Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/briten-verlassen-eu-it-wirtschaft-erwartet-vor-und-nachteile-durch-brexit-1606-121724.html    Veröffentlicht: 24.06.2016 09:45    Kurz-URL: https://glm.io/121724

Briten verlassen EU

IT-Wirtschaft erwartet Vor- und Nachteile durch Brexit

In einer historischen Abstimmung hat Großbritannien für den Austritt aus der EU gestimmt. Zwar sind die Folgen des Brexits noch nicht abzusehen, doch die IT-Wirtschaft rechnet dauerhaft mit eher negativen Auswirkungen. Berlin als Startup-Zentrum könnte jedoch profitieren.

Alle Appelle und Bitten haben nichts genützt: Die Bevölkerung Großbritanniens hat mit einer recht deutlichen Mehrheit von rund 1,3 Millionen Stimmen für einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Demnach stimmten 52 Prozent der Wähler für den Brexit, 48 Prozent waren dagegen. Großbritannien ist damit das erste Land in der Geschichte der EU, das die Staatengemeinschaft verlässt. Die EU hat damit nur noch 27 statt 28 Mitgliedstaaten, verliert mit Großbritannien allerdings 65 der bislang 508 Millionen Bürger.

Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen des Austritts sind derzeit noch nicht absehbar. Das gilt auch für die IT-Wirtschaft. Der Branchenverband Eco bedauerte in einer ersten Stellungnahme das Votum der Briten. "Die Entscheidung für den Brexit ist ein schwerer Rückschlag auf dem von der EU eingeschlagenen Weg hin zum einheitlichen digitalen Binnenmarkt", sagte Vorstandsmitglied Oliver Süme. "Einem fragmentierten Markt fehlt jede Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Ländern wie die USA."

Berlin könnte London überflügeln

Der Verband schließt dabei nicht aus, dass beispielsweise die deutsche Startup-Szene von dem Austritt profitiert. So habe es bereits Spekulationen gegeben, dass Berlin nun London den Rang als wichtigster europäischer Standort für Startups ablaufen könnte, weil eine Gründung dort immer unattraktiver wird. So befürchten beispielsweise Personalfirmen, dass es aufgrund der veränderten Einreisebestimmungen schwieriger wird, qualifizierte IT-Mitarbeiter auf die Insel zu locken.

Dennoch geht Süme davon aus, dass die negativen Aspekte des Austritts überwiegen. Es könne nun zwei Jahre oder länger dauern, bis sich Großbritannien und die EU nach einem Austrittsantrag über die Details des Austritts geeinigt hätten. "Die schwierigen laufenden Verhandlungen um das Privacy-Shield-Abkommen mit den USA geben exemplarisch einen Eindruck, welcher Verhandlungsmarathon Europa jetzt auch mit England bevorsteht", sagte Süme. "Das bringt eine enorme Rechtsunsicherheit auch für Unternehmen aus der Internetwirtschaft mit sich - und damit voraussichtlich auch Umsatzrückgänge."

Lange Übergangsregelungen gefordert

Ähnlich hatte sich der IT-Verband Bitkom jüngst auf Anfrage von Golem.de geäußert. "Jedes Hemmnis für einen freien Austausch von Waren birgt damit die Gefahr, dass es auch zu Umsatzverlusten bei Anbietern in Deutschland kommt", hatte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder gesagt. Er forderte "ausreichend lange Übergangsregelungen, damit die Unternehmen sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen können".

Derzeit rangiere Großbritannien knapp hinter Frankreich auf Rang zwei der Liste der wichtigsten Exportmärkte für die Bitkom-Branche. So seien 2015 IT-Produkte im Wert von 2,9 Milliarden Euro auf die Insel geliefert worden. Ebenso wie Eco befürchtet Bitkom, dass ein zersplittertes Europa im Wettlauf der digitalen Märkte gegenüber Ländern wie den USA oder China weiter ins Hintertreffen geraten könnte.

Berlin könnte London bei Startups weiter abhängen

Schwer abzuschätzen ist derzeit auch die Frage, inwieweit außereuropäische IT-Firmen ihre europäischen Firmenzentralen und Rechenzentren möglicherweise von Großbritannien in EU-Staaten verlagern. Gerade was den Datenschutz betrifft, kann der Standort der Datenverarbeitung künftig eine stärkere Rolle spielen. Prinzipiell erschwert es aber außereuropäischen Firmen künftig den Zugang zum europäischen Markt, wenn es zwischen Großbritannien und der EU unterschiedliche Datenschutzkriterien und andere Rechtsvorschriften gibt. Die Anstrengungen für einen gemeinsamen digitalen Binnenmarkt werden durch den Brexit konterkariert.

Nachtrag vom 24. Juni 2016, 11:00 Uhr

Der Risikokapitalgeber German Startups Group erwartet positive Auswirkungen des Brexits auf Deutschland als Standort für IT-Startups. "Der Brexit ist eine gute Nachricht für die deutsche Startup-Szene", sagte Firmenchef Christoph Gerlinger. So sei Berlin im vergangenen Jahr bei Anzahl und Gesamtvolumen der Finanzierungstransaktionen von Startups an dem zuvor in Europa dominanten Standort London vorbeigezogen. Nun werde sich diese Entwicklung beschleunigen und der Abstand von Berlin auf London zügig vergrößern. "Wir rechnen sowohl mit der deutlichen Verringerung der Neuansiedlung von Startups in London zu Gunsten von Berlin als auch mit dem Zuzug erfolgreicher Londoner Startups", sagte Gerlinger.

Bitkom rechnet in einer aktuellen Stellungnahme hingegen damit, dass es nach dem Brexit vor allem für Dienstleister und Startups schwerer wird. "Es ist zu erwarten, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen wird. Für Unternehmen aus Deutschland bedeutet das, dass sie sich mit abweichenden Regeln in Großbritannien beschäftigen müssen. Gerade für Mittelständler und Start-ups ist das oft kaum möglich", sagte Rohleder.

Britische Wirtschaft sorgt sich um Mitarbeiter

Trotz des Austritts müsse ein gemeinsamer digitaler Binnenmarkt das Ziel bleiben. "International einheitliche Regeln sind die Grundvoraussetzung für eine funktionierende und leistungsfähige digitale Wirtschaft", sagte Rohleder. Der Verband erwartet besondere Nachteile für Privatverbraucher in Großbritannien. Strenge Regeln für den Datenschutz, den Verbraucher- und den Umweltschutz seien stets von der EU ausgegangen und hätten oft gegen den Widerstand der Vertreter Großbritanniens durchgesetzt werden müssen. Diese Regelungen würden nun infrage gestellt, sagte Rohleder.

Die britische Wirtschaft zeigte sich bereits besorgt, dass ihre Mitarbeiter aus EU-Staaten nun das Land verlassen müssten. Simon Walker von der Managervereinigung Institute of Directors forderte: "Die Regierung muss sofort eine Garantie aussprechen, dass alle EU-Bürger, die sich derzeit in Großbritannien befinden, ein Aufenthaltsrecht bekommen. Britische Unternehmen sollen sich keine Gedanken darüber machen müssen, ihre wertvollen Mitarbeiter zu verlieren."  (fg)


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