Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nintendo-auf-dem-smartphone-pokemon-go-out-1607-122164.html    Veröffentlicht: 18.07.2016 18:30    Kurz-URL: https://glm.io/122164

Nintendo auf dem Smartphone

Pokémon Go Out!

Gamer an die frische Luft - das ist das Spielprinzip von Pokémon Go. Wir haben ein paar von ihnen getroffen und festgestellt: Das Spiel hat sich seit den 90ern zwar verändert, der Spaß aber nicht.

Der Pokémon-Hype ist in Deutschland angekommen - mal wieder, sollte man hinzufügen. Mit dem Smartphone kann man seit Anfang Juli virtuell Monster fangen. Die Pokémon werden auf dem Bildschirm in die echte Umgebung eingeblendet. Augmented Reality nennt sich dieses Prinzip der erweiterten Realität. Es lockt die Spieler, die früher allein am Gameboy Pokémon gespielt haben, an die frische Luft und unter Menschen. Etwa Dave, den wir am Berliner Alexanderplatz treffen. "Jetzt begegne ich Leuten, die ich nicht kannte, und man spricht sich an. Das ist schon toll", sagt er. Er wusste schon die Namen der 150 Pokémon der ersten Generation auswendig.

Die Premiere des Spiels für den Gameboy begeisterte in den 90er Jahren ein vorwiegend jugendliches Publikum. Schon damals nervte die Pokémanie Nichtspieler. Unmengen von Merchandisingprodukten, TV-Serien und Spin-offs wie Kartenspiele taten ihr übriges und ließen allerorts Befürchtungen um den Geisteszustand der Heranwachsenden aufkommen.

Beispiel gefällig? Eine Boulevardzeitung wartete mit der haarsträubenden Geschichte eines englischen Jungen auf, der angeblich seine kleine Schwester im Radio gegen eine Pikachu-Sammelkarte tauschen wollte. Experten warnten gar davor, dass die Pokémon-Kartenspiele kriminelle Energien befördern könnten. Selbst die Kirchen sorgten sich zeitweise um das Seelenheil der Jüngsten. Die Begründung: Das Spielprinzip weise Parallelen zu Rollenspielen auf, der Schritt zu Tarotkarten, Astrologie und Ouija-Brettern sei nicht weit.

Im Jahr 2016 hat sich das Spiel grundlegend gewandelt. Soziale Interaktion durch den Tausch gefangener Pokémon war schon immer ein wichtiger Aspekt der Serie, aber die Jagd fand rein virtuell statt, im Kinderzimmer, auf dem Autorücksitz oder bei Oma in der Küche. Jetzt gilt es, im Freien nach Monstern zu suchen. Per GPS ermittelt die App den aktuellen Standort und blendet auf einer Übersichtskarte Spielelemente ein. "Ich glaub, das haben die echt entwickelt, damit die Nerds mal rausgehen," sagt Jasmin. Das Spiel ist anders als früher, das Jagdfieber ist ähnlich.

"Man erkennt sich natürlich, überall blau leuchtende Bildschirme", erzählt sie. Ihre derzeitige Statistik: Level 9 und 29 gefangene Pokémon. Begonnen hat sie in den 90er Jahren mit der gelben Pokémon-Edition mit Pikachu. "Ich bin gestern mit Freunden unterwegs gewesen, wir haben 40 Minuten für eine Strecke gebraucht, die wir normalerweise in 10 Minuten schaffen. Wir haben alle Pokéstops abgeklappert, und als es dann dunkler wurde, sah man die anderen Spieler, die wie Zombies durch die Gegend stapften. Das war schon amüsant."

Wer sich nicht bewegt, kommt bei Pokémon Go nicht voran. Deshalb muss anders gespielt werden als früher am Gameboy.

Es ist nicht alles Gold

"Ich gehe strategischer an das Spiel heran als damals als sechsjähriges Kind", erzählt Sunny, der seit 2000 Pokémon-Fan ist. "Damals hat man sich ja schon über die Grafik und den Sound gefreut. Heute schalte ich den Ton ab. Ich verabrede mich mit einer Gruppe und wir gehen zusammen bestimmte Spots ab, um spezielle Pokémon zu finden und weiterzukommen."

Das Spiel ist nicht nur geselliger geworden, auch die technischen Anforderungen sind niedriger als in den 90ern. Dave erzählt: "Damals gab es ja noch den finanziellen Aspekt. Die Eltern mussten für viel Geld Gameboy, Spiele und Kabel kaufen - heute kann sich jeder die App herunterladen." Denn ein Smartphone mit Datenflatrate hat fast jeder zur Verfügung.

Bezahlen bitte!

Ganz kostenlos ist der Spaß aber nicht. Außer durch das Abgreifen der persönlichen Daten der Spieler, die ja inzwischen nahezu Währungscharakter haben, profitiert der Hersteller vom Verkauf bestimmter Gegenstände im Spiel. An sich kein Problem, meinen die drei Fans. Das könne sich jedoch schnell ändern, sagt Dave, "… wenn das Pay-to-win-Prinzip zu krass wird." Noch können Spieler auch vorankommen, ohne für virtuelle Gegenstände zu bezahlen. "Aber wenn das nicht mehr möglich wäre, hätten sie mich verloren."

Auch jetzt haben die Fans schon ein paar Dinge an Pokémon Go auszusetzen, vor allem an der Spielmechanik und den zeitweise ausgelasteten Servern. Jasmin findet zwar die Machtkämpfe um die Arenen toll, aber: "Es ist schade, dass man nicht wie früher auf dem Gameboy gegen die Pokémon kämpfen kann, sondern nur den Ball wirft, um sie zu fangen. Das ist ein bisschen langweilig."

So wünschen sich die drei einige neue Funktionen im Spiel: Eine Option zum Tausch der gefangenen Monster regt Dave an, Jasmin möchte gern direkt gegen die anderen Jäger und ihre Monster antreten.

Hält der Hype?

Noch ist der Zenit der aktuellen Pokémanie nicht überschritten. In den Medien füllen Meldungen über Pokémon Go bestimmt das eine oder andere Sommerloch. Die Faszination des Monstersammelns kann aber schnell schwinden, das wissen auch die Hersteller des Spiels. Beim letzten Mal hatten sie offenbar nicht immer die richtigen Rezepte, um die Spieler bei der Stange zu halten.

"Tiefpunkt der Serie war für mich die Überentwicklung der Charaktere. Bei 150 Stück hätte man eher das Spielfeld erweitern und neue Arenen schaffen sollen oder Pokémon kombinieren. Die Anzahl der Monster fand ich irgendwann echt übertrieben", sagt Jasmin.

Ob sie trotzdem auch in einigen Jahren noch Pokémon Go spielen werden? "Es kommt darauf an, was für Content nachgeschoben wird", sagt Sunny und Jasmin ergänzt: "Es ist Pokémon, das bleibt."  (mwo)


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