Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/odroid-c2-und-lemaker-guitar-im-test-konkurrenz-fuer-den-raspberry-pi-3-1603-120001.html    Veröffentlicht: 29.03.2016 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/120001

Odroid C2 und Lemaker Guitar im Test

Konkurrenz für den Raspberry Pi 3

Die Bastelrechner Lemaker Guitar und Odroid C2 wurden in Konkurrenz zum Raspberry Pi 2 entwickelt. Im Test erweisen sie sich sogar als ernstzunehmende Konkurrenten für dessen Nachfolger.

Die Bastelrechner der Serie Odroid sind vor allem für Leistung und den ernsthaften Support bekannt, um den sich der Hersteller Hardkernel bemüht. Mit dem Odroid C2 schlägt Hardkernel eine neue Richtung ein: Er soll kein neuer Superrechner sein, sondern in die Preisklasse des Raspberry Pi fallen. Das gilt auch für den Lemaker Guitar: Statt auf mehr Gigahertz pro Euro setzt der Hersteller Lemaker darauf, die verbaute Hardware tatsächlich auch sinnvoll nutzbar zu machen - was er beim Banana Pi seinerzeit nicht geschafft hat. Im Test zeigt sich, dass beide Rechner ernstzunehmende Konkurrenten für das Raspberry Pi 3 sind. Und spätestens damit dürfte ein 64-Bit-Linux für den Raspberry Pi nötig werden.

Lemakers Neuanfang

Lemaker war lange Zeit als Hersteller verschiedener Banana-Pi-Varianten bekannt. Nach einem recht undurchsichtigen Rechtsstreit 2015 mit dem Hersteller Sinovoip hat sich Lemaker von der Banana-Pi-Marke gelöst und begonnen, eigene Designs zu entwickeln. Der Lemaker Guitar war das erste Ergebnis dieser Entwicklung, er erschien Ende vergangenen Jahres. Mit dem Bastelrechner will es Lemaker vor allem softwareseitig besser machen als beim Banana Pi.

Der Lemaker Guitar ist ein Rechenmodul, das den Prozessor - Actions S500, mit vier ARM-Cortex-A9-Kernen, 1,3 GHz -, den RAM von 1 oder 2 GByte je nach Variante und einen 8 GByte großen eMMC-Flash-Speicher beinhaltet. Für die Peripherie und weitere Anschlüsse muss das Modul auf ein Baseboard gesteckt werden.

Auf dem Baseboard befinden sich zwei USB-2.0-Ports und ein Mikro-B-USB-3.0-Port, beide Anschlussarten können aber nicht gleichzeitig genutzt werden. Videosignale werden per HDMI ausgegeben, Audio gleichfalls per HDMI oder Klinkenstecker. Anschluss ans Netz findet der Rechner per 10/100-Ethernet oder WLAN(802.11 b/g/n). Weitere drahtlose Techniken sind Bluetooth und Infrarot. Für den Massenspeicher kann ein Micro-SD-Slot genutzt werden. Für Bastler gibt es eine GPIO-Leiste mit 40 Pins, die mit dem Raspberry Pi kompatibel ist, und zwei ADC-Eingänge. Die Stromversorgung erfolgt über einen Hohlstecker, das Netzteil muss zwischen 7 und 12 Volt bereitstellen.

Das Baseboard ist fast doppelt so groß wie ein Raspberry Pi, was sich durchaus positiv in der Handhabung auswirkt, bei Bastelprojekten allerdings stören kann.

Start mit Hindernis beim Lemaker Guitar

Im Flash-Speicher des Lemaker Guitar ist bereits Android vorinstalliert, wir aber wollen Linux nutzen. Wie gewohnt bespielen wir dafür zuerst eine Micro-SD-Karte. Lemaker bietet eine überschaubare Anzahl an Betriebssystem-Varianten. Wir entscheiden uns für seine eigene Linux-Distribution Lemuntu. Die Micro-SD-Karte schieben wir ein und versorgen den Guitar mit Strom. Er startet - aber das Erste, was wir sehen, sind Grafikfehler.

Bei der Fehlersuche finden wir einen Hinweis im Lemaker-Forum, dass der Bootloader auf dem Flash-Speicher kompatibel zum Betriebssystem auf der SD-Karte sein muss. Die Variante im Flash-Speicher ist anscheinend zu alt. Wir entscheiden uns deshalb, Lemuntu direkt auf dem Flash-Speicher zu installieren. Dazu gibt es ein proprietäres Flash-Werkzeug für Windows und Linux. Zehn Minuten später startet Lemuntu ohne Probleme.

Die Dokumentation wächst

Dieses kleine Problem bleibt aber unser einziges negatives Erlebnis. Details zur Konfiguration und Verwendung des Lemaker Guitar finden sich in einem 70-seitigen Handbuch wie auch im Wiki. Darin ist unter anderem beschrieben, wie die Grafikbeschleunigung für den PowerVR-Grafikprozessor heruntergeladen und installiert werden kann. Außerdem erfahren wir so, wie wir tatsächlich die volle CPU-Geschwindigkeit aktivieren können; das werden wir später beim Benchmark im dritten Teil des Artikels nutzen.

Das WLAN wie auch das integrierte Mikrofon können wir ohne Probleme nutzen. Für den Einsatz als Mediencenter spielen wir die LeMedia-Distribution auf eine Mikro-SD-Karte, eine OpenELEC-Variante für den Guitar. Sie startet ohne Probleme, und über HDMI-CEC steuern wir den Guitar mit der TV-Fernbedienung. Lediglich der Ein- und Ausschalter am Board bleibt leider unter beiden Distributionen wirkungslos.

Odroid C2: das kleine Schwarze

Soll der Lemaker Guitar eine breite Spanne potenzieller Anwendungsfälle mit bewährter Technik bedienen, setzt Odroid beim C2 auf einen aktuellen Prozessor mit einem ARM-Cortex-A53-Prozessor, auf dem auch ein 64-Bit-Linux-Kernel läuft. Dem Amlogic-S905-Prozessor mit seinen vier Kernen stehen 2 GByte RAM zur Verfügung. Ansonsten entspricht die Ausstattung im Wesentlichen der des Raspberry Pi 2, der C2 hat zum Beispiel wie der Pi2 vier USB-2.0-Ports. So muss der Nutzer aber auf WLAN und Bluetooth verzichten. Dafür gibt es einen 100/1000-Ethernet-Anschluss.

Das Board unterscheidet sich zwar nicht in der Größe vom Raspberry Pi, optisch aber durch die schwarze Platine und einen großen Kühlkörper, der gut ein Drittel der Frontseite abdeckt. Ungewöhnlich ist auch der Mikro-SD-Karten-Slot, der eigentlich kein Slot ist, sondern nur eine kleine Buchse auf der Rückseite. Das wirkt zwar etwas abenteuerlich, während des Tests hatten wir aber keine Probleme: Die Karte wurde sicher gehalten. Optional kann der C2 auch mit einem eMMC-Flash-Modul ausgerüstet werden. Die GPIO-Leiste mit 40 Pins ist nicht vollständig kompatibel zum Raspberry Pi, allerdings aus einem guten Grund: Es werden ADC-Eingänge bereitgestellt. Die Stromversorgung wird entweder per Mikro-USB-Anschluss oder durch einen bemerkenswert kleinen Hohlstecker hergestellt.

Softwaresupport ist ausbaufähig

Derzeit bietet Odroid nur Android und eine Ubuntu-Distribution für den Odroid C2 an. Schwierigkeiten hatten wir mit der Ubuntu-Distribution nicht. Allerdings spricht Hardkernel selbst eine Reihe von Problemen an, so fehlt derzeit die Grafikunterstützung unter Linux und noch nicht jede Software harmoniert mit dem Aarch64-Kernel für 64-Bit-Prozessoren. Grafikunterstützung soll ab April oder Mai angeboten werden, damit einhergehen soll der Sprung auf einen 4.x-Linux-Kernel. Die erforderlichen Arbeiten sollen auch direkt in den Mainline-Zweig einfließen und keine Insellösung darstellen. Unter diesen Vorzeichen ist es auch wenig überraschend, dass die angepriesene 4K-Auflösung und die Videodecodierung von H.265 derzeit nur unter Android zur Verfügung stehen. Kodi lässt sich zwar auf dem Odroid starten, ist aber unbenutzbar.

Der Cortex-A53 gewinnt wieder

Die Performance des Odroid C2 und des Lemaker Guitar haben wir mit Sysbench und Unixbench getestet.

Sieger ist beim Leistungstest eindeutig der Odroid C2. Bereits bei dem Test der Bastelrechner mit acht Kernen waren wir von der Performance der Aarch64-Linux-Architektur auf ARMs Cortex-A53-Prozessoren beeindruckt. Der Odroid übertrifft hier selbst den achtkernigen Lemaker Hikey. Der große Kühlkörper leistet dabei gute Arbeit, der Prozessor wird im Test nicht mehr als 40 Grad Celsius warm. Auf einen aktiven Lüfter wie beim größeren Modell der Serie, dem Odroid X4, kann der C2 verzichten.

Der Lemaker Guitar hat nur einen marginalen Vorsprung beim CPU-Test von Sysbench, und er unterliegt beim Unixbench dem Raspberry Pi. In der Praxis ist bei Desktopanwendungen aber kein Unterschied spürbar. Hier macht sich die Geschwindigkeit des eMMC-Speichers gegenüber einer SD-Karte bemerkbar. Damit der Guitar aber auf die obigen Benchmark-Werte kommt, muss er explizit auf 1,3 GHz getaktet werden, wie im Handbuch beschrieben. Allerdings wird der Rechner im Test dann auch bis zu 68 Grad Celsius warm, läuft dabei aber stabil. Wird er in ein Gehäuse gepackt, könnte es aber mit 1,3 GHz zu Problemen kommen.

Beim Strombedarf unterscheiden sich die beiden Rechner ebenfalls. Der Odroid C2 benötigt bei 5 Volt 660 mAmpere unter Hochlast, der Lemaker Guitar genehmigt sich bei 9 Volt 670 mAmpere. Allerdings muss der Guitar unter anderem auch das WLAN versorgen.

Bei der Netzwerkgeschwindigkeit schlagen sich beide Rechner ordentlich. Zum Test haben wir Iperf benutzt. Das Odroid C2 erreicht mit seinem Gigabit-Anschluss 939 MBits/s, der Lemaker Guitar kommt mit seinem 100-Ethernet-Anschluss nur auf 79,5 MBits/s. Beim WLAN schlägt der Guitar hingegen mit 48,7 MBits/s den Raspberry Pi 3 (45 MBits/s).

Verfügbarkeit und Fazit

Der Lemaker Guitar, Modul und Baseboard, wird in Deutschland von Allnet zum Preis ab rund 40 Euro vertrieben. Den Ordroid C2 gibt es für etwa 50 Euro bei Pollin.

Fazit

Vor die Wahl gestellt, würden wir uns derzeit für den Lemaker Guitar entscheiden, aufgrund der Softwareunterstützung der Dokumentation und trotz des Leistungsvorsprungs des Odroid. Wobei der Vergleich auch ein wenig unfair ist, der Lemaker Guitar ist bereits einige Monate verfügbar, während der Odroid C2 gerade erschienen ist. Das Guitar-Board steht dabei hoffentlich für einen Trend vergleichsweiser etablierter Hersteller in diesem Segment, nicht mehr den billigsten Preis herauszuschlagen, sondern die Softwarepflege miteinzupreisen. Das war bislang die Stärke des Raspberry Pi.

Lemaker hat es allerdings geschafft, in der Zeit ein funktionierendes Komplettpaket aus Hardware und Software zustande zu bringen. Damit gibt es wohl nach langer Zeit wieder einen ernsthaften Raspberry-Pi-Konkurrenten, der nicht nur bei der Hardware punkten kann und soll. Sehr gut gefällt uns vor allem der eMMC-Speicher. Wer darin zum Beispiel die LeMedia-Distribution installiert, bekommt ein Mediencenter, bei dem der Micro-SD-Karten-Slot als reiner Datenspeicher genutzt werden kann. Was uns zur Anfängerfreundlichkeit noch fehlt, ist ein Programm wie Raspi-Config, um die dokumentierten Konfigurationseinstellungen einfacher durchführen zu können. Wer sich auf die Kommandozeile traut, bekommt aber einen praktischen Allzweck-Bastelrechner.

Der Odroid C2 ist hingegen derzeit eher noch etwas für experimentierfreudige Anwender. Der Hersteller Odroid hat an zwei Fronten zu kämpfen: Die breite Adoption der 64-Bit-Archtitektur beginnt gerade erst, und dann ist da noch der fehlende Grafiksupport der Mali-GPU im Prozessor. Interessant ist er vor allem für jene, die in die 64-Bit-Welt einsteigen wollen und die Gewissheit haben möchten, dass der Hersteller tatsächlich bereit und fähig ist, die notwendigen Linux-Arbeiten zu stemmen, und seine Hoffnungen nicht komplett auf die Community setzt. Bis April oder Mai zu warten, wenn Hardkernel seine Arbeiten erstmalig präsentieren will, kann aber nicht schaden.

Nicht nur im Hinblick auf den Odroid C2, sondern auch mit unseren Erfahrungen mit dem früher getesteten Lemaker Hikey stellt sich uns nunmehr ernsthaft die Frage, wie viel Reserven eigentlich noch im Raspberry Pi 3 stecken. Dessen neuer Broadcom-Prozessor hat ebenfalls Cortex-A53-Kerne, die aber derzeit noch mit der alten Aarch32-Architektur bespielt werden und dessen Befehlssatz längst nicht ausnutzen.  (am)


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