Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pokemon-go-im-test-hype-in-der-grossstadt-flaute-auf-dem-land-1607-122090.html    Veröffentlicht: 13.07.2016 14:16    Kurz-URL: https://glm.io/122090

Pokémon Go im Test

Hype in der Großstadt, Flaute auf dem Land

Ein Test von Michael Wieczorek

Pokémon Go ist offiziell in Deutschland erschienen. Seit dem Start von Nintendos zweiter Smartphone-App hebt die hauseigene Aktie ab. Weltweit fangen Spieler fleißig Pokémon und tragen Arenakämpfe aus. Wir waren in Paris, Berlin und auf dem Land unterwegs und klären im Test, ob Pokémon Go den Hype auch spielerisch verdient hat.

"Pokémon Go öfter gegoogelt als Porn", "Nintendo-Aktie um 20 Prozent gestiegen", "Bitte keine Pokémon-Jagd im Holocaust-Museum" - das alles sind Schlagzeilen der vergangenen Woche, nach dem offiziellen Start von Pokémon Go in den USA. Bisher konnte Nintendos zweite Smartphone-Applikation nur durch ein paar Kniffe in Deutschland für iOS und Android installiert werden, seit heute ist sie offiziell erhältlich und verfügbar.

Nach Miitomo ist Pokémon Go zwar schon die zweite Applikation, aber gleichzeitig das erste richtige Videospiel von Nintendo für Smartphones. In Pokémon Go laufen Spieler mit aktiviertem GPS-Tracking durch die echte Welt und suchen wilde Pokémon. Wo und wann die knuffigen Biester auftauchen, definieren die Server von Niantic. Spieler werden durch ein Rascheln auf der digitalen Karte und die Vibrationsfunktion des Smartphones auf sie aufmerksam.

Das Spiel blendet die Echtwelt-Umgebung durch die nach außen gerichtete Linse ein, Pfeile an den Displayrändern geben einen Hinweis darauf, wo sich das Pokémon versteckt hält. Gefangen wird es mit einem Pokéball, genau wie in der Anime-Serie. Ein simpler Wisch und etwas Timing sind gefragt, aber komplexe Kämpfe, wie Spieler sie aus den traditionellen Pokémon-Spielen auf den Nintendo-Konsolen kennen, sind nicht erforderlich. Um an die nötigen Pokébälle sowie andere Gegenstände wie Medizin oder Weihrauch zu kommen, müssen Spieler sogenannte Pokéstops aufsuchen.

Pokéstops à la Ingress

Für die Entwicklung von Pokémon Go zeichnet das Studio Niantic Labs verantwortlich, das bereits mit Ingress eine erfolgreiche App mit Augmented-Reality-Fokus auf den Markt gebracht hat. Die Technik hinter Ingress arbeitet auch in Pokémon Go, die Ballungszentren sind identisch. Beide Spiele nutzen Gebäude, Denkmäler oder Graffitis für die Gestaltung der virtuellen Spielwelt. In Pokémon Go sind das die besagten Pokéstops und Gyms.

Besonders schön ist es, wenn wir an bekannten Örtlichkeiten durch geschickt gesetzte Pokéstops auf Details aufmerksam werden, die uns vorher nie aufgefallen sind. So geschehen beispielsweise bei den Zinnrinnen der Alten Wache am Hauptbahnhof in Hannover.



Wenig einsteigerfreundlich



Während die Pokémon-Spiele auf Nintendos Handhelds sich stets ausführlich in Tutorials erklärten, ist Pokémon Go nicht einsteigerfreundlich. Zwar erläutert uns das Spiel, wie wir Pokémon fangen oder im Level aufsteigen, wichtige Details lässt es aber häufig aus. So lernen wir erst beim Plausch mit anderen Spielern, die wir an sogenannten Gyms treffen, die vielen Feinheiten, die einen guten Trainer ausmachen.

Pokémon-Duplikate sollten zum Beispiel immer zum Professor transferiert werden, um im Gegenzug Süßigkeiten zu bekommen. Die Süßigkeiten werden gemeinsam mit Sternenstaub (den wir durch Levelaufstiege erhalten) investiert, um die Pokémon weiterzuentwickeln. Die Stärke der Monster wird in einem Wert über ihrem Kopf angezeigt.

Die Poké-Eier, die wir manchmal auffinden, müssen manuell einem Brutkasten zugewiesen werden. Auch das verschweigt uns das Spiel. Nach einer definierten Zahl zurückgelegter Kilometer entschlüpfen den Eiern ebenfalls Pokémon, oft mit einer alternativen angeborenen Spezialattacke. Wir empfinden die Kilometermessung im Spiel als äußerst ungenau. Fünf zurückgelegte Kilometer in Google Maps entsprechen 2,7 Kilometern in Pokémon Go. Vielleicht stimmt da die Umrechnung von Meilen und Kilometern noch nicht?

Nur mit unseren stärksten Pokémon haben wir in den eigentlichen Kämpfen in den Gyms überhaupt eine Chance. Ab Level 5 entscheiden sich Spieler für eines von drei Teams: Rot, Gelb oder Blau. Fortan erobern sie stellvertretend für das gewählte Team die Gyms und färben sie entsprechend ein. Nach der erfolgreichen Einnahme eines Gyms kann ein eigenes Pokémon dort hinterlassen werden, um Wache zu stehen. Erst wenn es von einem anderen Spieler besiegt wurde, kehrt es wieder zum Spieler zurück.

Enttäuschende Kämpfe

Apropos Kämpfe: Sie sind aktuell die größte spielerische Enttäuschung. Nur wildes Tappen mit dem Finger auf das gegnerische Pokémon, etwas Ausweichen zur Seite und die Aktivierung einer einzigen Spezialfähigkeit sind hier gefragt. So entscheidet eigentlich nur die Wahl des richtigen Pokémon vor dem Kampf und dessen Kampfstärke den Ausgang. Wie bisher sind Vögel zum Beispiel besonders effizient gegen Insekten. Elektrische Pokémon teilen Extraschaden gegen Wasser- oder Flug-Pokémon aus.

Viele bekannte Spezialfähigkeiten sind zwar in Pokémon Go integriert. Spieler haben allerdings immer nur Zugriff auf eine einzige. Hier wurde das Spiel gegenüber den Handheld-Varianten deutlich simplifiziert - vielleicht um eine größere Gruppe von Nicht-Spielern nicht zu überfordern.



Land-Flaute und Bugs



Während wir in Paris, Berlin, Hannover oder Dortmund keine Probleme haben, ständig neue Gyms, Pokéstops und somit neue Gegenstände zu finden, wartet auf dem Land eine leere Karte auf uns. Ein einziges Gym findet sich meist in der Umgebung des Rathauses oder der örtlichen Kirche deutscher Dörfer - manchmal ist es sogar tatsächlich nur der Friedhof.

Fantastisch wäre es gewesen, wenn wir in abgelegenen Wäldern wenigstens seltenere Pokémon finden würden - wie in der Anime-Serie. Aber auch hier funktioniert Pokémon Go eher schlechter als im Großstadt-Dschungel.

Bugs, Serverprobleme und Akkuhunger

Wie Ash Ketchum laufen wir beim Spielen von Pokémon Go stets mit einem Rucksack durch die Gegend. Wir wissen nicht, ob auch er dort zusätzliche Power-Banks verstaut hatte. Wir können das Spiel jedenfalls nur mit einer Ladung Extra-Energie in der Tasche lange spielen. Der Strombedarf kann durch einen Batterie-Spar-Modus zwar verringert werden, bleibt aber dennoch hoch.

Während unseres Tests waren die Abendstunden nach 18 Uhr zum einen die schönsten Momente und gleichzeitig die nervigsten. Schön, weil wir unfassbar häufig andere freundliche Spieler getroffen haben und mit ihnen leicht ins Gespräch gekommen sind. Nervig, weil nach Feierabend die App häufig einfriert oder es zu Problemen beim Login kommt.

Verfügbarkeit und Fazit

Pokémon Go ist für iOS und Android erhältlich und kostenlos. Im Spiel werden Gegenstände und Gold via In-App-Käufe angeboten.

Fazit

Wer in einer Großstadt wohnt, kommt dieser Tage kaum um das Phänomen Pokémon Go herum. Wohin wir schauen, starren Spieler allen Alters gespannt auf ihre Smartphones und schmeißen mit Pokébällen auf meist hilflose Kreaturen. Durch das aktive Fangen fühlen sich alle schnell selbst wie echte Pokémon-Trainer, eingebunden in die reale Welt. Sie steuern nicht mehr nur eine fiktive Rollenspielfigur.

Pokémon Go glänzt trotzdem eher durch die geschickte Nutzung von Nintendos Vorzeigelizenz als durch technische Innovationen oder besonderen Tiefgang. Spielerisch wird es bereits nach zwei, drei Tagen langweilig. Was bleibt, sind der Hype in den Medien, eine Art Gruppenzwang und die schiere Masse an Pokéstops und Gyms in den Großstädten.

Auf dem Land sieht das anders aus. Dort muss oft das Auto bemüht werden, um sich von Pokéstop zu Pokéstop zu bewegen. Bei einem Spaziergang durch das hohe Gras im Wald finden wir zudem seltener tolle Pokémon als am Eiffelturm oder am Brandenburger Tor. Im Spiel und der Serie war das doch umgekehrt! Was aber besonders nervt, sind die aktuellen Serverprobleme in den Abendstunden, Abstürze und Programmierfehler in der App und der große Akku-Hunger.

Serienkenner vermissen in den Kämpfen viele Spezialmanöver aus den Episoden vom Gameboy, Nintendo DS oder 3DS. Eine größere Auswahl an Attacken würde die Arenakämpfe schnell aufwerten und ihnen die gewohnte Komplexität verleihen. Außerdem wünschen wir uns dringend das Tauschen mit Freunden und private Duelle. Sollten Niantic und Nintendo hier nachbessern, sagen wir der App eine erfolgreiche Zukunft voraus.  (mw)


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