Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/daenisches-smartphone-im-hands-on-eins-ausgewischt-1603-119856.html    Veröffentlicht: 21.03.2016 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/119856

Dänisches Smartphone im Hands on

Eins ausgewischt

Die Lösung ist da, aber das Problem fehlt: Mit einem neuen Bedienungskonzept will eine dänische Firma die Eindaumenbedienung aufs Smartphone bringen. Aber die kann man viel einfacher haben.

Ausgerechnet ein kleiner dänischer Smartphone-Hersteller will die Lösung dafür gefunden haben, wie sich auch Smartphones mit großem Display noch gut mit einer Hand bedienen lassen. Das Ergebnis ist ein Android-Smartphone mit einem sehr speziellen Startbildschirm: das Id1 von Id2me. Beim Ausprobieren haben sich uns die Vorteile des Systems aber nicht offenbart.

Auffällig ist, dass das Id1 keinen der üblichen Startbildschirme hat. Es gibt keine App-Leiste am unteren Bildrand und auch keinen normalen Android-Desktop, auf dem Apps und Widgets abgelegt werden können. Für das Daumenbedienungskonzept wird das Display gedanklich in zwei Sektoren aufgeteilt: Der untere Bereich dient ausschließlich der Steuerung des oberen Bereichs und hat damit eine ähnliche Funktion wie ein Touchpad.

Im oberen Bereich befinden sich mehrere Kreise, in denen jeweils bis zu zwölf Apps liegen können. Der Hersteller empfiehlt, dass ein Kreis für eine Kategorie steht und die passenden Apps enthält. Der Nutzer kann weitere Kreise anlegen und auch festlegen, mit welchen Apps sie bestückt sind. Mit einem seitlichen Wisch wechselt er Schritt für Schritt zwischen den Kreisen. Es ist nicht möglich, gezielt einen bestimmten Kreis anzuspringen. Bei entsprechend vielen Kreisen dauert es, bis der richtige gefunden ist. Auf einem herkömmlichen Android-Startbildschirm ist das besser gelöst, hier lassen sich von der Funktion vergleichbare Ordner direkt öffnen.

Verwirrende Steuerung

Wenn der gewünschte Kreis aktiv ist, navigiert der Nutzer darin, indem er im unteren Displaybereich von unten nach oben wischt. Es sind also keine Kreisbewegungen notwendig, wie es die Darstellung im oberen Bildschirmbereich suggeriert. Spätestens damit wird es für den Anwender verwirrend. Außerdem kann es vorkommen, dass der untere Bereich schlicht zu klein ist und der Anwender sich virtuell weiter im Kreis drehen möchte, der Displayrand aber bereits erreicht ist - das stört bei der Bedienung.

Eine App wird aufgerufen, indem der Nutzer das Display loslässt, wenn das betreffende App-Icon markiert ist. Standardmäßig geschieht der App-Start nach etwas mehr als einer halben Sekunde. Maximal kann die Wartezeit auf knapp 1,5 Sekunden eingestellt werden.

Keine Widget-Unterstützung

Wenn der Nutzer für nur eine Sekunde den Finger vom Bildschirm nimmt, ohne dass eine App ausgewählt ist, passiert ebenfalls etwas: Dann blendet sich ein Infobildschirm ein und überdeckt die App-Kreise. Der Zeitabstand kann in den Einstellungen auf 1,8 Sekunden verlängert werden. Das ist immer noch zu kurz, wir fühlen wir uns dadurch unter Zeitdruck gesetzt.

Der Id1-Startbildschirm ermöglicht nur vergleichsweise wenige Anpassungen. In den Einstellungen kann die Empfindlichkeit für die Wischgesten verändert werden. Wir empfanden dabei einen niedrigeren Wert prinzipiell angenehmer, aber konnten uns auch dann nicht so recht damit anfreunden.

App-Kreise mit falschen Angaben

Leider plagte uns beim Ausprobieren ein sehr lästiger Fehler: Immer wieder kam es vor, dass der App-Kreis falsche Informationen zeigte. Der Kreis listete Apps aus einem anderen Kreis, zeigte diese aber nicht an. Eine vernünftige Bedienung wird dadurch zusätzlich erschwert.

Wer sich an die App-Kreise partout nicht gewöhnen mag, hat die Möglichkeit, durch einen Wisch von links in das Display eine Liste mit allen Apps aufzurufen. Diese lässt sich dann aber nicht mehr bequem mit dem Daumen bedienen, weil sie den gesamten Bildschirm ausnutzt. Bei der Liste handelt sich um eine Übersicht über alle installierten Apps ohne eine Möglichkeit der manuellen Rubrizierung oder Sortierung. Die Apps sind strikt nach Alphabet angeordnet.

Id1 läuft mit Android 5.1

Das Id1-Konzept bringt einen grundlegenden Nachteil gegenüber den meisten anderen Android-Smartphones auf dem Markt: Es unterstützt generell keine Widgets, weil es eben keinen klassischen Startbildschirm gibt. Wer also bisher intensiv Android-Widgets genutzt hat, wird sich nur schwer mit dem Dänen anfreunden können.

Obwohl Id2me eigentlich nur einen anderen App-Startbildschirm für das Id1 entwickelt hat, gibt der Hersteller an, dass das Smartphone mit einem eigenen Betriebssystem laufe. Tatsächlich läuft darauf ein normales Android 5.1 mit vorinstallierten Google-Diensten. Wer mag, kann sich auch einen beliebigen anderen Startbildschirm auf dem Gerät installieren.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Id1 hat einen 5 Zoll großen Touchscreen mit einer Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln. Inhalte erscheinen entsprechend scharf auf dem Display, aber besonders hell ist es nicht. Die maximale Helligkeit ist bei Tageslicht ausreichend, unter Sonnenlicht ist dann kaum noch etwas zu erkennen. Für Foto- und Videoaufnahmen gibt es eine 13-Megapixel-Kamera, deren Sensor von Sony stammt. Die geschossenen Fotos hinterlassen einen passablen Eindruck. Auf der Vorderseite ist für Selbstporträts und Videotelefonate eine 5-Megapixel-Kamera verbaut.

Das Smartphone läuft mit Mediateks Octa-Core-Prozessor MT6752 mit bis zu 1,7 GHz, hat 2 GByte Arbeitsspeicher und 16 GByte Flash-Speicher. Ein Steckplatz für eine Micro-SD-Karte ist vorhanden, allerdings kann diese nur verwendet werden, wenn sich der Nutzer mit einer SIM-Karte begnügt. Denn das Smartphone erlaubt eigentlich zwei SIM-Karten, dann ist aber kein Platz mehr für eine Speicherkarte.

Das LTE-Smartphone bietet ac-WLAN, Bluetooth 4.0, NFC und hat einen GPS-Empfänger. Zur Akkulaufzeit des 2.500-mAh-Akkus macht der Hersteller keine Angaben.

Das Id1 kann auf der Id2me-Homepage zum Preis von 400 Euro vorbestellt werden. Ausgeliefert werden soll das Smartphone dann voraussichtlich Mitte April 2016 - allerdings stehen für deutsche Kunden derzeit maximal 1.000 Geräte zur Verfügung. Erst im Sommer 2016 sollen dann Nachlieferungen kommen. Neben einem Kabel-Headset, einem Netzteil und einem USB-Kabel liegt dem Produkt ein zweiter Akkudeckel in Rot bei.

Fazit

Id2me versucht mit dem Id1 im Grunde ein Problem zu lösen, das in der Form gar nicht existiert: Selbst auf einem 5,5 Zoll großen Display lassen sich alle App-Verknüpfungen im unteren Bereich eines Startbildschirms mit dem Daumen gut erreichen, so dass Apps auch einhändig aufgerufen werden können. Wenn der Nutzer dann im unteren Bereich seine wichtigsten Apps ablegt, ist eine unkomplizierte Einhandbedienung mit jedem Android-Smartphone möglich. Mit Hilfe von Ordnern können sich sogar reichlich App-Verknüpfungen dort befinden. Im Unterschied zu einer herkömmlichen Android-Bedienung sehen wir keine Vorteile zur von Id2me erdachten Steuerung.

Außerdem haben Smartphones mit großem Display meist die Möglichkeit, die Anzeige bei Bedarf zu verkleinern, um tatsächlich alle Bedienungselemente mit einer Hand erreichen zu können. Etwas Vergleichbares fehlt dem Id1. Außerdem erstreckt sich die vom Hersteller gepriesene Daumenbedienung generell nur auf den Startbildschirm. Innerhalb einer App wird das Konzept nicht weiter fortgeführt. Hier hat die Bildschirm-Schrumpffunktion anderer Android-Geräte einen klaren Vorteil.

Wir konnten uns nicht an das Konzept des Id1 gewöhnen: Zu oft haben wir versehentlich eine ganz andere App gestartet, als wir eigentlich wollten. Dazu genügt schon ein leichter Rutsch mit dem Finger zur Seite und schon ist man in den Nachbarkreis gerutscht, so dass dann beim Loslassen die falsche App erscheint. Wir fanden auch die generelle Idee unpraktisch, eine App durch Loslassen aufzurufen.

Es wäre sinnvoller, Id2me würde seinen Startbildschirm als App veröffentlichen und nicht an ein Smartphone binden. Wem die spezielle Bedienung zusagt, der könnte dann einfach wechseln, statt sein Smartphone auszutauschen.  (ip)


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