Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/volksverschluesselung-das-seltsame-open-source-verstaendnis-des-fraunhofer-sit-1603-119973.html    Veröffentlicht: 24.03.2016 13:32    Kurz-URL: https://glm.io/119973

Volksverschlüsselung

Das seltsame Open-Source-Verständnis des Fraunhofer SIT

Die vom Fraunhofer SIT initiierte sogenannte Volksverschlüsselung soll Open Source werden, sagt das Institut. Wir haben nach Details zur Offenlegung des Codes gefragt und verblüffende Antworten erhalten.

Mit dem Projekt Volksverschlüsselung plant das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) gemeinsam mit der Deutschen Telekom einen Dienst, der die Verschlüsselung von E-Mails sowie den Schlüsselaustausch möglichst einfach nutzbar machen soll. Laut den FAQ soll der Code des Dienstes explizit "Open Source" werden, doch die wenig aussagekräftige Erklärung lässt viel Raum für Bedenken. Deshalb haben wir beim SIT nachgefragt - und sind über die Antworten sehr überrascht.

Lizenz noch vollständig unbekannt

Auf der Seite zur Volksverschlüsselung heißt es: "Wir wollen allen Interessierten freie Einsicht in den Source Code ermöglichen. So können sich auch Experten selbst davon überzeugen, dass keine Hintertüren (Backdoors) in der Software existieren." Diese Beschreibung erinnert mehr an den von Microsoft geprägten Begriff Shared Source als an die tatsächliche Open-Source-Definition durch die Open Source Initiative (OSI), die auf eine weitreichende Verfügbarkeit des Quellcodes abzielt.

In einer E-Mail erklärt das SIT darüber hinaus: "Es gibt noch keine Entscheidung zur genauen Lizenzart." Da die Volksverschlüsselung bereits seit mehr als einem Jahr in Entwicklung ist und damit beworben wird, künftig als Open Source zur Verfügung zu stehen, wirkt dies eher irritierend.

Zwar sind derartige, langfristige Ankündigungen vor allem von Unternehmen durchaus üblich. Doch wird recht schnell klar, warum sich das SIT noch nicht für eine konkrete Lizenz entschieden hat. Offenbar will das Institut eine sehr weitgehende Kontrolle über den Code behalten, was dem Open-Source-Verständnis des OSI, wenn überhaupt, nur sehr bedingt entsprechen dürfte.

Denn das SIT schreibt: "Als Institut, das den Mechanismen des Marktes unterliegt, können wir nicht Ergebnisse, deren Finanzierung eine beträchtliche Zahl von Personenmonaten erforderte, in Form einer sehr freizügigen Lizenz zur Verfügung stellen. Es ist uns wichtig, dass die Rechte an der Volksverschlüsselungs-Software allein bei uns liegen." Ob damit überhaupt eine Weiterverbreitung des Codes - eines der Grundprinzipien von Open Source - erlaubt sein wird, bleibt also noch völlig offen.

Ein Repo ohne Beiträge von außen



Immerhin möchte das SIT eigenen Aussagen zufolge den Code zur Volksverschlüsselung auf Github veröffentlichen. Zumindest theoretisch sollte das eine Kooperation des SIT mit externen Entwicklern und Freiwilligen eigentlich vereinfachen. Doch an einer aktiven Zusammenarbeit mit anderen scheint das Fraunhofer-Institut kein Interesse zu haben.

So behauptet das SIT, der Anspruch, sämtliche Rechte an der Volksverschlüsselungs-Software zu halten, ginge verloren, "öffneten wir das Repository für beliebige Beiträge". Mit den in der Open-Source-Welt weit verbreiteten sogenannten Contributor License Agreements (CLA) gibt es zwar Lizenzverträge, die genau das verhindern, doch das SIT möchte nicht auf diese zurückgreifen.

Erklärt wird diese Position vom SIT wie folgt: "Rechtliche Klauseln, die dies abänderten, sind aus einer Perspektive der Fairness bedenklich und bringen auch sonst Probleme mit sich." Weiter erläutert wird diese Haltung jedoch nicht.

Unnötige Verzögerungen bei Sicherheitslücken

Falls das SIT bei diesen Ausführungen bleibt und sie künftig auch in die Tat umsetzt, könnte eine geradezu absurde Situation entstehen. Findet zum Beispiel ein externer Sicherheitsforscher einen schwerwiegenden Fehler in dem Code und stellt einen Patch bereit, der das Problem löst, kann das SIT diesen Patch nicht einfach übernehmen.

Vielmehr müssten die Entwickler des SIT den Patch nachbauen - und zwar ohne die Urheberrechte des externen Forschers zu verletzen. Zwar sind Ideen und theoretisch beschriebene Algorithmen nach deutschem Recht nicht schutzfähig, die konkrete Implementierung aber sehr wohl. Je nach Komplexität des Patches könnte dies für das SIT weitreichende Schwierigkeiten verursachen.

Letztlich wird durch eine derartige Geisteshaltung aber nur das schnelle Beheben von Sicherheitslücken unnötig verzögert, was die Nutzer des Dienstes gefährden könnte.

Nachtrag vom 29. März 2016, 11:35 Uhr

Das Fraunhofer SIT teilt mit, dass die Software nicht der Open-Source-Definition der OSI entspreche, und betont, dass diese Definition auch "nicht unumstritten" sei. "Da unsere Lizenzbedingungen noch nicht feststehen, ist es für uns allerdings derzeit nicht möglich, einen anderen Begriff zu wählen. Wir wissen aber schon jetzt, dass unsere Absichten nicht dem Begriff der Shared Source entsprechen", heißt es weiter. Anders als Microsoft möchte das SIT also nicht nur Regierungen oder Geschäftspartnern, sondern allen Interessierten freie Einsicht in den Quellcode der Software gestatten.

Ebenso sollen Beiträge von externen Entwicklern aufgenommen werden können. Das SIT sagt dazu: "Gerne möchte wir auch Änderungen der Community einbeziehen, können aber derzeit noch nicht sagen, in welcher Form das möglich sein wird. Das heißt aber nicht, dass wir Contributor License Agreements ablehnen. Nur stehen die konkreten Bedingungen noch nicht fest".

"Um Missverständnissen entgegenzuwirken", hat das SIT seine FAQ zu der Volksverschlüsselung angepasst.  (sg)


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