Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/senode-eine-ganze-komposition-in-zwei-graphen-1611-122381.html    Veröffentlicht: 28.11.2016 09:01    Kurz-URL: https://glm.io/122381

Senode

Eine ganze Komposition in zwei Graphen

Wenn Mathematik und Musik zusammen klingen: Mit dem Sequenzer Senode hat der Informatiker und Drummer Sebastian Arnold die Verschmelzung von Schlagzeug und Snythesizer perfektioniert. Das Konzept ist überraschend simpel - und bestechend.

So simpel wie genial: Senode ist im Grunde nur die einfache Verknüpfung zweier mathematischer Konzepte. Der Sequencer verschmilzt Schlagzeug und Synthesizer. Erfunden hat ihn der Schlagzeuger und Informatiker Sebastian Arnold. Er kann damit Melodien in seine Bühnenshow einbauen, ohne dabei das Instrument zu wechseln, und will auch anderen Musikern ermöglichen, was ihm am wichtigsten ist: Freiheit.

Der Zustandsautomat gibt Senode seine äußere Form. Jede Komposition enthält beliebig viele Knotenpunkte, die mit bestimmten Ereignissen verknüpft sind. Mal erklingt eine zuvor eingespielte Tonfolge, mal hören wir nur einen Akkord, und mal verändert sich die Lightshow im Hintergrund.

Das ganze System in zwei Graphen

Die gesamte Struktur dieses Systems lässt sich ganz einfach in Graphen darstellen - jedes Element ist ein Kreis und jeder Pfad ein Pfeil. Wie bei einer Ampel oder ähnlichen simplen Systemen gehen wir mit jedem Input, ob ein Schlag mit dem Drumstick oder ein Tastendruck, einen Schritt weiter - in diesem Fall dann nicht von Ampelphase zu Ampelphase, sondern von Knotenpunkt zu Knotenpunkt beziehungsweise von Pattern zu Pattern.

Die Verbindung von Zustandsautomaten und Musik ist nicht komplett neu. Bereits 1994 nutzte der US-amerikanische Musikwissenschaftler John Rahn dieses Modell zur Darstellung von Musik und ihrer spezifischen Grammatik - wirkliche Anwendung in der Praxis fand es allerdings nie.

Das zweite mathematische Konzept kommt zum Tragen, sobald von einem Event mehr als ein Pfad abgeht. In diesem Fall basiert die Berechnung auf den sogenannten Markov-Ketten, bei denen der Computer zufällig entscheidet, welches Pattern oder welcher Effekt als nächstes folgen soll. Es entsteht ein System gegenseitiger Beeinflussung. Der Musiker steuert den Sequencer, der wiederum mit seinem zufällig ausgewählten Pattern den Musiker in seiner Improvisation beeinflusst.

Improvisieren mit dem Computer

Eben hier gibt Senode mit zwei einfachen Konzepten ungeahnte Freiheiten - und kaum etwas steht derart für eine Losgelöstheit wie ein improvisierender Musiker. Statt über eine vorgefertigte Begleitspur improvisiert man nun mit dem Computer im gegenseitigen Geben und Nehmen. Sowohl Input als auch Output können dabei im Vorwege beliebig variiert werden. Die individuelle Begleitung für einen Schlagzeuger entsteht so genauso per Drumstickschlag, wie ein Gitarrist per Fußpedal Effekte und eine Lichtshow steuern kann.

Gleichzeitig ist der Musiker auch freier in der Umsetzung des Stückes und muss sich nicht mit vorgefertigten Taktschemen oder Wiederholungsmustern zufriedengeben. Der Sequencer geht einen Schritt voran, ganz egal, wo wir uns im Pattern befinden und wie oft es erklungen ist. Zudem hilft die neue Darstellung dem Künstler, auch auf der Bühne den Überblick zu behalten. Die Visualisierung der Musik als Diagramm eines Zustandsautomaten gibt dem Musiker jederzeit eine Übersicht über die gesamte Struktur des Stückes - gerade für freiere, patternbasierte Musik eine deutlich sinnvollere Darstellung als in fünf Notenzeilen auf weißem Papier.

Keine Umwege mehr

Mit Senode ist Arnold endlich in der Lage, ohne Umwege zum Ziel zu kommen. Anfangs war das noch anders: Mit dem Computer ließen sich zwar die Begleitklänge zur Schlagzeugimprovisation erzeugen, aber der Wechsel zwischen Sticks und Tastatur war kaum zu bewältigen. Es brauchte einen Sequencer, mit dem sich ein Synthesizer per Schlagzeug steuern ließ. 2008 entwickelte Arnold mit seinem Nord-Modular-G2-Synthesizer von Clavia ein Lösung für sein Problem und konnte endlich die Ideen umsetzen.

Sobald das System lief, kam der Erfolg und Arnold verlor die Arbeit an dem Konzept aus den Augen - er hatte zwar ein "extrem komplexes System für etwas sehr Einfaches" erschaffen, aber keinen Bedarf, das funktionierende System zu ändern. Erst 2013 schuf eine Einladung zum Musicmakers Hack Lab in Berlin den notwendigen Rahmen für seine Entwicklung. Nach einer Woche konzentrierter Arbeit stand das Konzept für seinen eigenen Sequencer: Senode.

Aus dem Liebhaberprodukt wird eine App

Dessen einfache Gestaltung steht noch für eine weitere Dimension der Freiheit: die einfache Zugänglichkeit. Sebastian Arnold zielte mit seinem Projekt zunächst nur auf Musiker, die sein spezifisches Problem teilten, erreichte aber auch unerwartet zahlreiche experimentierfreudige Laien. Als das erste Video im Netz landete, häuften sich die Anfragen, wann denn die iPad-Version von Senode erscheinen würde. <#youtube id="5LkpnZvpqAs"> Der übersichtliche Aufbau in Diagrammen lud förmlich zum Experimentieren ein und plötzlich befand sich Arnold in ganz anderen Szenen - von anspruchsvollen Profi-Musikern zu der breiteren Masse von Musik-App-Liebhabern. So steckte er in den vergangenen Monaten viel Arbeit in die Reduzierung und Portierung des Konzeptes. Wie funktioniert sein Step-Sequencer auch mit einem Touchscreen? Welche Funktionen sind ohne Maus und Menüs noch umsetzbar?

Während Senode bereits auf seinem Heimrechner läuft, kommt es für die Allgemeinheit das erste Mal als Tablet-App. Ende Juli startet die Beta der iOS-Version und im Herbst dieses Jahres soll das Programm schließlich im App Store erhältlich sein.

Senode kann ein Hit werden

Sebastian Arnold trifft damit einen Trend zugänglicher Musik-Apps für Experimentierfreudige. Nicht nur im App-Store entwickelt sich dafür eine Szene - auch ohne Tablet gibt es zahlreiche Versuche von neuartigen, einsteigerfreundlichen Instrumenten. Da mischen Branchengrößen wie Yamaha mit ihrem Tenri-on genauso mit wie zahlreiche kleine Entwickler mit passenden Kickstarterkampagnen.

Aber nicht nur für Laien, sondern eben auch für Profimusiker scheint Arnold von der Tablet-Version absolut überzeugt - so sehr, dass er für seine eigenen Bühnenshows demnächst vom PC auf das iPad umsteigen möchte. Alle notwendigen Funktionen sind enthalten, und gleichzeitig kommt er seinem eigentlichen Grundgedanken ein Stückchen näher. Er verdrängt den PC mit der filigraneren Tastatur von der Bühne und kann durch die intuitive Touchscreen-Steuerung noch etwas freier auf der Bühne agieren.

Im Herbst wird sich zeigen, inwiefern Arnolds Versprechungen zutreffen - die eigentlich relativ einfache und fast schon logische Verbindung der mathematischen Konzepte mit Musik klingt aber ungemein attraktiv. Hält Senode sein Versprechen vom freieren Musizieren sowohl für professionelle Improvisationen als auch für den Laien am Tablet, könnte die App zu einem der musikalischen Hits dieses Jahres werden.  (bjr)


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Freier Audio- und MIDI-Sequencer Rosegarden 1.0 erschienen   
(16.02.2005, https://glm.io/36368 )

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