Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elementary-os-loki-im-test-huebsch-und-einfach-kann-auch-kompliziert-sein-1607-122085.html    Veröffentlicht: 25.07.2016 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/122085

Elementary OS Loki im Test

Hübsch und einfach kann auch kompliziert sein

So übersichtlich wie Mac OS, aber freie Software: Das Betriebssystem Elementary OS ist in der Vorabversion der neuen Veröffentlichung Loki schon erstaunlich stabil und ausgereift. Für erfahrene Linux-Nutzer könnte die vereinfachte Anwendungsverwaltung aber zu umständlich sein.

Elementary OS ist für viele das Betriebssystem der Wahl, wenn sie nach einer hübsch aussehenden Linux-Distribution suchen. Das System basiert auf Ubuntu LTS und hat mit dem Pantheon-Desktop eine eigene Benutzeroberfläche. Mit der aktuellen Beta können Interessierte vorab einen Blick auf die neue Version Loki werfen. Das Team verfolgt dafür weiter seinen minimalistischen Ansatz.

Die letzte stabile Veröffentlichung stammt aus dem April 2015, trägt den Namen Freya und setzt noch auf Ubuntu 14.04 auf. Inzwischen ist Canonicals Betriebssystem schon wieder eine LTS-Stufe weiter. Das Elementary-Projekt will nachziehen und eine aktualisierte Variante nachlegen.

Viele Freiwillige, wenig Geld

Elementary OS wird hauptsächlich von freiwilligen Entwicklern und Teilnehmern von Bug-Bounty-Programmen getragen. Wer mag, kann beim Download der ISO-Datei eine kleine Spende entrichten, die das Team unter anderem für Meilensteine oder die Beseitigung wichtiger Bugs nutzt. Damit sollen auch projektfremde Entwickler zur Beteiligung motiviert werden.

Das erscheint auch sinnvoll, da das Team hinter Elementary OS wohl einen engen finanziellen Rahmen hat. Das Fehlen mehrerer Vollzeitentwickler führt dazu, dass die Distribution stets mehrere Monate hinter dem Veröffentlichungszyklus vom Unterbau Ubuntu hinterherhinken wird.

Design-Philosophie im Mac-OS-Stil

Die Linux-Distribution orientiert sich optisch sehr stark an Mac OS. Das Entwicklerteam von Elementary OS versucht dabei wohl vor allem, die aus seiner Sicht vielen positiven Eigenschaften von Apples Betriebssystem zu übernehmen. Neben dem schlanken Design haben sich die Entwickler als Ziel gesetzt, sämtliche Anwendungen in einem möglichst einheitlichen Erscheinungsbild darzustellen.

Durch simple Gestaltung und selbsterklärende Funktionen in den teils selbst geschriebenen Programmen sollen Benutzer nur wenig bis gar keine Eingewöhnungszeit für die Benutzung von Elementary OS benötigen. Komplizierte oder überbordende Einstellungsoptionen sollen völlig entfallen. Weitere Details listet das Team in seinen Human-Interface-Guidelines auf.

Einfache Installation dank Ubuntu-Werkzeug

Dieses Konzept wird mit der vor einigen Wochen erschienen Beta der neuen Version Loki weiter ausgebaut. Die Vorschau soll vor allem den Entwicklern helfen, ihre eigenen Anwendungen an die neue Version anzupassen. Das Team warnt dabei ausdrücklich vor möglichen Fehlern und einem eingeschränkten Benutzererlebnis, für produktive Systeme ist diese Version daher nicht gedacht. Allerdings liefert sie bereits einen guten Ausblick auf die Neuerungen.

Wie für Ubuntu und viele seiner Ableger üblich, stellt Elementary OS ein Installationsmedium inklusive Live-Umgebung zur Verfügung. Damit lässt sich das Betriebssystem auf dem heimischen Rechner ausprobieren, ohne dass das aktuell installierte System modifiziert werden muss. Sowohl in der Live-Umgebung als auch auf dem später fertig installierten System ist das Standardhintergrundbild noch ein Platzhalter. Es ist gut möglich, dass die Entwickler durch diese Maßnahme auf den Beta-Zustand der Software hinweisen möchten.

Als Installer kommt nach wie vor Ubiquity zum Einsatz, das - wie viele andere Komponenten auch - von Ubuntu ohne viele Änderungen übernommen wurde und wie bei der vorherigen Version von Elementary OS aussieht. Noch immer können Aktualisierungen und Drittsoftware während der Installation heruntergeladen werden; auch der Partitionierungsschritt bietet wie gewohnt an, die Festplatte zu verschlüsseln oder LVM zu verwenden. Hier und da fehlt aber noch der Name der Elementary-OS-Version, stattdessen taucht die Variable $(RELEASE) auf.



Nach Eingabe des Host- und Benutzernamens inklusive Kennwort sowie der Festlegung der Zeitzone, in der sich das System befinden soll, startet der eigentliche Installationsvorgang. Anders als andere Distributionen zeigt Elementary OS während dieser Phase zumindest in der Betaversion keine animierten Grafiken, in denen Neuerungen oder spezielle Funktionen des Systems vorgestellt werden.



Der Betastatus ist noch spürbar

Nach Abschluss der Installation startet Elementary OS zügig. Der Login-Bildschirm wie auch die Desktop-Oberfläche verzichten zugunsten des bereits erwähnten Platzhalters auf ein schönes Hintergrundbild. Alternativ zur klassischen Xorg-Umgebung bietet ein Zahnrad über dem Passwortfeld auch das Starten einer Wayland-Sitzung an. In unserem Test war ein Login mit dem neuen Anzeige-Server jedoch nicht möglich - der Bildschirm wurde kurz schwarz und warf uns bald darauf wieder zurück zum Login. Nach mehrtägiger Benutzung von Elementary OS verschwand der Button zur Auswahl von Wayland sogar. In einer Diskussion auf Reddit bestätigt das Team, dass die Unterstützung für Wayland schlicht noch nicht fertig ist.

Nach Eingabe des Kennworts präsentiert sich die Desktop-Oberfläche mit der gewohnten Menüleiste am oberen und dem Anwendungs-Dock am unteren Bildschirmrand.



Einstellungen mit Hindernissen

Die während der Installation ausgewählte Sprache scheint für das fertige System nicht berücksichtigt worden zu sein, weshalb das System durch einen Punkt im Kontrollzentrum manuell auf Deutsch eingestellt werden muss. Nach einem erneuten Login ist die Oberfläche dann aber lokalisiert. Auffällig an dem Einstellungsmenü ist die neue Option für das Benachrichtigungsmenü, mit dem teils anwendungsspezifisch die Aufdringlichkeit von Benachrichtigungen eingestellt werden kann. An dieser Stelle ist zudem die Aktivierung eines Nicht-Stören-Modus möglich, der alle visuellen und auditiven Benachrichtigungen unterdrückt.

Die Einstellungskategorie Sicherheit & Datenschutz scheint sich im Vergleich zur vorherigen Version von Elementary OS nicht verändert zu haben. Umso weniger nachvollziehbar ist die Tatsache, dass in der uns vorliegenden Betaversion Änderungen im Firewall-Dialog teils mit starken Verzögerungen akzeptiert werden. Eingangs konnten zudem keine Ports unterhalb von Port 1024 freigeschaltet werden, nach der Durchführung von mehreren Neustarts und System-Updates wurde unsere Konfigurationsänderung dann doch noch umgesetzt.

Neu ist das Menü für die Kindersicherung, das nach Anlage eines zusätzlichen Benutzerkontos ohne administrative Privilegien aktiv wird. Hier lassen sich diverse Einschränkungen festlegen, die auf den gewünschten Benutzer angewendet werden. Denkbar ist etwa, dass der Login nur an bestimmten Tagen zu festgelegten Uhrzeiten erlaubt wird. Auch eine Liste von Webseiten, die ein Kind nicht besuchen darf, lässt sich konfigurieren. In einem anderen Dialog lassen sich zudem Anwendungen festlegen, die nicht geöffnet werden dürfen.

An dieser Stelle erstaunt, dass wir die Kontrolle über Verwendung des Rechners nicht auch anderes konfigurieren können. Anstelle des Blacklistings wäre etwa bei der Internet-Zugriffskontrolle das Prinzip des Whitelistings angebracht. Zugegebenermaßen existieren aber Drittanwendungen, die solche Aufgaben auch unter Linux erfüllen können.

Fokus auf eigene Anwendungen

Eine andere sichtbare Neuerung stellt der Wechsel des Standard-Browsers dar: Während Elementary OS Freya noch Midori standardmäßig ausgeliefert hat, finden Benutzer von Loki den Browser Epiphany in Version 3.18.5 vor. Letzterer heißt inzwischen offiziell Web (bzw. Internet in der lokalisierten Variante) und wird mit der Gnome-Desktopoberfläche ausgeliefert. Epiphany beziehungsweise Web ist im Vergleich zu Google Chrome oder Firefox schlank gehalten und verwendet daher weniger Systemressourcen.

Nicht neu, aber immer noch vorhanden sind die Anwendungen, die Elementary OS selbst enthält: Für viele Standardaufgaben gibt es bei der Linux-Distribution eigene Anwendungen. Die Programme Musik und Videos dienen zum Abspielen von Audio- beziehungsweise Videodateien und haben nur die notwendigsten Features, wodurch der Ressourcenverbrauch vergleichsweise gering ist. Für die Betrachtung und Bearbeitung von Bildern kann die Anwendung Fotos gestartet werden und wie üblich ist auch das Kalenderprogramm vorinstalliert, mit dem lokale und Drittkalender (wie z. B. von Google) betrachtet werden können. Statt bewährter E-Mail-Clients wie Thunderbird oder Evolution ist Pantheon-Mail vorinstalliert.

Das Programm scheint nahezu identisch mit Geary Mail zu sein, das unter Elementary OS Freya auch schon zum Einsatz kam. Einmal eingerichtet präsentiert sich der E-Mail-Client mit der erwarteten minimalistischen Oberfläche und nur wenigen Funktionen. Ordner werden als Labels dargestellt, Kalender und Aufgaben können nicht verwaltet werden. Wer zusätzliche Funktionen nicht benötigt, kommt mit Pantheon-Mail womöglich aus. Besitzer von großen Postfächern oder Anhänger von Addons wie beispielsweise bei Thunderbird werden damit jedoch nicht glücklich.

Leichte App-Installation nur aus bekannten Quellen

Für Loki weitet das Team von Elementary OS das Konzept der wenigen Optionen auf den Bezug von bisher nicht installierter Software aus. So verzichten die Entwickler auf eine Standardanwendung für die Öffnung beziehungsweise Installation von .deb-Paketen, da neue Programme künftig ausschließlich über vordefinierte und abgesicherte Quellen bezogen werden sollen. Daher ist auch das Werkzeug add-apt-repository nicht vorinstalliert. Dieses wird verwendet, um das System um neue Paketquellen zu erweitern, und wird häufig in Anleitungen im Web verwendet.

Zwar wird es künftig vermutlich auch weiterhin möglich sein, die Werkzeuge zum Verwalten von Debian-Paketen über die Kommandozeile zu benutzen und notfalls auch weitere Programme zu installieren, standardmäßig verfolgt Elementary OS aber eine andere Philosophie. Dafür sorgt auch das erstmals mitgelieferte App Center.

Das neue Verwaltungswerkzeug für Anwendungen teilt die verfügbaren Programme in verschiedene Kategorien ein. Beim Durchstöbern finden sich lange Listen an Programmen, die jeweils von einem Icon und einer Kurzbeschreibung begleitet werden. Ein Klick auf den Installationsknopf reicht aus, um die ausgewählte Software sofort zu installieren, während ein Klick auf den Anwendungsnamen eine Detailbeschreibung und oft auch einen Screenshot anzeigt. Das App Center ist nicht vollständig lokalisiert, in einem Fall wurden zudem die Beschriftungen der Installations-Schalter durch "Aktualisieren" ersetzt, obwohl die Anwendungen noch nicht auf unserem Testsystem installiert waren. Nach einem Neustart des App Centers verschwand dieses Phänomen.



Das App Center wirkt wie eine komplett neue Anwendung, orientiert sich aber an der Verhaltensweise von Gnome-Software und ist nicht viel mehr als ein schlanker Client für Package Kit (https://www.freedesktop.org/software/PackageKit/pk-using.html). Über die Systemschnittstelle Dbus (https://www.freedesktop.org/wiki/Software/dbus/) kommuniziert das App Center mit Package Kit und fragt beispielsweise Paketlisten und Beschreibungen von den Quellservern ab. Dazu greift Package Kit selbst unter anderem über App Stream auf Paketbeschreibungen, Screenshots und andere Informationen zu, die Ubuntu an seine Nutzer weiterreicht.

Sowohl das App Center, als auch Package Kit arbeiten nach wie vor mit Debian-Paketen, nutzen allerdings zusätzliche Verwaltungsschichten über den bekannten Prozesse. Erst dadurch ist es möglich, dass eine Distribution wie Elementary OS einen umfangreichen App-Store ohne großen Eigenentwicklungsaufwand bereitstellen kann. Das App Center bietet aber noch keine Möglichkeit, Kommentare oder Bewertungen zu hinterlassen, wie dies von App Stream vorgesehen ist. Dadurch beschränkt sich die Funktionalität auf das notwendige Minimum.

Weitere Änderungen im System

Die Entwickler haben es sich zum Ziel gemacht, das Benachrichtigungssystem zu verbessern. So ist die zuständige Schnittstelle von den alten Ubuntu-Appindicators zu dem Freedesktop-Standard gewechselt worden, was unter anderem den eingangs erwähnten Nicht-Stören-Modus und die anwendungsspezifischen Benachrichtigungseinstellungen möglich macht. Im Alltag dürften Elementary-OS-Benutzer allerdings erst Änderungen bemerken, wenn die Entwickler hinter den Anwendungen der Distribution überall das neue Benachrichtigungssystem verwenden.

Ansonsten wurden einige Konfigurationsdialoge im Kontrollzentrum visuell überarbeitet oder teilweise durch neue Ausgaben ersetzt. Durch ein Bug-Bounty-Programm wurden mehr als 800 Fehler von teils nicht dauerhaft am Projekt beteiligten Entwicklern beseitigt. Neu ist auch die Verwendung des Linux-Kernels 4.4, die Umstellung auf Gtk 3.18 und die Einführung von Vala in Version 0.32.

Letzteres ist eine objektorientierte Programmiersprache, die unter anderem bei der Entwicklung von Anwendungen für den Gnome-Desktop zum Einsatz kommt. Das Team von Elementary OS ermutigt Entwickler, ihre Anwendung für das System in Vala zu schreiben. Hintergründe dieser Entscheidung wurden bereits 2014 im offiziellen Blog erläutert.

Fazit

Die aktuelle Betaversion von Elementary OS Loki ist offiziell vor allem für Entwickler gedacht, die ihre Anwendung an die neue Umgebung anpassen sollen. Grobe Fehler, die den Einsatz auf nicht-kritischen Geräten verhindern, treten trotz des Betastatus aber nicht auf. Obwohl hier und da kleinere Probleme wie die fehlende Lokalisierung, das Verschwinden von Buttons oder geänderte Beschriftungen vorkommen, wirkt die Version stabil und ausgereift.

Der neue Standard-Browser Epiphany beziehungsweise Web ist schlank und dürfte vielen Benutzern ausreichen, Power-Nutzer dürften jedoch bei ihrem gewohnten Lieblings-Browser bleiben.

Die neue Philosophie zur Anwendungsverwaltung soll vor allem das System und den Anwender schützen sowie den Installationsprozess vereinfachen. Diese Argumente sind im Grundsatz nachvollziehbar, schließlich können Benutzer damit gezielt Anwendungen im App Center aktualisieren und die Liste an ausstehenden Updates einsehen. Erfahrene Linux-Nutzer könnten die neue Mechanik hingegen als umständlich empfinden und womöglich auf die gewohnten Mittel zur Paketverwaltung zurückgreifen.

Dennoch präsentiert das Team von Elementary OS insgesamt wieder eine optisch ansprechende Distribution, die auch auf über acht Jahre alter Hardware ohne spürbare Einbußen läuft. Wer Wert auf eine aufgeräumte Oberfläche und vereinfachte Systemverwaltung legt, ist weiterhin gut bei dieser Distribution aufgehoben.

Valentin Höbel arbeitet als Cloud Architect für die NFON AG aus München. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Open-Source-Technologien und berichtet in Online- und Printmedien von seinen Erfahrungen.  (vho)


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