Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dells-xps-13-mit-ubuntu-im-test-endlich-ein-top-notebook-mit-linux-1606-120971.html    Veröffentlicht: 01.06.2016 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/120971

Dells XPS 13 mit Ubuntu im Test

Endlich ein Top-Notebook mit Linux!

Das Touchpad klappert, aber die Ubuntu-Installation hält. Das XPS 13 in der Developer Edition macht durchaus Freude - auch in 4K. Schade nur, dass das Display auch als Spiegel funktioniert.

Das fast perfekte Ultrabook gibt es jetzt mit vorinstalliertem Ubuntu: das XPS 13 in der 2015er Variante mit aktuellem Skylake-Prozessor. Dell gehört damit neben Tuxedo zu den wenigen Herstellern, die ihre Geräte standardmäßig auch mit Linux anbieten. Wir haben die Kombination getestet und festgestellt: Sie funktioniert besser als beim Vorgänger.
Bereits auf dem XPS 13 von 2014 lief Linux. Wir installierten es zunächst auf dem Windows-Modell, doch die Tonausgabe funktionierte erst, nachdem wir den damals aktuellen Kernel nachinstalliert hatten. Es folgte eine Entwicklerversion mit vorinstalliertem Ubuntu, die aber wieder eingestellt wurde. Unser aktueller Testkandidat kommt nun mit einem vorinstallierten Ubuntu mit Dells Anpassungen - und läuft damit ohne größere Macken. Auch ein frisches Upstream-Ubuntu funktioniert. Nur die Hardware macht erstaunlicherweise ein paar Probleme.

Bei dem uns von Dell zur Verfügung gestellten Testmuster handelt es sich um die hochwertigste verfügbare Ausstattung: einen Skylake Core i7 6560U, ein glänzendes 4K-Display, 16 GByte RAM und eine 512-GByte-M2-SSD. Äußerlich gleicht das Gerät der Windows-Variante und auch im Innenleben verändert sich nicht allzu viel. Nur beim WLAN-Chip setzt Dell auf ein Modell von Intel statt des standardmäßig verwendeten Broadcom-Chips. Der Intel-Chip hat eine bessere Treiberunterstützung als das Broadcom-Modell und dürfte daher unter Linux eine bessere Performance bieten.

Ärgerlicher Verarbeitungsfehler

Was uns schon nach wenigen Minuten merklich stört, ist ein Verarbeitungsfehler, den wir von einem so hochpreisigen Gerät eigentlich nicht erwartet hätten. Das Touchpad klappert merklich, es hat Spiel. Das ist nicht extrem, mindert die Freude an der Bedienung aber merklich. Wir sind offenbar nicht die einzigen, denen es so geht: Gibt man bei Google "XPS 13 Touchpad" ein, wird sofort "klappert" als Vorschlag eingeblendet. Ein in der Redaktion verwendetes XPS 13 der Vorgängergeneration zeigt dieses Problem nicht.

Auch das spiegelnde Display stört uns selbst im normalen Büroalltag. Auch ohne direkte Sonneneinstrahlung und mit geringem Umgebungslicht treten starke Reflexionen auf. Wir können uns quasi bei der Arbeit selbst beobachten, besonders bei weißen Hintergründen. Sobald nur etwas Licht aus dem Hintergrund kommt, ist das Display bei weniger als der maximalen Helligkeit nur schwer abzulesen. Dieser Kritikpunkt ist aber natürlich nicht der Linux-Version anzukreiden.

Das Gerät kommt mit der alten LTS-Version

Auf dem Testsystem ist Ubuntu in der Version 14.04 (LTS) vorinstalliert - genauso war es auch schon bei der ersten Developer-Edition des Vorgängermodells. Dell-Entwickler Barton George, zuständig für das interne Linux-Projekt "Sputnik" empfiehlt Nutzern in seinem Blog, selbständig das Upgrade auf Version 16.04 vorzunehmen. Grund für die Verzögerung sei lediglich, dass es noch keine Factory-Images der neuen Version gebe.

Alles funktioniert nach dem ersten Start

Nach dem Systemstart funktionieren alle Komponenten des Gerätes. Auch die Tonausgabe, die auf dem alten Gerät unter Linux noch Probleme machte, läuft. Etwas verwirrend: Unser Testsystem hat zwar ein britisches Tastaturlayout, vom System voreingestellt ist aber ein US-Layout. Einige Tasten arbeiten also zunächst nicht wie gewohnt. Die "Windows-Taste" funktioniert nicht, mit ihr kann also nicht, wie in Ubuntu üblich, das Dash geöffnet werden. Auch der verbaute Touchscreen wird tadellos unterstützt, über den Sinn von Touchscreens in Notebooks mit normalem Formfaktor kann aber unserer Meinung nach weiterhin trefflich gestritten werden.

Dell hat für das XPS 13 vor allem die verwendeten Treiber optimiert, außerdem gibt es Einstellungen, die die Akkulaufzeit verbessern sollen. Im Vergleich mit einem frisch aufgesetzten Ubuntu-Linux ohne Dell-Erweiterungen war der Verbrauch etwas geringer, jedoch nur im Bereich von einem bis zwei Watt. Die Akkulaufzeiten dürften also länger sein, der Unterschied ist aber nicht dramatisch.

Diese Änderungen werden langfristig auch in den Upstream-Kernel eingepflegt, so dass Käufer der Windows-Version ebenfalls in den Genuss einer besseren Linux-Unterstützung kommen, etwa wenn sie später wechseln oder ein Dual-Boot-System aufsetzen. Auch Nutzer anderer Linux-Distributionen können von Dells Arbeit profitieren, wenn die Treiberunterstützung für häufig verwendete Komponenten verbessert wird.

Ein Blick in den Treiber-Tab der Systemeinstellung zeigt, dass spezielle Treiber für das Synaptic-Touchpad, Bluetooth, WLAN, ein Realtek PCI-Express-Device und Intels HD-Audio vorhanden sind. Alle Treiber sind quelloffen, lediglich für den Prozessor können proprietäre Erweiterungen aktiviert werden, was aber standardmäßig abgeschaltet ist. Über die Erweiterungen kann Intel Microcode nachladen, um Fehlverhalten im Prozessor zu korrigieren - das kann jedoch auch über ein Bios-Update geschehen. Ist die Option abgeschaltet, bringt das aber keine sichtbaren Probleme mit sich.

4K-Videos laufen nur nach Systemupdate

Nachdem wir festgestellt haben, dass das Gerät alle Grundfunktionen erfolgreich erfüllt, wollen wir schauen, wie Linux mit dem 4K-Display zurechtkommt. Dazu heißt es aber erstmal: Systemupdate. Denn mit dem vorinstallierten 14.04 funktioniert das Abspielen von 4K-Inhalten nicht ruckelfrei - die Treiber sind zu alt. Auch mit allen verfügbaren Updates für die zwei Jahre alte Distribution gibt es keine Chance. Also nehmen wir mit den Bordmitteln die Aktualisierung auf die jüngst erschienene Version 16.04 vor. Jetzt können wir ein 4K-Video mit aktivierter Hardwarebeschleunigung ohne Probleme abspielen.

Ein Blick in Powertop zeigt, dass die CPU-Kerne auch nach rund 15 Minuten 4K-Video mit 800 MHz auf der niedrigsten Stufe takten und nicht voll ausgelastet sind. Die Grafikeinheit des Core i7, die Iris-Pro-Variante, hingegen schuftet am Anschlag. Das System verbraucht in diesem Zustand, mit maximaler Bildschirmhelligkeit, rund 20 Watt - für die verbaute Hardware und den hochauflösenden Bildschirm geht der Wert in Ordnung.

Laut Bios wird die maximale Bildschirmhelligkeit im Akkubetrieb zwar nominell heruntergeregelt, doch einen Unterschied zum Netzbetrieb können wir nicht messen. Die Ausleuchtung liegt an verschiedenen Punkten des Displays zwischen 270 und 315 Candela pro Quadratmeter. Mit voller Helligkeit hält das System beim Abspielen eines 4K-Videos in Dauerschleife rund 2 Stunden und 40 Minuten durch, bevor es sich selbst herunterfährt.

Das Upgrade bringt interessante Erkenntnisse

Nach dem Upgrade können wir nicht nur 4K-Videos anschauen, sondern erfahren auch, dass Dell offenbar tiefer ins System eingegriffen hat als gedacht. In den Ubuntu-Systemeinstellungen wird auch nach der Aktualisierung nach wie vor "Ubuntu 14.04 LTS" ausgewiesen, außerdem ist das Dell-Logo weiterhin präsent. Ein Check mit Uname-r zeigt aber, dass die richtige Kernel-Version verwendet wird. Auch über die Kommandozeile gibt die Distribution sich richtigerweise als Ubuntu 16.04 LTS aus.

Touchpad-Treiber macht nach Update Probleme

Auch nach dem Systemupdate besteht ein Fehler fort, der schon in Version 14.04 Probleme machte. Denn das Touchpad lässt sich zwar nutzen, doch offenbar hat der Treiber Probleme. In regelmäßigen Abständen bekommen wir vom System daher eine Fehlermeldung, die uns daran erinnert.

Der Touchpad-Treiber benötigt zum Kompilieren den Support für Dynamische Kernel Module (DKMS), das funktioniert aber nicht. Auf Basis des vorinstallierten Kernels 3.19.0.59 gibt das System die Fehlermeldung Build_Exclusive aus und beendet den Vorgang. Der Fehler ist zwar etwas nervig, die Nutzbarkeit des Systems wird dadurch aber nicht beeinträchtigt.

Ubuntu startet auch vom USB-Stick problemlos

Dass Dells vorinstalliertes System ohne gravierende Probleme läuft, ist nicht besonders erstaunlich - schließlich würde das Unternehmen ein kaputtes System kaum ausliefern. Wir haben daher versucht, Ubuntu vom USB-Stick und als Neuinstallation zu starten.

Starten wir ein neues Ubuntu-Image der Version 16.04 ohne Dells Anpassungen vom USB-Stick, funktionieren alle Komponenten ohne weitere Einstellung. Hier funktioniert auch der Zugriff auf das Dash mit Hilfe der Windows- oder Super-Taste. Auch ein 4K-Video können wir im Browser über Youtube anschauen, nur ab und zu fallen uns kleine Ruckler auf. Hier muss die CPU jedoch mit voller Leistung arbeiten, die Hardwarebeschleunigung der GPU wird vom Browser nicht unterstützt.

Auch eine Installation eines frischen Ubuntu-Images läuft ohne Probleme. Alle Geräte werden erkannt, Fehlermeldungen bekommen wir keine. Lediglich der Shortcut, um das WLAN an- und auszuschalten ist nicht aktiviert. Wer diese Funktion nutzen will, muss den Kernel manuell auf Version 4.6 aktualisieren, dann funktioniert die Einstellung via Tastendruck aber ohne weitere Anpassungen.

Der Stromverbrauch scheint in vergleichbaren Szenarien etwas höher zu sein, beim Abspielen eines 4K-Videos wird der aktuelle Verbrauch mit 24 Watt angegeben. Bei einem gemischten Nutzungsszenario sollten die meisten Nutzer etwa 4 Stunden mit dem Akku auskommen.

Ubuntu funktioniert auch Out-of-the-Box

Installiert man Ubuntu von einem Standard-Image, ist zunächst keiner der von Dell angepassten Treiber vorhanden. Letztlich ist das aber nicht problematisch, weil alle Komponenten "out-of-the-box", also ohne Konfigurationen durch den Nutzer, funktionieren. Eine Anpassung, die Dell vorgenommen hat, dürfte aber für die meisten Nutzer unumgänglich sein: die Skalierung der Symbolleisten und Schriftgrößen. Denn beim Systemstart sind die Einträge so klein, dass wohl nur die wenigsten Nutzer diese komfortabel lesen können.

Auch das UEFI können wir ohne Probleme aktualisieren. Dazu laden wir einfach die entsprechende .exe-Datei von Dells Webseite herunter und kopieren diese mit cp nach /boot/efi/. Nach einem Neustart des Rechners kann dann mit Druck auf F12 Dells Flash-Utility ausgewählt und das Update eingespielt werden.

Wir stellen also fest: Das XPS 13 läuft sowohl mit dem vorinstallierten Ubuntu als auch mit Upstream-Ubuntu gut. Und das Gerät an sich hat uns schon in der Windows-Version begeistert. Jetzt stört uns eigentlich nur noch eins: das spiegelnde 4K-Display. Wir wissen, dass die Konfigurationsmöglichkeiten bei Dell beschränkt sind. Aber wir wollen trotzdem versuchen, unser Traum-Ultrabook zu bekommen. Für Geschäftskunden soll das kein Problem sein, wie uns eine PR-Agentur von Dell mitteilte. Doch funktioniert das auch für Privatkunden?

Wir wollen unsere Traumkombination - und bekommen sie nicht

Was wir gerne hätten: einen Core i7 6560U, 16 GByte RAM und die 512 GByte große M2-SSD mit mattem 1080p-Display. Anruf bei der Dell-Hotline. Wir wollen herausfinden, ob wir den Support überreden können, uns ein XPS 13 in unserer Wunschkonfiguration zusammenzustellen. Und wir wollen dafür einen Preis wissen.

Wir navigieren uns durch das übliche Hotline-Chaos und geben uns über die Nummernauswahl als potenzieller Privatkunde aus. Als wir uns endlich am Ziel wähnen, ertönt nur eine automatische Ansage: "Um eine weitere Bestellung zu tätigen, besuchen Sie bitte unsere Webseite Dell.de. Vielen Dank. Auf Wiederhören." Hier werden wir also schon einmal nicht fündig.

Auch über den Chat haben wir kein Glück. Ein Mitarbeiter beantwortet unsere Anfrage nach unserer Wunschkonfiguration wie folgt: "Diese Konfiguration ist bei uns nicht möglich. XPS Konfigurationen sind FEST. Sie können nur das kaufen, was online aufgelistet ist." Entwickler, die ein mattes Display bevorzugen, können daher maximal mit der Rechenkraft eines Core i5 kalkulieren - schade.

Verfügbarkeit und Fazit

Der Onlinepreis für die von uns getestete Variante des XPS 13 mit Skylake Core i7 6560U, glänzendem 4K-Display, 16 GByte RAM und einer 512-GByte-M2-SSD beträgt rund 1.620 Euro. Wer, wie wir, matte Displays bevorzugt, kann diese Ausstattung als Privatnutzer nicht ohne weiteres bekommen - das matte 1080p-Display gibt es nur in Verbindung mit einem Core i5 und, vielleicht noch ärgerlicher, maximal 8 GByte RAM. Diese Einsteiger-Variante mit Core i5 gibt es bereits ab 1.119 Euro.

Fazit

Das XPS 13 ist ein tolles Notebook - mit und ohne Linux. Die Umsetzung auf Ubuntu-Basis ist solide gemacht, dürfte aber nicht allen Linux-Fans gefallen - Ubuntu und speziell die Unity-Oberfläche sind eben nicht jedermanns Sache. Im Test machten nur die Touchpad-Treiber in der vorinstallierten Variante Probleme. Wer ein aktuelles Ubuntu selbst installiert, muss lediglich den aktuellen Kernel installieren, und kann dann auch die Tastatur-Shortcuts etwa für das WLAN nutzen. Nerviges Gefrickel an den Treibern ist also nicht notwendig.

Linux-typisch liegt die Akkulaufzeit deutlich unter der Windows-Variante, ist aber für Ubuntu-Verhältnisse in Ordnung. Viele Alternativen mit vorinstalliertem Linux gibt es aber ohnehin nicht.
Das Infinitybook des deutschen Herstellers Tuxedo etwa ist deutlich schwerer und weniger schick. Seine Hardwareausstattung kann aber mit dem XPS 13 mithalten, wird ebenfalls mit vorinstalliertem Linux ausgeliefert und läuft mit aktuellem Kernel wunderbar. Nutzer bekommen den Skylake i7-6500U Prozessor. Der Preis beginnt bei 899 Euro. Mit 1,4 kg ist das Gewicht deutlich höher als beim XPS 13, aber noch in einem akzeptablen Rahmen.

Ärgerlich finden wir, dass die potentere Variante mit i7-Prozessor und 16 GByte RAM exklusiv mit dem spiegelnden 4K-Display angeboten wird. Gerade Entwickler dürften Bedarf nach einem alltagstauglichen Display mit gleichzeitig schneller Hardware haben. Vielleicht lässt Dell ja an dieser Stelle noch mit sich reden.  (hg)


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