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Zelda Breath of the Wild angespielt

Das Versprechen von 1986 wird eingelöst

30 Jahre Seriengeschichte in einem gigantischen Open-World-Abenteuer: Nach dem Anspielen des kommenden Zelda für Wii U und Nintendo NX wissen wir, warum die Entwicklung so lange dauert.

100 Jahre hat Link verpennt. Zu Beginn von Zelda: Breath of the Wild wird er von einer Stimme aus dem Schlaf geholt - eine Neuheit in der Serie. Dann erkundet er Hyrule. Im Verlauf des Abenteuers kann der Spieler Link dabei helfen zu ergründen, warum er ein Jahrhundert geschlummert hat. Alternativ macht er sich schnurstracks auf den Weg zum letzten Boss, vermöbelt diesen mit einem Stock und sieht den Abspann, ohne eigentlich zu wissen, was überhaupt vor sich gegangen ist.

Die Entwickler haben also nicht gescherzt: Breath of the Wild wird tatsächlich ein Open-World-Abenteuer, bei dem der Spieler nicht an die Hand genommen wird. Die spielerische Freiheit wirkt nahezu einschüchternd - besonders, nachdem wir das erste Mal die Weltkarte der E3-Demo geöffnet haben und bemerken, wie klein der riesige Bereich, der vor uns liegt, im Vergleich zum gesamten Spiel scheint.

Beim Erkunden der grünen, mit Gras bewachsenen Hügelketten der Demo-Region erinnern wir uns an die Welterkundungen von The Witcher 3 oder Skyrim. Genau wie in den klassischen Rollenspielen legen wir mit Freude auch größere Märsche zurück, sammeln Pilze am Wegesrand auf und spähen in der Ferne ein nächstes interessantes Ziel aus.

Fast wie vor 30 Jahren

Das letzte Mal, dass der blonde Held mit der putzigen grünen Zipfelmütze so unverhofft direkt in die Spielwelt geworfen wurde, liegt drei Dekaden zurück. Im ersten Legend of Zelda für das NES (Nintendo Entertainment System) ging es direkt in der Mitte einer riesigen Karte für den Spieler los, ohne Waffe, Schild geschweige denn ein Ziel. Das erstmalige Erforschen der zahlreichen zweidimensionalen Kartenteile machte damals einen großen Reiz des Spiels aus.

Serienschöpfer Shigeru Miyamoto betont in Interviews häufig, dass seine Idee für Zelda ursprünglich auf Kindheitserinnerungen basiert. Als Kind sei er oft allein durch die Natur gewandert, um den Zauber der Welt zu erleben. Irgendwie fühlen sich unsere ersten Schritte im neuen Zelda: Breath of The Wild genau so an: faszinierend.

Deutlich mehr Rollenspiel

Links Kleidung hat nun unterschiedliche Rüstungswerte, die Waffen werden rostig und zerbrechen. Als wir das erste Mal mit der Fackel einen kleinen kontrollierten Waldbrand entfachen, kommt uns Far Cry 2 ins Gedächtnis. Wir können die Weltkarte mit individuellen farbigen Stickern und Markierungen verzieren - fast wie in Ultima Underworld. Die japanischen Entwickler haben sich an genau den richtigen Stellen von anderen Open-World-Spielen inspirieren lassen.

Gleichzeitig entfaltet Breath of the Wild durch seinen Grafikstil, atmosphärische Naturgeräusche und den spärlichen Einsatz von Melodien eine einzigartige Atmosphäre. Künstlerisch waren wir zuletzt nur von Spielen wie Shadow of the Colossus, Okami oder Journey so beeindruckt.

Die Steuerung ist komplex. Für ein Zelda-Spiel, dessen Vorgänger in der Vergangenheit stark auf kontextabhängiges Drücken vom großen "A-Knopf" gesetzt haben, sind die Eingaben nahezu überwältigend. Um die Waffe zu wechseln, müssen wir beispielsweise den linken Schulterknopf gedrückt halten, mit dem Analogstick die Waffe wählen und mit einem dritten Knopf bestätigen. Ob Nintendo da die Einsteigerfreundlichkeit im fertigen Spiel gelingt, bleibt also abzuwarten.

Für Spieleveteranen, wie sie auf der E3 primär anzutreffen sind, stellt die Steuerung aber nur eine circa zehnminütige Gewöhnungsphase dar. Danach gleiten oder surfen wir galant auf unserem Schild Abhänge hinunter, vermöbeln über die serientypische Ziel-Aufschaltung Goblins und anderes Gesocks oder klettern und springen durch enge Felsspalten.

Dunkle Seelen in Hyrule

Die Kämpfe erinnern stark an Twilight Princess oder Wind Waker und ein kleines bisschen an Dark Souls. Sie werden durch variantenreiche Kriegswerkzeuge komplexer. So teilt Link nicht mehr nur mit dem Schwert aus, sondern kann auch eine Axt oder einen Speer verwenden, um Gegner zu piksen oder ihnen einen Seitenhieb zu versetzen. Wer im richtigen Moment ausweicht, darf darauf mit einem sogenannten Flurry Rush in Zeitlupe besonders effizient Schaden austeilen. Link findet seine Waffen und Schilde verstreut in der Welt oder nimmt sie Gegnern ab.

Alle Aktionen verbrauchen Ausdauer. Wie in Dark Souls kann Link also nicht unendlich lang mit voller Power um sich schlagen. Die Animationsketten unterscheiden sich ebenfalls, ähnlich wie in From Softwares Actionspielen.

Sobald sich der Held verletzt, gilt es, die Lebensenergie mit Nahrung wieder aufzufüllen. Link kann kochen oder Lebensmittel direkt verzehren. Ein Crafting-System mit Materialien wie Holz und Mineralien findet sich ebenfalls im Spiel.

Steine, Fässer und Pfeile reagieren deutlich realistischer aufeinander. Die Physikengine berechnet aber nicht alle Objekte. Feuer breitet sich nicht von alleine weiter aus. Breath of the Wild bietet neben den klassischen Physikrätseln der Serie eine Lautstärkeanzeige wie in Thief, und auch die Körpertemperatur des Helden wird angezeigt. So friert er ohne die richtige Kleidung, auf den schneebedeckten Gipfeln oder verbrennt, wenn er zu lange mit dem Feuer spielt.

Über die Spielwelt verteilt finden sich Schreine, die nicht mit den klassischen Dungeons in Verbindung stehen. Die Reihenfolge, in der Spieler diese angehen, ist völlig beliebig. Es kann allerdings vorkommen, dass man auf Gegner stößt, die deutlich stärker als Link und dann selbstverständlich schwer zu besiegen sind.

Technik, Verfügbarkeit und Vorschau-Fazit

Technisch dürfte Breath of the Wild einen Höhepunkt für die Wii U darstellen. Weitsicht und Stil sind auf eine simple und aufgeräumte Art beeindruckend. Die Auflösung, das plötzliche Auftauchen von mehr Details, Gräsern und auch die Bildrate überzeugen dagegen nicht vollends.

Wir haben aber den Eindruck, dass sich die Grafikengine wirklich sehr gut skalieren lässt. In der Programmierung lassen sich für die NX-Version unter Umständen die Details so aufdrehen, dass es weniger Ruckler, ein deutlich schärferes Bild und schneller ladende Details bei Objekten auf der NX geben könnte.

The Legend of Zelda: Breath of the Wild soll 2017 gleichzeitig für die Wii U und die bisher noch nicht näher definierte neue Konsole NX erscheinen.

Fazit

Nintendo wiederholt auf der einen Seite einen simplen Geniestreich: Wie einst 1986 wird der Spieler einfach in die Welt geworfen und muss auf eigene Faust die Welt erkunden. 30 Jahre später dürfen Spieler auf der anderen Seite nun auch deutlich mehr als nur herumlaufen, sich schlagen und Rubine finden. Breath of the Wild wirft etliche Serientraditionen über den Haufen und ersetzt sie gelungen mit etablierten Abläufen aus erfolgreichen Open-World-Spielen wie The Witcher, Skyrim, GTA oder Shadow of the Colossus. Die Einflussliste geht aber noch deutlich weiter - das fängt bei Thief an und hört nicht weit entfernt von Dark Souls auf.

Wer so ein beeindruckendes Spiel wie das neue Zelda zeigen kann, braucht vielleicht tatsächlich nicht so viele andere Titel und eine pompöse E3-Pressekonferenz wie Sony und Microsoft. Nintendos Präsentation hat bei uns einen erstklassigen Eindruck hinterlassen. Das Anspielen hat richtig viel Spaß gemacht. Am liebsten hätten wir noch viele weitere Stunden in dem "kleinen" Demo-Ausschnitt der Spielwelt herumgetollt, die Welt erforscht und Gegner vermöbelt. Eigentlich sind bereits jetzt nur noch zwei Fragen für uns offen: Wie wird das Spiel auf der NX aussehen und wie wird sich die komplexe Steuerung gestalten?  (mw)


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