Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/spielebranche-faule-hipster-verzweifelt-gesucht-1604-120497.html    Veröffentlicht: 22.04.2016 13:30    Kurz-URL: https://glm.io/120497

Spielebranche

"Faule Hipster" - verzweifelt gesucht

In den USA gibt es eine skurrile Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Games-Branche. Deutsche Spielefirmen würden sich solche Luxusprobleme fast schon wünschen: Sie suchen nach Mitarbeitern. Golem.de hat darüber unter anderem mit Crytek und Blue Byte gesprochen. Die Studios haben mittlerweile viel zu bieten.

Die einen sagen, es sei Horror pur, in den USA als Spielentwickler beschäftigt zu sein. Die anderen, es sei tiefenentspannter Spaß. Was davon stimmt? Das ist zumindest anhand der Wortmeldungen in einem aktuellen Streit über die Arbeitsbedingungen in den nordamerikanischen Studios kaum zu entscheiden. Ausgetragen wird die Diskussion von einer Handvoll Journalisten und Branchenvertretern über Onlineseiten wie Venturebeat.com.

Besonders lautstark zu Wort gemeldet hat sich Alex St. John, einer der Erfinder von DirectX. Er findet, dass es sich die heutigen Entwickler zu leicht machen. Früher habe er bei Microsoft selbst bis zu 120 Stunden pro Woche geschuftet - und es nie bereut. Die heutigen Angestellten seien "faule Hipster", die wenig mehr machen, als "ihre Maus herumzuschieben", schreibt St. John in seinem Blog.

Auf der Quo Vadis 2016 in Berlin ist die Branche - inklusive der Besucher aus den USA - über den bizarren Diskurs alles andere als begeistert: Mit ihrem Berufsalltag hat der Streit wenig zu tun. Die Studios hierzulande haben andere Sorgen, gerade weil der Markt und damit viele der Firmen wachsen. "Die meisten deutschen Games-Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, sowohl im kreativen als auch im technischen Bereich", sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) im Gespräch mit Golem.de. Nach Angaben des BIU waren Mitte 2015 rund 13.000 Menschen bei 450 Unternehmen in Deutschland mit der Entwicklung und dem Publishen von Games beschäftigt.

Wie viele Jobs in der deutschen Spielebranche insgesamt nicht besetzt sind, ist unklar - eine Übersicht über alle vakanten Posten gibt es nicht. Allein Crytek in Frankfurt meldet derzeit 42 unbesetzte Stellen. "Die meisten unserer offenen Positionen sind für Programmierer vorgesehen. Besonders gesucht seien Leute, die sich mit AI auskennen, und Spezialisten für C# und C++", so Personalchefin Andrea Hartenfeller.

Laut Andrej Maibaum, dem Personalchef von Blue Byte in Düsseldorf, ist es derzeit schwierig, erfahrene Game Designer und Programmierer zu bekommen. "Insbesondere, was die Programmierer angeht, merkt man, dass am gesamten Arbeitsmarkt ein großer Bedarf an qualifizierten Kräften besteht. Die Spielebranche steht in direkter Konkurrenz zur restlichen Wirtschaft."

Das Münchner Entwicklerstudio Remote Control Productions arbeitet auch deshalb möglichst früh mit jungen Talenten von Universitäten. "Oft absolvieren die Studenten schon ihr Pflichtpraktikum bei uns, oder sie arbeiten bei uns als Werkstudenten", sagt Director Human Resources Ina Hoffmann.

Junge Talente und der Senior-Level

Schwieriger werde es bei Positionen auf Senior-, Lead- und Director-Level. "Hier braucht man Kandidaten mit einigen Jahren an Berufserfahrung und diese am besten aus der Games-Industrie", sagt Hoffmann. "Solche Profile sind rar und bei allen Games-Unternehmen in Deutschland gesucht. Die Konkurrenz untereinander macht es dem Kandidaten zwar einfacher, aber den kleineren Unternehmen nochmal zusätzlich schwer." Remote Control hat auf seinem Stellenportal derzeit über 20 offene Jobs aufgeführt. Unter anderen sucht die Firma Senior Game Designer, Projektmanager Senior Technical Artists und Business-Development-Spezialisten für Games.

Daedalic Entertainment aus Hamburg stellt über sein Jobportal oft projektbezogen ein - aber versucht dann natürlich, die "Mitarbeiter langfristig zu halten und entsprechende Positionen im Unternehmen anzubieten", sagt Personalchefin Rositha Ruck. Ihrer Einschätzung nach ist es derzeit "schwierig, Positionen im MINT-Bereich zu besetzen. Hier entscheiden oft die Details im Anforderungsprofil darüber, ob eine bestimmte Position zeitnah besetzt werden kann."

Stellen im kaufmännischen Bereich sind ebenso wie Positionen im Bereich Marketing und in der PR einfacher zu besetzen, "da hier auch Bewerber ohne spezifische Kenntnisse der Games-Branche unter Umständen Berücksichtigung finden können."

Das Thema Ausbildung und die Situation an den Universitäten sind für die Studios enorm wichtig, aber viele Firmen sehen da noch Verbesserungspotenzial. "Es ist für uns häufig schwierig, mit Unis zusammenzuarbeiten, da die Zusammenarbeit sehr personenabhängig ist. Es gibt einige Professoren, die sich extrem stark für die Games-Branche interessieren und einsetzen und andere, mit denen die Zusammenarbeit ineffizient ist", sagt Michael Zillmer, einer der Gründer und COO von Innogames in Hamburg.

Besonderen Änderungsbedarf sieht er derzeit bei den Lehrplänen für Game Design. "Hier werden häufig eher Künstler ausgebildet und Themen wie Balancing und Monetarisierung - wenn überhaupt - nur oberflächlich angekratzt", sagt Zillmer. "Wir brauchen Game Designer, die eine komplette Spielwelt entwerfen können, und die sich auch mit der wirtschaftlichen Seite der Spieleentwicklung auseinandersetzen."

Außerdem müsse ein Game Designer im Idealfall auch ein Grundverständnis für Programmierung haben, um besser abschätzen zu können, ob seine Ideen überhaupt zeitlich umsetzbar sind. Über sein Jobportal bietet Innogames derzeit ebenfalls eine Reihe offener Posten an - Zillmer berichtet, dass "insbesondere Stellen, für die eine hohe Erfahrung erforderlich ist, momentan schwer zu besetzen" sind.

Nach Ansicht von Cryteks Andrea Hartenfeller hat sich bei Studiengängen und bei der Ausbildung viel getan: "Die Ausbildung an Hochschulen und Fachschulen wird von Jahr zu Jahr besser und wir profitieren sehr vom Austausch mit den einzelnen Einrichtungen. Auch im Bereich der Berufsausbildung tut sich Erfreuliches - etwa, dass man als Mediengestalter den Schwerpunkt 3D wählen kann. Das kommt uns sehr zugute."

Studiensituation und Crunch

Ina Hoffmann von Remote Control teilt diese Einschätzung: "Dadurch, dass sich die Politik bezüglich Games sehr gewandelt hat, findet hier mit den staatlichen Universitäten sehr viel Dialog statt." So biete die Technische Universität München schon seit Jahren den Studiengang Games Engineering an, der bei Studenten, aber auch bei den Unternehmen sehr gut ankomme.

"Die privaten Ausbildungsinstitute haben den Vorteil, dass sie einen starken Fokus auf Praxisnähe setzen, so dass die jungen Studenten sehr schnell die Möglichkeit bekommen zu verstehen, wie der Berufsalltag in der Games-Industrie ausschaut. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es in Zukunft ausreichend Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten mit einer guten Mischung an Theorie und Praxis geben wird", sagt Hoffmann.

Andrej Maibaum von Blue Byte verfolgt außerdem den Ansatz, sich in einer Initiative namens "Blue Byte goes Campus" regelmäßig mit Universitäten auszutauschen und die Bedürfnisse der Firma vorzutragen, aber auch Kooperationen zu bilden. Er lobt unter anderem die "Hochschule Trier mit ihrem Studiengang Informatik - Digitale Medien, oder auch das Cologne Gameslab, das der Technischen Hochschule Köln angeschlossen ist". Auf dem Karriereportal von Blue Byte sind derzeit außerdem eine ganze Reihe interessanter Posten ausgeschrieben.

Für die deutschen Entwicklerstudios spielt das Thema Crunch und Work-Life-Balance natürlich auch eine Rolle: "Wir als Unternehmen sind uns der dahinterstehenden Verantwortung bewusst", sagt Maibaum. "Wir sind dazu übergegangen, deutlich mehr Fokus auf das Projektmanagement zu legen, so dass wir in den vergangenen Jahren keine echten Crunch-Zeiten mehr hatten und diese auch für die Zukunft vermeiden wollen."

Ina Hoffmann von Remote Control sagt, dass viele Entwickler durchaus bereit seien, für ihre Projekte "auch immer noch die Extrameile" zu gehen. Trotzdem versucht das Unternehmen, Crunchtime durch "vorherige, strukturierte Planung so gut es geht zu vermeiden." Vielen Arbeitnehmern gehe es bei der Work-Life-Balance aber vor allem um "flexible Arbeitszeiten, die Option auf Homeoffice und die Möglichkeit, regelmäßig Urlaub an einem Stück nehmen zu können."

Ein guter Ausgleich von Arbeit von Freizeit ist natürlich auch ein Thema bei Crytek - "aber wir erleben das nicht als Schwerpunkt der offenen Fragen von potenziellen Mitarbeitern", sagt Andrea Hartenfeller. Aber wenn man "Spiele entwickelt, ist sehr viel Leidenschaft dabei, und einige Mitarbeiter haben das, was sie hier beruflich machen, immer noch als Hobby, so dass die Grenzen teilweise fließend sind. Dennoch gilt: Crunchtime mag niemand, weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer."

Wer sich über Jobs in der Spielebranche informieren möchte: Am 23. April 2016 findet in Berlin der Recruiting Event Making Games Talents statt. Auf der Veranstaltung müssen sich nicht Interessierte bei den Firmen vorstellen, sondern die Unternehmen pitchen vor den Anwesenden. Jedes Entwicklerstudio hat dazu 30 Minuten Zeit und präsentiert dem Plenum seine Anforderungen, Leistungen sowie laufende Projekte. Austragungsort ist die Mediadesign Hochschule in Berlin-Kreuzberg (Lindenstraße 20-25, 10969 Berlin).  (ps)


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