Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mobbing-auf-wikipedia-content-vandalismus-drohungen-und-beschimpfung-1606-121626.html    Veröffentlicht: 28.06.2016 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/121626

Mobbing auf Wikipedia

Content-Vandalismus, Drohungen und Beschimpfung

Unter der freundlichen Oberfläche des großen Wissens-Projekts brodelt es. Dort wird geschimpft, gesperrt und schikaniert. Für Wikipedia, dessen Kapital eine möglichst breite Beteiligung ist, stellt das ein Problem dar. Die Wikimedia-Stiftung sucht nach Ideen, was dagegen getan werden kann.

Irgendwann hatte Michael Kühntopf keine Lust mehr. Der Schweizer Publizist hatte seit 2007 mehr als 1.000 Artikel angelegt, überwiegend zu jüdischen Persönlichkeiten und Religionsthemen. Heute ist der einst begeisterte Autor ein Ex-Wikipedianer. Er hatte irgendwann keine Lust mehr auf den unfreundlichen und immer wieder beleidigenden Ton und auf einen Kleinkrieg über Kommentare auf Userpages und über die Anwendung Wikipedia-spezifischer Sanktions-Instrumente.

Auf Wikipedia geht es mitunter äußerst unfreundlich und sogar feindselig zu. Nutzer sperren sich gegenseitig und verfolgen fieberhaft die Edits des anderen, um sie wieder rückgängig zu machen. Es wird gemobbt, frauenfeindlich, rassistisch, antisemitisch oder homophob gepöbelt und sogar mit physischer Gewalt gedroht. In einer 2015 durchgeführten, wegen des offenen Designs nicht repräsentativen Studie mit weltweit 3.845 Teilnehmern [PDF] hat die Wikimedia Foundation versucht, einen Überblick über das Phänomen zu erlangen.

Verwüstungen und Trolling

38 Prozent der Teilnehmer gaben in der Umfrage an, schon einmal selbst Belästigung auf Wikimedia-Projekten erlebt zu haben. Die häufigste Form war Content-Vandalismus: Verwüstungen auf der eigenen Userpage oder ein gezieltes Entfernen oder Abwerten von Artikelbearbeitungen. Häufig genannt wurden auch "Trolling/Flaming" und Beschimpfungen. Mit einer geringeren Häufigkeit wurden sogar Revenge Porn, Hacking oder Gewaltandrohung genannt. Von allen Belästigungsarten waren Frauen deutlich stärker betroffen als Männer.

Gefragt nach den Ursachen, gab ein Viertel politische Meinungsverschiedenheiten an. Mit jeweils 5 bis 10 Prozent wurden aber auch die typischen gesellschaftlichen Diskriminierungs-Kategorien genannt: Ethnie oder Religion (jeweils 9 Prozent), Geschlecht oder Alter (jeweils 7 Prozent) und sexuelle Orientierung (6 Prozent).

Die Umfrage forderte auch dazu auf, die konkreten Erfahrungen zu schildern. Es wird von einer Morddrohung berichtet oder von Anlegen einer Porno-Webseite auf den Nutzernamen des Opfers. Ein Nutzer aus dem deutschsprachigen Bereich berichtete von Telefonterror: "Direkt nach Speichern eines jeden Edits in der WP klingelte tagelang (auch nachts) das Telefon." Und auch in direkten Zitaten aus beleidigenden Nachrichten oder Kommentaren zeigt sich das Grauen: "Halt die Fresse, du Arschloch" hieß es, "I am going to kill your grandchildren" oder "All queers will be shot! You fucking faggot ..."

Gefragt, wie sich die erlebte Belästigung auf die Aktivität auf Wikipedia ausgewirkt hat, gaben 54 Prozent an, dass diese infolge der Erfahrungen nachgelassen oder stark nachgelassen hat.

Anderen das Leben schwer machen

Für Michael Kühntopf, der lange zu den fleißigsten Wikipedia-Autoren gehört hatte, wurde die Mitarbeit mit der Zeit immer unerfreulicher. Ein User hatte ihm beispielsweise geschrieben: "Michael Kühntopf, dein schrott bleibt schrott und bullshit." Es gab Beschimpfungen und auch Beleidigungen, "bis hin zur untersten Schublade".

Die Konflikte wurden auf den einzelnen Artikeln oder auf Userpages ausgetragen, vor allem aber über Wikipedia-Instrumente, erzählt Kühntopf: über das Rückgängig-Machen eigentlich sinnvoller Edits oder gar das Sperren durch Nutzer auf einer höheren Wikipedia-Hierarchiestufe. Das sei ein durchaus gängiges Mittel, um unliebsamen Nutzern das Leben schwer zu machen: "Im Laufe der Zeit hatte ich mit einem Rudel von Verfolgern zu kämpfen, die einfach jeden Edit von mir auf Wikipedia beobachtet und versucht haben, einem das Leben schwerzumachen."

Wikimedia: Wir wollen Leute vor Belästigungen schützen

Die Wikimedia-Stiftung nehme das Problem sehr ernst, sagt Patrick Earley vom Support and Safety Team bei Wikimedia, das die Studie durchgeführt hat: "Online- oder Offline-Belästigungen haben ernsthafte Auswirkungen auf das emotionale, physische und mentale Wohlbefinden. Wir wollen aber, dass unsere Nutzerinnen und Nutzer positive Erfahrungen auf Wikimedia-Seiten machen." Leute vor Belästigungen zu schützen, sei notwendig, um dieses Ziel zu erreichen.

Belästigung habe ernsthafte Folgen: Manche besonders produktive Leute verlassen das Projekt oder reduzieren ihre Mitarbeit drastisch. Wie sich das Mobbing auf die Kultur der Wikimedia-Projekte allgemein auswirke, werde gerade untersucht. Es sei allerdings bekannt, dass Belästigungen sich sowohl negativ auf die aktuelle als auch auf eine potenzielle Partizipation auswirken könne - bei denen, die fürchten, Opfer zu werden. Und das, meint Earley, könne überproportional marginalisierte gesellschaftliche Gruppen treffen und so wiederum zu einer geringeren Vielfalt an Meinungen und Positionen führen.

Über eine sogenannte Inspirationskampagne sammelt Wikimedia bis Ende Juni Ideen, was gegen Wiki-Mobbing getan werden kann. Aus denen sollen dann konkrete Projekte erwachsen. Es gibt Vorschläge, die Profilseiten von Nutzern besser zu schützen, so dass sie nicht mehr verwüstet werden können. Ein Karma-System ähnlich wie auf sozialen Netzwerken und Marktplätzen wird diskutiert, ein Klarnamenzwang oder ein Rotationssystem für Admins. Bisher am meisten Unterstützung findet der Vorschlag, dass man angemeldet sein muss, um Bearbeitungen auf Wikipedia vorzunehmen.

Das Dilemma mit der Offenheit

Ganz lassen sich Belästigungen wohl nicht verhindern, entscheidend sei der Umgang damit, meint Leonhard Dobusch, Organisationsforscher an der Uni Innsbruck, der seit langem die Chancen und Tücken des großen Kollaborationsprojekts beobachtet. Dass die Wikimedia-Stiftung eine solche Studie durchgeführt hat und das Problem wirklich ernst nimmt, könnte aber schon der Anfang einer Lösung sein.

Er glaubt, dass das Problem nicht unbedingt Wikipedia-spezifisch sei, sondern eher ein typisches Phänomen solcher Communities: "Schrankenlose Offenheit bedeutet auch Offenheit für destruktive Mitglieder, die zwar in der Minderheit sind, aber dennoch das gesamte Klima vergiften. Eine zentrale Stärke der Wikipedia, ihre völlige Offenheit für Beiträge, wird im Kontext von Belästigungen und problematischer Kultur zur Achillesferse." Paradoxerweise könne es notwendig sein, diese durch stärkere und strengere Moderation einzuschränken, vielleicht auch durch hauptamtliche Community-Manager, um Wikipedia so wieder attraktiver zu machen.

Je unfreundlicher der Umgangston in einer Online-Community sei, desto eher würden Neulinge im Allgemeinen und weibliche Beitragende im Besonderen abgeschreckt. Wenn von zehn Männern auf Wikipedia neun freundlich und kooperativ sind, sich nur einer aber unerträglich und sexistisch verhalte, werde das Frauen trotzdem fernhalten. Gerade angesichts des Rückgangs an Aktiven und der Schwierigkeit, mehr weibliche Beitragende zu gewinnen, müsste man einen möglichen Zusammenhang zwischen Belästigung und Autorenschwund im Auge behalten. "Immerhin ist das Projekt rein ehrenamtlich, und es gibt Tausende Möglichkeiten, die Freizeit anderweitig zu verbringen. Da muss sich niemand auf Wikipedia anpöbeln lassen."

Sperrung, Entsperrung, Sperrung

Michael Kühntopf wurde 2010 immer wieder gesperrt, aus wechselnden Gründen. Er hatte sich durchaus etwas zuschulden kommen lassen und nach Meinung einiger ein Wikipedia-Kardinalverbrechen begangen: Er hatte mehrere Bücher publiziert und dort kleine und größere Passagen aus Wikipedia-Artikeln zitiert, ohne die vorgeschriebenen Autoren- und Lizenzangaben. Und Kühntopf hat in Diskussionen durchaus auch selbst ausgeteilt, er ist nach Eigenaussage "niemand, der einfach so klein beigibt."

In verschiedenen Sperrdiskussionen, die schon ab 2008 begannen, wurden ihm nicht nur "Wiederholte Verstöße gegen das Urheberrecht" vorgeworfen, sondern auch "Beteiligung an einem Edit-War", ein Verstoß gegen das Wikipedia-Gebot "Keine persönlichen Angriffe", und dass er in Diskussionen Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber anderen Autoren geäußert hatte. Im Frühjahr und Sommer 2011 ging es dann hin und her, wie in seinem Benutzersperr-Logbuch dokumentiert ist. Schon im März hatte er unter dem Eindruck des schwierigen Klimas auf Wikipedia einen Fork namens Jewiki gegründet, auf dem er seitdem zusammen mit anderen Ehemaligen schreibt.

Auf Wikipedia wurde Kühntopf gesperrt, mal für sechs Stunden, mal für zwei Tage, mal unbegrenzt. Der Bann wurde rückgängig gemacht und dann doch wieder hergestellt. Am 5. Juli 2011 legte er seinen letzten Artikel an und bat am 14. Juli dann selbst um seine endgültige Sperrung, weil er in dem Hin und Her keinen Sinn mehr sah: "Ich hatte die Nase voll und habe mir gedacht: Ich gehe freiwillig."

In einem Pilotprojekt mit Narando vertonen wir in den kommenden Wochen zwei bis drei Golem.de-Artikel pro Woche. Die Texte werden nicht von Robotern, sondern von professionellen Sprechern vorgelesen. Über Feedback unserer Zuhörer freuen wir uns - im Forum oder an redaktion@golem.de.  (stm)


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