Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/snowden-natural-born-knueller-1604-120624.html    Veröffentlicht: 29.04.2016 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/120624

Snowden

Natural Born Knüller

Oliver Stone verfilmt die Story von Edward Snowden und seinen Enthüllungen. Der erste Trailer lässt nichts Gutes erwarten, ist aber immerhin für einige Lacher gut.

Wir nähern uns dem dritten Jahrestag der Snowden-Enthüllungen. Eine kurze Zusammenfassung: Der beim NSA-Auftragsnehmer Booz Allen Hamilton angestellte Analyst Edward Snowden hat eine ganze Menge streng geheimer Dokumente des US-Geheimdienstes kopiert und sie im Juni 2013 ein paar ausgesuchten Journalisten zur Verfügung gestellt. Seitdem wissen wir ansatzweise, welche Überwachungsmöglichkeiten die NSA und ihre Bündnispartner haben.

Snowden selbst lebt derzeit in Moskau im Exil, twittert fleißig, spielt Technotracks ein und spricht gelegentlich per Videoschalte auf Konferenzen. Nächste Woche etwa auf der Re:publica in Berlin.

Die Geschichte der Enthüllungen wurde von der Filmemacherin Laura Poitras in der Dokumentation Citizenfour ziemlich gut erzählt. Kein Wunder, sie war ja dabei. Vergangenes Jahr bekam Citizenfour den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Weil die Geschichte von Ed Snowden aber auch vieles von einem klassischen Agententhriller hat (Überwachung! Geheimniskrämerei! Verrat! Russland!), ist auch Hollywood darauf aufmerksam geworden. Regisseur Oliver Stone, der vor vielen Jahren mit Platoon, JFK und Natural Born Killers ein paar ganz ordentliche Filme drehte, danach aber ins Mittelmaß abdriftete, nimmt sich Snowdens Story an.



Sein Spielfilm heißt einfach Snowden, kommt im September in die Kinos und der Inhalt scheint ähnlich kreativ zu sein wie der Titel. Das jedenfalls lässt der erste veröffentlichte Trailer vermuten, den wir hier genauer analysieren.

Juhu, Geek-Klischees!

Die erste Einstellung ist gewissermaßen eine Grundzutat für Filme von Oliver Stone: Ein Trupp US-Soldaten joggt im Morgennebel vor aufgehender Sonne. Kurz darauf sieht man den jungen Ed Snowden, gespielt von Joseph Gordon-Levitt, wie er mit dickrandiger Brille durch den Schlamm robbt. Alle Rekruten erhalten eine solche Standardbrille, die von Natur aus sehr geeky aussieht. Wie passend.



Um den Zuschauern zu zeigen, dass nicht nur die Brille den Geek ausmacht, darf Snowden im Krankenhaus einen Laptop nutzen. Dort liegt er übrigens, weil er sich in seiner Militärausbildung beide Beine bricht (das passierte wirklich). Doch keine Angst, sagt sein Arzt: "Es gibt andere Wege, deinem Land zu dienen."

Zum Beispiel in der CIA. Nachdem Snowden von einem griesgrämigen CIA-Häuptling mit tiefer Stimme ausgefragt wird, darf er seine PC-Künste unter Beweis stellen. Normalerweise brauchten die Bewerber fünf Stunden, heißt es. Ob damit die Einrichtung eines Druckers über WLAN gemeint ist, ist unklar. Snowden jedenfalls schafft es in 38 Minuten. Success!



38 Minuten? "Damit kannst du alles machen", sagt der CIA-Häuptling. Außer erklären, was genau die Codezeilen auf den riesigen Bildschirmen im Hintergrund des Testraumes bedeuten.

Snowden jedenfalls ist jetzt drin im elitären Kreis der Geheimdienste. Und hat gleich ein Problem: Seiner Freundin kann er von seiner Arbeit natürlich nichts erzählen, was beim Abendbrot das Gespräch regelmäßig ins Stocken bringt.



Falls die Zuschauer es bis dato nicht mitbekommen haben: Edward Snowden ist ein Geek. Deshalb chattet er auch auf einer Plattform namens geek-mate.com (was wohl seine Freundin dazu sagt) und teilt journeygirl_14 mit, dass Ghost in the Shell zu seinen Lieblingen gehört. Die Manga-Serie handelt unter anderem von Hackern, Künstlicher Intelligenz und, aufgepasst, Geheimdiensten.



Übrigens: Die Domain geek-mate.com enthält zwar keine Inhalte, ist aber bereits registriert. Und zwar vom deutschen Unternehmen Krautpack Entertainment. Und das gehört zu den Co-Produzenten von Snowden.



Dunkler die Server nie arbeiten



Je mehr Snowden von den Überwachungsmöglichkeiten lernt, desto kälter werden seine Füße. Um die wahnsinnigen technischen Fähigkeiten der NSA zu illustrieren, gibt es erst einmal einen Schnitt in ein Serverzentrum, in dem ein Techniker im Dunklen arbeitet. Denn jeder Profiadmin weiß: Nachts darf man Server nicht mit Licht aufwecken.

Snowden entscheidet sich, die geheimen Dokumente unerlaubterweise zu kopieren. Das geht im Trailer scheinbar ganz einfach: SD-Karte rein, Strg+C, Strg+V, fertig. Wieso Windows aber genau die gleiche Datei in circa 50 einzelnen Fenstern kopieren möchte, wissen wohl nur die Filmemacher.



Spätestens jetzt ist der Höhepunkt des Trailers erreicht. Aber wie schmuggelt Eddy die Dateien aus dem Büro? Na klar, mit einem präparierten Zauberwürfel, den er an der Kontrolle vorbeischleust. Schließlich haben alle Geeks Zauberwürfel. Auf Twitter fragen schon die ersten, ob Zauberwürfel mit SD-Versteck nun ein Verkaufsschlager werden.



Aber im Ernst: Der echte Edward Snowden hat einen solchen Würfel als Erkennungszeichen bei seinem ersten Treffen mit den Journalisten genutzt. Auf Reddit wird derweil diskutiert, ob das im Trailer gezeigte Würfelmodell im Jahr 2013 überhaupt schon erhältlich war.

Inzwischen ist Snowden bereits in Hongkong gelandet, um die drei Journalisten zu treffen, die hier garantiert ohne Product-Placement eines großen Laptopherstellers in Szene gesetzt werden.



Auch wenn es danach aussieht, verrät der Trailer zu Snowden nicht alles. Am Ende ist der Whistleblower auf der Flucht vor seinem Arbeitgeber, vor allgegenwärtigen Überwachungskameras und irgendwie auch vor sich selbst, was eine der abschließenden Einstellungen in bester Filmschulmanier zeigt.



Was lässt der Trailer am Ende also für den fertigen Film im September erahnen? Nichts wirklich Gutes. So ernst die Enthüllungen von Edward Snowden waren, so klischeehaft ist Snowden. Aber vielleicht wissen das Oliver Stone und die Drehbuchautoren ja selbst. An einer Stelle des Trailers fällt schließlich der Satz: "Das sieht cheesy aus". Ja, das tut es wirklich.  (zeit-ek)


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