Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ultra-hd-blu-ray-disc-fehlstart-mit-4k-chaos-1604-120162.html    Veröffentlicht: 07.04.2016 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/120162

Ultra-HD-Blu-ray-Disc

Fehlstart mit 4K-Chaos

Zum Start der Ultra-HD-Blu-ray-Disc herrscht im Handel 4K-Chaos, und auch für den Europa-Start fehlt es an Hardware. Zudem fehlt ausgerechnet der starke Blu-ray-Unterstützer Sony. Eine Playstation 4K würde gleich zwei Probleme lösen.

Mit dem heutigen 7. April 2016 startet in Teilen von Europa die 4K-Ultra-HD-Blu-ray-Disc. Der eine wird sie simpel UHD-Blu-ray nennen, der andere griffiger 4K-Blu-ray. Gemeint ist eine zwei bis drei Lagen umfassende optische Scheibe für Bildmaterial mit einer Auflösung von 3.840 x 2.160 Pixeln (UHD) - und vielleicht viel wichtiger: High Dynamic Range, HDR. Noch mangelt es aber an Hardware dafür, und die Software ist zwar umfangreich, aber kaum mit 4K-Material aufgearbeitet. Und schon bei den Begriffen herrscht ein heilloses Chaos. Einen Schub für die neue Blu-ray könnte Sony bringen - mit einer Playstation 4K. Ein Überblick.

Auch wenn das Blu-ray-Konsortium 2016 als das Jahr der UHD-BD ausgerufen hat: Der Start der 4K-Ultra-HD-Blu-ray-Disc setzt das 4K-Chaos der vergangenen Jahre fort. Das zeigt sich schon an den begrifflichen Unklarheiten. Was ist eigentlich 4K? Was kann ein 4K-Player? Zwar haben sich Hardware- und Softwarehersteller weitgehend darauf geeinigt, neben UHD auch den Begriff 4K zu verwenden. Doch korrekterweise ist UHD nur eines von mehreren Formaten, die man unter 4K zusammenfassen kann. Die DCI-4K-Formate sind hingegen für den Endkunden nicht relevant genug, um Handel und Hersteller zu motivieren, hier Klarheit zu schaffen. Fernseher werden beispielsweise als 4K HDR, Ultra HD 4K, 4K SmartTV oder 4K Ultra HD vermarktet. Ohne irgendein 4K-Logo geht es nicht.

Sony vermeidet sogar explizit die Verwendung von UHD als Begriff. Das ist insofern bemerkenswert, als Sony Mitglied der Interessenvereinigung GFU ist, die wiederum gerade versucht, den Begriff UHD Premium durchzusetzen. Der gilt für 4K-Fernseher, die eigentlich das liefern, was die Ultra-HD-Blu-ray ausmacht, nämlich hohe Auflösung und große Helligkeitsunterschiede mit HDR.

4K-Blu-ray-Player, die nur altes Material aufbereiten können

Auch bei den Zuspielern gibt es Begrifflichkeitsprobleme. Das gipfelt mittlerweile darin, dass es 4K-Blu-ray-Player im Handel gibt, die nur mit 2K-Blu-ray-Discs etwas anfangen können. Wer beispielsweise bei Amazon nach Hardware sucht, der wird dort einen "Sony BDP-S6200 4K Ultra-HD Blu-ray-Player" von Sony finden.Nachtrag vom 20. April 2016, 9:37 Uhr: Sony hat die Bezeichnung des Players mittlerweile geändert.

Selbst Hi-Fi-Profis wie Hi-Fi-Regler gehen nicht ehrlich mit ihren Kunden um. Dort wird der Panasonic DMP-BDT700 verkauft, der "das volle 4K-Erlebnis" liefern soll. Es handelt sich aber wie beim Sony-Gerät um einen Full-HD-Blu-ray-Player mit integriertem 4K-Upscaling. Technisch ist das ein Blu-ray-Player mit UHD-Bildausgabe. Doch das ist nicht dasselbe wie ein Blu-ray-Player mit der Fähigkeit, UHD-Bildinhalte nativ auszugeben.

Nur Panasonic und Samsung können liefern

Tatsächlich sind nur zwei Hersteller auch zum Europa-Start der neuen 4K-Blu-ray in der Lage, Hardware zu liefern: Panasonic und Samsung. Panasonics DMP-UB900EG wird in Hi-Fi-Fachgeschäften für rund 800 Euro offeriert - mit mangelhafter Lieferbarkeit. Samsungs UBD-K8500 hingegen ist für 500 Euro zwar besser verfügbar, aber auch eher im Fachhandel erhältlich. Obendrein ist die Ausstattung des Samsung-Players nicht vergleichbar mit besseren Blu-ray-Abspielgeräten. Es fehlen Tasten und Displays, die in der Preislage selbstverständlich sein sollten. Und leider wird sich an der schlechten Hardwaresituation erst einmal wenig ändern.

Wie ein Warner-Brothers-Chef vor einiger Zeit bekanntgab, liegt das daran, dass es zu wenige Chips gibt. Gerätehersteller wie Yamaha, Onkyo oder Sony haben keine Chance, selbst Produkte auf den Markt zu bringen, da sie nicht an die Chips kommen oder sie nicht rechtzeitig entwickeln konnten. Und das ist nicht der einzige Hardware-Mangel. Die Presswerke sind nicht in der Lage, ausreichend dreilagige Blu-ray-Discs zur Verfügung zu stellen. Statt 100 GByte stehen den Filmstudios also nur 66 GByte zur Verfügung.

Wenn man bedenkt, dass Sony schon 2013 erste Abspielgeräte auf den Markt brachte, ist das ein mangelhaftes Ergebnis, das drei Jahre nach dem FMP-X1 mit der Blu-ray-Disc abgeliefert wird. Der FMP-X1 war zwar eine Nische innerhalb der 4K-Fernseher-Nische, aber immerhin produktreif als dediziertes Streaminggerät mit Festplatte. Erst im dritten Quartal soll sich das bessern und gerüchteweise wird Sony mit einer Playstation 4K eine selbst entwickelte Lösung präsentieren, wenn auch eine, die wohl sehr verschwenderisch mit Energie umgehen wird. Das erinnert an die ersten Tage der Blu-ray.

Wo ist Sony? Kommt die Playstation 4K vielleicht gerade wegen der 4K-Blu-ray?

Wir erinnern uns: Sony hat seinerzeit der Blu-ray einen enormen Vorteil gegeben, indem es mit der Playstation 3 eine stattliche Anzahl von Blu-ray-Playern in die Haushalte brachte. Zwar war es alles andere als sinnvoll, eine Playstation 3 als Filmabspielgerät zu verwenden, doch den wenigsten dürfte damals bewusst gewesen sein, was für ein Energieverschwender Sonys Konsole beim Decodieren von Videos war. Je nach Playstation-Modell liegt die Leistungsaufnahme beim 15- bis 30fachen dessen, was heutzutage ein Standalone-Player für unter 100 Euro an elektrischer Leistung aufnimmt. Eigentlich ein Wahnsinn.

Und der könnte sich wiederholen. Denn was könnte man machen, solange man keinen Zugriff auf effiziente Decoder-Chips hat? Plausibel wäre die Brute-Force-Methode. Statt eines hochspezialisierten Decoder-Chips verwendet man pure Rechenleistung, um die neuen Datenträger zu decodieren. Auch die ersten Blu-ray-Player waren aus diesem Grund fast PCs. Und Sony hätte die Möglichkeit, genau das umzusetzen, denn die Rechenleistung der Playstation war vergleichsweise hoch und das Design nicht nur weitgehend fertig, sondern auch etabliert. Wie sehr sich dann die Leistungsaufnahme von der eines dedizierten Players unterscheidet, ist die große Frage, denn die erste Generation der Abspielgeräte ist mit über 30 Watt (Panasonic: 26 Watt, Samsung: 34 Watt) auch nicht gerade sparsam im Betrieb.

Playstation 4K statt dediziertem Sony-Ultra-HD-Blu-ray-Player

Eine Playstation 4K, die den aktuellen Gerüchten zufolge sehr wahrscheinlich ist, würde für Sony gleich zwei Probleme lösen: Der frühere Vorzeige-Unterhaltungskonzern hätte endlich den bisher fehlenden Player und einen leichten Weg für die Verbreitung.

Ein paar Anpassungen sind notwendig

Sony könnte also ziemlich schnell der dritte Hardwareanbieter werden, ohne aufwendiges Hardwaredesign vorzunehmen. Ein bisschen besseres HDMI, ein gegebenenfalls schnellerer Prozessor und ein angepasstes Interface müssten ausreichen.

Für den Kunden stellt sich das so dar: Er hat Interesse an einem Blu-ray-Player und vielleicht noch keine Playstation. Nun hätte er beides, und Sony verdient nicht nur an Filmen Geld. Statt 500 Euro in einen Blu-ray-Player zu stecken, der kaum einer Hardwaremittelklasse entspricht, kauft der Kunde einfach eine PS4K und zahlt über die Stromrechnung einen Aufpreis. Denn die Konsole dürfte nur wenig teurer werden als eine reguläre Playstation. Es wäre sogar denkbar, diese irgendwann zur Standard-SKU zu machen und alle anderen abzuverkaufen.

Und so hilft Sony auch der neuen Blu-ray bei der Verbreitung, bis die Hardwareauswahl größer wird. Es wäre zudem ein guter Schachzug: Sony könnte etwas Neues im Konsolenbereich verkünden und so Microsoft und Nintendo ärgern.

Ob es so weit kommt, weiß natürlich nur Sony. Sinnvoll wäre das Vorgehen, aber wir können hier nur spekulieren und uns darüber wundern, dass Sony zum Start des neuen Blu-ray-Formats nur Software hat.

Bei der Software sieht es besser aus

Beim Angebot an Filmen sieht es besser aus als bei der Hardware, die Filme sind recht gut verfügbar. Das liegt sicher auch an dem gestaffelten Start, der vor einigen Wochen in den USA begann und in ein paar Tagen auch Großbritannien und Nordirland erreicht. Andere europäische Länder folgen etwas später. Die Medienhersteller konnten offenbar die Anforderungen an die Verfügbarkeit erfüllen. Denn Stichproben zeigen: Die Filme sind da.

Sie werden in der Regel für Preise um die 30 Euro angeboten, mit einigen Ausreißern in Richtung der 35 Euro und selten auch mal nach unten in Richtung 20 Euro. Zu den Starttiteln gehören beispielsweise San Andreas, Mad Max, Der Marsianer, Kingsman und Pan. Interessanterweise findet sich auch eine Reihe von Dokumentationen. Eines der bereits angekündigten Film-Highlights für die Zukunft ist The Revenant. Der Film soll als Neuheit im Mai als 4K-Blu-ray erscheinen.

Blu-rays mit 4K-Mastering

Doch wie bei der Hardware gibt es auch bei der Software ein 4K-Chaos. Die meisten Filme sind nämlich nur hochskaliertes Material. Ein Blick auf die Datenträger verrät das nicht. Ein Hinweis für den Nutzer ist, wenn das Medium nur 66 GByte fasst: Laut Warner Brothers ist das zu wenig für eine ordentliche 4K-Filmproduktion. Da stellt man sich tatsächlich die Frage, was besser ist: eine Blu-ray hochskaliert über einen vermeintlichen 4K-Player oder vorab hochskaliertes Material, das als 4K-Blu-ray verkauft wird. Außerdem sind Inhalteanbieter auf die wenig sinnvolle Idee gekommen, Blu-rays als "Mastered in 4K" zu veröffentlichen. Der wenig informierte Kunde kann sich zwar einen 4K-Fernseher kaufen, denn da wird in der Regel nicht mit Marketing getrickst, doch was die restliche Infrastruktur angeht, wird er im Stich gelassen.

Insgesamt zeigt sich, dass die Industrievertreter es zwar geschafft haben, die 4K-Ultra-HD halbgar nach langer Wartezeit auf den Markt zu bringen. Doch ein echter Marktstart ist das noch nicht. Der Filmliebhaber und Heimkinofan muss wider Erwarten auf vernünftige Hardware als Hi-Fi-Baustein warten und wenn auf der Plastikhülle 4K steht, heißt das noch lange nicht, dass es sich um einen echten 4K-Film handelt.

Zudem wird der Kunde nicht so recht unterstützt. Einen richtigen Produktstart gibt es nicht. Die Medien landen planlos im Handel, könnte man meinen. Und dass selbst wichtige Marktteilnehmer wie Amazon, Saturn oder Media Markt Probleme mit der Lieferbarkeit der Hardware haben, ist kein gutes Zeichen für den Erfolg eines Mediums.  (ase)


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