Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/aquaris-m10-ubuntu-edition-im-test-ubuntu-versaut-noch-jedes-tablet-1605-120781.html    Veröffentlicht: 10.05.2016 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/120781

Aquaris M10 Ubuntu Edition im Test

Ubuntu versaut noch jedes Tablet

Ein Tablet, das mit einer Tastatur und einer Maus zu einem vollwertigen Ubuntu-PC wird - eigentlich eine tolle Idee. Doch der Hersteller BQ hat sich mit der Zusammenarbeit mit Canonical keinen Gefallen getan, wie der Test zeigt.

BQs Tablet Aquaris M10 soll dank Ubuntu und der dazugehörigen Convergence-Funktion Nutzern ermöglichen, ihr Gerät mit Hilfe einer Maus, einer Tastatur und optional einem externen Monitor als vollwertigen Ubuntu-PC zu nutzen. Soll. Eigentlich. Dass es bei der Umsetzung noch einige Macken gibt, konnten wir bereits beim ersten Hands on des BQ Aquaris M10 Ubuntu Edition auf dem MWC 2016 erkennen: Es ruckelte an allerlei Stellen.

Umso gespannter waren wir auf das uns jetzt zugeschickte Testgerät - hofften wir doch, dass sich Canonical das Tablet noch einmal vorgenommen und die Software verbessert hat. Auch waren wir gespannt, was mit dem jüngsten Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen BQs und Canonical auf Kommandozeilenebene möglich ist.

Nach zweiwöchigem Test müssen wir allerdings feststellen, dass die Ubuntu-Version von BQs Tablet eines der unausgegorensten, ruckeligsten und von der Software her am schlampigsten programmierten Geräte auf dem Markt ist. Dabei scheint der Schuldige weniger der Hersteller der Hardware BQ zu sein als Canonical - das es immer noch nicht geschafft hat, aus Ubuntu für mobile Geräte ein sinnvoll einsetzbares Betriebssystem zu machen. Ruckelnde Oberfläche und schleppende Reaktionen

Das Display des Aquaris M10 Ubuntu Edition ist 10,1 Zoll groß, wahlweise in 720p oder 1080p, der Arbeitsspeicher ist 2 GByte groß, der Flash-Speicher 16 GByte. Im Inneren arbeitet ein Quad-Core-Prozessor von Mediatek mit einer Taktrate von bis zu 1,5 GHz (1080p-Version). Zum Lesen, Surfen oder auch zum Schreiben von Texten mit einer angeschlossenen Bluetooth-Tastatur sollte das ausreichen - tut es aber nicht.

Bereits beim Einrichten des Tablets fallen uns die schlechte Reaktion des Systems und die ruckelnde Benutzeroberfläche auf. Die Grundbedienung von Ubuntu für Tablets finden wir hingegen immer noch toll: Ein Wisch von links ins Display öffnet eine Leiste mit favorisierten Apps, ein kurzer Wisch von rechts wechselt zwischen den beiden zuletzt genutzten Anwendungen. Ein langer Wisch von rechts öffnet die Übersicht über die zuletzt geöffneten Apps. Die Scopes sammeln thematisch Inhalte, was sowohl Apps als auch Webinhalte einschließt. So weit, so gut.

Das Tablet ruckelt und reagiert schlecht

Im Alltag macht das Arbeiten aber auch auf dem Aquaris M10 keinen Spaß - wie es auch bereits auf BQs Smartphone Aquaris E4.5 und Meizus MX4 keinen Spaß gemacht hat. Zu oft müssen wir auch auf dem Aquaris-Tablet Wischgesten wiederholen, etwa, wenn wir in den Scopes blättern oder ein Scope-Menü am unteren Rand des Displays öffnen wollen. Videos werden stellenweise nur mit Rucklern abgespielt, insgesamt wirkt auch das Aquaris M10 mit Ubuntu viel zu träge.


Das Umschalten auf den Desktop-Modus erfolgt automatisch, wenn der Nutzer eine Bluetooth-Maus anschließt. Wird nur eine Tastatur angeschlossen, muss ihn der Nutzer manuell aktivieren. Mit einer unserer Testtastaturen gab es Probleme beim Verbinden, bei einer anderen Tastatur von Rapoo funktionierten das Koppeln hingegen problemlos - hier sollten Nutzer notfalls mehrere Tastaturen ausprobieren.

Mit unserem Testgerät gelang es uns hingegen nie, ein Bild vom Tablet auf einen externen Monitor zu bekommen. Wir haben mehrere Adapter, Kabel und Monitore verwendet, der eingebaute Micro-HDMI-Ausgang lieferte uns aber zu keiner Zeit ein Bild. In den Systemeinstellungen gibt es zudem keine Option dafür, ein zweites Display einzurichten. So konnten wir das Tablet nur als kleines Netbook verwenden. Ein Gerät unter diesen Umständen dennoch mit dem Anschluss anzubieten, ist geradezu irreführend.

Wehe dem, der ein @ benötigt

Ist der Desktop-Modus inklusive Maus und Tastatur schließlich gestartet, lässt sich das 10-Zoll-Tablet tatsächlich wie ein kleines Notebook bedienen. Auf dem Tablet vorinstalliert sind neben Mobil-Apps unter anderem die Desktop-Programme Libreoffice und XChat. Die Akkulaufzeit sinkt im Dauermodus von durchschnittlich einem Tag auf ungefähr vier Stunden.

Uns fällt bei der Verwendung des Desktop-Modus auf, dass die Mausgeschwindigkeit auch in der höchsten Einstellung immer noch zu gering ist und eine Latenz hat, die uns stört. Ein weiteres Problem betrifft die Tastatur: Uns ist es mit keiner unserer QWERTZ-Tastaturen gelungen, dem Tablet ein @ zu entlocken, wenn die Tastaturbelegung auf Deutsch eingestellt ist.

Das Tablet-Ubuntu mag kein Alt Gr

Das liegt offenbar an der Alt-Gr-Taste, da sämtliche Tastenkombinationen damit nicht erkannt werden. Das ist ein Problem, da dadurch neben der @-Taste auch keine eckigen Klammern und alle anderen Sonderzeichen, die über Alt Gr aufgerufen werden, verwendet werden können. Umgehen konnten wir dieses Problem nur teilweise, indem wir beispielsweise eine englische Tastaturbelegung wählen; dann liegt das @ als Sonderzeichen auf der 2 und lässt sich zusammen mit Shift aufrufen. Alltagstauglich ist das für viele Nutzer, die an das QWERTZ-Layout gewohnt sind, natürlich keinesfalls und schmälert die Convergence-Erfahrung im Alltag erheblich.

Bekannte und eigentlich lösbare Probleme

Dass ein externer Monitor nicht einfach erkannt und genutzt werden kann und verschiedene Tastaturlayouts nicht unterstützt werden, liegt sehr wahrscheinlich am Aufbau des Ubuntu-Systems, der von vornherein mit einigen Problemen ausgestattet ist, die Canonical noch lösen müsste. Das ist beim M10 augenscheinlich jedoch nicht geschehen.


Als Grundlage für das Ubuntu-Touch auf dem Gerät dient nach wie vor ein sehr minimalistisches Android-System, das letztlich nur durch einige Hacks wie Anpassungen an die Binoic-C-Bibliothek und der von Jolla initiierten Libhybris genutzt werden kann, um überhaupt ein Bild anzuzeigen und Eingaben zu verarbeiten.

Zusätzlich dazu entwickelt Canonical für die in Ubuntu Touch verwendete konvergente Oberfläche Unity 8 auch den Displayserver Mir. Letzterer dient als moderner Ersatz für das veraltete X11-Fenstersystem und ist Canonicals Alternative zu dem Display-Server-Protokoll Wayland, das für andere freie Oberflächen wie Gnome oder KDE Plasma verwendet wird. Ebenso wie Unity 8 nutzt auch KDE Plasma das Framework Qt5 sowie QML und soll ebenfalls eine konvergente Oberfläche bieten.

Mir dürfte ähnliche Probleme haben wie Wayland

KDE-Entwickler Sebastian Kügler berichtete im vergangenen Herbst von den vielen Schwierigkeiten und technischen Hürden bei der Umsetzung einer Bildschirmverwaltung insbesondere für mehrere Anzeigen unter Wayland. Für KDE Plasma wird dies schrittweise implementiert und ist teilweise schon fertig. Auch die Eingabe war unter Wayland in KDE Plasma zunächst auf das US-Tastaturlayout beschränkt, was der zuständige Entwickler Martin Gräßlin inzwischen aber weitgehend gelöst hat.

Wegen der öffentlichen Äußerungen des KDE-Teams und der vergleichbaren Architektur ist davon auszugehen, dass Canonical für Unity 8 vor ganz ähnlichen Herausforderungen steht. Es liegt also nahe, dass fehlende technische Voraussetzungen der eigentliche Grund dafür sind, dass weder ein externer Monitor noch ein deutsches Tastaturlayout genutzt werden können.

Unity 8 bleibt vorerst Wunschdenken

Dass das stark unterbesetzte KDE-Team diese Probleme aber offenbar schneller und besser löst als das Unternehmen Canonical, spricht nicht für die Qualität von Ubuntu Touch und schon gar nicht für die Ressourcen, die Canonical in Unity 8 investiert. Die immer wieder verschobene Verwendung von Unity 8 als Standarddesktop in Ubuntu erscheint so auch mittelfristig eher unwahrscheinlich.

Altes System mit Beschränkungen auf der Shell

Interessierte Linux-Nutzer können sich mit Hilfe des Terminals Zugang zu den Interna des Systems auf dem Aquaris M10 verschaffen und die aus Ubuntu bekannten Kommandozeilenbefehle weitgehend problemlos nutzen. Bei dem Meizu MX4 mit Ubuntu haben wir im vergangenen Sommer aber die wenig intuitive Einrichtung eines Fernzugriffs auf das Gerät bemängelt - auf dem Jolla lässt sich solch ein Zugriff wesentlich einfacher einrichten.


Daran hat sich auch mit dem Aquaris M10 leider nichts geändert, so dass Canonical auch hier weiter der Konkurrenz hinterherhinkt. Immerhin ist die durch die Community erstellte Dokumentation nun besser und einfacher aufzufinden, was experimentierfreudigen Nutzern die Arbeit mit dem Ubuntu-Tablet vereinfachen sollte.

Es lassen sich zunächst keine Pakete installieren

Etwas überraschend ist, dass wir mittels Apt keine neuen Pakete installieren können. Ein Versuch wird unterbunden mit den Fehlermeldungen "Es wird keine Sperre für schreibgeschützte Sperrdatei /var/lib/dpkg/lock verwendet" sowie "Schreiben nach /var/cache/apt/ nicht möglich". Die Lösung dafür ist allerdings nach einer kurzen Onlinesuche schnell gefunden: Die Root-Partition muss für die Verwendung von Apt mit Schreibrechten neu eingehängt werden.

Auf dem Aquaris M10 wird derzeit der Linux-Kernel 3.10 eingesetzt, der zwar inzwischen fast drei Jahre alt ist, aber immer noch mit Patches zur Langzeitpflege versorgt und weiterhin auf vielen Android-Geräten eingesetzt wird. Irritierend ist dagegen, dass auf dem M10 Ubuntu 15.04 verwendet wird.

Ubuntu-Version mit ausgelaufenem Support

Der offizielle Support dafür ist bereits im Februar dieses Jahres ausgelaufen. Das hat allerdings nicht nur katastrophale Auswirkungen auf die Sicherheit der Anwender. Dieses Basissystem mit seiner Paketauswahl ist so alt, dass sich die KDE-Entwickler gezwungen sehen, für ihre mobile Plasma-Oberfläche weg von Ubuntu hin zu selbst erstellten Images als Unterbau zu wechseln. Vermutlich würde also auch die Entwicklung von Ubuntu Touch von einem Update profitieren.

Verfügbarkeit und Fazit

Das BQ Aquaris M10 Ubuntu Edition ist im Onlineshop des Herstellers in zwei Varianten erhältlich. Die günstige Version kostet 230 Euro und kommt mit einer Displayauflösung von 1.280 x 800 Pixeln, die teurere Variante kostet 280 Euro und hat ein Full-HD-Display. Die Kamera ist mit 8 Megapixeln beim teureren Gerät höher auflösend als beim günstigeren mit 5 Megapixeln, zudem ist der Prozessor mit 1,5 statt nur mit 1,3 GHz getaktet. Ansonsten sind die Geräte baugleich.

Fazit

Das Aquaris M10 Ubuntu Edition hat uns im Test keinen Spaß gemacht. Die Grundidee eines Tablets, das sich mit einer Tastatur und einer Maus in einen PC verwandelt, finden wir zwar sehr interessant, diese Ausführung aber nicht.

Auch beim Aquaris M10 bleibt es dabei: Sobald Ubuntu drauf ist, läuft das System schlicht nicht mehr flüssig. Bereits im Mobil-Modus läuft das Tablet nicht flüssig, im Desktop-Modus wird das nicht besser. Sicher, es ist mit seiner Ausstattung kein Topgerät, mit Android läuft es aber doch mit weniger Rucklern.

Dazu kommen noch die Probleme mit dem HDMI-Ausgang und der Tastaturbelegung. Solange es das Canonical-Team nicht schafft, Ubuntu auf Mobilgeräten so weit zu verbessern, dass es angenehm nutzbar ist, sehen wir trotz des guten Convergence-Ansatzes keine gute Zukunft für derartige Geräte. Verschlimmert wird diese Prognose dadurch, dass die veraltete Basis des Images sowie der vermutliche Grund für die Probleme mit Monitor und Tastatur auf eine, wenn überhaupt, nur halbherzige Pflege des Systems durch Canonical schließen lassen.

Ein Hersteller wie BQ wird für sein Engagement im Bereich Ubuntu auf Mobilgeräten auf diese Weise nicht belohnt - im Gegenteil. Wir fragen uns, ob Geräte wie das Aquaris M10 Ubuntu Edition nicht eher ein schlechtes Licht auf den Hersteller werfen, da sie schlicht nicht das können, was Nutzer von ihnen erwarten. Dadurch könnten die Mittelklassegeräte von BQ von manchem für schlechter gehalten werden, als sie eigentlich sind.

Auf ein gutes Tablet mit Ubuntus Convergence müssen Nutzer noch länger warten - das Aquaris M10 ist es noch nicht.  (tk)


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