Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/deus-ex-mankind-divided-im-test-der-agent-aus-dem-hardwareshop-1608-122677.html    Veröffentlicht: 19.08.2016 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/122677

Deus Ex Mankind Divided im Test

Der Agent aus dem Hardwarelabor

Auf nach Golem City, kein Scherz: Im neuen Deus Ex verschlägt es den Spieler nach Tschechien. Dabei geht es um ganz große Verschwörungen, aber auch um merkwürdige Hightech-Implantate im Körper der Hauptfigur.

"Erstklassige Arbeit, Jensen, Sie Scheiß Blecheimer": An solche Kommentare durch die lieben Kollegen muss sich Adam Jensen wohl einfach gewöhnen. Immerhin besteht unser Alter Ego in Deus Ex - Mankind Divided ja tatsächlich nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern auch aus Platinen, Kabeln und Computerchips. Die Augmentationen (Körperverbesserungen) machen uns schneller und stärker als normale Menschen.

Der Streit zwischen den Augmentierten und den normalen Menschen ist eines der zentralen Elemente von Mankind Divided. Die Handlung des Rollenspiels ist zwei Jahre nach dem 2011 veröffentlichten Human Revolution (Test bei Golem.de) angesiedelt. Das neue, erneut von Eidos Montreal produzierte Spiel fühlt sich über weite Strecken wie eine Fortsetzung unter verschärften Bedingungen an. Die Welt ist noch kaputter und düsterer, der Streit zwischen augmentierten und normalen Menschen längst eskaliert.


Sogar in der U-Bahn gibt es zwei Abschnitte - und wenn wir mit der Sondervollmacht von Jensen in den "falschen" Waggon steigen, ernten wir tatsächlich böse Blicke. Damit Einsteiger einigermaßen wissen, worum es geht, können sie vor dem Start der Kampagne ein sehr gut gemachtes, rund zwölf Minuten langes Video mit einer Zusammenfassung der Ereignisse aus Human Revolution anschauen. Aber selbst dann ist nicht ganz klar, welche Rolle die unterschiedlichen Fraktionen haben, etwa die Illuminaten oder die Kommandogruppe von Interpol, für die Jensen arbeitet - nicht als Chef übrigens, sondern als einfacher Agent.

Unabhängig von der Handlung: Der Einstieg in Mankind Divided ist alles andere als leichtgängig. Zwar absolvieren wir als Adam Jensen gleich nach dem Intro einen Schleich- und Schießeinsatz auf einer verfallenen Hotelanlage vor Dubai - mit unerwartetem Ausgang. Aber danach sind wir im Rahmen der insgesamt rund 40 Stunden dauernden Kampagne erst lange in der Altstadt von Prag unterwegs. Dort helfen wir Rebellen, legen uns mit der Polizei und mit Schmugglern an und erkunden das Hauptquartier von Interpol.

Hacker gesucht

Für das Absolvieren der Haupt- und Nebenmissionen reden wir mit Stadtbewohnern, suchen nach Beweisen und hacken Computersysteme - eine gut gemachte, nicht im Verlauf immer kniffligere Denksportaufgabe, um die auch Spieler, die ganz auf Action setzen wollen, in Mankind Divided so gut wie nicht herumkommen. Diese langen Abschnitte erinnern fast an ein Adventure.

Anschließend geht es dann im dritten Kapitel ins ebenfalls tschechische Ghetto Golem City - ein Ort, der besonders eng mit dem aus Hightech-Geräten zusammengesetzten Jensen korrespondiert. Allein bis zu diesem Abschnitt gab es schon eine Reihe von größeren Überraschungen und Wendungen in der Geschichte, über die wir aber nichts verraten wollen.

Die Handlung erklärt auch, warum unser Protagonist über neue Augmentationen und damit Fähigkeiten verfügt. Jenson kann auf Knopfdruck für wenige Augenblicke eine fast undurchdringliche Titanrüstung aktivieren, Feinde mit einem Blitzschlag lahmlegen, eine für Nah- und Fernkampfangriffe geeignete Klinge aus seiner Faust schießen lassen und extrem schnell sprinten.

Akku am Limit

Kleines Problem: Die interne Stromversorgung von Jensen gerät ähnlich schnell an ihre Leistungsgrenzen wie aktuelle Smartphone-Akkus - es ist immer zu wenig Saft da. In Deus Ex bedeutet das, dass sich der Spieler entscheiden muss: Er kann die fürs Hacken gedachten Augmentierungen lahmlegen und sich weitgehend auf Kampfverbesserungen konzentrieren.


Diese Entscheidungen sind uns sehr schwer gefallen. Es gibt zwar ein paar Körperverbesserungen, die wir so gut wie nie genutzt haben. Die meisten sind aber eben doch sehr nützlich. Und schließlich wissen wir zumindest im ersten Durchgang nicht, worauf wir vorbereitet sein müssen.

Entscheidungen sind aber auch seit dem Serienerstling eines der Markenzeichen von Deus Ex. Wir müssen uns nicht nur für oder gegen bestimmte Augmentierungen entscheiden, sondern auch, welche Waffen wir im bald hoffnungslos überfüllten Inventar unterbringen wollen, und welche Munition oder Extras wir mit den modifizierbaren Waffen verwenden.

Auch moralische Entscheidungen warten wieder auf uns. So können wir an einer Stelle nur einem von zwei Bürgern helfen, die Ausweispapiere bei den Behörden zu aktivieren. Lassen wir dann lieber die mondäne Künstlerin oder den braven Einzelhändler in den Folterknast wandern?

Ebenfalls gut überlegen müssen wir uns stellenweise, welchen Weg wir wählen. So können wir einige kritische Stellen mit vielen Feinden oder zumindest Wachen umgehen, indem wir mit unserer augmentierten Supersicht nach Lüftungsschächten suchen und dann hindurchkrabbeln. Selbstschussanlagen können wir deaktivieren, indem wir uns in die Schaltzentrale der zuständigen Security vorarbeiten und dann die Systeme hacken. Mit solchen Tricks ist es offenbar möglich, Mankind Divided ganz ohne Schusswechsel oder sonstige Kämpfe durchzuspielen, aber dann muss man wohl wirklich länger nach diesen Alternativen suchen - uns ist das nicht einmal im Ansatz gelungen.

Unwucht im Kampf

Allerdings machen uns die Kämpfe auch etwas mehr Spaß als im direkten Vorgänger. Und das, obwohl sie sich immer noch nicht ganz rund und wuchtig wie in einem guten Shooter anfühlen. Dazu sind die Munitionsvorräte zu begrenzt, und dafür vertragen wir zumindest in den beiden höheren der anfangs verfügbaren drei Schwierigkeitsgrade zu wenig Treffer.

Gerade das sorgt allerdings dafür, dass wir uns gut vorbereiten und taktisch geschickt agieren müssen: Welche Waffen verwenden wir, welchen Feind schalten wir zuerst aus, mit welchen Augmentierungen haben wir die besten Chancen auf den Sieg, und wie verwenden wir das neue Deckungssystem am besten? Mankind Divided zwingt uns, solche Entscheidungen zu treffen und kreative Lösungen zu finden. Ganz besonders gilt das übrigens in den Bosskämpfen, die noch etwas kniffliger als im Vorgänger geworden sind.

Verfügbarkeit und Fazit

Den Großteil der Zeit verbringen wir allerdings in nur mittelgroßen Umgebungen - Mankind Divided ist kein Openworld-Spiel. Immerhin können wir relativ viele freiwillige Nebenmissionen annehmen, um so Punkte für den Ausbau unserer Augmentierungen zu sammeln. Sowohl Haupt- als auch Nebenquests sind interessant gestaltet und bieten deutlich mehr als "Bringe A nach B". Die Reihenfolge, in der wir die Aufgaben absolvieren, ist beliebig. Allerdings können wir nach dem Wechsel von einem großen Gebiet ins nächste nicht wieder zurückkehren - die Nebenquests verfallen dann, was uns das Programm aber rechtzeitig sagt.

Das Spiel basiert auf der Dawn Engine von Eidos Montreal, die einen etwas durchwachsenen Eindruck hinterlässt. Einige der Umgebungen sehen sehr schön aus - auch Golem City wirkt detailreich und schön ausgeleuchtet. Die Figuren und einige Animationen erscheinen dafür nicht besonders ausgereift. Wenn wir als Adam Jensen etwa eine Leiter hochklettern, wirkt das fast wie in einem Retrospiel, so hüftsteif klettert der Superagent - kein Vergleich mit Titeln wie Assassin's Creed.

Deus Ex Mankind Divided ist ab dem 23. August 2016 für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 verfügbar; je nach Plattform liegt der Preis bei 50 bis 70 Euro. Die Systemanforderungen der PC-Fassung sind moderat; bei uns lief das Spiel ohne technische Probleme auf einem System mit Nvidia-Karte, obwohl die Entwickler eigentlich mit AMD zusammengearbeitet haben. Nur die teils sehr langen Ladezeiten haben genervt.

Die deutsche Sprachausgabe ist okay, nur einige Nebenfiguren klangen in unseren Ohren nicht ganz überzeugend. Einen Multiplayermodus gibt es nicht. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahren bekommen.

Fazit

Auch sein zweites Deus Ex meistert Agent Jensen mit Bravour. Obwohl der Mann vermutlich zur Hälfte aus Kabeln und Platinen besteht und zumindest auf den ersten Blick wenig sympathisch rüberkommt, ist er uns im Verlauf der Handlung erstaunlicherweise menschlich nähergekommen als manch anderer Spieleheld. Das liegt daran, dass die Handlung im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht und sich intensiv und nachfühlbar mit seinem Innenleben beschäftigt. Also mit den Augmentierungen - aber eben auf eine angenehm unaufdringliche Art auch damit, wie es sich wohl anfühlt, halb Maschine zu sein.

Auch spielerisch überzeugt das Programm. Mankind Divided ist wieder ein echtes Rollenspiel, das sich an ein erwachsenes und erfahrenes Publikum richtet. Gelegentlich fühlt sich das Ganze zwar eher nach Arbeit als nach lockerer Feierabendunterhaltung an. Wir haben uns beim Test aber keine Minute gelangweilt.

Die meisten Kämpfe sind angenehm herausfordernd und nur mit taktischer Überlegung zu meistern. Der Umgang mit den Menüs und die wichtigen Hacking-Elemente erfordern Konzentration und halbwegs planvolles Vorgehen. Das neue Deus Ex fühlt sich stellenweise fast schon wie ein Old-School-Rollenspiel an, zumal einige Animationen und Effekte nicht ganz taufrisch wirken - aber an den Bildschirm fesseln kann es eben doch. Wer ein langes Abenteuer mit Tiefe in einer düsteren Welt sucht, sollte Mankind Divided die verdiente Chance geben.  (ps)


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