Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/unethische-forschung-wissenschaftler-veroeffentlichen-70-000-okcupid-profile-1605-120916.html    Veröffentlicht: 15.05.2016 13:35    Kurz-URL: https://glm.io/120916

Unethische Forschung

Wissenschaftler veröffentlichen 70.000 OKCupid-Profile

Wissenschaftler aus Dänemark haben Profile von rund 70.000 OKCupid-Nutzern analysiert und veröffentlicht. Den beteiligten Herren ist ein Ethik-Seminar dringend zu empfehlen.

Wissenschaftler der Universität Aarhus in Dänemark haben sich mit der Veröffentlichung von 70.000 Datensätzen von Nutzern der Datingplattform OKCupid viel Kritik ausgesetzt. Zur Aggregation der Daten wurden diese per Screen-Scraping von der Seite heruntergeladen und später in die Open-Science-Datenbank gestellt. Die Wissenschaftler, die offenbar nicht im Auftrag der Universität handelten, versprechen sich von der Auswertung der detaillierten Fragen neue Erkenntnisse.

Wer ein vollständiges Profil bei OKCupid anlegen will, muss mehrere hundert Fragen beantworten. Diese Fragen betreffen extrem intime Bereich des Lebens wie sexuelle Vorlieben, politische Einstellungen oder Angaben zur Treue zum Partner. Die Datensätze wurden vor der Veröffentlichung um Klarnamen und Profilbilder bereinigt. Das reicht aber nicht aus, um eine tatsächliche Anonymisierung herzustellen. Allein die Nutzernamen können, wenn sie mehrfach verwendet wurden, zu einer Identifizierung führen. Aber auch sekundäre Erkenntnisse aus den Fragebögen können zur Identifizierung beitragen.

Keine Erlaubnis eingeholt

Die Forscher haben keine Erlaubnis für das Sammeln der Daten eingeholt. Weder der Plattformbetreiber noch die Nutzer wurden nach ihrem Einverständnis gefragt. Forscher Emil Kirkegaard ist sich der Tragweite der von ihm angestoßenen Veröffentlichungen offenbar nicht bewusst. Auf Twitter kommentierte er die Frage, ob OKCupid gefragt wurde, salopp mit: "Weiß ich nicht. Nicht gefragt :)" Die Daten seien ja auf der Seite ohnehin öffentlich zugänglich.

Auch wenn es richtig ist, dass die Daten von angemeldeten Nutzern mit einfachen Mitteln abgefragt werden können, werden die Informationen hier in einem vollkommen anderen Kontext aufbereitet und zusammengeführt. Datenschutz muss immer auch den Kontext einer Veröffentlichung in den Blick nehmen, um ihre Auswirkungen absehen zu können. Das haben Kirkegaard und seine Mitstreiter ganz offensichtlich nicht getan.

OKCupid erwägt rechtliche Schritte

OKCupid kritisiert die Veröffentlichungen daher auch. In einem Statement auf der Seite Vox.com sagte ein Vertreter: "Das ist ein klarer Verstoß gegen unsere Nutzungsbedingungen - und gegen den Computer Fraud and Abuse Act - wir denken über rechtliche Schritte nach."

Immer wieder sorgen Forschungsprojekte auf sozialen Netzwerken und Online-Plattformen für solche oder ähnliche Diskussionen. Auch auf Facebook wurden schon Studien mit Nutzern durchgeführt, ohne dass diese zuvor darüber informiert wurden. Auch Dating-Seiten wurden schon auf ähnliche Weise abgefragt. Ein Projekt wollte auf das freiwillige Teilen privater Daten aufmerksam machen und veröffentlichte dazu ein Tinder-Suchtool. Komischerweise kostete jede Abfrage Geld - der gute Zweck darf also bezweifelt werden.  (hg)


Verwandte Artikel:
Speicherleck: Cloudflare verteilt private Daten übers Internet   
(24.02.2017, https://glm.io/126366 )
Stiftung Warentest: Zu wenig Datenschutz in Dating-Apps   
(21.02.2018, https://glm.io/132890 )
E-Privacy-Verordnung: Verleger und Startups wollen mehr Daten verarbeiten dürfen   
(07.03.2018, https://glm.io/133201 )
Jetzt ist es offiziell: Windows 2000 doch fertig   
(15.12.1999, https://glm.io/5550 )
Hyperschallgeschwindigkeit: Projektil schießt sich durch den Boden   
(09.03.2018, https://glm.io/133257 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/