Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/traceroute-wann-ist-ein-nerd-ein-nerd-1605-120903.html    Veröffentlicht: 13.05.2016 15:28    Kurz-URL: https://glm.io/120903

Traceroute

Wann ist ein Nerd ein Nerd?

Der Dokumentarfilm Traceroute, der heute in Deutschland anläuft, ist mehr als eine Geek-Pilgerreise durch die USA. Regisseur Johannes Grenzfurthner zeichnet ein Nerd-Selbstporträt ohne Scheu, die Hosen herunterzulassen.

Wer im Mietwagen eine Urlaubsreise von der Westküste bis zur Ostküste der USA unternimmt, peilt in der Regel die bekanntesten Großstädte als Zwischenstationen an. Ein kurzer Stopp am Sperrbereich der sagenumwobenen Area 51 ist noch das Verrückteste, was sich Touristen auf der Straßenkarte ankreuzen. Aber die Produktionsfirma von Alien-Sexspielzeug? Menschen besuchen, die Käse aus dem Schweiß fremder Leute herstellen? Die Gräber von H. P. Lovecraft und des ersten Affen im Weltall abklappern?

Der österreichische Künstler und Regisseur Johannes Grenzfurthner hat, das können wir anhand seines Reiseweges im Dokumentarfilm Traceroute nachverfolgen, eine Vorliebe für außergewöhnliche Hobbys. Mit seinen zwei Begleitern, die allenfalls als Filmcrew in Erscheinung treten, interviewt er Nerds verschiedenster Themengebiete, besucht reale Drehorte von Kultfilmen wie Night of the Living Dead. Der Film zeigt auf höchst sympathische Weise einen Mann, der selbst längst ein Nerd war, bevor dieser Begriff cool wurde. Und der heute über seinen Pixel-Erotik-Fetisch berichten kann, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Wie schmecken Requisiten?

Immer so nah wie möglich möchte Grenzfurthner, der manch einem bereits als Mitgründer des Kollektivs Monochrom bekannt sein dürfte, den Dingen kommen. Er nimmt etwa Originalrequisiten des legendären Monsterdesigners Stan Winston in den Mund. Ganz genau, er nimmt sie tatsächlich in den Mund, ehe er Winstons Sohn, zu dessen Entsetzen, auch noch abschleckt. In solchen Momenten erinnert Grenzfurthner sogar etwas an den Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der im Museum am liebsten jedes Gemälde angefasst und mal daran gerochen hätte.

Und wie das 2010 verstorbene Enfant terrible der deutschen Film- und Theaterwelt versteht es Grenzfurthner, sich zum Zentrum seines Werks zu machen, ohne jene Seiten an sich selbst auszusparen, die Menschen für gewöhnlich peinlich sind. Dazu gehört eben auch, dass er regelrecht zwanghaft mit allem auf Tuchfühlung gehen möchte, was ihn fasziniert. Vollbad in einem großen Haufen Tentakeldildos inklusive. Selbst die Nerds um ihn herum finden das zuweilen etwas zu nerdig, für den Zuschauer ist es umso amüsanter.

Immer wieder Überraschungen

Wie der gleichnamige Kommandozeilenbefehl, mit dem die Stationen von Datenpaketen im IP-Netzwerk bis zu ihrem Ziel sichtbar gemacht werden, zeigt auch der Film Traceroute keine ganz akkurate Darstellung der betrachteten Route. Per Nachbearbeitung eingefügte Glitches lassen mal das Interviewbild auf dem Kopf stehen, brechen ein andermal Gespräche abrupt ab oder lassen eine Sexexpertin nur in Form einer Stoffpuppe zu Wort kommen. Denn das reale Videobild sei, so behauptet es der Film, einer defekten Speicherkarte zum Opfer gefallen.

Ein andermal wurde eine Gopro-Actionkamera im Auto des Interviewpartners vergessen, ihre Weiterfahrt im Zeitraffer einfach trotzdem gezeigt. Derlei Kniffe halten Traceroute, trotz seiner etwas zu langen Laufzeit von knapp über zwei Stunden, mit ständigen Überraschungsmomenten interessant.

Kinderfotos mit Raumschiffmodellen

Obgleich der Film oberflächlich ein Roadmovie quer durch die Staaten ist, beginnt Traceroute weder im Auto noch in den USA. Der Film nimmt sich viel Zeit, das bisherige Leben Grenzfurthners von der Jugend in Österreich an nachzuerzählen. Ausgeblichene Kinderfotos mit Raumschiffmodellen und selbstgedrehte Agentenfilme mit Spielzeugpistolen zeigen das Heranwachsen eines waschechten Nerds in Zeiten, in denen der Begriff noch längst nicht im Mainstream angekommen war - und schon gar nicht als cool galt. Heutzutage erzielen Comicverfilmungen am Fließband Rekordergebnisse im Kino. The Big Bang Theory, deren Hauptfiguren die typischen Nerd-Stereotypen des Mainstreams verkörpern, gehört zu den erfolgreichsten Fernsehserien der Welt. Das Wort Nerd ist zu einem Modebegriff geworden, mit dem sich gerne schmückt, wer auch nur halbwegs ein Interesse für Popkultur hat.

Was ist überhaupt ein Nerd?

Dass Nerds eigentlich mal Ausgegrenzte waren, im eigentlichen Sinne von anderen belächelte Freaks, die sich für unterschiedlichste Nischenthemen auch jenseits von Film- und Comics begeistern, als gäbe es nichts anderes auf der Welt - kaum ein Genrefilm der vergangenen Jahre ruft dies so ehrlich und facettenreich in Erinnerung wie Traceroute.

Was ist überhaupt ein sogenannter Nerd in seiner ursprünglichen Definition und warum ist es gar nicht möglich, unter diesem Begriff nur eine Handvoll Stereotypen zusammenzufassen? Das sind die inneren Fragen, mit denen sich Traceroute als ganze Reise betrachtet auseinandersetzt. Dass viele Interviewpartner und all die kurz angeschnittenen Subthemen dabei inhaltlich etwas auf der Strecke bleiben, ist gar nicht schlimm.

All das ist auflockerndes Beiwerk für ein sympathisch ehrliches Selbstporträt des Ur-Nerds Johannes Grenzfurthner. Vor dem Hintergrund wundert es auch nicht, dass Traceroute von politischen Ansichten und Lebensphilosophien seines Hauptakteurs genauso durchzogen ist wie von seinen Marotten - wie dem Pixel-Erotik-Fetisch. Schon in einer frühen Szene sehen wir ihn mit heruntergelassener Hose auf der Toilette sitzen. Ein symbolisches Versprechen, das er mit Traceroute in Bezug auf sich selbst, aber auch im Sinne der Nerd-Kultur definitiv hält.

Der Film läuft am 13. Mai 2016 in Deutschland an.  (dp)


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