Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/no-man-s-sky-im-test-interstellare-emotionen-durch-schwarze-loecher-1608-122635.html    Veröffentlicht: 11.08.2016 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/122635

No Man's Sky im Test

Interstellare Emotionen durch schwarze Löcher

No Man's Sky ist ein großer Hoffnungsträger für viele Science-Fiction-Fans. Mich hat das Spiel mitgenommen. Deshalb ist dieser Artikel halb Test, halb Vermisstenanzeige.

Wäre ich bloß nicht in dieses vermaledeite schwarze Loch geflogen. Ich fühle mich dumm und naiv. Hollywood hatte mir doch eigentlich beigebracht, dass der Weg durch ein schwarzes Loch eine Einbahnstraße ist.

Gerade hatte ich den idealen Planeten in No Man's Sky gefunden. Im "Golem" getauften Sonnensystem habe ich ihn nach meinem Heimatort Schaumburg benannt. Er ist voll mit grünen Bäumen und Gräsern, hat weite Ozeane, wunderschöne Sonnenaufgänge und verträumte Sonnenuntergänge.

Die Hölle nach dem Paradies

Alle Ressourcen, die man sich wünschen könnte, sind dort zu finden: Zink, Platin, Aluminium, Gold und sogar Eridium. Zugegeben, es regnet häufig. Aber dafür leben dort die sogenannten "Kuhlems" - eine freundliche Spezies, die wir hier auf der Erde vermutlich als einen Mix aus Kuh und Pferd beschreiben würden. Wer auch immer sie nach mir findet: Bitte gebt ihnen Eisen! Sie belohnen euch dafür mit seltenen Ressourcen.

Ach, ich vermisse mein Schaumburg. Aber ich werde es wahrscheinlich nie wiedersehen. Denn nach dem Flug ins anfangs angesprochene schwarze Loch bin ich nun 1.270 Millionen Lichtjahre entfernt und weiß nicht einmal, in welcher Richtung meine Heimat liegt. Aktuell düse ich nun von staubigen Wüsten ohne Leben über giftige Sümpfe bis hin zu eiskalten Gletschern, wo es nichts außer verrückt gewordenen Wächtern (der Weltraumpolizei) zu geben scheint.

30 Stunden und kein Ende in Sicht

No Man's Sky ist seit der Ankündigung 2013 ein großer Hoffnungsträger. Fantasievolle Spielernaturen und Forscher können hier viel Spaß haben und einzigartige Science-Fiction-Abenteuer erleben. Die Entwickler von Hello Games haben dem Spiel viele Gene von Star Wars und Star Trek eingepflanzt. Gepaart mit den vielen Kurzgeschichten, die es an allen Ecken und Enden auf den Planeten zu finden gibt, liefert das Spiel zu Beginn viele spannende erste Male beim Kennenlernen der außerirdischen Rassen und ihrer Sprachen.

Monotonie im Weltall

Neue Spielmechaniken habe ich nach den ersten zehn Stunden aber dann nicht mehr entdeckt und darauf die immer gleichen Ressourcen gefarmt. Der Spielstart ist durch das stark limitierte Inventar und den anfangs langsamen Abbau der Ressourcen unnötig zäh. Viel zu viel Zeit verstreicht beim Hin- und Herschieben von Gütern, um für etwas mehr Platz zu sorgen.

Die meisten Spieler werden zu diesem Zeitpunkt auch bemerken, dass sich die Planeten doch alle ähnlicher sind als zuerst vermutet. Besonders Flora und Fauna unterscheiden sich primär in der verwendeten Farbpalette. Bei den Tieren gibt es ein paar Variationen der Polygonmodelle. Wie viele und welche Ressourcen ein Planet beherbergt, ist dann eben purer Zufall - meist ist es aber je ein Dutzend.

Die Vorhersehbarkeit bei Planeten und Raumstationen schmälert allerdings nicht die wunderschöne Ästhetik von No Man's Sky. Häufig empfinde ich im Spiel eine gewisse Romantik, wenn ich mein treues Raumschiff nach einem längeren Erkundungsgang hinter einem Hügel wieder unversehrt auffinde und die Triebwerke anschmeiße, während sich am Horizont die Sonne an einem Mond vorbeischiebt.

In der Playstation-4-Fassung stören optisch eigentlich nur die geringe Sichtweite und das langsame Hereinschneien von mehr Details. Die Welten werden hier mit Voxeln erstellt, während Raumstationen und Tiere auf Polygonen basieren.

Für die PC-Fassung haben wir einen dedizierten Artikel, weswegen wir hier nicht weiter auf die Performance auf dem Computer eingehen. Rein optisch sind die Unterschiede aber nicht gewaltig.

Entspannung nach dem Ausbau

Nach zahlreichen hart erarbeiteten Verbesserungen im Exo-Suit, Inventarvergrößerungen und drei neuen Raumschiffen hat sich wieder ein genießbarer Flow in No Man's Sky eingefunden. Mit genügend Platz im Inventar ist das Überleben in den häufig feindlichen Sonnensystemen direkt deutlich stressfreier und weniger gehetzt. Durch die Upgrades im Waffen- und Schildsystem beginnen selbst die zu Beginn öden Raumkämpfe Spaß zu machen, auch wenn sie nie einen nennenswerten Tiefgang entwickeln.

Während ich so durch das endlose All schipper, mache ich mir aber Gedanken um die Zukunft. Was wird mich wohl hier halten? Warum sollte ich weiter Welten erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen?

Neubeginn ohne Reue

Für die Zukunft von No Man's Sky wünsche ich mir daher deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten für mein Raumschiff, mehr Komfort und Platz im Inventar zu Spielbeginn und zuletzt ganz klar die Unterstützung für kooperatives Spielen mit Freunden. Da wäre es mir dann auch egal, noch einmal von vorne anzufangen. Das klappt bei Minecraft Realms schließlich auch immer ganz prima.

Aktuell ist der Spielstart aber primär eine äußerst atmosphärische Sammelorgie von Ressourcen mit jeder Menge Inventar-Frust und eine Handlung gibt es abseits der bereits angesprochenen Kurzgeschichten nicht.

Keine Handlung

Und so kann No Man's Sky anders als ein GTA 5 oder Witcher 3 eben auch nicht den größten Erwartungen standhalten. Hier gibt es keine ausladende Solokampagne mit Storysequenzen - sondern schlicht drei mögliche Anflugsziele im schier endlosen All und jede Menge offene Fragen.

Verfügbarkeit und Fazit

No Man's Sky wurde von der USK ab 6 Jahren freigegeben und ist für die Playstation 4 erhältlich und kostet 60 Euro. Eine PC-Version für Windows soll am 12. August 2016 erscheinen. Sobald die Testversion freigegeben ist, werden wir einen Versionsvergleich veröffentlichen.

Fazit

No Man's Sky schafft es mit seinem Mix aus Erkundung, Kampf, Handel und Überleben zu faszinieren und echte Emotionen im Spieler zu wecken. Gefühle wie Verlust, Sehnsucht aber vor allem Einsamkeit erzeugt das Spiel mit Bravour. Das liegt zum einen am gelungenen Flow, wenn es darum geht, nur noch schnell ins nächste Sonnensystem reinzuschnuppern - und zum anderen an den wunderschönen Designs der Welten.

Audiovisuell überzeugt das Spiel auf der Playstation 4 abgesehen von der geringen Sichtweite und den hereinschneienden Details. Der Soundtrack passt wie in Gold gepresstes Latinum zum Ferengi und sorgt durch die dynamische Abmischung immer für die passende Beschallung - egal ob der Ausflug ins All romantisch oder actionreich ausfällt.

Die anfängliche Begeisterung schwindet, sobald dem Spieler auffällt, dass sich viele Planeten doch sehr ähneln. So werden die meisten Spieler auf ihrem Weg zum Zentrum des Universums ein doch recht ähnliches Solo-Abenteuer erleben.

Im Programm steckt noch so viel unangetastetes Potenzial für die Zukunft: Vor allem das gemeinsame Erkunden mit ein paar Freunden, grundlegende Bauoptionen oder zumindest eigene Raumschiffdesigns sollten Pflichtupdates für die Entwickler sein. Aktuell gibt es zu wenig Tiefgang, Abwechslung und Möglichkeiten vor allem im Kampf und beim Handel.

Sollten künftige Patches Multiplayer-Server, Baumöglichkeiten und den dringend nötigen Feinschliff bringen, dürften Spieler in No Man's Sky noch jahrelang gut beschäftigt sein. Im bisherigen Zustand lässt es aber die Genialität und den Fokus anderer Indie-Titel wie Faster Than Light oder Minecraft vermissen.

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P.S.: Sofern ein Spieler meine Heimat Schaumburg in No Man's Sky finden sollte, möge er oder sie bitte den persönlichen Kommunikator aktivieren und sich bei mw@golem.de melden. Den schönsten Blick auf den Sonnenuntergang am Meer gibt es bei der Station Bückeberg. Ich habe ihn genossen. (ó_ò)  (mw)


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