigen ging viral, das zugehörige Video erhielt die meisten Negativbewertungen aller Zeiten. Friday wurde wahlweise als "schlechtester Song aller Zeiten", "bizarr" oder "unbeholfen" bezeichnet. Das hielt Nerdopolis, einen Fan von Displaymanager Wayland und Rebecca Black zugleich, jedoch nicht davon ab, seiner Wayland-Test-Distribution den Namen Rebecca Black OS zu verpassen.

Die Debian-basierte Zusammenstellung gibt es für 32- und 64-Bit-Systeme, sie startet eine Wayland-Live-Session. Sie bringt neben Wayland-Toolkits und -Anwendungen einige Desktop-Shells und Compositoren auf Wayland-Basis mit, etwa Hawaii, Orbital, Papyros und den Weston Example Desktop. Die Distribution ist also durchaus nützlich.

Bieberismus

Weniger trifft das auf Justin Bieber Linux zu, auch bekannt als Biebian, das dem singenden Teeniestar gewidmet ist. Der namenlose Distributionserfinder erklärt freimütig, dass sein Linux ein Witz sei. Die Idee entstand in einem 4chan-Channel.


Der alleinige Unterschied der Distribution zu einem gewöhnlichen Puppy sind einige mitgelieferte Justin-Bieber-Wallpaper. Dass die Distribution auf Puppy Linux Lucid 525 basiere, sei Teil des Witzes, erklärt der Macher. Tatsächlich war Justin Bieber im Distributions-Entstehungsjahr 2011 gerade einmal 17 Jahre alt und damit ein "Welpe". Updates für die Distribution gab es nie.

Linux für Sitcom-Charaktere

Biebian war jedoch nicht die erste Distribution, die sich einem Teeniestar widmete. Die Macher von Biebian nannten das lilagetränkte Hannah Montana Linux (HML) als ihr Vorbild. Die Disney-Sitcom Hannah Montana mit Miley Cyrus in der Hauptrolle wurde zwischen 2006 und 2010 gedreht und erfreute sich bei einem meist sehr jungen und überwiegend weiblichen Publikum großer Beliebtheit. Die Figur war bei Mädchen laut einer Umfrage von 2011 beliebter als Barbie, es gab Filme und Videospiele und eben auch die nicht ganz ernst gemeinte Linux-Distribution.


HML basierte auf Kubuntu und brachte KDE 4.2 mit. Das Themeing ging wesentlich weiter als bei Biebian, es schloss neben Wallpaper auch das Grub-Menü, den Bootsplash und den Anmeldebildschirm ein. Der Installationsassistent begrüßte die entzündeten Augen mit Lila und Neongrün, selbst die Icons waren teilweise angepasst. Ein Youtube-Video zeigt HML in seiner ganzen Pracht.

Kann das weg?

Während sich die bisher genannten Linux-Distributionen mehr oder weniger gut in bestimmte Kategorien sortieren lassen, gibt es noch die einen oder anderen merkwürdigen Kandidaten, die wenig bekannt und teils auch nicht so recht einzuordnen sind.

Die 2004 als Hiweed Linux gestartete Linux-Distribution heißt inzwischen Deepin, aktuell ist die Version 15.2. Es basiert auf Debian Unstable und verwendet mit dem Deepin Desktop Environment einen selbst entwickelten Desktop. Auch sonst haben die Entwickler viele Werkzeuge speziell für die Distribution gebaut und fokussieren sich auf den chinesischen Markt.


Auch Yello Dog Linux war eine Zeit lang recht bekannt, denn es lief auf der Power-PC-Architektur (Power7) und damit nicht nur auf Apple-Rechnern, sondern auch auf der Playstation 3 von Sony. Es eignete sich besonders für den Betrieb auf Clustern. Die letzte bekannte Version 7.0 erschien 2012, ließ sich aber nur in Verbindung mit einem recht kostspieligen IBM Powerlinux 7R2 Server verwenden, den das Unternehmen aktuell für etwa 20.000 US-Dollar anbietet.

Andere Linux-Distributionen versuchten indes, komplett neue Marschrichtungen einzuschlagen, um Dinge zu ändern, die sie für falsch halten. Zu nennen ist hier etwa Gobolinux, das das Dateisystem als Datenbank für den Paketmanager verwendet und die bekannte Filesystem Hierarchy (FSH) über Bord werfen möchte. Die Macher erhoffen sich davon "ein sauberes System". Als Desktop verwendet Gobolinux Enlightenment. Das letzte Release stammt vom Mai 2014, Distrowatch bezeichnet die Distribution aber als weiterhin aktiv.

Auf einer Mission sind auch die Macher der Static Linux Distribution, abgekürzt Stali. Wie schon die Gobolinux-Entwickler ignorieren sie die offizielle Dateisystem-Hierarchie und verzichten auf den Einsatz von Systemd. Zugleich, und das ist wohl der wichtigste Punkt, bieten sie Software aus Performancegründen nur als statisch gelinkte Binärdateien an. Wo es geht, komme die Musl-C-Standardbibliothek zum Einsatz, um die Größen ihrer statisch gelinkten Binärdateien zu reduzieren. Stali soll zudem weniger Arbeitsspeicher belegen, da es auf dynamisches Linken verzichtet. Zugleich folgt das Projekt einer eigenen "Suckless-Philosophie", die auf der Webseite nachzulesen ist.

25 Jahre einfache Bastelei

Bei diesem kurzen Abriss der vergangene 25 Jahren Linux wird vor allem auch mit Blick auf Justin Bieber Linux deutlich, dass jeder Depp ohne großen Aufwand eine eigene Linux-Distribution bauen kann. Im einfachsten Fall werden dafür schlicht die Hintergrundbilder geändert. Kritiker haben das immer wieder moniert, dabei zeigen sich in dieser Bastelkultur durchaus positive Effekte.

So entstanden in einem quasi evolutionären Prozess viele nützliche Programme und innovative Funktionen wie neue Paketverwaltungen, Desktopumgebungen oder Initsysteme. Da kann es schon mal passieren, um im evolutionären Bild zu bleiben, dass ab und an ein Dodo dabei ist. Anzumerken ist außerdem, dass viele der vorhandenen Systeme gar keine breite Masse an Nutzern ansprechen wollen. Sie sind vielmehr dazu optimiert, einen bestimmten Zweck zu erfüllen, ganz im Sinne der Unix-Philosophie: "Do one thing and do it well".

Vor allem aber erstaunt die schiere Masse an Distributionen, die mit Linux als Basis in den vergangenen Jahrzehnten das Licht der Welt erblickt haben. Und immer noch kommen weitere hinzu.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 09/2016 des Linux Magazins, das seit September 2014 wie Golem.de zum Verlag Computec Media gehört.  (kki)


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