Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/autonome-autos-fahrer-wollen-vor-allem-ihr-eigenes-leben-schuetzen-1606-121742.html    Veröffentlicht: 24.06.2016 15:48    Kurz-URL: https://glm.io/121742

Autonome Autos

Fahrer wollen vor allem ihr eigenes Leben schützen

Können autonome Autos ethische Entscheidungen treffen? Selbst wenn sie es könnten, wollen die Menschen offenbar lieber in Autos sitzen, die egoistischer sind.

Die "ethische Kompetenz" autonomer Autos ist eines der großen Aufregerthemen in der Debatte um die neue Technik. Derzeit scheint völlig unklar, ob und wie die selbstfahrenden Autos in die Lage versetzt werden sollen, bei unvermeidlichen Unfällen zwischen verschiedenen Schadensgrößen zu unterscheiden und ihr Fahrverhalten danach auszurichten. Dass die potenziellen Käufer autonomer Autos zum Teil sehr widersprüchliche Erwartungen an ihre künftigen Fahrzeuge haben, zeigen verschiedene Onlinebefragungen von US-Bürgern.

Dabei wurden die Teilnehmer mit verschiedenen Dilemma-Situationen konfrontiert. Sie sollten beispielsweise auswählen, ob ein autonomes Fahrzeug mit drei Passagieren an Bord fünf ältere Menschen auf dem Fußgängerweg tödlich überfährt oder besser gegen eine Absperrung lenkt, so dass alle Insassen sterben. Oder noch verzwickter: Soll das Auto, wenn es die Wahl hat, zwei flüchtende Bankräuber oder zwei Sanitäter im Einsatz überfahren?

Ethische Autos, aber nur für andere

Den Umfragen zufolge wünschen sich die meisten Befragten, dass bei den Unfällen die Zahl der Toten möglichst gering sein soll. Selbst dann, wenn dies den Tod der Fahrzeuginsassen zur Folge hätte. Selbst wenn Kinder im Auto säßen, würden sich die Menschen für das höhere Gut entscheiden, sagte Jean-Francois Bonnefon von der Toulouse School of Economics nach Angaben von Wired.com.

Doch mit diesem scheinbar uneigennützigen Denken war es schnell vorbei. Auf die Frage, ob sich die Teilnehmer solch ethisch denkende Autos kaufen würden, erhielten die Forscher eine ziemlich eindeutige Antwort. "Die Leute wollen Autos, die sie selbst und ihre Mitfahrer um jeden Preis schützen. Sie finden es toll, wenn alle anderen ethische Autos fahren, aber sie wollen solch ein Autos ganz bestimmt nicht für ihre Familie", sagte der MIT-Professor Iyad Rahwan dem britischen Guardian zufolge.

Regierung gründet Ethikkommission

Es gehöre zu den größten Herausforderungen bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, autonome Maschinen zu bauen, die nach ethischen Maßstäben handeln, schreiben die Autoren der Studie. Derzeit sei kein einfacher Weg erkennbar, Algorithmen zu programmieren, die moralische Werte und persönliche Eigeninteressen miteinander verbinden könnten.

Die ethischen Probleme beim Einsatz autonomer Fahrzeuge beschäftigen inzwischen auch die Politik in Deutschland. Nach dem Willen der Bundesregierung soll eine neue Kommission ins Leben gerufen werden, die "klare Leitlinien für Algorithmen entwickelt, welche die Fahrzeugreaktionen in Risikosituationen bestimmen". Dieser Kommission sollen Vertreter von Wissenschaft, Automobilindustrie und Digitalwirtschaft angehören. Dabei stellt das Ministerium schon selbst zwei entscheidende Grundsätze auf, die automatisierte Autos einhalten sollen: "Ein Sachschaden ist einem Personenschaden immer vorzuziehen. Eine Qualifizierung des Faktors Mensch ist unzulässig."

Allerdings messen die Autohersteller solchen Dilemma-Situationen weniger Bedeutung zu. "Vertrackte Dilemmas wie die Kurzgeschichten mit der Straßenbahn sind in der Realität allerdings sehr, sehr selten. Was sehen wir heute als Unfallursachen? Es sind fast immer Unachtsamkeiten oder Fehleinschätzungen", sagte Mercedes-Entwickler Ralf Herrtwich jüngst in einem Interview mit Golem.de.

Ein automatisiertes Auto könne die meisten dieser Unfälle vermeiden, weil Unachtsamkeit in dieser Weise bei einer Maschine nicht auftrete. "Es ist nicht so, dass das Roboterfahrzeug eine Straße entlangfährt und dann entscheiden muss: Fahre ich jetzt in die Menschen links oder in die Menschen rechts? Diese Menschen hat es alle schon viel früher gesehen und kann weit vorher anhalten", sagte Herrtwich.  (fg)


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