Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/unternehmens-it-von-kabelsalat-und-laengst-ueberfaelligen-upgrades-1605-120682.html    Veröffentlicht: 09.05.2016 09:14    Kurz-URL: https://glm.io/120682

Unternehmens-IT

Von Kabelsalat und längst überfälligen Upgrades

Wenn eine Firma schneller wächst als ihre Technik, kämpft sie nicht nur mit Kabelsalat, sondern vor allem mit uralter Software. Und die ist viel schwerer loszuwerden als alte Hardware.

Eine Firma, die mit aktueller Technik handelt, ist auch selbst auf dem neuesten Stand bei Hard- und Software - sollte man annehmen. Doch im Serverraum eines Hamburger E-Commerce-Unternehmens mit 80 Mitarbeitern verbirgt sich ein Relikt, das dem Geschäftsführer offenkundig peinlich ist. Mit einem verlegenen Blick auf den Serverschrank erklärt Marko Hansen, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, dass es ein Problem gebe: "Hier liegen unsere Access-97-Datenbankdateien."

Das Unternehmen ist in den vergangenen 20 Jahren so rasant gewachsen, dass die Technik nicht hinterherkam. Die ebenso kreativen wie bizarren Notlösungen hat die Firma jetzt mit einem Umzug behoben. Doch das ist bei der Hardware leichter als bei der Software. Die soll nun Open Source retten.

200 Meter lange Kabel

"Wir haben bei unserer IT-Infrastruktur immer nur angebaut und sind die Sachen nie von Grund auf angegangen", sagt Hansen. "Wenn wir einen neuen Arbeitsplatz brauchten, haben wir einfach ein weiteres Kabel verlegt, zum Teil über Stockwerke hinweg. Wir arbeiten hier unter enormem Druck und müssen innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums Lösungen für IT-Herausforderungen finden." Das längste Kabel, das von einem Arbeitsplatz an den Switch gelegt wurde, sei 200 Meter lang gewesen. WLAN-Verbindungen kamen und kommen für das Unternehmen aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht infrage.

Man habe keine Struktur gehabt und auch keinen Plan, erzählt Hansen: Kabel seien kaum verzeichnet gewesen und daher oft nicht auffindbar. Die Arbeitsstunden, die durch einfache Aufgaben wie das Einrichten eines neuen Arbeitsplatzes anfielen, summierten sich.

Eine fast 20 Jahre alte Datenbank

Bei der Datenbank sieht es nicht besser aus. Access 97 klingt genauso alt, wie es ist. "Als Access 97 veröffentlicht wurde, war ich 17 Jahre alt und noch mehr als zehn Jahre davon entfernt, in diesem Unternehmen zu arbeiten", erzählt Hansen. Wie der Name nahelegt, war das 1997. Anders als moderne Datenbanksysteme wie MySQL verarbeitet Access 97 einzelne Datenbankanfragen nicht zentral auf dem Server. Das Datenbanksystem, das mit der Professional-Version von Office 97 ausgeliefert wurde, ist eigentlich für den lokalen Betrieb gedacht und nicht für große Datenmengen, die über Entfernungen benutzt und administriert werden sollen.

Dass viele Nutzer auf dieselbe Access-Datenbank simultan zugreifen, ist ebenso wenig vorgesehen. "Jedes Mal, wenn ein Mitarbeiter eine Datenbank öffnet, wird der Inhalt der Datenbank vom Server geladen, über unser Netzwerk transportiert und auf dem Rechner des Nutzers verarbeitet", erklärt Hansen.

Eine lokale Datenbank habe bei der Gründung des Unternehmens vor über 20 Jahren gereicht. Man sei nicht davon ausgegangen, dass die Datenbanken später einmal die jetzige Größe entwickeln würden. Hansen sagt: "Kleinere Datenbanken in unserem System sind jetzt schon etwa 200 MByte groß. Da kann man sich vorstellen, was für eine Menge an Daten über das Netzwerk verschickt werden muss."

Ordentlich verkabelt

Mit dem kürzlich erfolgten Umzug wollte Hansen alle diese Probleme lösen. Der Kabelsalat ist auch tatsächlich verschwunden. Alle Netzwerkkabel seien nun in einem Grundriss verzeichnet. Die einzelnen Kabel hätten eine Identifikationsnummer bekommen, anhand derer man nun feststellen könne, welche Geräte angeschlossen seien, sagt Hansen.

"Jeder Arbeitsplatz hat jetzt einen eigenen Switch, jeder Flügel des Gebäudes ist mit Verteilern ausgerüstet, die den Netzwerkverkehr an die Arbeitsplätze und damit die Lasten verteilen", erklärt Hansen: "Auf jeden Arbeitsplatz mit durchschnittlich vier Endgeräten kommt ein Cat-7-Kabel mit 10-Gigabit-Ethernet, auf jeden Verteiler mit zehn angeschlossenen Arbeitsplätzen kommt ein Glasfaserkabel."

"Wir wollten möglichst viel Bandbreite für die einzelnen Arbeitsplätze bereitstellen", sagt Hansen. Das ginge auch nicht anders im E-Commerce, wo schnelle Reaktionszeiten und flüssige Arbeitsabläufe entscheidend seien. Diesmal sei für weiteres Wachstum geplant worden: "Ansonsten wäre eine Netzwerkausstattung, wie wir sie hier installiert haben, völlig übertrieben".

Softwarelizenzen im Wert eines Kleinwagens

Im Serverraum des Unternehmens ist es weniger ordentlich als in den übrigen Räumen. In der Ecke neben der Tür liegen orangefarbene Kabel, die noch verlegt werden müssen, ausgemusterte Computer stehen an den Wänden. Hier liegt das ungelöste Technikproblem der Firma.

Erst kürzlich sei ein neuer Server angeschafft worden, um größere Datenmengen verarbeiten zu können, erzählt Hansen. Man habe sich für ein ausbaufähiges Modell entschieden. Das Mainboard kann mit maximal 512 GByte Arbeitsspeicher bestückt werden. Hansen entschied sich für eine Ausstattung, die eher der unteren Leistungsklasse entspricht, und konfigurierte den neuen Server mit 8 GByte RAM und einem XEON-E5-Prozessor mit acht Kernen und 2,4 GHz Taktung.

Das Mainboard des Servers ermöglicht auch die Nutzung eines Prozessors mit 14 Kernen, die mit 2,6 GHz getaktet sind; es ist also noch Luft nach oben. Für das Speichern der Daten wurden vier SSDs mit insgesamt 720 GByte Speicherplatz verbaut sowie zwei herkömmliche Festplattenlaufwerke mit einer Speicherkapazität von 4 TByte.

Microsoft nutzt die Abhängigkeit aus

Der Knackpunkt ist laut Hansen aber nicht die Hardware, sondern die Software, die auf dem Server laufen soll. Bisher hat die Firma auf Produkte von Microsoft gesetzt. Hansen stand beim Erwerb des neuen Servers vor der Entscheidung, neue Lizenzen für Windows Server 2012 zu kaufen. Doch Microsoft habe einen Kostenvoranschlag gemacht, "der sich gewaschen hat", sagt Hansen. "Frech" nennt er ihn. Das Unternehmen nutze die Abhängigkeit der Firma von einem Softwareprodukt aus: "Wir haben uns vor etlichen Jahren mit Access 97 an Windows gebunden, und nun haben wir die Rechnung dafür bekommen."

Neben den Kosten für jeden Prozessorkern, den der neue Server vorzuweisen hat, und möglichen Kosten für virtuelle Maschinen, die auf dem Server laufen, fallen bei Microsoft Lizenzgebühren für sogenannte Client Access Licenses an. Das sind zusätzliche Lizenzen für jeden angeschlossenen Arbeitsplatz, der auf den Server zugreift.

Wachsen, ohne arm zu werden

Mit dem Angebot von Microsoft entstünden bei der anvisierten Menge von 60 bis 80 Computern im Unternehmen Kosten, die den Wert eines Kleinwagens überschreiten würden. "Wir wollen wachsen, aber nicht arm werden. Das ist mit Microsoft nicht möglich", sagt Hansen. Denn bei dessen Lizenzmodell entstünden nochmals Kosten für jeden Arbeitsplatz, der zusätzlich eingerichtet werde. "Das behindert unser Wachstum."

Microsoft nennt diese Lizenzpolitik bedarfsgerecht und kundenorientiert. Jürgen Dick, Cloud Platform Lead bei Microsoft, verweist darauf, dass man überschüssige Lizenzen auch zurückgeben könne und somit als Unternehmen nicht das Risiko eingehe, auf den Lizenzen sitzenzubleiben. Außerdem gebe es Preisvorteile für Unternehmen, die wachsen, da sich die Preise für Lizenzen bei Microsoft an der Unternehmensgröße orientierten. Wer als Unternehmen schnell wächst und größer wird, bekommt als Dankeschön einen Rabatt von Microsoft.

Die Lösung: Ubuntu

Hansen überzeugt das alles nicht. Sein Unternehmen hat sich entschieden, langfristig auf Ubuntu umzusteigen. Das Betriebssystem ist - anders als Windows - quelloffen, das Lizenzmodell sieht im Gegensatz zu Windows Server 2012 keine Client Access Licenses vor. Für das Benutzen von Ubuntu entstehen auch keine gesonderten Kosten für das Bereitstellen virtueller Maschinen auf dem Server, da der Hersteller Canonical seine Produkte kostenfrei bereitstellt.

"Das ist nicht schlecht, wenn man nicht langfristig planen kann, und außerdem eröffnet uns Ubuntu neue Möglichkeiten hinsichtlich der Skalierbarkeit. Wenn wir einen neuen Server brauchen, erstellen wir uns den mit KVM einfach selbst", sagt Hansen. KVM, kurz für Kernel-based Virtual Machine, ermöglicht es, virtuelle Maschinen unter Ubuntu zu erstellen und zu administrieren.

Das Problem ist das Frontend

Open Source im Backend sei ohnehin gar nicht das Problem, sagt Hansen. Die Access-Datenbanken brauchen keine spezielle Anwendung, die auf dem Server läuft, denn die Datenbanken werden lokal auf den Computern der Mitarbeiter ausgeführt. Die Mitarbeiter greifen über eine Netzwerkfreigabe auf die Dateien zu. Dieser Zugriff wird über Samba realisiert, mit der die Freigaben auf Laufwerke und Ordner unter Ubuntu für die Windows-Nutzer verwaltet werden. Entscheidend für die Integration von Open Source in seinem Unternehmen sei eher das Frontend, also die Benutzeroberfläche, mit der seine Mitarbeiter täglich Eingaben in die Datenbank machten, sagt Hansen.

Im Moment wird in Hansens Unternehmen das Frontend direkt mit Access 97 erstellt. Seine Mitarbeiter haben ein Formular vor sich, in das sie Daten eingeben oder mit dem sie Suchanfragen in der Datenbank durchführen können. Zwischen Formular und Datenbank wird allerdings keine Datenbankverbindung hergestellt. Die Abfrage erfolgt innerhalb der Datenbank selbst. Datenbank und Formular befinden sich in derselben Datei.

Während im Backend also keine zusätzliche Software für Access 97 benötigt wird, muss auf jedem Arbeitsplatzcomputer Office 97 installiert sein. Das ist schon deshalb problematisch, weil Office 97 eigentlich nur noch unter Windows XP läuft. Der Support von Microsoft für XP wurde aber bereits im April 2014 eingestellt, Nutzer werden nicht mehr mit Sicherheitsupdates versorgt. Daher läuft auf den Arbeitsplatzcomputern der Mitarbeiter kein Windows XP mehr. Um die Access-97-Dateien dennoch öffnen zu können, müssen diese im Kompatibilitätsmodus von Windows 7 ausgeführt werden. Aber auch für Windows 7 werden nur noch bis 2020 Sicherheitsupdates bereitgestellt.

Deshalb möchte Hansen zunächst die Datensätze aus Access in das Datenbankverwaltungssystem MySQL exportieren, so dass nur noch die Formulare zur Eingabe der Daten in Access 97 bestehen bleiben. Wie bei einer Webseite wären die Datenbank und das Eingabeformular voneinander getrennt. Die Kommunikation zwischen MySQL und der Eingabemaske, die in Access dargestellt wird, würde über eine Datenbankverbindung erfolgen.

Ohne eigene Nutzeroberfläche kann Access nicht ersetzt werden

Wenn dieser Schritt getan ist, könnte Access 97 auch als Frontend ersetzt werden. MySQL ist es nämlich egal, mit welcher Benutzeroberfläche es zusammenarbeitet, solange eine Datenbankverbindung aufgebaut werden kann. Weil es in seiner Firma aber schon Know-how zu Access gebe, könne man die alte Version von 97 einfach durch eine neuere Version ersetzen, sagt Hansen. Dafür müsste zwar trotzdem jedes einzelne Eingabeformular neu programmiert werden, die dafür benötigten Kenntnisse zur Gestaltung dieser Benutzeroberflächen seien aber wenigstens im Unternehmen vorhanden.

Würde er in seinem Unternehmen komplett auf Open Source statt auf Windows-Lösungen setzen, also auch auf den Arbeitsplätzen Ubuntu installieren, könnte nicht länger mit Access gearbeitet werden. Es müsste eine Benutzeroberfläche entwickelt werden, die unter Ubuntu funktioniert. Diese Aufgabe an ein externes Unternehmen zu vergeben, kommt für Hansen nicht infrage. Solange es niemanden in der Firma gibt, der in der Lage ist, eine solche Benutzeroberfläche zu entwickeln, wird Open Source im Frontend keine Rolle spielen, denn auf Supportverträge mit anderen Unternehmen wolle man verzichten, sagt Hansen.

Notlösungen scheinen bei diesem mittelständischen Unternehmen demnach auch in Zukunft noch eine Rolle zu spielen. Ob sich auf diese Art die Softwareprobleme lösen lassen, bleibt fraglich - unabhängig davon, ob es Hansen schafft, Open Source in seiner Firma zu etablieren.

In einem Pilotprojekt mit Narando vertonen wir in den kommenden Wochen zwei bis drei Golem.de-Artikel pro Woche. Die Texte werden nicht von Robotern, sondern von professionellen Sprechern vorgelesen. Über Feedback unserer Zuhörer freuen wir uns - im Forum oder an redaktion@golem.de.  (jens)


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