Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/technik-bei-rio-2016-per-stromschlag-zu-gold-1608-122576.html    Veröffentlicht: 11.08.2016 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/122576

Technik bei Rio 2016

Per Stromschlag zu Gold

Bei Olympischen Spielen geht es nicht nur um körperliche Fähigkeiten. Die Technologie hilft beim Wettbewerb um Gold, Silber und Bronze mit. Im Training setzt es dabei schon mal Stromschläge. Beobachtungen aus Rio.

Subramaniam Ramakrishnan ist nicht stolz, wenn es um die sportlichen Leistungen seiner Nation geht. Seine Heimat Indien zählt fast 1,3 Milliarden Einwohner, nur China ist größer. Betrachtet man das Abschneiden aller Länder bei den Olympischen Spielen relativ zur Bevölkerung, führt Indien die Tabelle an - von unten.

Vor vier Jahren in London 2012 holte das Land sechs Medaillen, China mit 1,4 Milliarden Menschen Bevölkerung gewann 88 Medaillen. Dabei war Indien damals noch relativ gut dabei: 2008 in Peking hatte das Land nur drei gewonnen, bei den drei Olympischen Spielen zuvor nur jeweils nur eine.

Videoanalyse für Entscheidungen in Echtzeit

Die Gründe für das desolate Abschneiden sind vielfältig: Kritiker sehen einen vergleichsweise geringen Stellenwert des Sports, entsprechend wenig Geld fließt in die Athletenförderung. Allerdings fehlt auch Know-how, wie der ehemalige Banker und Sportfan Subramaniam Ramakrishnan meint.

Ramakrishnans Unternehmen Sports Mechanics hat deshalb erstmals in seinem Land ein Informationssystem entwickelt, mit dem Athleten ihre Trainingseinheiten registrieren und das Geleistete mit ihrer körperlichen Beschaffenheit abgleichen können. Außerdem bietet Ramakrishnan eine Videoanalyse an, die anhand der eigenen Bewegungsabläufe oder der des Gegners die optimalen Entscheidungen in Echtzeit empfehlen kann.

Die eigens entwickelte Software T20 Pro schafft es, für Cricketspiele - ähnlich wie im europäischen Fußball üblich -, per Videoanalyse intelligente Daten zu erstellen und auszuwerten. Individualsportler werden über die Onlineplattform Athlete Management System 24 Stunden am Tag analysiert. Athleten und Trainer tragen dort Werte zu Training, Ernährung und Vitaldaten ein, auf die der gesamte Trainerstab sowie die Analytiker um Ramakrishnan Zugriff haben. Die geben daraufhin Empfehlungen zur Optimierung der Leistung.

In anderen Ländern sind solche Mittel schon lange üblich, nicht aber in Indien. Sports Mechanics hat etwa die indische Cricket-Nationalmannschaft analysiert. Die Weitspringerin Sahana Kumari qualifizierte sich durch eine dank kluger Daten optimierte Anlauftechnik vor vier Jahren für Olympia.

In dem olympischen Team für London 2012 arbeiteten Athleten aus Tischtennis, Boxen, Leichtathletik und Gewichtheben mit der Plattform von Sports Mechanics. "Heutzutage kannst du im Sport nichts mehr erreichen ohne wissenschaftliche Methoden", sagt Ramakrishnan. Dennoch hinkt Indien der Welt noch immer hinterher.

Stromschläge für die Konzentration

Anderswo sind technische Hilfsmittel nicht nur weiter fortgeschritten, sondern auch spezialisierter. Bei den Olympischen Spielen in Rio versetzt zum Beispiel der US-amerikanische Hürdenläufer Michael Tinsley die Konkurrenz in Staunen, weil er ständig musikhörend mit einem Kopfhörer rumzulaufen scheint.

Tatsächlich aber verpasst er seinem Gehirn durch das Gerät Stromschläge. Hinter dem Verfahren steckt das kalifornische Tech-Startup Halo Neuroscience, das behauptet, durch die Stöße vor dem Training könne sich das Gehirn besser konzentrieren und das Gelernte verinnerlichen.



Technologische Unterstützung bringt Gold



Zuerst wurde die Technologie mit dem Skiverband ausprobiert und produzierte tatsächlich gute Resultate. Mittlerweile nutzen neben drei US-Amerikanern auch je ein Athlet aus Trinidad und Tobago und Sierra Leone die Kopfhörer. Tinsley gewann in London 2012 Silber über 400 Meter Hürden, mit dem kleinen zusätzlichen Push hofft er jetzt auf Gold.

Auch im Radfahren kommt Neues aus den USA. Über Jahre hat der nationale Verband gemeinsam mit dem Radhersteller Felt, dem Sportbrillenproduzenten Solos Wearables und dem Softwarekonzern IBM ein System entwickelt, durch das die Geschwindigkeit und leistungsdiagnostische Werte um Puls, Laktat und dergleichen sowohl vom Trainerstab als auch durch die intelligente Brille vom Athleten selbst erstmals in Echtzeit verfolgt werden können.

Direkt zugänglich gemacht werden die Daten durch eine Cloud. Der Fahrer kann sich zumindest im Training direkt anpassen. In den USA vermutet man, dass die Bahnradfahrer durch diese optimierte Vorbereitung Goldmedaillen gewinnen werden.

Gesenkte Verletzungswahrscheinlichkeit

Im Boxen setzt das britische Team die von der Sheffield Hallam University entwickelte Software iBoxer ein, die bei Athleten vor allem durch Kameras Kampfstil, Bewegungsabläufe und Krafteinsatz analysiert. Das Australian Institute of Sport hat dazu eine Datenbank entwickelt, auf die iBoxer zugreifen kann. Hat ein Boxer solche Informationen über seinen Gegner, kann die Verletzungswahrscheinlichkeit gesenkt werden, wodurch während des Wettbewerbs länger auf höherem Niveau gekämpft werden kann.

Beim Segeln gehört das deutsche Team zu den Technologieführern. Ähnlich wie beim Boxen geht es um Informationssysteme, hier angewandt auf die Wasser- und Witterungsbedingungen. Der Softwarekonzern SAP stellt seit 2011 ein System bereit, mit dem Athleten laut dem deutschen Segelverband schneller trainieren und im Wettkampf deutlich besser abschneiden.

Auf dem Bildschirm werden dabei virtuelle Modelle der Strecke gezeigt, zusammen mit GPS- und Wetterdaten mit ständig wechselnden Werten wie Strömung und Wind. Darauf aufbauend werden Manöver analysiert und optimale Handlungen vorgeschlagen. Auch die deutschen Segler versprechen sich dadurch bessere Medaillenchancen.

Indien fehlen Offenheit und Geld

Vielerorts steht die Technologie fast schon im Vordergrund - allerdings vor allem in den reicheren Ländern. Indien gehört trotz seiner Größe nicht dazu. Und dann fehlt wohl auch die nötige Offenheit. "Die Sportszene nimmt sich nur sehr langsam neuer Dinge an", klagt der Unternehmer Ramakrishnan über sein Land. Und manchmal werde sogar eine Rolle rückwärts gemacht.

Denn im Cricket ist Sports Mechanics zwar gut vertreten, aber bei den Spielen von Rio analysiert Ramakrishnans Technologie keinen Athleten. Vielleicht sind seine Dienste zu teuer, vielleicht haben sich die Sportler durch die Nutzung der Plattform während der vergangenen Jahre aber auch schon genug verbessert.

Indien will in Rio dieses Jahr zehn Medaillen gewinnen. Gemessen an der Bevölkerungszahl wäre das immer noch unterdurchschnittlich. Angesichts des geringen Einsatzes technologischer Mittel aber vielleicht gar nicht so schlecht.  (fli)


Verwandte Artikel:
Rio 2016: Keine Gifs und Vines von den Olympischen Spielen   
(05.08.2016, https://glm.io/122532 )
Maschinelles Lernen: RCN erkennt zwei Drittel aller Recaptchas automatisch   
(30.10.2017, https://glm.io/130884 )
Pyeongchang: Olympic Destroyer ist eine lernende Malware   
(14.02.2018, https://glm.io/132772 )
Samsung Gear Sport im Test: Die schlaue Sportuhr   
(01.12.2017, https://glm.io/131432 )
Wearables: Der Vliespullover wird smart   
(15.02.2018, https://glm.io/132795 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/