Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/intelligente-stromzaehler-besitzern-von-solaranlagen-droht-ebenfalls-zwangsanschluss-1606-121581.html    Veröffentlicht: 17.06.2016 10:36    Kurz-URL: https://glm.io/121581

Intelligente Stromzähler

Besitzern von Solaranlagen droht ebenfalls Zwangsanschluss

Der Bundestag will den Zwangsanschluss kleiner Verbraucher an vernetzte Stromzähler nicht verhindern. Im Gegenteil. Nun könnten noch mehr Anlagen mit den teuren Geräten angeschlossen werden.

Die große Koalition will die Digitalisierung der Stromzähler in den deutschen Haushalten nicht verbraucherfreundlicher gestalten. Die Fraktionen von Union und SPD im Bundestag planen nicht, einen Zwangsanschluss kleiner Stromverbraucher an vernetzte Stromzähler zu verhindern. Das geht aus einer Formulierungshilfe hervor, auf deren Basis die Koalition den Gesetzentwurf der Bundesregierung verändern könnte. Dem Papier zufolge, das Golem.de vorliegt, könnten die Messstellenbetreiber künftig sogar noch mehr teure Stromzähler als bislang geplant einbauen.

Demnach können von 2018 an auch neue Erzeugungsanlagen mit einer Leistung zwischen einem und sieben Kilowatt mit sogenannten intelligenten Messsystemen ausgestattet werden, wenn der Messstellenbetreiber dies wünscht und es technisch möglich ist. Dem Solaranlagenbesitzer dürfen dabei jährlich nicht mehr als 60 Euro für den Einbau berechnet werden.

Regierung hält kleine Anlagen nicht für "netzrelevant"

Die Fraktionen wollen mit der Änderung sicherstellen, "dass auch diese Anlagen Teil des intelligenten Energienetzes werden können". In der Begründung heißt es weiter: "Die Systemvorteile einer intelligenten Anbindung werden die Vermarktung von Energie, die diese Anlagen erzeugen, und die Systemintegration verbessern." Das Wirtschaftsministerium hatte hingegen in seiner Gesetzesbegründung noch davon gesprochen, dass lediglich Anlagen mit einer Leistung von mehr als sieben Kilowatt "netzrelevant" seien. Mit Hilfe eines vernetzten Stromzählers können sie bei einem Überangebot beispielsweise abgeregelt werden, was die Kosten für den Netzausbau verringern könnte.

Nach Angaben des Fachmagazins Bizzenergy wurden im vergangenen Jahr rund 24.500 Anlagen zwischen einem und sieben Kilowatt installiert. Wie viele Hausbesitzer von 2018 an tatsächlich von einem Zwangseinbau betroffen sein könnten, lässt sich hingegen schwer einschätzen. Finanziell dürfte sich ein solcher Einbau für den Messstellenbetreiber in der Regel nicht lohnen, wenn nicht noch weitere Messpunkte an das erforderliche Smart Meter Gateway angeschlossen werden. Die Koalition will mit dem möglichst breiten Einsatz der vernetzten Zähler erreichen, dass die Betreiber auf große Stückzahlen kommen und der Einbau insgesamt rentabler wird.

Endpreise werden nicht erhöht

In einem Punkt bleibt den Verbrauchern aber eine Verschlechterung erspart. Der Formulierungshilfe zufolge soll es sich bei den genannten Höchstpreisen für vernetzte Stromzähler um Bruttopreise handeln. Die Endpreise seien "einschließlich Mehrwertsteuer" angegeben. Diese Bruttopreise "sind nach der gesetzlichen Logik entsprechend anzupassen, sofern sich in Zukunft eine Änderung des Mehrwertsteuersatzes ergibt". Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatte zuvor gefordert, die Bruttopreise aus dem Gesetzentwurf in Nettopreise umzuwandeln. Dies hätte ein Erhöhung der Preise für die Verbraucher um 19 Prozent bedeutet.

Keine Änderung ist bei der Frage geplant, wer die Daten aggregieren soll, die mit den intelligenten Messsystemen erhoben werden. Der Gesetzentwurf sieht weiterhin in den Paragrafen 66 und 67 des Messstellenbetriebsgesetzes (MsbG) eine Aufgabenverteilung zwischen den vier großen Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) und den Stromversorgern vor. Demnach sollen die ÜNB wie Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW die Daten der intelligenten Messsysteme "vorverdichten", während die Verteilnetzbetreiber wie gehabt die Daten der herkömmlichen Zähler (Ferraris-Zähler) und elektronischen Zähler aggregieren sollen.

Nur große Versorger erhalten Daten direkt

Der BDEW hatte diese Pläne kritisiert, weil sie dazu führten, dass die einzelnen Beteiligten sich dann gegenseitig die aggregierten Daten hin- und herschicken müssten. An der Aufgabenverteilung hält die Koalition jedoch fest. Allerdings stellt eine Ergänzung sicher, dass auch größere Stadtwerke mit mehr als 100.000 Kunden die Daten größerer Verbraucher jede Viertelstunde erhalten. "Für die weitaus größere Zahl der kleineren Verteilnetzbetreiber gilt weiterhin die allgemeine Regelung, dass Daten am Folgetag situationsgerecht nach explizitem Verlangen bereitzustellen sind", heißt es in der Formulierungshilfe. Die Koalition befürchtete, durch eine zu große Änderung das gesamte Konzept zur Datensicherheit aufzuweichen.

Der Bundestag soll das Gesetz am kommenden Donnerstag abschließend beraten. Es sieht unter anderem Preisobergrenzen für den Einbau intelligenter Messsysteme vor. Diese liegen bei einem Jahresverbrauch unter 2.000 kWh bei 23 Euro im Jahr, bei einem Verbrauch zwischen 2.000 und 3.000 kWh bei 30 Euro im Jahr, bei einem Verbrauch zwischen 3.000 und 4.000 kWh bei 40 Euro und einem Verbrauch von 4.000 bis 6.000 kWh bei 60 Euro. Ab einem Jahresverbrauch von 6.000 kWh ist der Einbau der Messsysteme verpflichtend. Dabei dürfen laut Gesetzentwurf den Verbrauchern jährlich nicht mehr als 100 Euro für den Betrieb in Rechnung gestellt werden.

Die Verteilung der vernetzten Geräte soll 2017 beginnen. Kleinere Verbraucher sind aber erst von 2020 an betroffen. Bis zum Jahr 2032 sollen zudem alle herkömmlichen Ferraris-Zähler durch elektronische Zähler ausgetauscht sein. Verbraucher- und Datenschützer sowie die Stromversorger hatten Bedenken an den Regierungsplänen geäußert. Während die Verbraucherschützer die möglichen Kosten für den Einbau intelligenter Messsysteme für zu hoch halten, befürchten Stadtwerke und Energiekonzerne, dass ihre Kosten für Einbau und Betrieb der Geräte nicht gedeckt werden.  (fg)


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