Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzwerk-wie-ausruester-google-fiber-und-facebooks-netzwerk-sehen-1607-121747.html    Veröffentlicht: 15.07.2016 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/121747

Netzwerk

Wie Ausrüster Google Fiber und Facebooks Netzwerk sehen

Google Fiber behauptet, den Großteil seiner Netzausrüstung selbst zu bauen. Doch ein Branchenexperte von Huawei hat andere Informationen. Und auch Facebooks Darstellung der eigenen GByte-Netzansätze sieht er kritisch.

Sind Google Fiber und Facebook innovativere Netzwerkausrüster als die etablierten Anbieter, weil sie ihre Technik selbst bauen? In den USA ist Google Fiber ein bekannter Fiber-To-The-Home-Betreiber. "Wir entwickeln weiterhin das meiste unserer Netzwerkausrüstung selbst", sagte Google-Fiber-Sprecherin Kelly Mason Golem.de auf Anfrage. Und Facebook hat in diesem Jahr auf der Entwicklerkonferenz F8 günstiges selbstgebautes, aber experimentelles GBit-Wi-Fi vorgestellt.

Michael Lemke, Senior Technology Expert bei dem Ausrüster Huawei, sieht beides skeptisch. Er finde es "ein wenig verblüffend", dass Google Fiber behaupte, seine Netzwerkausrüstung und die Endgeräte für das Netzwerk weitgehend selbst herzustellen. Er habe andere Informationen. Bei einem Treffen des IT-Branchenverbands Bitkom-Kreis - Digital City am 19. April 2016 habe er von einem Vertreter "eines auch in Deutschland aktiven Festnetzinfrastrukturanbieters" die Aussage gehört: "Ja, wir sind zusammen mit Google, und wir sind deren Lieferant."

Nachgefragt bei Nokia

Es gibt in Deutschland nur drei große Netzwerkausrüster: Huawei, Ericsson und Nokia. Ericsson ist kein Festnetzausrüster. Wir haben daher Nokia gefragt, wie sich die Netzwerkausrüstung von Google Fiber und Facebook von der langjähriger Player in dem Segment wie Nokia oder Huawei unterscheidet.

Nokia-Sprecher Bernhard Fuckert antwortete Golem.de, dass er die Vorgehensweise anderer Unternehmen nicht bewerten könne. "Was ich sagen kann, ist, dass Konnektivität eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist und dass wir bei Nokia - gerade nach dem Zusammenschluss mit Alcatel-Lucent - über eine der leistungsfähigsten 'Innovationsmaschinen' in diesem Bereich verfügen. Auch wir entwickeln - und haben bereits Funktechnologie für dicht besiedelte Städte entwickelt, für Fußball- und andere Stadien sowie andere Orte mit extrem hoher Personendichte."

Solche Lösungen kämen zum Beispiel in Mekka zum Einsatz. Auch Nokia forsche im Zentimeter- und Millimeterwellenbereich und habe bereits Prototypen gezeigt. Das Unternehmen kenne das Problem, dass Zentimeter- und Millimeterwellen kaum durch Gegenstände kommen, und arbeite an Lösungen. Die Nachfrage von Golem.de, ob Nokia der Ausrüster von Google Fiber sei, beantwortete Fuckert nicht.

Auch Anne Rommel, Sprecherin der Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institute, Expertin für Funktechnologie, wollte sich auf Anfrage von Golem.de nicht zur Arbeitsweise von anderen Unternehmen äußern.

Einfach an den Parametern gespielt

Lemke von Huawei hält auch Facebooks Technologie im 60-Gigahertz-Bereich nicht für so innovativ, wie Facebook behauptet. Facebook hatte im April 2016 auf seiner F8-Konferenz mit Terragraph und Aries zwei neue Systeme vorgestellt. Terragraph ist ein Funksystem für dicht besiedelte Städte. Aries hieß Facebooks Machbarkeitsstudie zur Unterstützung von Funksignalen in Gebieten mit einer geringen Bevölkerungsdichte.

Bei Terragraph werden in einem drahtlosen Multi-Node-System viele günstige Wigig-Access-Points entsprechend dem Standard IEEE 802.11ad eingesetzt, auch bekannt als Wireless Display. Dieser funkt im lizenzfreien 60-GHz-Band (Millimeterwellenfunk) und erreicht so deutlich höhere Datenraten als die etablierten WLAN-Standards 802.11ac. Der größte Nachteil von Funkverbindungen mit so hohen Frequenzen ist, dass sie Gegenstände nur sehr schlecht durchdringen können.

Das Terragraph-System soll optimiert sein für günstige Großserienproduktion, die unter den Preisen von üblicher Mobilfunkausrüstung liegen soll. Die Nodes müssen wegen der kurzen Reichweite in Städten in Abständen von 200 bis 250 Metern aufgestellt werden. Facebooks Techniker implementierten dabei reine IPv6-Nodes, SDN-ähnliche Cloud Controller und ein neues modulares Routing-Protokoll. Terragraph-Systeme sollen außen an Gebäuden angebracht werden, wo sie über das Ethernet in den Häusern angebunden werden.

Prototypischer Forschungsstatus

Eine sehr ähnliche Technologie wende Huawei bei LTE TDD an. Auf der Messe Mobile World Congress (MWC) in Barcelona habe Huawei dazu den ersten Showcase gezeigt. Lemke erklärte dazu: "Man holt aus 20 MHz, der traditionellen LTE-Carrier-Bandbreite, bis zu 600 Megabit pro Sekunde Durchsatz. Was muss man tun? Man muss nur die Zahl der Antennen erhöhen, das heißt Mehrfachübertragung, beziehungsweise Massive-MIMO-Übertragung. Genau das machte Facebook mit seiner Ankündigung."

Huawei habe ungefähr im gleichen Spektrum etwas mehr rausgeholt. "Wir sind bei 70 Gigahertz gewesen und haben 70 GBit/s erreicht. Es ist ein OFDM- Verfahren, das Wi-Fi heute benutzt. Für diesen Showcase haben wir auch ein LTE ähnliches OFDM-Verfahren und haben dann einfach an den Parametern gespielt, die zur Verfügung stehen, unter anderem an der Bandbreite des unterstützten Spektrums."

Doch die Technologie, die von Facebook gezeigt wurde, befinde sich noch im prototypischen Forschungsstatus. Es seien eben keine bereits entwickelten Produkte oder kommerziell einsetzbare und installierbare Radio-Technologie.

Laut Lemke sind alle Hersteller in diesem Bereich aktiv. "Auf der Forschungsebene können ganz viele gegenwärtig bereits ähnliche Demonstrationen durchführen. Aber vorzuschlagen, dass man damit eine Stadt ausstattet und ein Netz baut? Dann ist das Disruptive vielleicht der Zeitpunkt, nicht die Technologie selbst", sagte Lemke.  (asa)


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