Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dirror-angeschaut-der-digitale-spiegel-der-ein-tablet-ist-1607-122205.html    Veröffentlicht: 20.07.2016 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/122205

Dirror angeschaut

Der digitale Spiegel, der ein Tablet ist

Der Wetterbericht beim Zähneputzen und die aktuellen Schlagzeilen beim Haare kämmen: Einen Spiegel, der uns auf dem Laufenden hält, finden wir eigentlich gut. Trotzdem hat uns Dirror, der Spiegel mit Windows 10, auf den ersten Blick nicht überzeugt.

Über extrem spiegelnde Tablet-Displays, auf denen wir uns selbst genauso gut sehen wie den eigentlichen Inhalt, haben wir uns schon oft geärgert. Die Erfinder des Dirror machen das schlauer: Sie hängen das Ding einfach an die Wand und nennen es digitaler Spiegel. Er soll neben dem Spiegelbild zahlreiche Informationen anzeigen, die Nutzer über den Tag hinweg benötigen, und auch als Schaltzentrale für Smart-Home-Anwendungen fungieren. Das Konzept hat allerdings so seine Schwächen, wie wir bei der Produktvorstellung in Berlin festgestellt haben.

Zunächst einmal sieht das neue Produkt der beiden Unternehmen DGMK (Deutsche Gesellschaft für multimediale Kundenbindungssysteme) und Ironshark aber gut aus. Es ist ein vollwertiges Windows-10-Tablet mit stark spiegelndem Display und schönem Holzrahmen und unterscheidet sich dadurch grundsätzlich von dem Konzept des Google-Ingenieurs Max Braun. Der nutzt einen Zweiwegespiegel, ein Display und APIs von Google, um Informationen zum Wetter und anderen Dingen einzublenden. Heraus kommt bei ihm ein Spiegel, der von einem herkömmlichen nicht zu unterscheiden ist und die Informationen unauffällig am Rand einblendet.

Die eigentliche Funktion eines Spiegels erfüllt Dirror nur mäßig. Das Display spiegelt zwar stark genug, um den Nutzer zu reflektieren, einen echten Spiegel kann es allerdings nicht ersetzen. Dafür ist die Hardware ziemlich leistungsfähig, zumindest in den großen Modellen: In den Varianten M und L mit 23- und 27-Zoll-Display steckt Intels Atom-X7-Z8700, das aktuell stärkste Atom-Modell mit vier Kernen und einer Taktrate von bis zu 2,4 GHz. Zusammen mit 4 GByte Arbeitsspeicher führt das dazu, dass sich das Windows-Betriebssystem des Spiegeldisplays flüssig bedienen lässt. Eine Internetverbindung wird über WLAN hergestellt, Tastaturen, Lautsprecher und andere Peripheriegeräte können per Bluetooth 4.0 angeschlossen werden.

Zum Einschalten ein Kippschalter

Wir konnten uns die beiden großen Modelle anschauen. Schon beim Schalter wird klar, dass Dirror nicht in erster Linie an eine technikaffine Kundschaft verkauft werden soll. Eingeschaltet wird das Tablet an der Wand über einen Kippschalter, den wir normalerweise an einer Schreibtischlampe erwartet hätten. Dieser soll es auch Nutzern, die sich nicht mit PC-Hardware auskennen, ermöglichen, den Spiegel einfach ein- und auszuschalten. Der Dirror hat keine spezielle Benutzeroberfläche, sondern schlicht Windows 10 in der Tablet-Ansicht.

Bedienen lässt sich diese recht gut, durch das Hochkantformat lassen sich Internetseiten bequem anschauen. Auch Zusammenfassungen von Nachrichten, der Wetterbericht und die tägliche Kalenderagenda sehen gut auf dem Display aus. Die Auflösung des 23- und 27-Zoll-Gerätes liegt bei 1.920 x 1.080 Pixeln, was besonders auf dem 27-Zoll-Dirror schon zu recht pixeliger Darstellung führt. Da man näher an dem Gerät steht, als man vor einem herkömmlichen Monitor sitzt, fällt die grobe Auflösung zudem stärker auf.

Fingerabdrücke lassen sich nicht vermeiden

Bei beiden Modellen sind die Bildschirme blickwinkelstabil. Allerdings ziehen die Displays doch Fingerabdrücke an - zwar nicht so stark, wie wir gedacht hätten, aber dennoch merklich. Wer einen Dirror benutzt, sollte ein Tuch zum Abwischen immer griffbereit haben.

Dirror fällt kaum auf

Wird der Dirror nicht genutzt, kann er mit dem Schalter entweder ausgeschaltet und als halbwegs brauchbarer Spiegel verwendet werden oder etwa eine Uhr oder Fotos anzeigen - oder alles andere, was sich auf einem Windows-Tablet installieren lässt. Dank des breiten Holzrahmens sieht man dem Gerät auf den ersten Blick nicht an, dass es sich um ein Stück Technik handelt; in den meisten Wohnungseinrichtungen dürfte Dirror nicht auffallen.

Der Dirror soll auch auf Spracheingabe reagieren, diese Funktion konnte bei der Vorstellung des Gerätes aber noch nicht gezeigt werden. Eine eingebaute Kamera hat der Spiegel nicht, Lautsprecher sind hingegen eingebaut.

Schaltzentrale für zu Hause?

Der digitale Spiegel soll in der Vorstellung seiner Erfinder Daniel-Jan Girl und Claus Weibrecht als Schaltzentrale für zu Hause dienen und dem Nutzer bei der Organisation des Tages helfen. Dabei sehen sie es als Vorteil an, dass er an einem festen Platz in der Wohnung hängt. Dies könnte allerdings auch ein herkömmliches, zentral platziertes und günstigeres Windows-Tablet ermöglichen.

Wir sehen allerdings in unserem Alltag eigentlich nicht die Notwendigkeit, die Informationen, die wir täglich benötigen, nur an einem einzigen Ort abzufragen. Im Gegenteil: Wichtige Informationen auf dem PC, dem Tablet und dem Smartphone synchronisiert abfragen zu können, halten wir gerade für praktisch. Die Dirror-Macher sehen hingegen die Gefahr einer Überfrachtung des Nutzers durch zu viele Geräte. Ob in diesem Fall ein weiteres Gerät wirklich hilft, ist die Frage.

Fazit

Zugegeben: Dirror sieht an der Wand besser aus als ein normales stark spiegelndes Tablet. Mit seinem hübschen Rahmen dürfte der digitale Spiegel in den meisten Wohnungen nicht als technisches Gerät auffallen. In der 23- und 27-Zoll-Version ist er außerdem größer. Als Spiegel ist er jedoch höchstens mittelmäßig, zumal er durch die Touch-Bedienung ständig verschmiert wird. Und mehr als ein anderes Windows-Tablet kann er nicht.

Das Konzept eines digitalen Spiegels, der uns beim Zähneputzen interessante Informationen anzeigt wie der von Max Braun, gefällt uns. Aber Dirror ist anders: Er soll überwiegend genutzt werden wie ein normales Tablet: als Schaltzentrale fürs Smart Home oder für die Anzeige anderer Informationen - nur, dass der Nutzer dabei stehen muss. Damit ist er letztlich nur ein stark spiegelndes Tablet, das seiner Mobilität beraubt wurde.

Dafür ist er teurer als vergleichbare Tablets: Für 700 Euro erhalten Nutzer das kleine S-Modell mit 10,1-Zoll-Display, das man tatsächlich einfach durch ein Tablet an der Wand ersetzen könnte. Im S-Dirror steckt zudem nur ein Atom X5-Z8300, der Arbeitsspeicher ist nur 2 GByte groß und der eingebaute Flash-Speicher 32 GByte. Das 23-Zoll-Modell mit schnellem Prozessor kostet hingegen bereits 1.200 Euro, das 27-Zoll-Gerät sogar 1.400 Euro.

Ob sich das Gerät bei diesen Preisen durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Bestellt werden können die verschiedenen Dirror-Modelle auf der Homepage des Herstellers, geliefert werden soll im August 2016.  (tk)


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