Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mirror-s-edge-catalyst-im-test-rennen-fuer-die-freiheit-1606-121343.html    Veröffentlicht: 07.06.2016 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/121343

Mirror's Edge Catalyst im Test

Rennen für die Freiheit

Über die Dächer der futuristischen Stadt Glass laufen und springen und dabei die Welt retten: In Mirror's Edge Catalyst schlüpfen Spieler in die Rolle der jungen Faith, die sich gegen ein mächtiges Konglomerat auflehnt, das sie vor allem durch ihre Parcours-Künste besiegen muss.

Das erste Mirror's Edge von 2008 erhielt zwar durchweg gute Kritiken, blieb bei den Verkäufen aber hinter den Erwartungen zurück. Deshalb war es eine kleine Überraschung, als Electronic Arts im Jahr 2013 eine Fortsetzung ankündigte. Mirror's Edge Catalyst knüpft allerdings nicht direkt an den ersten Teil an, sondern will vor allem die Hintergrundgeschichte der Protagonistin Faith besser ins Licht rücken und mit größerer spielerischer Freiheit punkten.

Das Spiel beginnt mit Faiths Entlassung aus dem Jugendarrest. Die junge Frau gehorcht allerdings auch weiter nicht brav und unauffällig den repressiven Machthabern. Stattdessen schließt sie sich einer Gruppe von Runnern an, die es sich zum Ziel gesetzt haben, der Bevölkerung die Augen zu öffnen bezüglich der Machenschaften des sogenannten Konglomerats. Die Story wird in Zwischensequenzen erzählt, die sehr schön anzusehen sind. Sie lassen den Spieler allerdings inhaltlich kalt, da der Stoff sehr konstruiert wirkt und bis auf Faith alle Charaktere wie ihr Mentor Noah oder andere Runner wie Icarus blass bleiben.

Deutlich besser ist das Spielprinzip, das der Spieler zunächst im Tutorial erlernt. Prinzipiell geht es vor allem darum, in der weitläufigen Stadt so schnell wie möglich von A nach B zu gelangen. Dazu gilt es, Hindernisse zu überspringen, an Wänden entlangzulaufen, an Vorsprüngen zu hangeln und über Rohre zu balancieren. Gleichzeitig müssen Wachen entweder abgehängt oder ausgeschaltet werden - im Idealfall aus dem Lauf heraus, ohne Tempo zu verlieren. Sie können aus dem Sprung mit kleiner oder großer Attacke malträtiert sowie gegeneinander, in Hindernisse oder den Abgrund gestoßen werden.

Bis die Läufe geschmeidig und erfolgreich gelingen, ist einiges an Einarbeitungszeit und Übung nötig. Die Steuerung, wahlweise mit Pad oder Maus und Tastatur, verzeiht oft selbst kleine Fehler nicht: Wenn Faith zu früh oder zu spät springt, die Kurve an der Wand nicht kriegt oder sonst etwas falsch macht, landet sie in der Tiefe und stirbt. Für den Spieler bedeutet das, dass er wieder vom letzten Checkpoint aus beginnen muss - das ist auf Dauer ziemlich frustrierend.

Wer den Dreh raus hat, kann allerdings durch das Aneinanderreihen von Sprüngen sogar vorübergehend unverwundbar werden - wie schon im Erstling wird das Thema Parcours sehr stimmig dargestellt. Weniger gut gefallen uns die Kämpfe. Faith tritt - anders als in Teil 1 - ganz ohne Schusswaffen an. Ihre Angriffe wirken aber oft ungelenk, außerdem hat sie es immer wieder mit den gleichen Standardgegnern zu tun.

Freie Welt und Fazit

Faith ist in einer frei erkundbaren Stadt unterwegs: Auf einer Übersichtskarte lassen sich Missionen auswählen und markieren, eine rot eingefärbte Runner Vision gibt Orientierung, in welche Richtung gerannt werden muss. Auch wenn nicht der schnellste Weg angezeigt wird, ist diese Orientierungshilfe über den Dächern der Stadt hilfreich. Neben den Hauptmissionen warten auch zahlreiche Nebenaufträge darauf, absolviert zu werden. Da gilt es unter Zeitdruck und ohne Anhalten Kurierdienste zu leisten, Speicherchips einzusammeln und Kontaktpersonen zu treffen.

Zur Auflockerung stehen auch immer wieder sogenannte Dashes zur Auswahl. Das sind vorgegebene Laufstrecken, die in möglichst kurzer Zeit passiert werden sollen. Die eigene Zeit wird dabei online auf Anzeigetafeln geteilt - ein Anreiz, es immer wieder zu versuchen und so in der Rangliste aufzusteigen. Es lassen sich auch eigene Parcours-Kurse erstellen und online teilen. Einen wirklichen Onlinemodus hat das neue Mirror's Edge allerdings nicht.

Mit erfolgreichen Missionen verbessert Faith ihre Fähigkeiten: Ausrüstung, Kampf- und Laufeigenschaften können nach und nach aufgerüstet werden. Optisch ist der Titel gelungen - wenn auch nicht durchgängig. So schön es ist, über den Dächern der Hochhäuser die weite Stadt zu beobachten, so steril wirken manche der Innenareale, Dachszenerien und die immer gleichen Wachleute. Zudem kommt es am PC teils zu Framerate-Einbrüchen und einigen Rucklern, die aber per Patch behoben werden sollen.

Mirror's Edge Catalyst ist ab dem 9. Juni 2016 für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 verfügbar und kostet 50 (PC) beziehungsweise 60 Euro (Konsolen). Das Spiel hat eine USK-Freigabe ab 12 Jahren erhalten.

Fazit

Eine uninteressante Story und blasse Charaktere - die Entwickler von Dice wollten der Hintergrundgeschichte vom neuen Mirror's Edge mehr Leben einhauchen, waren dabei aber trotz ansehnlicher Videosequenzen kaum erfolgreich. Wer die Frage ignoriert, wieso mit Sprüngen über Dächern ein System gestürzt werden kann, bekommt trotzdem ein spannendes und vor allem ungewöhnliches Actionspiel mit guter Lernkurve geboten.

Bis die Läufe geschmeidig und erfolgreich gelingen, ist einige Einarbeitungszeit nötig. Die Steuerung ist feinfühlig und verzeiht oft selbst kleine Fehler nicht; wer beim Timing oder Absprungpunkt danebenliegt, bekommt allzu häufig die Ladesequenz zu sehen und muss die Mission neu starten. Wer aber erst mal den Dreh raus hat, kann unzählige Sprünge und schön anzusehende Aktionen aneinanderreihen und sich so förmlich in einen Rausch spielen. Das Thema Parcours ist komplex und schön umgesetzt.

Für die Kämpfe gilt das nicht: Zwar gefällt uns die Idee, dass die Protagonistin Faith komplett ohne Schusswaffen agiert und alle Attacken im Idealfall aus der Rennbewegung heraus vollführt. Trotzdem wirken die Gefechte ungelenk, die immer gleichen Kontrahenten überzeugen zudem nicht durch Intelligenz.

Das Spielgefühl ist aber trotz der nicht ganz gelungenen Kämpfe großartig. Auf längere Sicht ist das Ganze allerdings nicht abwechslungsreich genug, um die Motivationskurve dauerhaft aufrechtzuerhalten - da helfen auch die vielen Upgrades für Faith nichts.  (tw)


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