Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/besuch-beim-hax-accelerator-made-in-shenzhen-1607-122007.html    Veröffentlicht: 13.07.2016 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/122007

Besuch beim HAX Accelerator

Made in Shenzhen

In Shenzhen gibt es zahlreiche Elektronikhersteller, Bauteile können günstig und schnell hergestellt werden. Das nutzt der Hardware-Accelerator HAX, um Startups bei der Entwicklung ihrer Projekte zu unterstützen. Golem.de hat die Produktschmiede besucht - und dabei unerwartet Mehlwürmer gesnackt.

Kaum eine Stadt der Welt eignet sich so gut für die Entwicklung technischer Hardware wie Shenzhen in China, im Perlflussdelta direkt an der Grenze zu Hongkong. Im Stadtgebiet und der Umgebung konzentrieren sich unzählige Hersteller von elektronischen Bauteilen und anderen Industriegütern - ein idealer Platz für Startups, um Elektronikgeräte zu entwickeln und günstig herzustellen. Bei der Fülle an Produzenten ist es für interessierte Hersteller jedoch oft schwer, den Überblick über zuverlässige und gute Zulieferer zu behalten.

Für nicht-chinesische Unternehmer kommen noch die Sprachbarriere und die generelle Schwierigkeit, sich in China zurechtzufinden, hinzu. Hier kommt der Hardware-Accelerator HAX ins Spiel, dessen großes Büro sich inmitten von Shenzhens Technikbezirk Huaqiangbei befindet: Neben finanzieller Unterstützung bekommen ausgewählte Startups nach einer Bewerbung hier alles, um ihr Produkt zu entwickeln.

Wir sind nach Shenzhen geflogen und haben uns mit Duncan Turner, dem Leiter von HAX, in den Büros des Accelerators getroffen. Mit ihm haben wir uns das Konzept des Unternehmens angeschaut und gesehen, was die Unterstützung bei der Arbeit der Startups bewirkt. Dabei sind wir auf Mehlwürmer, Skistiefel und Kopfhörer gestoßen - und auf eine Menge kreative Energie.

Finanzierung und Know-how für interessante Ideen

HAX wurde 2011 von Cyril Ebersweiler und Sean O'Sullivan gegründet und gehört zum Risikokapitalunternehmen SOSV. Der Accelerator unterstützt internationale Startups bei der Entwicklung ihrer Idee für ein Produkt direkt in Shenzhen; daneben gibt es noch weitere Filialen in anderen Städten, die sich unter anderem um Software und Biotechnologie kümmern. HAX in Shenzhen stellt den Startups nicht nur finanzielle Unterstützung zur Verfügung, sondern auch Hilfe bei der Weiterentwicklung der Produktidee, der Produktion für Marketing und Branding. Ziel ist es, am Ende des drei- bis fünfmonatigen Programms auf einem Projekttag das fertige Produkt zeigen und eine erfolgreiche Finanzierungskampagne durchführen zu können, sei es durch Crowdfunding oder große Geldgeber. Als Gegenleistung wird der HAX Accelerator am Unternehmen beteiligt - und damit auch am Erfolg.

Duncan Turner ist ausgebildeter Industriedesigner, angefangen hat er bei HAX als Mentor für Startups. Zuvor hat er bei der Design- und Innovationsberatung IDEO gearbeitet, nachdem er bereits einige Jahre lang eigene Produkte in China herstellen ließ. Im gemütlichen Versammlungszimmer von HAX erklärt Turner, wie Startups zu HAX gelangen: Jedes Jahr startet der Accelerator zwei Programme, zu denen aus 1.000 Bewerbungen insgesamt 30 Projekte ausgesucht werden. Je nach Programm erhalten die aus allen Teilen der Welt stammenden Teams über 111 oder 180 Tage Unterstützung bei der Entwicklung ihres Produktes. Insgesamt 15 fest angestellte Mitarbeiter geben ihnen dabei unter anderem in Form von Kursen Rat, darunter Ingenieure sowie PR-und Marketing-Fachleute. "Uns interessieren die Leute, das Team, die Fähigkeiten der Bewerber", sagt Turner.

Auf eine überzeugende Idee kommt es an

Turner und den anderen Verantwortlichen bei HAX geht es um die Idee hinter einem Projekt und darum, dass Technologie auf clevere und neuartige Weise eingesetzt wird. Ein Prototyp oder Ähnliches ist bei der Bewerbung nicht wichtig - die Idee ist das, was zählt. Bisher wurden seit Bestehen des HAX Accelerators 95 Investitionen getätigt, davon kamen 50 Prozent der Projekte aus den USA. Zu den erfolgreichen Projekten zählen unter anderem Makeblock, Carv, die Revols-Kopfhörer oder der 9-Dollar-Computer C.H.I.P.

Nachdem ein Startup angenommen wurde, gehört der Umzug nach Shenzhen zwingend zum Programm, anders lassen sich die Verbindungen zu Herstellern nicht knüpfen. Die meisten Teams bestehen aus unter fünf Mitarbeitern. Im Hauptquartier von HAX sitzen die verschiedenen Entwicklerteams in einem großen, verkramten Büro, dazu gibt es eine separate Werkstatt sowie kleinere Besprechungsräume. Eine räumliche Trennung zwischen den Teams mit ihren teils sehr unterschiedlichen Projekten gibt es nicht - Wearable-Entwickler sitzen direkt neben Designern eines Ernährungsprojekts, weiter hinten im Büro wird ein Waterjet-Cutter für den Heimgebrauch entwickelt. Auf den Schreibtischen stehen unterschiedliche Prototypen herum, an Monitoren sitzen konzentrierte Entwickler. Die Stimmung ist entspannt, die Kreativen kennen sich und gehen freundschaftlich miteinander um.

Entwicklerteams helfen sich gegenseitig

Das ist durch die absichtlich fehlende räumliche Trennung bedingt: So können sich die verschiedenen Entwicklerteams gegenseitig unterstützen. "Die Unterstützung der Teams untereinander ist sehr wichtig", erklärt uns Jamie Salter, Lead Mechanical Engineer bei Motion Metrics, die das Ski-Wearable Carv mit Hilfe von HAX entwickelt haben. "Eigentlich ist die Unterstützung der Gemeinschaft hier am wichtigsten". Im Büro grenzen verschiedenste Projekte in unterschiedlichen Stadien aneinander. Ein Startup, das gerade seine Crowdfunding-Kampagne plant, kann sich so beispielsweise Ratschläge bei einem Projekt holen, das diese bereits erfolgreich durchgeführt hat.

Hilfreich für Neuankömmlinge ist dabei, dass HAX es den unterstützten Startups erlaubt, nach dem eigentlichen Programm weiterhin im Großraumbüro zu arbeiten, solange die Mitarbeiterzahl unter fünf Personen bleibt. So haben die Startups weiter eine Basis in Shenzhen, von der aus etwa die Produktion überwacht werden kann - und können neuen HAX-Projekten Tipps geben. In der Phase nach dem eigentlichen Kurs pendeln viele Entwickler zwischen ihrer Heimat und Shenzhen.

Alleine kann es in Shenzhen hart sein

Die Unterstützung anderer Teams ist auch Navi Cohen wichtig, dem CTO und Mitgründer der ergonomischen Kopfhörer Revols. Zusammen mit Marketing-Chefin Tali Katz ist Cohen aus Kanada nach Shenzhen gezogen - was nicht einfach, aber in der nachträglichen Betrachtung mehr als sinnvoll gewesen ist, wie er erzählt. "Eigentlich hatte ich vor, alleine nach Shenzhen zu fliegen und zu versuchen, selbst Kontakte zu knüpfen. Das hätte auf jeden Fall länger gedauert oder auch gar nicht geklappt", sagt Cohen. "Ohne HAX hätte die Entwicklung unserer Kopfhörer viel länger gedauert".

Revols passen sich beim Einsetzen der Ohrform an und werden mit Hilfe einer App zum Aushärten gebracht. So erhalten Käufer einen ergonomisch angepassten Kopfhörer zu einem Preis von 220 US-Dollar. 10.000 Interessierten gefiel das Produkt und sie unterstützten es mit insgesamt über 2,5 Millionen US-Dollar bei Kickstarter - damit ist Revols das bisher erfolgreichste kanadische Projekt auf der Crowdfunding-Plattform.

Nirgendwo lassen sich Prototypen schneller bauen

Zum HAX-Programm gehört neben Design- und Marketing-Schulungen auch die Vermittlung von lokalen Elektronikherstellern, mit denen der Prototyp hergestellt wird. Oft bilden diese Verbindungen auch die Geschäftsgrundlage für die Herstellung des fertigen und finanzierten Produktes. Dabei lassen sich Prototypen in Shenzhen sehr schnell produzieren: "Hier ist ein Tag so viel wert wie woanders eine ganze Woche", sagt Tali Katz von Revols. "Innerhalb eines Tages bekommt man alle Teile für einen Prototyp, man geht einfach raus und kann die Sachen sofort kaufen", bestätigt auch Jamie Salter. In Europa oder Nordamerika müsse man viele Teile erst bestellen und dann auf die Lieferung warten. Dementsprechend lassen sich Änderungen an Entwürfen in Shenzhen deutlich schneller umsetzen.

Die von HAX geförderten Projekte sind nicht zwingend typische elektronische Geräte. Mit der Mehlwurm-Aufzuchtstation Hive hat beispielsweise das österreichische Startup Livin Farms eine gänzlich andere Idee mit der Hilfe von HAX entwickelt. Mit Hive können Nutzer zu Hause Mehlwürmer züchten und sie als günstige und proteinreiche Nahrung verwenden. Direkt neben den Ski-Wearable-Entwicklern von Carv steht ein ungefähr ein Meter hoher, einen merklichen Geruch verströmender Turm mit zahlreichen Schubladen auf dem Schreibtisch von Katharina Unger, der Gründerin und CEO von Livin Farms.

Es muss nicht immer Elektrotechnik sein

In dem Hive-Turm können die proteinhaltigen Mehlwürmer gehalten werden - beispielsweise in der heimischen Küche. Die Zucht ist komplett vom Anwender kontrollierbar und dementsprechend schadstofffrei. In einem mehrstufigen Prozess landen die verzehrfertigen Mehlwürmer in einer Schublade am Boden des Turms, der auf den ersten Blick eher wie eine Rackstation aussieht. "Warte, oben kommen noch die Käfer rein ...", murmelt Unger, während sie aus einer Schublade einen offenen Kunststoffeinsatz mit Krabbeltieren herausholt. Dass neben ihnen ein Turm voller Würmer steht, stört keinen der umliegenden Kollegen aus anderen Projekten - auch nicht der leicht würzige Geruch. "Das fertige Modell wird dank eingebauter Filter nicht mehr riechen", sagt Unger.

Die Mehlwürmer können auf verschiedenste Weise zubereitet werden, zum Konzept gehört auch eine Community mit Rezeptvorschlägen. Einen gerösteten Mehlwurm zum Probieren können wir nicht ausschlagen - er schmeckt wie eine salzige Knabberei. Bei Livin Farms Hive wird deutlich, was Duncan Turner von der Wichtigkeit der Idee sprach: Bei HAX werden nicht nur gerade trendige Technologien gefördert, sondern auch eher abwegige, aber möglicherweise zukunftsweisende Projekte. Das Konzept von Hive ist eine ressourcenschonende, einfache Versorgung mit Proteinen - das fanden Turner und die anderen Entscheider interessanter als ein VR-Projekt, das Virtual-Reality-Inhalte im Flugzeug anbieten wollte. Denn obwohl VR zurzeit sehr angesagt ist, empfanden sie das als zu wenig innovativ und lehnten es ab.

Große Erfolge beim Crowdfunding

Am Ende der HAX-Förderung steht die Crowdfunding-Kampagne, in manchen Fällen stammt das Geld für die Umsetzung der Projekte auch direkt von Geldgebern. Insgesamt 60 Projekte wurden bisher per Crowdfunding finanziert, im Durchschnitt wurden pro Kampagne 420.000 US-Dollar gesammelt. HAX ist der größte Investor in crowdfunded Hardware, und die Erlöse der HAX-Projekte machen Turner zufolge 1,5 Prozent der Gesamtsumme bei Kickstarter aus. Das bisher erfolgreichste Projekt sind die kanadischen Revols-Kopfhörer.

Bei all diesen Erfolgen gibt es natürlich auch immer wieder Projekte, die trotz einer guten Idee letztlich nicht zu einem fertigen Produkt führen. Die Ausfallrate liege zurzeit bei 20 Prozent, sagt Turner - eines von fünf angenommenen Teams scheitert also trotz der Förderung. Dies kann unterschiedlichste Gründe haben: Manchmal stellt sich die Idee letztlich doch als technisch nicht ohne weiteres umsetzbar heraus, manchmal geben die Macher auch aus persönlichen Gründen auf.

Büro ist bereits zu klein

Dass die Förderung von Hardware-Projekten direkt in Shenzhen offenbar dennoch erfolgreich und lohnenswert ist, wird bei unserem Besuch schnell offensichtlich: Wir platzen mitten in Umzugsvorbereitungen. Das erst vor anderthalb Jahren bezogene Büro ist bereits zu klein für all die hinzugekommenen Projekte, der HAX Accelerator muss daher in größere Räumlichkeiten ziehen. Dort werden sich neue Startups bewerben, um direkt in Shenzhen ihr Produkt zu entwerfen -mit Hilfe von Duncan Turner und seinen Mitarbeitern sowie Startup-Gründern aus aller Welt.  (tk)


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