Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/william-gibsons-archangel-cyber-frauen-zeitreisen-was-braucht-ein-comic-mehr-1606-121708.html    Veröffentlicht: 24.06.2016 09:03    Kurz-URL: https://glm.io/121708

William Gibsons Archangel

Cyber, Frauen, Zeitreisen - was braucht ein Comic mehr?

Ein dystopisches Jahr 2016, Zeitreisen in das vom Zweiten Weltkrieg zerstörte Berlin und geniale Anti-Superhelden. Mit Archangel hat Cyberpunk-Altmeister William Gibson einen subversiven Comic geschaffen, der lesesüchtig macht.

Hierzulande haben Comics leider oft den Status von Kinderliteratur. Ausnahmen bilden vorwiegend Werke für ein sehr interessiertes Nischenpublikum oder klassische Superhelden-Blockbuster wie etwa Captain America. Völlig anders als Letzteres und trotzdem nur für Erwachsene ist Archangel von William Gibson, der mit seiner Neuromancer-Reihe das Genre des Cyberpunk geprägt hat - und damit die Literaturgattung, in der die vielen Schattenseiten des Science-Fiction betrachtet werden. Wie erhofft, lässt schon der Beginn des ersten Comics von Gibson kaum noch Wünsche offen und bestätigt die erhoffte Sci-Fi-Dystopie: Es ist Februar 2016 und die Welt liegt von Tokio über Moskau und London in Trümmern.

Die US-Regierung hat sich - mitsamt dem Weißen Haus - in ein ominöses Hochsicherheitsgebiet in den Weiten von Montana zurückgezogen. Die Regierung wird von einem Vater-Sohn-Gespann geführt, von Senior und Junior Henderson. Deren Pläne werden vermutlich im Laufe der Geschichte von zwei ungewöhnlichen Frauen durchkreuzt, die wohl nichts voneinander wissen. Schließlich befinden sich die beiden nicht nur auf unterschiedlichen Kontinenten, sondern leben auch in völlig verschiedenen Zeiten: in den Jahren 2016 und 1945.

Verknüpft werden die Zeitstränge zunächst durch Junior, der offiziell US-Vizepräsident im Jahr 2016 ist und gleich am Anfang der Handlung eine Gesichtsoperation bekommt, um auszusehen wie sein Großvater Major Henderson. Ganz so, als wäre das vollkommen üblich, reist Junior daraufhin zurück in der Zeit. Er landet mit einigen Begleitern im Februar 1945 im Pentagon und hat das Ziel, seinen Großvater Major Henderson umzubringen, dessen Platz einzunehmen und den Lauf der Geschichte zu verändern. Damit soll Archangel vorbereitet werden können. Was genau das heißt, bleibt vorerst aber noch offen.

Paranormales im Stil des Film Noir

Erzählt wird die Geschichte, die Gibson in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler und Autor Michael St. John Smith erstellt hat, vor allem mit Hilfe der Panels des sehr erfahrenen Comiczeichners Butch Guice. Die Darstellungen erinnern, passend zum Genre des Cyberpunk, an Kameraeinstellungen aus einem Film Noir.

So gibt es im Wortsinn schräge Perspektiven und es wird eine sehr düstere Atmosphäre erzeugt, die insbesondere mit der auffallend dunklen Farbauswahl sowie mit den teilweise fast schon klaustrophobisch engen Handlungsorten für Spannung in einem Krimi sorgt, der für Leser noch nicht so recht zu durchschauen ist.

Im Nachwort des ersten Teils von Archangel erläutert Gibson, dass der Ursprung für den Comic in einer Diskussion über fliegende Untertassen der Nazis im Dritten Reich liege. Dabei hätten auch die von den Flugzeugbesatzungen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beschriebenen Erscheinungen der Foo-Fighter sowie die sogenannten Ghost Rockets ihren Beitrag geleistet. Letztlich sei eine Mischung aus Band of Brothers und Blackwater entstanden.

Gut und Böse in umgekehrten Rollen

Einerseits also heroisch gezeichnete US-Soldaten, die ihren Teil zur Befreiung Europas vom Faschismus beitragen. Und andererseits eine als privates Unternehmen agierende Söldnertruppe, die wohl massive Kriegsverbrechen während des Irakkriegs begangen hat. Wer in Archangel diesem Muster folgend Gut und Böse verkörpert, wird eigentlich schnell klar. Doch Gibson schafft es, die für Comics übliche Rollenverteilung mehr oder weniger auf den Kopf zu stellen.

Denn dem Unsympathen Junior stehen seine zwei Bodyguards zur Seite, die als große kräftige Weiße mit kurzen Haaren die prototypische Statur und das aalglatte Aussehen des kämpfenden Superhelden haben, der sonst in vielen Comics die Welt rettet. Um das negative Bild auf die Spitze zu treiben, haben die beiden auch keinen Namen.

Aufgehalten werden soll die Truppe von Junior durch einen sehnigen Soldaten der US-Marines, der ebenfalls in der Zeit zurückgeschickt wird und im zerstörten Berlin des Jahres 1945 landet. Der vermeintliche Weltretter ist Latino und von Kopf bis Fuß mit Tattoos übersät, die an typische Markierungen für eine Gangzugehörigkeit erinnern und alles andere als professionell gestochen aussehen.

Unrealistische Charaktere, die Leser lieben

Herausragend sind allerdings die tatsächlich tonangebenden Protagonisten der Geschichte: zwei Frauen. So versucht die in einem Rollstuhl sitzende Major Torres im Jahr 2016, die von Junior wohl für das Jahr 1945 geplanten Ereignisse durch einen recht eigenwilligen Coup zu verhindern.

Im Sommer 1945 bahnt sich die für den britischen Geheimdienst tätige Naomi Givens derweil ihren Weg durch das zerbombte Berlin, um mehr über den tätowierten Marine zu erfahren. Sie nutzt dafür eine ehemalige Affäre als Druckmittel und bekommt Hilfe von dem Deutschen Fritz, der sich durch Schwarzmarktgeschäfte finanziert und ein erstaunlich ambiges Verhältnis zu seiner Zeit in einem Gefängnis der Nazis hat.

Gibson beschreibt diese Darstellung selbst so: "Ich verwende einen bestimmten Typ übertriebener weiblicher Charaktere, die einfach nie getötet werden. Sie mögen zwar nicht realistisch sein, aber ich liebe sie, genauso wie nachweislich viele andere Menschen". Der Autor beschreibt damit genau das, was den Reiz der Geschichte von Archangel ausmacht.

Das Cyberpunk-Genre wäre aber auch nichts ohne die vielen kleinen und großen technischen Hilfsmittel, die in Archangel zwar zuhauf vorkommen, aber, wenn überhaupt, nur sehr ausweichend beschrieben werden. Dies führt schnell dazu, dass die nur rund 20 Seiten wieder und wieder durchsucht werden nach Andeutungen und Erklärungen für die Geräte ebenso wie für die handelnden Personen. Das Warten auf den nächsten Teil der Serie ist dabei geradezu nervenaufreibend.

Archangel erscheint als fünfteilige Miniserie bei dem Verlag IDW Publishing. Der Comic kann zum Beispiel als PDF direkt bei dem Verlag gekauft werden. Amazon bietet Archangel darüber hinaus als E-Book für seine Kindle-Geräte an.  (sg)


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