Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/avegant-glyph-aufgesetzt-echtes-kopfkino-1608-122572.html    Veröffentlicht: 16.08.2016 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/122572

Avegant Glyph aufgesetzt

Echtes Kopfkino

Das Avegant Glyph ist das erste Retina-Display: Die Videobrille mit eingebauten Kopfhörern projiziert das Bild nämlich mit zwei Projektoren direkt auf die Netzhaut. Golem.de hat sie ausprobiert, mit ihr gespielt, gesurft und Serien geguckt.

Mit dem Avegant Glyph auf dem Kopf - oder besser vor den Augen - könnten wir glatt als Double des Chefingenieurs der USS Enterprise, Geordi La Forge, durchgehen. Zumindest sieht die Videobrille dem Visor des Star-Trek-Charakters recht ähnlich. Dass Blinde wieder sehen können, schafft das Glyph aber nicht. Trotzdem ist es technisch interessant, denn das Head-mounted Display stellt das erste - nun ja - echte Retina-Display in einem Consumer-Produkt dar: Das Bild wird direkt auf die Netzhaut projiziert.

Auf den ersten Blick wirkt das Glyph wie ein etwas größerer Kopfhörer, im Kopfbügel sind aber zwei kleine Projektoren eingebaut: Diese lösen mit 1.280 x 720 Pixeln auf und sind wie gewöhnliche DLP-Projektoren aufgebaut - nur etwas kleiner: Eine Low-Power-LED strahlt durch mehrere Linsen auf das DMD, ein aus mehreren Millionen kleinen Spiegeln bestehendes Array. Das reflektierte Licht geht durch weitere Linsen und wird in das Auge projiziert. Der Nutzer sieht das Bild.

Das mag ein wenig so klingen, als wäre es unangenehm, wenn direkt in das Auge gestrahlt wird. Allerdings fühlt sich die Projektion nach etwas Eingewöhnung erstaunlich natürlich an. Weder Kopf- noch Augenschmerzen beklagten wir, selbst nach mehreren Stunden mit dem Glyph auf der Nase.


Bevor das Glyph genutzt werden kann, muss es richtig eingestellt werden, damit auch wirklich der gesamte Bildschirminhalt zu sehen ist. Mit verschiedenen Nasenhalterungen und Abständen zum Auge sollte experimentiert werden. Die Schärfe einzustellen, ist kein Problem: An der Linse kann zwischen +1 und -7 Dioptrien scharf gestellt werden - eine Brille passt nämlich nicht zwischen Glyph und Auge.

Leider hatten vereinzelte Redakteure in unserem Test Probleme, das gesamte Bild zu sehen: Je nach Kopf- und Augenform kann es nämlich sein, dass nur ein Bild mit einer leichten Vignettierung zu sehen ist und nicht der komplette Inhalt. Das ist vor allem störend, wenn sich Dinge nicht in der Bildmitte abspielen, etwa bei Menüs von Spielen.

Nicht ganz abgeschottet

Bespielt wird das Glyph per Micro-HDMI-Kabel, ein solches wird mitgeliefert. Damit kann entweder ein PC, Laptop oder mit Hilfe eines Adapters auch ein Smartphone angeschlossen werden. Eine zusätzliche Software wird nicht benötigt, das Glyph wird wie ein Monitor erkannt. Besonders praktisch ist das Abspielen vom Smartphone, wenn unterwegs - im ICE oder im Flugzeug - ein Film oder eine Serie angeschaut werden soll. Dafür eignet sich das Glyph nämlich sehr, besonders da 3D unterstützt wird.

Das Glyph schottet einen so sehr von der Außenwelt ab, dass man sich voll auf den Inhalt konzentrieren kann. Allerdings ist man nicht ganz abgeschnitten von seinem Umfeld: Wer nach oben oder unten schaut, bekommt auch mit, was um einen herum passiert. Oder kann ganz einfach nach dem Controller beim Spielen oder einem Glas Wasser greifen.

Beim Spielen fällt auch die sehr gute Bildqualität auf: Pixel sind nicht zu sehen und die Farbdarstellung gefällt uns sehr. Wer das Glyph in einem komplett abgedunkelten Umfeld nutzt, wird sich aber wünschen, dass der Projektor noch etwas dunkler eingestellt werden kann. Drei Helligkeitsstufen gibt es nämlich, die sich aber nur ganz schwach in der Helligkeit unterscheiden.

Gut gefallen haben uns ebenso die eingebauten Kopfhörer, sie können mit Modellen im Preisbereich über 100 Euro mithalten. Tasten zur Regelung der Lautstärke und Helligkeit, dem Aktivieren der 3D-Funktion und dem noch in der Beta befindlichen Head-Tracking sind an den Seiten der Kopfhörer zu finden. Praktisch ist die Taste, die einen Testbildschirm anzeigt. So kann die Position der Brille schnell nachreguliert werden.

Im Alltag beim Spielen von Rocket League und Filmschauen hält der fest eingebaute Akku des Glyph rund drei Stunden, viel länger kann es sowieso nicht getragen werden, da es mit einem Gewicht von 480 Gramm recht schwer auf der Nase liegt. Es gibt zwar ein optionales Kopfband zur Entlastung der Nase, allerdings hilft dieses nur wenig.

Das Avegant Glyph kann derzeit nur in den USA bestellt werden, nach Deutschland wird die Videobrille nicht geliefert. Sie kostet 600 US-Dollar, je nach US-Bundesstaat kommen noch Steuern hinzu.

Fazit

Das direkte Projizieren auf die Netzhaut klingt etwas futuristisch, funktioniert beim Avegant Glyph aber erstaunlich gut. Weder sind Pixel trotz niedriger Auflösung zu sehen, noch wirken die Farben blass. Allerdings sieht nicht jeder den kompletten Bildschirminhalt.  (sw)


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