Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/skurrile-belaestigungen-von-ip-adressen-kloschuesseln-und-einer-abgelegenen-farm-1604-120266.html    Veröffentlicht: 11.04.2016 18:32    Kurz-URL: https://glm.io/120266

Skurrile Belästigungen

Von IP-Adressen, Kloschüsseln und einer abgelegenen Farm

Kansas ist das Herz des Cybercrime - zumindest wenn man einer Anwendung glauben schenkt, die IP-Adressen auf einer Karte verortet. Tatsächlich leben dort unschuldige Menschen, die nun viele wütende Anrufe und Kloschüsseln bekommen.

Auf einer einsamen Farm in Kansas spielen sich seit vielen Jahren immer wieder merkwürdige Dinge ab. Die ahnungslosen Bewohner der Farm mitten im Nirgendwo mit zwei Ställen, einer Obstplantage und einem Farmhaus bekommen Kloschüsseln auf den Weg gestellt, ihnen werden Identitätsdiebstahl, Spamming und Betrug vorgeworfen. Auch die US-Bundespolizei FBI war schon dort. Die Frage ist: Wieso? Darauf hatten die Bewohner selbst lange keine Antwort.

Der Ursprung dieser Probleme ist eigentlich relativ banal. Es ist der IP-Mapping Dienst Maxmind, wie das Online-Magazin Fusion berichtet. Maxmind bietet eine Dienstleistung an, um den Standort einer IP-Adresse auf einer Karte darzustellen. Das Problem: Maxmind liegt oft daneben.

Maxmind verwaltet 600 Millionen IP-Adressen

Insgesamt verwaltet der Dienst rund 600 Millionen IP-Adressen. Mit verschiedenen Methoden versucht das Unternehmen, IP-Adressen einen Standort zuzuweisen. Wenn zum Beispiel Firmen IP-Ranges kaufen, ordnet Maxmind diese dem Hauptsitz des Unternehmens zu. Außerdem werden teilweise mit auf Autos installierten Empfangsgeräten offene WLANs kartiert. Eine exakte Wissenschaft ist diese Zuordnung aber nicht, weil die Mehrzahl der IP-Adressen nicht exakt vermessen werden kann. Dann verwendet Maxmind Standard-Adressen für bestimmte Regionen. Und damit nähern wir uns dem Problem.

Die Stadt Potwin, die etwa 15 Kilometer von unserem Farmhaus entfernt liegt, befindet sich fast genau in der geographischen Mitte der USA - einer beliebten Standard-Adresse. Dieser Mittelpunkt hat die geographische Position 39 Grad 50 Minuten Nord, 98 Grad 35 Minuten West. Maxmind nutzt diese Adresse, gerundet, als Standard-Adresse für alle US-IP-Anfragen, die keinem exakten Standort zugeordnet werden können.

Wenn Internetnutzer jetzt Opfer von Spam-Mails oder anderen Belästigungen im Netz werden und die IP-Adresse der Angreifer in Erfahrung bringen können, kann der vermeintliche Standort der IP-Adresse über eine Webseite leicht ermittelt werden. Maxmind weist zwar an verschiedenen Stellen darauf hin, dass die Karte nur einen Näherungswert bietet. Doch das vermittelt sich natürlich nicht, wenn man nur auf die Karte guckt.

"Deswegen sind in den letzten Jahren immer wieder wütende Internetnutzer bei der Farm vorstellig geworden", sagte die Eigentümerin des Anwesens, Joyce Taylor, zu Fusion. "Der erste Anruf, den ich bekommen habe, stammte aus Connecticut." Es handelte sich um einen Mann, der wütend darüber war, dass seine geschäftliche Mailadresse zugespammt wurde. Das war im Jahr 2011. Seitdem gab es unzählige Anrufe - und ein Besucher hinterließ sogar eine alte Kloschüssel auf der Zufahrt. Taylor ist mittlerweile 82 Jahre alt. Einen Computer benutzt sie nur sehr selten. "Ich nutze ihn, um Briefe zu schreiben und den Kindergottesdienst vorzubereiten." Als Spammerin dürfte die Frau also ausfallen.

Auch das FBI war schon da

Auch die US-Ermittlungsbehörden wurden schon vorstellig. Lokale Polizeistellen ermittelten per Auskunft IP-Adressen von Internetnutzern von Unternehmen wie Google und Facebook. Auch sie waren überzeugt, dass die einsame Farm in Kansas Ursprung zahlreicher illegaler Netzaktivitäten war. Über die Jahre wurden die Anfragen und Belästigungen immer häufiger. Mittlerweile sieht sich der lokale Sheriff sogar bemüßigt, die Bewohner des Anwesens zu schützen. "Die arme Frau wurde seit Jahren belästigt", sagt Sheriff Kelly Herzet. "Unsere Beamten wurden unterrichtet, dass dies ein fortlaufendes Problem ist und dass die Menschen auf der Farm nette, unbescholtene und nicht selbstmordgefährdete Bürger sind." Vor der Einfahrt zu der Farm steht mittlerweile ein Schild, das Leute vor der Weiterfahrt warnt - alle Fragen sollen an die lokale Polizeidienststelle gerichtet werden.

Es gibt offenbar ähnliche Fälle in den USA. Ein junges Paar in Atlanta wurde immer wieder verdächtigt, zahlreiche Smartphones gestohlen zu haben. Die Leute wurden von Diensten angelockt, die bei der Suche nach gestohlenen oder verlorenen Smartphones helfen sollen. Der Standort der Geräte wurde auf der Karte innerhalb des fraglichen Hauses angezeigt. In diesem Fall war das Problem, dass das Haus bei der ursprünglichen Zuordnung von IP-Adressen aus der Region das einzige mit einem dauerhaft offenen WLAN war. Auch hier suchte Maxmind sich also einen Ankerpunkt für zahlreiche IPs und die Bewohner mussten sich vor aufgebrachten Smartphonesuchenden rechtfertigen.

Auch Virginia ist betroffen

Ein weiteres kurioses Beispiel betrifft Tony Pav aus Ashburn, Virginia. In Ashburn wohnt nicht nur Pav. Dort befinden sich auch zahlreiche große Rechenzentren von Facebook und anderen Unternehmen mit insgesamt mehr als 17 Millionen IP-Adressen. Maxmind hat den Standort für alle diese IPs exakt verortet - auf Pavs Haus.

Im Jahr 2012, so berichtet Pav bei Fusion, sei er abends nach Hause gekommen. Die Polizei sei gerade dabei gewesen, seine Wohnungstür aufzubrechen - sie hatten sogar einen gültigen Durchsuchungsbeschluss. Auch hier wurde eine verdächtige IP-Adresse ermittelt und fälschlicherweise seinem Haus zugeordnet. Pav will in drei Jahren in Rente gehen und sein Haus verkaufen. Doch wenn er die Probleme mit der Adresse angeben würde, würde er das Haus nie verkauft bekommen, sagt er. Von der Firma, die seine Probleme verursachte, hatte er vorher noch nie gehört.

Auf die Probleme angesprochen, sagte Thomas Mather von Maxmind: "Wir haben den Standardpunkt in Kansas vor mehr als zehn Jahren festgelegt. Wir hätten nie gedacht, dass Menschen tatsächlich Leute auf den Haushalt genau ausfindig machen wollen. Wir haben unseren Dienst immer so vermarktet, dass er nur den ungefähren Standort, etwa einen Postleitzahlenbereich, ausgibt."

Das sehen die Nutzer der Datenbank offenbar anders. Um den Problemen entgegenzuwirken will Maxmind seinen Dienst jetzt überarbeiten. Die Standard-Standorte für IP-Adressen in Kansas und Virginia sollen jetzt verlegt werden - in Seen. Hoffentlich belästigt niemand die Fische.  (hg)


Verwandte Artikel:
Captchas: Cloudflare bezeichnet 94 Prozent des Tor-Traffics als böse   
(04.04.2016, https://glm.io/120116 )
Security: Bluetooth-Skimming an der Supermarktkasse   
(27.02.2017, https://glm.io/126411 )
Deutsche Wirtschaft: Massiv ausgeweitete Cyberangriffe aus China   
(26.12.2017, https://glm.io/131852 )
Separate E-Mail-Adressen: Komplexe Hilfe gegen E-Mail-Angriffe   
(24.08.2017, https://glm.io/129480 )
Predictive Dialer - Bundesnetzagentur sperrt Rufnummern   
(21.09.2009, https://glm.io/69968 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/