Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/analog-in-rio-die-technik-hinter-den-olympia-kulissen-1608-122697.html    Veröffentlicht: 17.08.2016 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/122697

Analog in Rio

Die Technik hinter den Olympia-Kulissen

Weltklasseleistungen werden nicht nur von den Sportlern in Rio gefordert. Auch Manager, Logistiker und Techniker der Wettkampfstätten stehen permanent unter Strom - die Technik hinter den Kulissen ist dabei meist analog. Zu Besuch im Stadion Maracanã.

Im legendären Estádio do Maracanã im Zentrum von Rio de Janeiro findet am Wochenende die Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele statt, vorher noch die Finalspiele der Frauen und Männer im Fußball. Nichts darf schiefgehen, wenn die Welt dabei zuschaut, wie Brasilien und damit ganz Südamerika seine ersten Olympischen Spiele veranstaltet.

Eine gigantische Aufgabe: 100 Lkw liefern jeden Tag Waren aller Art von Stromgeneratoren bis hin zu Getränken ins Stadion, 2.650 Schlüssel sichern die verschiedensten Systeme und Räume ab, über 15 Kanäle wird per Radiowelle kommuniziert. Zwischen 300 und mehr als 1.000 Personen arbeiten hier. Jeden Tag werden Dinge repariert, etwa die Whirlpools in einer Kabine. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, haben eine noch größere Tragweite als bei der Fußball-WM vor zwei Jahren, als Deutschland Weltmeister wurde.

Check-up mit der Logistik

"Thiago, sind die Stühle geliefert?" Der Mann mit dem Walkie-Talkie nickt, fragt nach. "Und der Rollrasen, weißt du schon mehr?" Der sei angekommen und ausgelegt. "Danke. Aus." Luiz Brum, der Stadionmanager, dreht einmal am Gerät, nach dem kurzen Check-up mit der Logistik fragt er bei den Tontechnikern nach. "Habt ihr den Lautsprecher über der Haupttribüne fertig?" Die letzten Tage klang der Sound nicht satt genug. Aber anscheinend ist auch das erledigt. Jetzt kann Fußball gespielt werden. "Klingt alles gut. Aber ich mache lieber noch eine Visite", sagt er zu sich selbst. Luiz Brum rastet das Walkie-Talkie in die Halterung seines Gürtels, klatscht in die Hände, marschiert los.

Jeden Tag macht er das so, nach der Morgenkonferenz um neun Uhr. Alle Wasserhähne einmal einschalten, alle Fahrstühle kurz rufen, die Fluchtgänge schnell nach Hindernissen im Weg durchsuchen, Abfall vom Boden aufsammeln, die Internetverbindung im Sicherheitszentrum überprüfen. Für alles gibt es eine eigene Organisationseinheit, 47 an der Zahl, aber der Chef versichert sich lieber selbst. Es ist der normale Wahnsinn in diesen Tagen.

"Bei der Fußball-WM 2014 konnte man hier einfach Eis für die Umkleidekabinen oder Wasser anfordern, ohne nachzudenken. Aber wenn wir das heute machen, hat das gleich Auswirkungen auf die anderen Wettkampfstätten." Es gibt immerhin vier Wettkampfzentren, bestehend aus größeren und kleineren Arenen in der ganzen Stadt, es muss gehaushaltet werden. 10.000 Athleten aus 205 Ländern kämpfen um 306 Goldmedaillen. Eine halbe Million Besucher sind in der Stadt.

Maracanã im Rampenlicht

Luiz Brum, ein kurzgewachsener, stämmiger Typ, der eigentlich Sportphysiologie studierte, sich dann durch mehrere Organisationsposten an diese Stelle befördert hat, trägt die schwere Last maßgeblich auf seinen Schultern. Von allen Hauptwettkampfzonen steht das Stadion Maracanã zu Anfang und Ende der Spiele besonders im Rampenlicht.

Wenn der Stadionmanager Brum in schnellen Schritten durch das Stadion zieht, links und rechts Mitarbeiter aller Ränge begrüßt, manchmal Fragen durch den Stöpsel in seinem Ohr beantwortet, macht er nicht den Eindruck, als wäre er sonderlich gestresst. Aber: "Abends im Bett denke ich immer noch ans Maracanã. Morgens beim Aufwachen auch. Ich glaube, ich träume auch davon."

Fünf Informatiker steuern die Elektronik

Gestern rannte er schon vor Beginn der Schicht in einen Raum, in dem er auch jetzt vorbeischaut. Fünftes Stockwerk, Nähe Eingang A. Das Kontrollzimmer für alle möglichen Informationssysteme. Fünf Informatiker sitzen da an Bildschirmen, dahinter der Blick aufs Stadioninnere, und steuern wesentliche Teile der Elektronik. Per Mausklick können sie das automatische Spülungsintervall auf den Toiletten ändern, die Klimaanlagen pro Stockwerk hoch- und runterregeln, die Helligkeit der Beleuchtung regulieren.

Brum lehnt sich in die Tür. "Jungs, könnt ihr bei den Fahrstühlen kurz nachschauen? Der für die VIPs des IOC darf nur im ersten und dritten Stock halten." Für Luiz Brum ist hier ein Traum wahr geworden. Der Mittvierziger ist Fan des Fußballklubs Flamengo, der seine Heimspiele hier austrägt - im Maracanã. Als kleiner Junge stand er auf den Rängen, jubelte seinen Idolen auf dem Rasen zu, als Flamengo brasilianischer Meister wurde. In diesem Stadion zu arbeiten, wäre aber für jeden fußballinteressierten Landsmann etwas Besonderes.

Weltweit ist kaum ein Stadion so berühmt und berüchtigt wie dieses, den Brasilianern ist es der nationale Fußballtempel. Für die Fußball-WM 1950 wurde es gebaut, es sollte jener Ort werden, an dem das fußballbegeisterte Land daheim zum Weltmeister gekürt würde. Nur verlor Brasilien das Finale mit 1:2 gegen das viel kleinere Uruguay. Ein Begriff, der eine traumatische Niederlage beschrieb und zum Synonym nationaler Schande wurde, wurde geprägt: Maracanazo.

200.000 Zuschauer im Maracanã

Ein Maracanazo hätte das Spiel nicht nur wegen der Finalpleite für die Gastgeber werden können. Auch organisatorisch balancierte man an einem Debakel vorbei. Offiziell konnte das Stadion 170.000 Zuschauer fassen, war damit das größte der Welt. Beim Finale aber drängten sich knapp 200.000 Menschen auf den Rängen, obwohl nur 170.000 bezahlt hatten. Alles lief ohne große Zwischenfälle ab. Wie es aber möglich war, dass ein Stadion bei einer so wichtigen und vermeintlich minutiös geplanten Veranstaltung plötzlich um ein Fünftel seines Verfassungsvermögens überfüllt war, das fragt man sich bis heute.

Eventplanung à la Maracanã

Brum, der das WM-Finale von 1950 aus den Geschichtsbüchern kennt und sein Land aus dem Alltagsleben, wagt eine Erklärung. "Ich schätze mal, die Kontrolleure haben einfach mehr Leute reingelassen, weil sie wussten, wie wichtig das Spiel für die Menschen war. Alle wollten es sehen." Wie dann wiederum ausgerechnet bei 200.000 Schluss war, ist schwerer zu erklären. "Wahrscheinlich eine Art intuitives Sicherheitsmanagement."

Für Brum und sein Team ist der Maracanazo vom Sommer 1950 daher nicht nur ein Mahnmal für nationale Enttäuschung, sondern auch ein Beispiel für Eventplanung. 300 Kameras überwachen mittlerweile die Eingänge und Katakomben des Stadions, Evakuations- und Zugangswege. Aber auch heute ist dies die Schwachstelle im Stadion. "Für die Abschlussfeier müssen wir dringend besser beim Einlass werden."

Fehler bei der Eröffnungsfeier

Bei der Eröffnungsfeier am 5. August liefen zu viele Besucher auf Abschnitte der Tribüne, zu denen ihre Tickets nicht den Zugang erlaubten. Teils wussten die Kontrolleure die Zeichen auf den Eintrittskarten nicht zu unterscheiden, in anderen Fällen passten sie an den Eingängen nicht auf. "Die Fehler geschahen zum Glück erst im Stadioninnern, insofern war das größte Problem, dass einige Zuschauer zuerst in die falsche Sitzreihe liefen." Mehr Zuschauer als verkaufte Tickets gab es diesmal nicht.

Aber was Besucher angeht, wird nicht nur der Zugang zum Stadion im Maracanã zur Herausforderung. Anders als moderne Eventarenen hat dieses eigens für Fußball konstruierte Stadion nur einen einzigen großen Eingang, der Fahrzeuge auf das Spielfeld lässt. So konnten bei der Eröffnungsfeier sämtliche sperrigen Gegenstände nur relativ langsam und nacheinander eingesetzt werden - entsprechend war die Dramaturgie der Zeremonie als eine Aneinanderreihung verschiedener Teile ausgelegt.

Bei der Abschlussfeier wird das Zugangsproblem aber nicht nur künstlerischer Natur sein. Da das olympische Fußballfinale der Männer nur 16 Stunden vor dem Beginn der Abschlussfeier endet, wird die Hundertschaft von Mitarbeitern unter argem Zeitdruck arbeiten.

Techniker unter Druck

Gut 10.000 Stühle müssen ins Stadion geräumt, Sitze auf der Tribüne abmontiert, der Rasen ausgerollt, ein Videowürfel über dem Spielfeld installiert werden. Weil das Maracanã keine Frachtaufzüge hat, müssen TV-Anlagen und Lebensmittel über Rampen ins Stadion gefahren werden. Unter der Tribüne, im Erdgeschoss vorbei an der Mixed Zone für Medieninterviews, wartet Thiago Damasco, Chef für die Logistik im Stadion.

Excel-Liste auf dem Laptop

Hinter einem Aufstellzaun aus dünnem Metall stapeln sich Siegerpodien, Absperrpfosten, Elektroroller, Regale und reichlich Verpacktes, das für die Abschlusszeremonie gedacht ist. "Da hinten sind all die Stühle", nickt Damasco dem Stadionmanager zu. In seine Excel-Liste auf dem Laptop hat er das eingetragen. Teil eines Informationssystems, auf das alle Zugriff haben, um sich auf dem Laufenden zu halten, sind die Bestände aber nicht.

Das Maracanã ist nicht wie der Hamburger Hafen, wo Logistik und Planung automatisiert sind, Softwareprogramme die Abwicklung stemmen. In Brasiliens Tempel arbeiten an fast allen Ecken Menschen. "Das Menschliche ist unsere Stärke. So macht die Arbeit Spaß", findet Brum, schlägt seinem Mitarbeiter in die Magengrube und lacht.

Schwachstelle Menschlichkeit

Aber all die Menschlichkeit könnte auch zur Schwachstelle werden. Das Sicherheitspersonal ist dafür berüchtigt, nach den Veranstaltungen die Bierbestände zu plündern. "Das ist ja nicht das Schlimmste", sagt Brum, unterdrückt ein Grinsen. Die Leute müssten nur den ganzen Zeitraum hellwach bleiben und strikt ihre Arbeit verfolgen.

Um das zu beobachten, sitzt der Stadionmanager im Control Tower, wo die Bilder aller 300 Kameras zusammenlaufen. Jeder Mitarbeiter ist dann per Walkie-Talkie erreichbar und kann ermahnt werden. So weit geht die Technik immerhin. Das gab es beim Maracanazo 1950 noch nicht.  (fli)


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