Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/zu-besuch-bei-math-42-die-mathematiker-entwicklerbude-1604-120081.html    Veröffentlicht: 01.04.2016 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/120081

Zu Besuch bei Math 42

Die Mathematiker-Entwicklerbude

Erst entwickelte er Schachcomputer, dann Suchalgorithmen. Jetzt hat Thomas Nitsche mit seinen Söhnen und seiner Frau die E-Learning-App Math 42 entwickelt, die mehr als 8 Millionen Euro wert ist. Wir haben sein Startup besucht, das nicht dem Klischee entspricht.

Vor ein paar Tagen verkündete Apple stolz, 1,2 Millionen Arbeitsplätze seien bei Design und Entwicklung von iOS-Apps seit 2008 geschaffen worden. Neun davon sind beim Berliner Startup Cogeon, dem Unternehmen hinter der E-Learning-App Math 42. Sie erklärt Schülern und Studenten Matheformeln Schritt für Schritt und hat weltweit rund 1,8 Millionen Nutzer.

Wer jetzt ein weiteres Klischee-Startup mit Büroräumen im dritten Hinterhof eines Berlin-Mitte-Altbaus erwartet, liegt falsch. Stattdessen: acht Schreibtische in einem großen Büroneubau mit weißen Wänden und grauem Boden in Charlottenburg, ein Konferenztisch mit Fernseher und zwei unscheinbare Sofas - sonst nichts. Keine Tischtennisplatte, keine Getränkekisten voller Club Mate und Bier. Die Alternative: Onlineschach und schwarzer Tee, der per Knopfdruck auf der Smartwatch gebrüht wird.

Spätestens jetzt wird klar: Das ist kein klassisches Startup. Und das weiß auch Thomas Nitsche, einer der vier Gründer: "Wir sind für ein Startup ein wenig komisch. Wir sind eher eine klassische Entwicklerbude, was besonders für die Berliner Szene ungewöhnlich ist."

Ungewöhnlich ist auch der Werdegang des jungen Unternehmens: Im Jahr 2010 hatte Maxim Nitsche, Thomas Nitsches Sohn, die Idee zu Math 42. Er hat mitbekommen, wie seine Mitschüler mit den Erklärungen der Lehrer nicht viel anfangen konnten und auch Mathebücher waren den schwächeren Schülern keine Hilfe. Seinen Bruder Raphael hatte er schnell von der Idee überzeugt. Der Vater war aber noch skeptisch: "Da musste ich richtig überzeugt werden: Ich habe weder einen Markt dafür gesehen noch hat mich die Idee so richtig überzeugt." Kurzerhand arbeiteten seine Söhne deswegen einen detaillierten Businessplan aus, mit genauer Analyse des potenziellen Markts: Immerhin wird in Deutschland fast eine Milliarde Euro für Nachhilfe jährlich ausgegeben - überwiegend in Mathematik. Spätestens diese Zahl überzeugte dann auch Thomas Nitsche: Mit der App können wir einen Nerv treffen.

Begeisterung für Zahlen liegt in der Familie

Zusammen mit seiner Frau Oxana beschloss Thomas Nitsche, die Vision seiner Söhne umzusetzen, und gründete das Startup Cogeon - der Start von Math 42. Für Zahlen haben sich alle in der Familie schon immer begeistert: Thomas Nitsche studierte Mathematik und Spieltheorie und entwickelte später mit Elmar Henne den berühmten Schachcomputer Mephisto I. Und auch seine beiden Söhne begannen zumindest das Mathematik-Studium, Raphael bereits während der Schulzeit.

Diese Faszination für die Mathematik setzen die Gründer in ihrer App um: Ein Algorithmus zerlegt die Gleichung in ihre Bestandteile und löst sie Schritt für Schritt - mit schriftlichen Erklärungen, wie gerade vorgegangen wird. "Dabei kommt keine Schablone zum Einsatz, die erkennt: 'Ah, das ist eine quadratische Gleichung' und die Aufgabe dementsprechend löst", erklärt Thomas Nitsche.

Die Klett-Familie investiert

"Das ist keine tiefe AI, da müssen wir bescheiden sein", fügt er noch hinzu. "Aber in Grundzügen entspricht sie moderner künstlicher Intelligenz und darauf sind wir stolz. Wichtig ist, dass beim Lösen keine Schleifen - kein Ping-Pong-Effekt - entstehen. Jeder Schritt soll einen näher an die Lösung bringen."

Heute ist das User Interface auf das Minimale reduziert, um die wesentlichen Features der App hervorzuheben. "Die ersten Scribbles sahen noch ganz anders aus, zum Glück hat sich das zum Positiven geändert, nachdem wir Markus Sähn eingestellt haben", erzählt Thomas Nitsche. "Bevor Markus das UI überarbeitet hat, sah die App aus, nun ja, wie von einem Mathematiker entwickelt", sagt sein Sohn Raphael.

Bis zum offiziellen Launch der App vergingen drei Jahre. 2013 startete sie im iOS Store und wurde noch im selben Jahr von Apple im Rahmen der "Das Beste aus 2013"-App-Sammlung ausgezeichnet. "Die Finanzierung haben wir aus unseren Ersparnissen gewährleisten können, irgendwie hat's halbwegs geklappt. Dazu mussten wir aber auch sparsam wirtschaften und haben lange von unserem Wohnzimmer aus gearbeitet."

"Irgendwann kam aber der Punkt, an dem wir uns sagten: Wir sollten uns um eine Finanzierung kümmern. Damit begannen wir Ende 2014, im Sommer 2015 wurde es konkreter. Wir haben rund viereinhalb Monate mit einem großen Venture-Capital-Kapitalgeber verhandelt - das war brutal - und hatten auch fast schon unterschrieben", sagt Thomas Nitsche.

Er ist, was Investoren betrifft, aber sehr vorsichtig geworden, denn Cogeon ist nicht sein erstes Startup: Im Jahr 2006 gründete er Proximic, dessen Kerntechnologie das von Nitsche entwickelte musterbasierte Suchverfahren Pattern Proximity ist. Nach dem Einstieg der Investoren Holtzbrinck Ventures und Wellington Partners hatte Nitsche immer weniger Mitspracherecht, was ihn letztendlich dazu brachte, das Unternehmen zu verlassen.

"Wir haben eine klare Vorstellung und lassen uns nur ungern reinreden"

Gegen Ende der Verhandlungen mit dem großen VC wurde Nitsche aber klar, dass auch dieser Investor bei Cogeon versuchte, sehr viel Mitspracherecht zu bekommen, so dass letztendlich die Verhandlungen scheiterten. "Wir sind nicht unbedingt beratungsresistent - das wäre etwas hart gesagt. Wir haben aber eine konkrete Vorstellung von unserem Produkt und was wir machen wollen und da lassen wir uns nur ungern reinreden", sagt Thomas Nitsche.

Auf der Suche nach Investoren versuchte es das Startup auch bei der Vox-Fernseh-Sendung Die Höhle der Löwen. "Wir haben uns davon nicht wirklich versprochen, einen Investor zu finden. Aber wann bekommt ein Startup wie wir fast 15 Minuten Eigenwerbung in der Primetime? Alleine um bekannter zu werden, haben wir dort teilgenommen. Und es hat sich gelohnt: Wir hatten plötzlich 250.000 Downloads in einer Woche", erzählt Maxim Nitsche.

"Parallel hatten wir mit der Klett-Familie zu tun, die letztendlich auch in uns investiert hat. Interessanterweise nicht über den Klett-Verlag, sondern aus der privaten Tasche", erzählt er. "Die Schulbuchverlage leben noch auf einer Insel und ruhen sich auf ihren alten Geschäftsmodellen aus und trauen sich wenig." Über 500.000 Euro hat die Klett-Familie laut Medienberichten letztendlich für einen Anteil von 6,25 Prozent im Dezember 2015 investiert, damit hat Math 42 einen Wert von über 8 Millionen Euro.

Und dann kam ein Shitstorm

Zu diesem Zeitpunkt hatte die App bereits 1,8 Millionen App-Store-Downloads, war weltweit expandiert und auf deutsch, englisch, französisch, spanisch, russisch und chinesisch verfügbar. Auch ein Abosystem wurde eingeführt, bei dem Nutzer für weitere Funktionen einen monatlichen Betrag zahlen mussten.

In Deutschland führte das zu einem riesigen Shitstorm. "Nirgendwo ist die Zahlungsmoral so schlecht wie in Deutschland, das ist total gaga. Wir haben ganz offen kommuniziert: Alle Features der kostenlosen Variante unserer App bleiben auch kostenfrei, nur für weitere Features wird das Abo benötigt. Und trotzdem haben wir im Appstore einen Riesenshitstorm abbekommen. Im Jahr kostet das Abo 12 Euro, da zahlt man für eine Nachhilfestunde mehr", sagt Thomas Nitsche.

In anderen Ländern dagegen wurde das Abo positiv aufgenommen. "In den USA und vor allem in Asien ist die Bereitschaft größer, für E-Learning-Angebote zu zahlen. Da ist es normal, auch mal 10 oder 20 US-Dollar für ein einstündiges Tutor-Video zu bezahlen." Generell sei die Conversion Rate in diesen Ländern zwei- bis dreimal so hoch wie in Deutschland, einzig in Russland wird das Bezahlangebot ähnlich oft wie in Deutschland angenommen.

Swift ändert vieles

In Zukunft wird sich aber noch vieles an Math 42 ändern: Eine Dienstleistung für B2B-Kunden soll hinzukommen. Dieser Prozess begann mit dem Umschreiben der App von Objective-C in Apples neue Programmiersprache Swift.

"Wir saßen während der Swift-Präsentation auf der WWDC 2014 gespannt im Wohnzimmer und waren einfach begeistert: Endlich kommt Objective-C weg", erzählt Thomas Nitsche. "Objective-C fand ich immer ziemlich ungenießbar. Ich dachte immer: Scheiße, das wird sich niemals ändern. Ich dachte, da sitzt bei Apple diese Betonfraktion, die sich nicht umstimmen lässt und wir werden ewig das blöde Objective-C verwenden müssen."

"Swift ist an vielen Stellen für uns signifikant interessanter als alles, was es vorher gab. Genannt seien da die Optionals, das klare Konzept, wie mit Listen und Arrays umgegangen werden soll. Die Memory Allocation ist auch ein aus unserer Sicht gut umgesetzter Punkt", erklärt noch Markus Sähn, der letztendlich die App umgeschrieben hat.

"Wir haben uns gesagt: Math 42 schreiben wir um", sagte Nitsche. Ein Jahr hat Sohn Raphael dafür gebraucht, die über 80.000 Zeilen Code neu zu schreiben. Mit der Offenlegung des Swift-Quellcodes war dem Startup eine Portierung der App auf Linux ohne viel Aufwand gelungen: "Markus hat innerhalb von einer Woche geschafft, Math 42 auf Linux zum Laufen zu bringen. Darüber waren sogar die Apple-Mitarbeiter erstaunt."

An Swift ist aber noch längst nicht alles gut, findet Nitsche: "Die Integration in XCode ist nicht so optimal gelöst. Es fehlt immer noch ein Refactor und erst recht ein ordentliche Debugger. Das ist oftmals einfach nur nervig. Ein Pretty Printer könnte ruhig auch noch integriert werden. Ich hätte gerne, dass ein Code auf Knopfdruck aussieht, wie man ihn haben möchte." Besonders anfangs gab es aber häufiger Probleme: "Die Performance der Entwicklungsumgebung ist besonders nach ein paar Tausend Codes nicht immer ideal. Da gibt es sicher noch Luft nach oben zum Optimieren."

"80.000 Codezeilen und flott wie nie"

Vor allem ist Nitsche aber über eines glücklich: die App-Performance. Über 80.000 Codezeilen habe zum jetzigen Zeitpunkt die App und sie sei so flott wie nie. Die Algorithmen zerlegen und lösen auch kompliziertere Gleichungen in wenigen Hundertstelsekunden. "Als die App noch mit Objective-C geschrieben war, ging das nicht ganz so flott", sagte Markus Sähn.

An Portierungen auf andere Plattformen wird gerade gearbeitet. "Mir gefällt nicht, wie Google mit gesammelten Daten umgeht, alles, was ich erstelle, gehört irgendwie denen. So wirklich kommen wir an Android als Plattform aber auch nicht vorbei, immerhin ist das ein riesiger Markt, den wir bisher nicht für uns erschlossen haben", erklärt Thomas Nitsche. Dies sei auch der Grund, warum eine Portierung erst so spät erfolge.

Jetzt kommen die B2B-Kunden

Kurz vor Veröffentlichung steht dagegen bereits die Web-App und damit auch die Plattform für B2B-Kunden: Besonders Schulbuchverlage sollen mit dem neuen Dienst ihre digitalisierten Mathebücher und -Apps erweitern können. Formeln in Büchern können einfach mit der Math-42-Web-App verlinkt werden, so dass Schüler die Gleichungen detailliert zerlegt noch einmal erklärt bekommen können, ohne selbst ein Math-42-Abo zu benötigen.

Aktuell befindet sich diese Lösung allerdings noch in der Beta, erste Schulbuchverlage - besonders in den USA - zeigen aber bereits Interesse. Und weitere E-Learning-Lösungen sollen noch folgen, vielleicht schon in diesem Jahr. Genügend Ideen hat die Nitsche-Familie auf jeden Fall.  (sw)


Verwandte Artikel:
Bundeshack: Hack auf Bundesregierung erfolgte über Lernplattform Ilias   
(08.03.2018, https://glm.io/133227 )
Siri: Apple wird wegen Patentverletzung verklagt   
(11.03.2018, https://glm.io/133268 )
Fortnite: Battle Royale auf der Playstation 4 gegen das iPhone   
(09.03.2018, https://glm.io/133246 )
Apple: Swift 4 erleichtert Umgang mit Strings und Collections   
(20.09.2017, https://glm.io/130158 )
Spieleentwicklung: Klett-Verlag kauft 40 Prozent der Games Academy   
(19.07.2012, https://glm.io/93306 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/